Archetypen dürfen auch Charaktere sein

Haben wir das nicht alle schon mal gelesen? Da haben wir in unserem Fantasy-Werk einen Menschen. Dieser Mensch hat einen eigenen Charakter, seine eigenen Macken, Vorzüge, Tugenden und Fehler, die uns faszinieren und ihn sympathisch machen. Er hat seine eigene Geschichte, geht einen ungewöhnlichen Pfad. Er sticht aus der Masse der Menschen heraus, was ihm gerade erst zu einem Hauptcharakter macht.

Auf der anderen Seite haben wir einen Elfen. Nennen wir ihn Elfiel. Elfiel ist ein Elf. Und das ist alles, was wir wissen müssen.

Aber das sollte so nicht sein. Denn Elfiel hat das Recht, genauso ein Charakter zu sein, wie jeder andere Mensch. Dennoch läuft er aus irgendeinem Grund Gefahr, Elfiel, der Elf, zu sein. Nicht Elfiel, der Weinkenner, der Liebhaber, der Schatzsucher, der Eifersüchtige, der Unvernünftige. Am ehesten noch bekommt er archetypische Charakterzüge, die er gezwungen ist, mit allen anderen Mitgliedern der Elfenheit zu teilen. Er also gezwungen ist, einfach als Archetyp der Elfen zu fungieren. Tiefgang, Nuancen, Individualität? Wohl nicht.

Das rührt wahrscheinlich daher, dass selbst fantastische Fiktion sich auf Menschen konzentriert, ein Großteil der Charaktere Menschen sind, es meist um Reiche der Menschen geht. Der Autor ein Mensch ist, der Leser ein Mensch ist, der vielleicht Probleme hätte, sich in jemandes anderen Haut hineinzuversetzen. Für die gibt es in der Geschichte genug Platz, sie eingehender zu studieren. Die anderen Fantasy-Rassen tauchen da eher am Rande auf, sollen als „exotisch“ wahrgenommen werden. Schnell kann man den Fehler begehen, sie wie Stereotype darzustellen.

Dabei sollte Elfiel, der Elf, genauso „Mensch“ sein dürfen, wie jeder andere menschliche Charakter. Elfiel will bestimmt auch eine Familie gründen mit jemanden, den er liebt. Elfiel will bestimmt auch seinen Platz in der Welt finden und ein achtbares Leben führen. Elfiel hat bestimmt auch seine Macken und Vorlieben, Tugenden und Fehler.

Da mag einem vielleicht der Gedanke kommen, zuerst den Charakter zu beschreiben, und als letztes einzufügen, ob es sich um einen Menschen, Elfen oder sonst was handelt. Das kann man so machen, wenn die Fantasy-Rasse jedoch überhaupt keinen Einfluss auf den Charakter hat, dann ist sie nutzlos, hat keine Funktion in der Geschichte und der Welt. Die Fantasy-Welt braucht keine Menschen mit spitzen Ohren, mit grüner Haut oder extra viel Bart.

Elfiel lebt ein längeres Leben als Menschen, doch ähnlich den Menschen erwartet er, dass die Beziehung mit seiner Frau für den Rest ihrer beider Leben hält (ich beziehe mich hier nicht auf ein bestehendes Setting). Vielleicht wandelt er gerade deshalb den Pfad eines Abenteurers, um von der Heimat fern nicht gezwungen zu sein, jetzt sich zu vermählen und noch eine Weile ein freies Leben zu genießen. Denn die Zeit in der Ehe wird für ihn umso länger andauern. Vielleicht aber auch, weil er dadurch Ruhm und Macht erlangen will, um seine Chancen zu verbessern. Denn wenn es schon eine Frau sein soll, denn DIE eine.

Es geht darum, innerhalb des Archetypen eines Elfen oder welcher Fantasy-Rasse auch immer (wenn man denn überhaupt dem Archetyp treu sein will, diesen Artikel kann man sich im Grunde sparen, wenn Elfiel komplett andersartig, unmenschlich sein soll) dem Charakter sein eigenes Leben zu lassen, ihn ein Individuum sein zu lassen.