Der Schild der Götter

In gebührendem Abstand zueinander zogen zwei Trosse durch die Ebenen. Die Wagen und Reiter begannen ihre Fahrt gleichzeitig und am selben Ort, jedoch wollten sie nicht miteinander reisen. Bald schon wären Geschosse aus einem Wagen auf den anderen niedergeprasselt und die Reiter hätten ihre Waffen gezogen, um sich gegenseitig zu bedrängen. Selbst aus dieser Entfernung konnten sie die feindseligen Blicke des anderen Trosses spüren.
Sie erreichten ihr Ziel, auf den Anhöhen um ein kleines Tal wollten sie ihre Lager errichten, voneinander entfernt. In beiden Lagern lief das gleiche Prozedere ab: Die hohen Herren blieben vorerst auf ihren Pferden, besprachen sich untereinander oder überwachten das Treiben der Untergebenen. Diese begannen mit dem Bau der Zelte. Sie nahmen die Scherengitter von den Wagen und breiteten sie zur vollen Länge aus. Dann bildeten sie einen Kreis aus ihnen. In der Mitte dieses Kreises erhoben sie den Dachkranz an zwei Säulen, schmucklose oder reich verzierte, je nach der Stellung des Herrn.
In Borstins Säulen waren Mäander geschnitzt und die Kapitelle Hirschen nachempfunden, deren feine Geweihe beim leichtesten Kontakt zerbrachen. Er war von seinem Pferd abgestiegen, als Untergebene die Hirsche an ihm vorbei trugen. Währenddessen überzogen andere Untergebene die Scherengitter mit einer Wand aus Leinen. Schließlich spannten sie auch Leinen über das Gerüst, welches den Dachkranz mit dem Scherengitter verband. Von außen war das Zelt somit fertig, das Innere musste nur noch mit Kissen, Fellen, Hockern und einer Feuerstelle gefüllt werden.
Etwas fehlte in seinem Zelt, das kein anderes Zelt in diesem Lager hatte und auch drüben nicht zu finden war. Er ging zu einem Wagen in der Nähe. Auf ihm saß sie und starrte in die Luft.
„Fräulein“, sagte er und streckte ihr die Hand hin. „Wären Sie so freundlich, mein Zelt zu zieren? Es ist das größte hier, wenn Ihnen also immer noch meine Anwesenheit zuwider ist, dann haben Sie mehr als genug Rückzugsmöglichkeiten.“
„Muss ich auch die selbe Luft wie Sie atmen?“
„Sie tun es bereits. Kommen Sie, es wird dunkel und dieses leichte Gewand wird gegen die Kälte nicht helfen.“
Sie nahm seine Hand und stieg herunter, ohne ihn anzusehen. Das war früher anders. „Glaube ja nicht“, sagte sie leise, aber bestimmt, „dass deine Schmeicheleien das alles hier vergessen machen.“
„Gerrud, bitte. Drinnen.“
Sie ließ seine Hand los und ging auf das Zelt zu. Die Arbeiten daran waren abgeschlossen, aus dem Dachkranz stieg bereits Rauch. Mit zügigen Schritten trat Gerrud ein und suchte sich einen Stapel Kissen, auf den sie sich setzte. Das Gesicht wandte sie zur Wand, so dass Borstin nur auf ihre langen blonden Haare schauen konnte. Er wiederum legte seinen Speer auf den Boden, nahm seinen Schild vom Rücken und den Schwertgürtel von der Hüfte.
„Herr.“ Ein Untergebener neigte seinen Oberkörper in das Zelt, in seinen Händen ein Tablett mit Früchten. Borstin nahm es an sich und ging zu Gerrud rüber, um es bei ihr abzulegen.
„Es war eine lange Reise, stärke dich“, sagte er und versuchte versöhnlich zu klingen. Derselbe Untergebene stand wieder mit einem Tablett bereit. Nachdem Borstin zu ihm gegangen war und es annahm, spürte er etwas Festes gegen seinen Rücken geworfen. Ein Apfel kullerte neben seine Füße. Der Untergebene sah Borstin erschrocken an und verschwand sofort, als ob er das Ziel seiner in ihm aufsteigenden Wut werden würde. Noch das Tablett auf der Hand atmete Borstin tief ein und dann aus.
„Du benimmst dich wie ein Kind“, sagte er, nachdem er sich umgedreht hatte und mit dem Tablett zur Feuerstelle ging. Sie starrte immer noch die Wand an. „Bald wirst du einsehen, dass mein Vorgehen rechtmäßig ist.“
„Du hast mich entführt“, sagte sie mit schluchzender Stimme.
