Kapitel 1, Gunlaug

Seine Füße sanken in den matschigen Boden. Gunlaug nahm einen festen Stand ein und erwartete von dem Jungen vor ihm dasselbe. Tropfen vom gerade versiegten Regen liefen dessen schwarze Haare herunter und fielen in die Pfütze vor seinen Füßen.

Muss das gerade jetzt sein?“, fragte dieser etwas mürrisch und versteckte sich hinter dem Schild.

Gunlaug griff nach dem Rand des Schildes und zog ihn zu sich, so dass der Junge den Arm ausstreckte. „So benutzt du einen Schild, Gartmund. Halte ihn nicht einfach nur dicht am Körper, sondern strecke ihn deinem Gegner entgegen. Damit schirmst du deinen Körper besser ab. Und ja, das muss jetzt sein. Wenn du schon die Zeit und Kraft hast, im Regen durch die Wälder zu rennen, dann kannst du auch anfangen zu lernen mit dem Schild und dem Schwert umzugehen. Deine Mutter schaut zu. Sie will sehen, dass du deine Energie in etwas Sinnvolles steckst.“

Gartmund blickte hinüber zu seiner Mutter Hedwinna, die auf einer Bank am Gut in einem roten Mantel und einen weißen, seidenen Schal gekleidet saß. Er atmete durch und hielt den Schild wieder dicht am Körper.

Gunlaug beugte sich zu ihm herunter. „Hier, schau.“ Mit der bloßen Hand fasste er die Klinge an. „Siehst du, nicht einmal scharf. Da kann nichts passieren. Ich habe gesehen, wie du mit einem Holzschwert durch das Dickicht rennst und alles niederschlägst, was sich dir in deiner Fantasie entgegenstellt. Das ist nur eine einfache Übung. Weiter nichts. Schon bald kannst du deinem Vater zeigen, was du kannst und er wird stolz auf dich sein. Ja?“

Der Junge wischte sich eine Strähne aus den Augen. Der Boden gab schmatzende Geräusche von sich, als er eine Kampfhaltung annahm. Plunk. Gunlaug schlug zuerst auf den Schild, darauf folgte Gartmunds zögerlicher Gegenschlag. Wieder Gunlaug und Gartmund schlug zurück. Spürte er etwa mehr Entschlossenheit? Beim nächsten Hieb machte Gunlaug einen leichten Schritt zur Seite und der Junge folgte ihm von alleine. So tauschten sie Hieb um Hieb, legten immer mehr Kraft in ihre Angriffe. Dumpf schlugen die Klingen auf die Schilde und die beiden Kämpfer drehten sich im Kreis. Gartmund blickte grimmiger drein. Vielleicht erschöpfte ihn das Training, vielleicht erwachte in ihm auch der Kampfgeist. Gunlaug wurde der Arm müde.

Gartmund schien erst richtig in Fahrt zu kommen.

Das reicht!“, hörte er Hedwinna rufen und beide stoppten sofort. Den Rock leicht hebend kam sie auf sie zu und stellte sich neben ihren Sohn. Mit der Hand streichelte sie ihm über den Kopf. „Er ist ganz durchnässt. Nicht, dass er noch erkrankt oder vor Erschöpfung umfällt.“

Ich weiß nicht“, sagte Gunlaug und stellte den Schild zu Boden. „Er hat die Kraft seines Vaters. Und das Blut seines Großvaters fließt stark in seinen Adern.“ Er zwinkerte ihm zu und Gartmund revanchierte sich mit einem stolzen Lächeln.

Behutsam nahm sie ihrem Sohn Schild und Schwert ab. „Das ist schön. Jedoch wünschte ich mir, Schwert und Schild würden ihn noch nichts angehen und Gartmund könnte noch eine Weile Kind bleiben. Diese Waffen passen noch nicht zu ihm.“

Je früher er übt, desto leichter wird er es als Mann haben.“ Und dann an Gartmund gerichtet. „In deinem Alter hatte mich dein Großvater schon in ein Kettenhemd gesteckt. Ich konnte reiten und einen Speer schleudern. Nun bin ich fast so stark wie dein Vater!“

Aber nicht so stark wie mein Vater?“, fragte Gartmund.

