die Jagd im Zwielicht-Wald

Das Wildschwein hatte sich eine Breche durch den Wald geschlagen. Der Pfeil war gut platziert, mit jedem Blutstropfen zwischen den Trittsiegeln des Tieres und den Sträuchern sah der Jäger das Ende des Tieres näherkommen. Er war ganz außer Atem, doch die Jagd spornte ihn an. Mit dem Bogen in der Hand lief er seit einer gefühlten Ewigkeit.
Und erreichte eine Lichtung. Hier lag der Eber, seine letzten Atemzüge aushauchend, in einer Lache seines eigenen Blutes.
Der Jäger zog ein Messer. „Du hast es mir ja nicht leicht gemacht, aber hier ist Schluss!“ Da hörte das Tier schon zu atmen auf. Vorsichtig bewegte sich der Jäger auf den Eber zu, so regungslos er auch schien. Nein, das Tier war tot.
Er schaute sich um. Wo war er? Dieser Teil des Waldes war ihm vollkommen unbekannt. Wie von Sinnen musste er seiner Beute hinterhergejagt sein, alles um sich herum vergessend.
„Leute?“, rief er. Waren ihm seine Jagdgefährten nicht gefolgt? Niemand antwortete. Im Wald herrschte Stille, nicht mal die Vögel hörte er zwitschern.
Wenn ihn sein Orientierungsvermögen nicht täuschte, war er einen ihm vertrauten Weg gelaufen. Aber die Sonne hier strahlte schwach, ihr fahles Licht kam kaum gegen die tiefen Schatten an, als wäre die Dämmerung gerade erst hereingebrochen. Die Eichen ragten weiter über ihn, als er von dem Wald gewöhnt war und ihre reiche Verästelung spannte sich wie ein Netz über den Waldboden.
Der Jäger beschloss, dass etwas mit diesem Ort nicht stimmte und er so schnell wie möglich verschwinden sollte. Zwar wusste er nicht, wo genau er sich befand, jedoch sollten die die Blutstropfen ihm den Rückweg weisen können.
Er fand sie nicht. Das Dickicht um ihn herum war unberührt, von dem Blut keine Spur. Als hätte er einen anderen Wald betreten.
Das Rascheln der Blätter durchbrach die Stille. Irgendetwas bewegte sich durch das Dickicht. Der Jäger sah einen Schatten durch das Zwielicht huschen. Ihm folgte ein klingendes Gelächter, hell und hoch, das die Blätter wie ein Wind bewegte. Was auch immer es war, es schnellte von einem Gestrüpp zum anderen, er sah es in seinem Augenwinkel auf einem Ast und schon war es entschwunden.
Und das Gelächter umschwirrte ihn immerzu. Bald schien es aus allen Richtungen zu kommen und die Lichtung in seinen glockenklaren Klang zu hüllen. Das Laubwerk vibrierte.
Dann verhallte es und Ruhe trat ein. Aus einem Gebüsch blickten ihn funkelnde Augen an. Sie zierten den Kopf einer Frau, deren Ohren weit seitlich ab standen und spitz zuliefen. Ihr Lächeln leuchtete aus den Schatten heraus. Sie erhob sich und es kam ein Kleid aus Licht zum Vorschein, das beinahe durchsichtig den zierlichen Körper darunter freigab.
Er stand da wie angewurzelt, erschlagen von dem Anblick. Bogen und Messer fielen ihm aus den Händen. War das eine der Elfen, von denen er gehört hatte? Und war das ihr Reich, in das er hineingestolpert war?
Lange war er wie versteinert, gebannt auf sie starrend. Sie spielte mit ihrem blonden Haar, die einzelnen Strähnen erstrahlten in den Farben des Regenbogens.
Er wollte etwas sagen, die Worte blieben ihm aber im Halse stecken. Stattdessen machte er einen Schritt nach vorne.
Sie sprang davon und der Jäger hinterher. Für ihn gab es kein Halten mehr; der Anblick hatte ihn gefesselt, in den Bann gerissen. Er rannte drauf los, durch die Büsche und über Wurzeln. Äste schlugen ihm ins Gesicht, er aber fixierte ihre Gestalt. Sie hüpfte von Ast zu Ast, flog beinahe. Er strauchelte mehrmals, der Boden fand keine Beachtung. Eher gierte er auf jeden Blick, den er von ihr erhaschen konnte. Sein Herz machte jedes Mal einen Sprung, wenn sie sich kurz zu ihm umdrehte und ihm ihm ein Lächeln zuwarf.
Sein Fuß blieb an einer Wurzel hängen, er fiel zu Boden. Sofort raffte er sich wieder auf, sie jedoch war verschwunden. Bis auf ihr Lachen, das weiterhin durch den Wald hallte. Er wollte dem Klang folgen, es schien jedoch aus allen Richtungen zu kommen. Zuerst aus dieser, dann aus einer anderen Richtung, seine Suche war vergebens. Er irrte durch den Wald, fand aber niemanden in den Baumkronen und in den Schatten.
Nun verhallte das Lachen, das Laubwerk beruhigte sich. Stille setzte ein, nicht einmal die Vögel hörte er zwitschern. Langsam fiel ihm wieder ein, wo er eigentlich war. Oder besser, wo er nicht war, in einem ihm bekannten Wald. Nun hatte er sich vollkommen verirrt und nicht auf den Weg geachtet, den er gelaufen war. Vielleicht würde auf einen der Bäume zu klettern ihm weiterhelfen?
Einer sah leicht zu besteigen aus. Als er einen Ast ergriff, vernahm er ein Rascheln. Er sah sie aus einem Gebüsch auftauchen. Sie lief, den leuchtenden Rock hebend, davon. Nun zum Greifen nahe hastete er los, alles vergessend.
Aber immer war er eine Armeslänge entfernt. Er stürzte geradezu durch den Wald, sie hingegen bewegte sich mühelos über Sträucher und Wurzeln.
Kurz drehte sie sich zu ihm um und er erschrak. Da war kein Lächeln mehr und ihre Augen waren nun zwei eiskalte Seen.
Dann fuhr ihm ein furchtbarer Schmerz durch den Rücken. Noch einmal, dreimal. Er brach zusammen, ihm wurde schwarz vor Augen. Seine Finger tasteten seinen Rücken ab, was dort steckte, fühlte sich wie Pfeile an.
Die Elfin stand unweit von ihm, sich leicht zu ihm hinunterbeugend, mit dem selben kalten Ausdruck. Was wie ein männlicher Elf aussah sprang neben sie, mit einem Bogen in der Hand. Er trug ein Gewand wie aus Rinde und einen Umhang wie aus Laub.
Etwas blitzte in ihm auf, als er sie ansprach: „Du weißt, diese Wälder sind nicht für Menschen.“
„Ja“, antwortete sie süßlich. „Du bewachst sie gut.“
Das waren die ersten und letzten Worte, die er von ihr hörte.