„Ich habe dich heimgeholt, Gerrud. So wie dein Vater es mir versprach.“
Sie drehte sich ruckartig um, Tränen folgten der Bewegung und besprenkelten die Kissen. „Und er löste dieses Versprechen wieder auf! Es lag einzig und allein in der Hand meines Vaters, des Königs, wen ich heirate und er hat dieser Ehe die Zusage entzogen. Nun lebe damit! Die Dinge haben sich geändert, mein Herz gehört jetzt deinem Bruder.“
Borstin stand auf und ging auf sie zu. „Ist das das tränenreiche Gesicht, mit dem du deinen Vater überzeugen konntest, gegen die Gesetzte von Fürsten und Königen zu verstoßen? Warum nur haben die Götter den Frauen ein so verleitendes Antlitz gegeben, wenn sie in Trauer sind? Es muss das Glitzern in den Augen sein.“
„Bleib weg von mir!“ Sie sprang auf und ging in die andere Hälfte des Zeltes.
„Herr“, sagte der Untergebene wieder. „Ihr Onkel.“
„Ja, ich komme. Führe du das Fräulein in ihr Zelt und bewache es.“
„Was?!“, empörte sich Gerrud. „Ich habe ein eigenes Zelt? Warum werde ich dann hier von dir bedrängt?“
„Ich wollte Zeit mit dir verbringen“, sagte Borstin, so ruhig er konnte. „Zwar bin ich sehr siegessicher, doch hätte es meine letzte Chance sein können.“
„Verbringe die Nacht alleine!“ Sie ging an ihm vorbei und zu dem Untergebenen. „Und fürchte den Kampf morgen! Mein richtiger Gatte wird um mich zu kämpfen wissen.“ Sie verließ das Zelt. Draußen sah Borstin sie in der Dunkelheit verschwinden.
„Ein stures Weib“, sagte sein Onkel, der neben dem Zelt wartete. „Vielleicht ist die größte Herausforderung nicht der Kampf morgen, sondern sie zu zähmen.“ Er war ein ergrauter, altgedienter Krieger, dessen vernarbtes Gesicht Respekt einflößte.
„Sie hat mich einmal geliebt und wird es wieder tun.“
„Darum geht es dir also wirklich?“ Sein Onkel schüttelte den Kopf, während er sich einen Krug Wein an die Lippen führte. „Hier geht es um das Recht! Die Verblendung, welche die Liebe anrichtet, brachte uns doch erst in diese Lage. Es wäre mir lieber, du würdest morgen für die Krone ihres Vaters kämpfen, aber wenn es Liebe sein soll, welche dein Kriegerherz anspornt …„
„Ich verbinde das Angenehme mit dem Nützlichen“, sagte Borstin. „Ich will sie ehelichen und Frieden finden.“
„Oh nein, hiernach wirst du keinen Frieden haben. Dein Bruder ist beliebt und hat viele Gefährten, die nach Rache dürsten werden. Und ihr Vater wird auch seine Männer schicken. Oh nein, keinen Frieden.“ Er nahm einen weiteren Schluck. „Willst du nicht auch etwas? Lockert die Stimmung.“
„Nein, Onkel. Ich brauche morgen früh einen klaren Kopf.“
Sie schauten beide auf einen nahen Berg, der die Lager überschattete. Jemand zündete dort oben Lichter an.
„Wieso musstest du ihn auch den Ort des Kampfes wählen lassen?“, fragte ihn sein Onkel. „Dort oben werden jetzt die Priester ihre heiligen Lieder singen und um das Feuer tanzen. Er hat nicht umsonst diesen Ort ausgewählt, dahinter steckt irgendein Plan.“
Borstin lachte, auch wenn es sich bei dem Altersunterschied nicht geziemte. „Wie soll ihm das helfen? Geht er etwa mit seinem Götterglauben dort hoch und kommt mit einem Wunder herunter? Er wird sich beim Auf- und Abstieg nur müde machen und unausgeschlafen zum Kampfe erscheinen.“
Ein helles Leuchten erschien auf der Spitze des Berges. Es musste ein großes Feuer gewesen sein. „Irgendetwas geht dort oben vor sich“, sagte sein Onkel. „Dein Bruder war schon immer den Göttern sehr ergeben. Weswegen ihm oft genug das Glück hold war. Außerdem ist er ein gerissener Bursche. Er hätte jeden anderen Ort wählen können, aber wir mussten hierher fahren. Und hitzköpfig wie du bist, hast du dem einfach zugestimmt, anstatt darüber nachzudenken.“
„Ach. Ich war Thorried schon immer überlegen, ob nun mit dem Speer oder mit dem Schwert, zu Fuß oder zu Pferd. Außerdem bin ich im Recht und die Götter werden das anerkennen.“
„Die Götter sind launisch, mein Junge. Er könnte mit dem heiligen Feuer selbst herunter kommen.“

Mit einer Fackel in der Hand stieg Thorried den Berg hinauf. An seiner Seite baumelte sein Schwert, nur für den Fall. Die Trampelpfade hier waren uralt, den Weg zu den Feuerpriestern des Berges bestritten schon etliche seiner Vorfahren.