Gunlaug wiegelte ab. „Niemand ist so stark wie dein Vater.“

Nun, jemand möchte ihn sprechen.“ Der Altknecht war neben sie getreten. Ein ältlicher Mann mit Halbglatze, roter Nase und vernarbter Wange. Ein dicker Bauch wölbte sich unter dem Mantel. Er sprach direkt zu Gunlaug: „Jedoch glaube ich, dass Ihr ihn zuerst anhören solltet.“

Gunlaug wunderte sich. „Wieso? Das sind Angelegenheiten der Hofverwaltung, nicht des Gefolges.“

Ja, ähm … sagen wir, es ist eine Familienangelegenheit.“

Gunlaug horchte auf und Hedwinna seufzte. Nur der kleine Gartmund schien noch nicht zu verstehen und blickte zwischen den dreien hin und her.

Da ist ein junger Mann“, fuhr der Altknecht fort, „der von sich behauptet -“

Ein Sohn des Cherus‘ zu sein?“, unterbrach ihn Gunlaug.

Der Altknecht nickte. „Er kann natürlich keine Beweise vorbringen, besteht jedoch darauf, von Eurem Vorfahren abzustammen und möchte deshalb in das Gefolge des Königs aufgenommen werden. Er wirkt sehr entschlossen und lässt sich nicht umstimmen.“

Gunlaug atmete hörbar aus. „Ja, es war gut, damit zuerst zu mir zu kommen. Ich schaue mir den Knaben mal an.“

Danke“, sagte der Altknecht und drehte sich um. Sie gingen die Palisade entlang auf das hölzerne Torgebäude zu. Ein paar Wachen mit Speeren standen dort um einen jungen Mann herum, der mit den Armen verschränkt auf und ab ging.

Hedwinna.“ Gunlaug stellte gerade fest, dass sie ihnen folgte, mit Gartmund an der Hand. „Ich kann das alleine regeln. Gehe mit Gartmund hinein.“

Vielleicht kann ein freundliches weibliches Gesicht erhitzte Männergemüter beruhigen“, warf sie ein. „Ich bin aber auch ein bisschen neugierig und will mir einen Eindruck verschaffen.“

Neugierig auf junge Männer? Dein Mann sollte davon besser nichts erfahren.“

Sie lachte klar und ungezwungen. „Darum braucht er sich keine Sorgen zu machen. Sieh dir an, wie jung er ist. Ein guter Grund, ihn zur Umkehr zu bewegen.“

Er war tatsächlich noch ein Jüngling, kaum achtzehn, vielleicht gerade mal sechzehn Jahre alt.

Als sie am Tor ankamen, stoppte der Knabe und schaute ihnen entgegen. Er wartete auf irgendetwas. Gunlaug konnte ihn genauer in Augenschein nehmen. Seine schulterlangen, dunklen Haare waren vor dem vorbeigezogenen Regen durch einen Mantel geschützt. Die breite Nase und der starke Kiefer kamen Gunlaug irgendwie bekannt vor. Er sieht irgendwem ähnlich, vielleicht kenne ich einen verwandten? Ich werde ihn fragen. Ein Sohn des Cherus‘ ist er auf jeden Fall nicht.

Seid Ihr König Hartried, gewähltes Oberhaupt der Merowa?“, fragte der Knabe schließlich und deutete bereits eine Verbeugung an.

Gunlaug lachte. „Nein, nein. Der König spurt nicht, wenn so ein Irgendwer nach ihm verlangt. Da musst du schon mit seinem Bruder Gunlaug vorlieb nehmen.“

Da hellte das Gesicht des Knaben auf, die Haltung entspannte sich. „Noch ein Sohn des Gotthelden! Verzeiht mir, dass ich Euch nicht sogleich erkannt habe. Wir sind schließlich ja nur Halbbrüder, richtig? Es ist unseren Müttern aus unterschiedlichen Geschlechtern zu verdanken, dass wir beide uns nicht sehr ähnlich sehen.“

Wir sehen uns gar nicht ähnlich. Aber der Knabe war ja wirklich davon überzeugt. Wie bei den anderen zuvor auch, würden sie ihn enttäuschen müssen. „Sag mir“, fragte nun Hedwinna, „wie ist dein Name? Aus welchem Stamm kommst du, aus welchem Geschlecht?“

Dodstied ruft man mich, vom Stamme der Hordra, Geschlecht der Uldwar.“

Uldwar?“, entfuhr es Gunlaug. Er erinnerte sich. „Ich kannte mal einen Uldwar, namens … er war ein bäriger Mann, stark, aber freundlich und immer zu einem Scherz aufgelegt. Wie hieß er noch gleich …“ Er tippte sich mit dem Finger auf das Kinn.