Der Wind wehte ihm durch die Glieder, er zog den Mantel enger. Ihre Stimmen drangen zu ihm, tief und monoton konnte er sie singen hören. Der Rauch der Altäre verdeckte die Sterne.
Thorried erreicht die Spitze und der Gesang endete. Er trat auf einen breiten, von Bäumen gesäumten Platz, auf dem viele Feueraltäre standen. Die glatzköpfigen Priester des Feuers starrten ihn an. Sie trugen nichts weiter als einen Lendenschurz, ihr ganzer Körper aber war mit Asche bedeckt. In ihren Augen spiegelte sich das Flackern der Flammen.
Thorried räusperte sich. „Seid gegrüßt, edle Priester des Feuers! Ich bin Thorried, vom Stamme der Merowas. Zweiter Sohn des Fürsten Chlodstin. Dessen Vater war der Fürst Borried, dessen Vater war …“
„Wir kennen deine Ahnenreihe, Sohn von Edelmännern“, unterbrach ihn ein Priester. „Sie hatten uns alle mal aufgesucht und uns mit den ewig langen Listen ihrer Vorfahren gelangweilt. Sei gewahr, deine sterblichen Namen und Titel haben hier nicht viel Bedeutung. Nicht in Anbetracht des heiligen Feuers.“
Thorried schaute sich um. „Mein Vater hat euch hier einst ein Haus gebaut, damit ihr nicht mehr den Widrigkeiten des Wetters ausgesetzt seid. Ich sehe es nicht. Wurde es zerstört?“
Derselbe Priester antwortete: „Ja, das wurde es. Von uns. Chlodstin von den Merowas wollte ein frommer König sein und uns beschenken. Wir jedoch sind an weltlichen Geschenken nicht interessiert. Der sture Mann aber hörte nicht auf, uns mit dem Bau dieses Gebäudes zu bedrängen, also sagte er uns, er werde es den Göttern schenken. Das war nicht unsere Sache zu entscheiden. Dann belästigten uns die Handwerker für Monate, bis dieses Gebäude, in das wir nie einen Fuß setzten, fertig war. Da er es den Göttern geschenkt hatte, übergaben wir es dem Feuer. Der Bote der Götter“, dabei zeigte er auf einen der Feuerkessel, „sandte das Gebäude in die himmlischen Sphären. Die Götter werden einen Nutzen dafür gehabt haben. Für uns war es Feuerholz.“
Man hatte ihn vor den Priestern gewarnt. Sie waren schwierig zu durchschauen und nicht in weltliche Angelegenheiten verstrickt. „Welches Geschenk willst du uns geben, Sohn eines Königs?“, fragte der Priester, woraufhin die anderen Priester lachten.
„Kein Geschenk“, antwortete Thorried. „Nichts, das ich euch geben könnte, wäre für euch von wert. Ich bin ein Edelmann, ein Krieger, meine Hände sind sündenbefleckt durch all das Blut, das an ihnen klebt. Aus diesen Händen wollt ihr nichts empfangen.“
„Aha!“, sagte der Priester. Das Lachen verstummte. „Endlich mal ein weiser Kopf aus diesem Geschlecht. Heilige Asche und heiliges Feuer, das ist alles, was wir brauchen! Aber was führt dich hierherauf? Einen Grund muss es ja geben.“
Thorried kniete sich auf den Boden. „Ich erbitte die Götter um Beistand, Rat, um ein Wunder. Morgen steht mir ein Duell bevor und ich weiß nicht, ob ich es bestehen werde. Nicht, wenn ich nicht irgendeine Hilfe bekomme.“
„Was? fürchtest du den Tod? Als Krieger?“
„Ich fürchte nicht, morgen zu sterben und in der anderen Welt an die Seite meiner Vorfahren zu treten. Ich fürchte, morgen zu sterben und nicht mein Leben mit meiner Liebe verbringen zu dürfen.“
Da lachten die Priester wieder. „Er erschien gerade noch so weise“, rief ein Priester, „doch nun wieder so töricht. Riskiert wegen eines Weibes sein Leben!“ Richtig, Thorried sah zwischen ihnen keine einzige Frau. Er musste seine nächsten Worte sorgfältig wählen.
Thorried stand auf. „Was kann ich sagen? Ich bin halt ein Narr.“ Er zuckte mit den Schultern und lächelte verlegen. „Aber ein Leben mit ihr ist mein Himmel auf Erden. Die Seligkeit, die Ihr heiligen Männer längst erreicht habt, kann ich nur in ihren Armen finden. Euer erleuchteter Geist ist der Schlüssel zum Himmel, ich kann ihn nur in ihren Augen sehen.“
„Unterlasse diese Obszönitäten!“, sagte der Priester, mit dem er zuvor gesprochen hatte. „Das heilige Feuer hat uns alles schon längst gezeigt. Wir wissen, dass in deinem Herzen nicht nur Liebe, sondern auch sehr große Wut und großer Hass ist. Gegen dein eigen Fleisch und Blut! Weil ihr so töricht wart, gegen die Gesetze von Fürsten und Königen zu verstoßen und die Heirat aufzulösen! Du siehst überrascht aus, Sohn von Königen. Ja, das heilige Feuer offenbart uns alles! Und wir wissen auch, dass du nicht an Rat und Beistand interessiert bist. Nein, tatsächlich will dein Kriegerherz eine mächtige Waffe von den Göttern erbeten oder besondere Kräfte erhalten, um deinen Bruder zu erschlagen und das Mädchen als Preis heimzuholen!“
„Scheiße“, sagte Thorried zu sich selbst. Wie konnte er sie auch überlisten, wenn sie in seinen Geist schauen konnten? Es hatte wohl keinen Zweck. „Werdet ihr meine Bitte ausschlagen? Oder ist das die Sache der Götter?“
„Wir können nicht im Namen der Götter handeln“, antwortete der Priester. „Das musst du schon selber herausfinden. Wenn du es wagst, ins Feuer zu treten.“
„Wie bitte?“, fragte Thorried. Der Priester zeigte auf einen großen Feueraltar mit einer kleinen Treppe. Er lächelte dabei, seine Züge verzogen sich und warfen Schatten auf das mit Asche beschmierte Gesicht. „Ich soll auf den Altar treten? Noch während das Feuer brennt?“
„Reicht dein Vertrauen in die Götter dafür aus? Bedenke! Es ist heiliges Feuer. Wenn die Götter es wollen, dann wird es dich verbrennen. Wenn aber nicht, wirst du geläutert daraus hervorgehen.“
Zögerlich schritt Thorried voran, an den Altären und Priestern vorbei, die ihn mit ihren Blicken aufspießten. Von allen Seiten spürte er eine immer größer werdende Hitze. Nun stand er vor der Treppe des Altars. Er erhob die Hand und fühlte das Feuer. Die Hitze fühlte sich echt an. Kein Trick, es würde ihn verbrennen.
„Was ist?“, fragte ein Priester. „Wie weit bist du bereit, für deinen Sieg zu gehen? Was ist dir der Tod deines Bruders wert?“
Thorried nahm den die erste Stufe. Er zog seinen Mantel aus. Schweiß perlte ihm von der Stirn. Jeder Schritt kostete ihm mehr Überwindung.
Schließlich stand er direkt vor dem Feuer und konnte nicht mehr weiter. Die Hitze war unerträglich. „Was ist dir Gerrud wert?“, hörte er einen Priester zwischen dem Knistern der Flammen. Thorried erinnerte sich, warum er hier war und sprang ins Feuer.
Eine leichte Brise wehte über die Gräser. Die Sonne war gerade erst über das Tal aufgegangen und blendete Thorried. „Nimm dein Schwert“, hörte er Borstin rufen, „und kämpfe!“ Sein Bruder kam auf ihn zugerannt, mit Schild und Schwert bewaffnet. Die letzten Meter erhob er seine Waffe und stieß einen Kampfschrei aus.
Thorried wusste nicht, was vor sich ging, aber seine Instinkte rieten ihm, das Schwert aus der Scheide zu ziehen und sich zu verteidigen. Sein Bruder vernachlässigte seine Verteidigung, sein ganzer Oberkörper war ungeschützt. Thorried stieß die Klinge dort hinein, bevor er selber von einem Hieb getroffen werden konnte.