Kling nach meinem Großvater Godstied.“

Richtig! Ein guter Mann, sehr beliebt, sehr verlässlich. Wie geht es ihm?“

Die Zeit hat ihn eingeholt“, antwortete Dodstied. „Wir haben vor zwei Jahren seinen Leichnam verbrannt und seine Seele auf die Reise geschickt.“

Oh, das tut mir leid.“

Dodstied schüttelte den Kopf. „Er hatte ein gutes Leben geführt und nur das Alter konnte ihn besiegen. Wir sind uns sicher, seine Seele wird an einen besseren Ort gelangen. Das ganze Geschlecht kam zum Scheiterhaufen und warf, was es aufbringen konnte, ins Feuer. Er wird seinen Nutzen dafür haben.“

Ich wünsche es ihm“, meinte Gunlaug und es trat eine Pause des Schweigens ein. Gunlaug schaute sich um Worte verlegen um und bemerkte erst jetzt das Reittier Dodstieds, das vor dem Torhaus angebunden stand. „Das ist ja mal ein prächtiger Bursche.“

Er stellte sich neben den dunkelbraunen Hirsch und betrachtete ihn mit Bewunderung. Die Schultern überragten ihn, und Gunlaug war kein kleiner Mann. Die Brust des Tieres war so breit wie seine eigene und das Geweih kam ihm so verzweigt und stämmig vor wie eine ausgewachsene Eiche. Gunlaug fasste dem Tier ans Zaumzeug und zog den Kopf zu sich hinunter, um ihm in die Augen zu schauen. Es ließ sich ohne Probleme anfassen, was auf ein gutes Temperament hinwies.

Er ist mein ganzer Stolz“, bemerkte Dodstied. „Aber können wir zu meinem Anliegen kommen? Ich bin ein Sohn des Cherus wie Ihr und der König. Deswegen möchte ich in das Gefolge des Königs aufgenommen werden. Durch meine göttliche Abstammung habe ich dieses Anrecht.“

Gunlaug verdrehte die Augen. Er hätte sich lieber mit dem Tier befasst. „Sag, wie alt bist du?“

Siebzehn.“

Ich kann mich nicht erinnern, dass Cherus vor siebzehn Jahren irgendetwas mit den Uldwar zu tun hatte.“

Aber es ist wahr!“ Der Ton des Knaben bekam etwas Weinerliches. „Ich bin ein Sohn des Cherus! Meine Mutter traf ihn vor siebzehn Jahren und sie zeugten mich, einen halbgöttlichen Sohn, bevor er verschwand. Ich kann meine Kraft unter Beweis stellen, ich habe mich bisher jedem Duell gestellt und immer den Sieg davon getragen.“

Das ist … bewundernswert, aber noch lange kein Beweis dafür, dass ein Gott dein Vater ist.“

Dodstied ging um den Hirsch herum und nahm einen langen Schild vom Gepäck. „Ich bin bereit, mich jederzeit zu beweisen.“

Hedwinna trat dazwischen. „Dodstied vom Geschlecht der Uldwar, niemand zweifelt an Ihren Fähigkeiten. Jedoch müsst Ihr verstehen, dass Ihr nicht der erste selbstbewusste Jüngling seid, der am Hofe des Königs auftaucht und verlangt, aufgrund seiner Abstammung in das Gefolge meines Mannes aufgenommen zu werden. Das passiert fast jeden Monat. Und jeden Monat schicken wir einen enttäuschten Jüngling weg. Manche geben auf, nachdem mein Mann sie abgewiesen hat, andere gehen so weit, ein Duell zu fordern, und werden von einem ganz und gar sterblichen Gefolgsmann im Duell besiegt. Ihr werdet Euch glücklich schätzen können, sollten wir Ihnen nur ein paar Schilde zertrümmern; Ihr könntet ebenso eine Hand verlieren. Um Ihrer selbst Willen, lasst davon ab. Wenn Ihr es zum Kampf kommen lasst, werdet Ihr Euch selbst und Eurem Geschlecht nur noch mehr Kummer bereiten.“

Dodstieg senkte den Blick und ließ die Schultern hängen. Gunlaug begann sich bereits zu entspannen und sah die Situation als entschärft an. Gut, dass Hedwinna anwesend war. Sie hatte so eine Art, was ihr auf dem Herzen lag, sachlich auszudrücken. Damit hatte sie schon einige Hitzköpfe zur Vernunft gebracht.