Borstin ging vor ihm in Flammen auf und verbrannte komplett. Gleich darauf ließ ein plötzlicher Schmerz ihn sein Schwert fallen lassen. Thorried zog seinen Ärmel zurück und sah eine schwere Brandwunde auf dem Unterarm. Weit entfernt hörte er wieder seinen Bruder: „Nimm dein Schwert und kämpfe!“
„Natürlich“, sagte Thorried zu sich selbst, „mein Bruder ist nicht so leicht zu besiegen. Das ist ein Spiel der Götter.“ Auf die gleiche Weise griff ihn sein Bruder erneut an, auf die gleiche Weise rammte er das Schwert in ihn. Wieder ging Borstin in Flammen auf und eine noch größere Brandwunde fraß sich in seinen Arm.
„Nimm dein Schwert und kämpfe!“ Thorried musste die Waffe mit seiner linken Hand aufnehmen, seine rechte war nicht mehr zu gebrauchen. Die ungeübte Linke reichte aus, um auch diesen Borstin den Flammen zu übergeben.
Die Brandwunde erschien nun auf der anderen Seite. Der Schmerz zwang Thorried in die Knie. Er schrie in den Himmel: „Was wollt ihr Götter von mir?!“
Aus dem Nichts kam die Antwort. Eine jenseitige Stimme sprach: „Dass du dir bewusst machst, was du willst.“ Borstin erschien wieder, dasselbe Gebaren. Thorried rührte sich nicht, sondern schloss die Augen und dachte nach. Als er sie wieder öffnete, sah er eine Schwertspitze direkt vor seiner Nase.
„Warum kämpfst du nicht?“, fragte Borstin.
„Weil da jemand ist, der nicht will, dass ich kämpfe.“ Er schaute auf seine verbrannten Unterarme. „Ob die wohl bleiben werden? Sollen sie ruhig, als Mahnung. Ich bin doch nicht hier, um dich zu töten. Es geht mir um Gerrud.“
„Ach was“, sagte Borstin und steckte sein Schwert weg.
„Ja. Mit diesem Gedanken bin ich in das Feuer getreten und habe es deshalb überlebt. Dann aber trachtete ich nur danach, dich zu töten und das Feuer begann auf mich überzugreifen. Ich sollte nicht mit Wut und Hass in diesen Kampf ziehen.“
Borstin lächelte. Nein, das war nicht Borstin, sondern jemand ganz anderes. Er streckte ihm die Hand aus und half ihm hoch. Dann klopfte Borstin ihm auf die Schulter und sprach: „Vergiss diese Worte nicht. Du wirst deine mächtige Waffe bekommen!“
Sein Bruder schubste Thorried und er fiel aus dem Altar heraus. Die Priester umringten ihn. „Ah, die Götter haben ihn mit Brandwunden gesegnet!“, sagte einer. „Und da ist noch etwas. Was hast du mitgebracht?“
Tatsächlich war ein Gegenstand scheppernd mit ihm herausgefallen. Thorried tastete über eine glatte Oberfläche. Er sah sein eigenes, verwirrtes Antlitz darin gespiegelt. Er drehte den runden Gegenstand um und fand dort Riemen, die er sich wie einen Schild umschnallen konnte.
„Das ist keine Waffe“, sagte Thorried. Die glatte, spiegelnde Oberfläche fühlte sich wie Glas an. „Wie soll ich ihn damit erschlagen? Es wird zersplittern, wenn ich einen Angriff abwehre! Soll das ein Witz sein? Man hat mir eine mächtige Waffe versprochen!“
„Zeig mal her“, sagte der Priester, mit dem er sich bisher unterhalten hatte. Er nahm den Schild an sich und betrachtete lange sein eigenes Gesicht im Spiegel. Dann lachte er laut auf. „Diese ausgefuchsten Götter!“

Morgengrauen über dem Tal, Borstin mit Schild und Speer auf seinem Pferd. Es tänzelte unruhig über das Gras. Sein Onkel trat heran und ergriff die Zügel. „Das Pferd spiegelt die Gefühle seines Reiters wieder. Was hast du? Gestern warst du noch so siegessicher.“
„Ich bin nicht unsicher“, antwortete Borstin. Konzentriert schaute er auf die andere Seite. Thorrieds Untergebene und ihm wohlgesonnene Adelige standen dort. Ein seltsamer Anblick: Auf beiden, sich feindlich gesinnten Seiten steckte dasselbe Banner im Boden, der Hirsch des Stammes der Merowas. „Aber wo bleibt er? Versucht er mich, durch langes Warten mürbe zu machen?“
„Es scheint zu gelingen“, sagte sein Onkel. „Beruhige dich. Oder ist er das nicht?“ Er zeigte auf einen Reiter, der gerade hinzutrat. Das Licht der Sonne traf an ihm etwas und wurde reflektiert. „Was war das?“, fragte sein Onkel. „Was war dieses Licht?“
„Bestimmt nur der Beschlag oder der Schildbuckel des Schildes“, antwortete Borstin.
„Wenn du das meinst. Aber sei auf der Hut. Was tut er denn da?“ Thorried, wenn er das war, stieg von seinem Pferd abund ging das Tal hinunter. „Da steckt doch ein Plan dahinter. Bleib auf dem Pferd!“
„Ach!“ Borstin stieg ebenfalls ab. „Ich will nicht als der Mann bekannt sein, der seinen Bruder in einem Duell einfach niedertrampelte.“
Auch er ging das Tal hinab. Beim Gehen ließ Thorried seinen Speer auf den Boden fallen. Es schien nicht aus Unachtsamkeit geschehen zu sein, sein Bruder ließ ihn dort liegen, wo er war. Als Thorried nahe genug war, um ihm richtig in die Augen zu schauen, zog er sein Schwert aus der Scheide und warf es ebenfalls ins Gras.
Dann standen sie sich gegenüber, nur wenige Meter entfernt. Thorried nahm seinen Helm ab und fuhr sich durch die schwarzen Haare. Er hatte jetzt nur noch seinen merkwürdigen Schild, in dem sich das Gras spiegelte.
„Was soll das?“, fragte Borstin. „Willst du unseren Kampf lächerlich machen? Oder willst du aufgeben?“
„Ganz bestimmt nicht. Ich habe, was ich brauche. Ein wenig Vertrauen auf die Götter.“ Thorried klopfte auf sein Schild, es klang dumpf. Er sah nicht aus, als scherzte er. Er wirkte jedoch auch nicht, als ob er zu einem Kampf bereit war.
„Dieses Schauspiel, welches du hier durchführst, wird mich nicht milde gegen dich vorgehen lassen. Auch wenn du gerade nicht den Anschein erweckst, als seist du dir dem Ernst der Lage bewusst“ Borstin warf seinen Speer zu Boden und zog sein Schwert.
„Ein anderes Vorgehen kränkte mich auch, Bruderherz“, erwiderte Thorried.
Damit war alles gesagt. Borstin rannte auf ihn zu und Thorried reckte sein Schild in die Höhe. Borstin sah sein eigenes Antlitz im Schild, seinen wilden Blick und sein erhobenes Schwert. Er wollte den tödlichen Treffer ausführen, da erwuchs ein spiegelverkehrtes Abbild von ihm aus dem Schild und griff ihn auf die selbe Weise an.
Vor Schreck sprang er zurück und sein Doppelgänger verschwand. Das konnte nichts anderes als ein Hirngespinst gewesen sein! Sein Bruder hatte ihn so sehr verwirrt, dass er sich nun unmögliche Dinge einbildete.
Borstin klopfte mit der Klinge auf das Schild, es schepperte durch das Tal. Er machte sich selbst Mut. Es war ein Trugschluss, nichts weiter, vor dem er keine Angst zu haben brauchte. Ein erneuter Angriff sollte den Sieg bringen. Diesmal zielte Borstin mit der Spitze des Schwertes über Thorrieds Schild hinweg. Brustkorb, Hals, Schädel, irgendetwas würde sie durchbohren. Wieder erwachte sein Spiegelbild zum Leben, wieder griff es ihn auf die gleiche Weise, nur umgekehrt, an. Seine eigene Schwertspitze kam ihm bedrohlich nahe. Instinktiv hob er sein Schild, um sie von sich wegzustoßen, gleichzeitig schlug das Spiegelbild sein Schwert weg. Beide Borstins schauten sich überrascht an.
Dann zornerfüllt. Borstin focht mit sich selbst. Die Wucht seiner Angriffe traf genauso sein Schild wie das des Ebenbildes. Die Verteidigung auf beiden Seiten hielt stand, auch wenn die identischen Kontrahenten sich immer mehr in den Kampf hineinsteigerten. Schließlich warf Borstin einfach den Schild und das Schwert weg und packte seinen Gegenüber an die Kehle, nur um den selben Druck an seiner zu spüren.
„Das reicht“, sagte Thorried. Borstins Spiegelbild verschwand, während er den Schild senkte. „Die Götter überreichten mir dieses Schild, damit genau das nicht geschieht.“
„Was?“, fragte Borstin schwer atmend. Er spürte immer noch die Hand um seine Kehle. „Sie gaben dir eine Waffe, mit der du diesen Kampf nicht gewinnen kannst? Die Götter müssen verrückt sein.“
„Soweit ich den Priestern des Berges glauben kann, sind sie es nicht. Und, um ehrlich zu sein, ich habe auch um eine mächtige Waffe gebeten, die dich erschlagen sollte. Die Priester erklärten mir, wozu dieser Schild da sei. Es war nicht der Wille der Götter, dass du heute stirbst, wie auch ich hier nicht mein Ableben finden sollte.“
Borstin steckte sein Schwert weg. „Was ist dann der Wille der Götter?“
„Sie sind das Blutvergießen satt, Bruder. Bluttat folgt auf Bluttat, egal mit welcher Rechtfertigung es begann. Du hast Männer, Freunde, Verwandte, welche dir mehr zugetan sind als mir, die allesamt deinen Tod rächen werden. Und ich habe Männer und Freunde und Verwandte, die dafür Vergeltung verlangen werden. Da, auf beiden Hügeln stehen sich viele von ihnen gegenüber. Wenn heute hier einer sterben wird, dann werden alle friedlich abziehen, denn so war es vereinbart. Aber danach? Wie viele unnötige Tode wird es geben müssen, damit es aufhört?“
„Ah“, sagte Borstin. „Die Priester des Berges sind also Priester des Friedens und haben dich bekehrt. Du warst einstmals tapferer, mein Bruder.“ Er zeigte auf Thorrieds Schild. „Und was soll das? Welcher toller Zaubertrick ist das, der dich beschützt und mich beinahe umgebracht hätte?“
Thorried nahm den Schild vom Arm und zeigte ihn seinem Bruder. „Er wurde mir von den Göttern überreicht. Nach der Meinung der Priester soll er Eines verdeutlichen: Wenn du gegen deinen eigenen Bruder kämpfst, gegen ein Familienmitglied, gegen einen, durch den das selbe Blut fließt, dann ist das so, als kämpfst du gegen dich selbst! Wir sind doch fast eins, du und ich. Sehen wir uns nicht so ähnlich, dass man uns fast verwechseln könnte? Natürlich, du bist etwas älter …“
„Drei Jahre älter“, ergänzte Borstin.
„Ja, drei Jahre, hast manche Schlacht mehr geschlagen und ein paar Wunden mehr davon getragen. Und wir sind uns sogar so ähnlich, dass wir uns in das gleiche Mädchen verliebt haben.“
Das hätte er nicht sagen dürfen. Nun bedauerte er, sein Schwert aus der Hand gelegt zu haben. Thorried stand so friedlich vor ihm, es würde sich so gut in seinem Schädel machen.
„Und sogar so ähnlich“, sprach Thorried weiter, „dass wir beide bereit waren, mit scharfen Waffen aufeinander loszugehen.“ Dann schnallte er sich sein Schild wieder um. Thorried musste in seinem Ausdruck gelesen haben. Sie waren sich eben nicht gleich, innerlich verfluchte sich Borstin dafür, dass sein jüngerer Bruder immer der klügere von beiden gewesen war.
„Und wie soll das hier enden?“ Borstin breitete die Arme aus und blickte um sich. „Wir haben Zuschauer, mein Bruder, und wir haben einen Zweikampf bis auf den Tod verabredet. Aber ich kann dich nicht besiegen und du legst es nicht darauf an, Schwert oder Speer gegen mich zu erheben. Also, was soll jetzt passieren?“
„Gib einfach auf, Borstin, du kannst nicht gewinnen.“
„Ha!“ Borstin drehte sich und ging zu seinem Speer. „So gut kennst du mich doch nicht! Du würdest doch auch nicht so leicht aufgeben, oder?“ Er nahm den Speer auf, packte ihn beidhändig und fixierte seinen Bruder.
Thorried schüttelte mit dem Kopf. „Tue das nicht, Bruder.“
„Wieso nicht? Auch mich beschenkten die Götter! Sie gaben mit Entschlossenheit, Mut und die Kraft!“
„Es ist sinnlos. Du wirst Gerrud nicht bekommen, indem du hier stirbst.“
Die bloße Aussprache ihres Namens stachelte ihn an. Beidhändig stach er nach seinem Bruder und machte sich auf den Schmerz bereit. Das Spiegelbild erschien und sie durchstießen sich gegenseitig den Leib. „Entweder kriege ich dich dazu“, sagte Borstin gepresst, während sein Ebenbild es tonlos nachahmte, „nie wieder ihren Namen zu sagen. Oder ich sterbe bei dem Versuch.“
Das Ebenbild verschwand und Borstin stand unter Schmerzen auf. Er hielt sich seine Wunde, die Hand färbte sich rot. Sie Thorried entgegenhaltend sage er: „Die schwerste Wunde, die mir jeh jemand zugefügt hat. Und sie stammt von mir! Du kannst dich glücklich schätzen, dass deine Götter dir dieses Spielzeug gegeben haben.“
„Höre auf“, sagte Thorried.
„Und ohne sie leben? Hast du jemals darüber nachgedacht, dass das schlimmer für mich wäre, als der Tod?“, versetzte Borstin, der den Speer wieder beidhändig packte. „Dazu bin ich nicht in der Lage, aber wenigstens kann ich hier und jetzt mein Ende bestimmen.“ Bei diesem Angriff brüllte er, wie auf dem Schlachtfeld. Mit aller Macht schnellte sein Speer nach vorne, genauso traf ihn das Spiegelbild.
Borstin fiel auf die Knie, der Speer entglitt seinen Händen. Thorried legte seinen Schild ab und lief zu ihm. Er stützte Borstin, sonst wäre er zu Boden gefallen. Dieser fand die Kraft, seine Hand auf seines Bruders Schultern zu legen und zu ihm zu hauchen: „Die Götter mögen dir Gerrud zugestanden haben. Lasse mir wenigstens einen guten Tod.“ Daraufhin erschlaffte Borstins Leib in Thorrieds Armen.

Borstins Überreste ruhten auf den aufgeschichteten Scheithölzern. Der Scheiterhaufen ragte weit in den Nachthimmel hinein, sie wollten ihn in Ehren bestatten. Beide Lager waren friedlich den Berg hinaufgestiegen, nachdem sie das Wunder des Spiegel-Schildes gesehen hatten. Die Feuerpriester des Berges halfen ihnen, das Holz zu sammeln und teilten ihr heiliges Feuer mit ihnen. Einer von ihnen schickte sich an, den Scheiterhaufen hinauf zu steigen und ihn mit seiner Fackel anzuzünden.
„Halt!“, rief Thorried und der Priester stoppte. Er erklomm den Scheiterhaufen, bis er die Spitze erreicht hatte. Dort nahm er sich seinen Spiegel-Schild vom Rücken und legte ihn auf Borstins Brust.
„Er könnte für immer verschwinden“, mahnte der Priester.
„Die Götter gaben ihn mir für diesen einen Zweck. Sie sollen über ihn entscheiden. Vielleicht bekommt Borstin ihn in der Nachwelt geschenkt. Darüber freut er sich bestimmt.“ Dann stieg er wieder hinab.
Unten angekommen stellte er sich neben Gerrud, die sich unter einer Kapuze verbarg. „Es wird sowieso gegen niemanden anders, als deinen Bruder funktionieren, richtig?“
Thorried verzog das Gesicht. „Sag das nicht so laut. Vielleicht, ich will es nicht ausprobieren. Aber ich bin wirklich davon überzeugt, dass die Götter über diesen Schild entscheiden sollen.“
Lautstark räusperte sich ein Priester. „Wir haben dem Weibsvolk schon erlaubt, mit seiner Anwesenheit das heilige Feuer zu beschmutzen, es soll nun leise sein und nicht weiter stören.“
Gerrud hielt sich die Hand vor dem Mund, um ihr Lachen zu verbergen. Schließlich stieg der Priester den Scheiterhaufen hinauf und warf die Fackel auf Borstin. Unten angekommen zündeten die anderen Priester den Scheiterhaufen an. Still schauten sie dem Feuer zu.
„Wie denkst jetzt eigentlich über ihn?“, fragte Thorried beim Abstieg.
„Ich habe ihn nie wirklich gehasst, wenn du darauf abzielst“, antwortete sie. „Sind wir weit genug weg?“
„Wieso?“
Sie schmiegte sich an ihn. „Das heilige Feuer dieser komischen Priester hat doch ganz gut gewärmt.“ Er legte seinen Arm und sie.

Am nächsten Morgen kamen sie wieder, um die Überreste in der Asche mit sich zu nehmen. Thorried suchte auch nach etwas anderem. Im verbranntem Holz konnte er aber keine Spuren des Spiegel-Schildes finden. „Viel Spaß damit, Bruder“, sagte er.