Es tut mir wirklich leid … dass Ihnen diese Jünglinge solchen Ärger bereitet haben. Gerade deswegen wird es wahrscheinlich nicht anders gehen. Ich verspreche, mit Ihren Gefolgsmännern sachte umzugehen. Sollte es wirklich so viele Hochstapler geben, bleibt keine andere Möglichkeit, meine Abstammung unter Beweis zu stellen. Ich hoffe, dass Ihr das verzeihen könnt.“

Gunlaug schüttelte den Kopf. „Jetzt geht das wieder los …“

Hedwinna jedoch trat an ihn heran und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. „Das wird nicht gut ausgehen, Dodstied. Lass es bleiben. Bitte.“

Sie sah ihn beschwörend an, ohne dabei ihre Würde als Königin zu verlieren. Doch es schien das Herz des Jünglings nicht zu erweichen. Er nahm ihre Hand von seiner Schulter und schritt an ihr vorbei auf den Hof zu.

Ich bin ein Sohn des Cherus! Des Gotthelden, der die Stämme vereinte, des gerechten, gütigen Gott des Krieges! Der Monster erschlägt und Frieden zwischen den Völkern stiftet. Dessen Lanze niemals bricht, dessen Pferd Fleisch frisst und der die Armeen der Untoten zerschlug. Jeder, der das anzweifelt, darf mich herausfordern und von meinem halbgöttlichen Arm erschlagen werden.“

Eine Ansammlung von Damen und Männern hatte sich im Hof versammelt und schaute Dodstied ausdruckslos an. Sie kannten das Schauspiel. Gunlaug trat neben ihn und rief: „Geht wieder zurück, tut, was auch immer Ihr zuvor getan habt. Es wird zu keinem Duell kommen.“

Weil ihr alle Memmen seid!“ Dodstied ging nun langsam vor den Zuschauern auf und ab. „Weil der Name meines Vaters euch in Angst und Schrecken versetzt und ihr nur zu gut wisst, wie stark er war und schon allein ein halber Gott wie ich ausreicht, um all eure Schilde zu brechen.“

Geh nach Hause!“, schallte es aus der Menge. Gelächter folgte.

Macht ihr euch über mich lustig?“ Dodstied zog sein Schwert und richtete die Spitze auf die Zuschauer. „Wollt ihr erfahren, wie es ist, von einem Halbgott erschlagen zu werden? Das können wir arrangieren. Ich werde meine Abstammung bis zum Tode verteidigen.“

Das ist ehrbar.“ Alle Köpfe wandten sich zum Gut. Der König der Stämme selbst lehnte dort an der Wand. Mit scharfen Blick fixierte er Dodstied und fuhr sich über den Bart. Er trug ein purpurnes Gewand und auf dem Haupt ein Diadem, das silbern funkelte. „Aber unsinnig. Niemand zwingt dich, für eine Blutlinie zu kämpfen, die nicht deine ist. Du solltest wirklich wieder nach Hause gehen. Hier gibt es nichts für dich zu gewinnen.“

Junge“, sprach Gunlaug leise, „wähle deine Worte jetzt weise.“

Es ehrt mich …“, begann Dodstied.

Gut“, kommentierte Gunlaug.

Dass Ihr selbst mit mir sprecht, Hartried, König der vereinten Stämme, ältester Sohn des Cherus …“

Sehr gut“, meinte Gunlaug.

Aber …“

Bitte nicht.“

Ich werde nicht unverrichteter Dinge abreisen. Mir gebührt ein Platz in Eurem Gefolge, wenn nicht sogar mehr.“

Gunlaug atmete hörbar aus. Mittlerweile hatte sich Hedwinna mit ihrem Sohn an der Hand zu Hartried begeben. Sein Blick verfinsterte sich und er flüsterte etwas zurück. Dann gingen Hedwinna und Gartmund hinein. Gunlaug schwante Übles.

Hartried kam zu ihnen und zeigte auf das Diadem, das von nahem noch heller funkelte. „Dieses Diadem wurde Cherus von den Zwergen geschenkt, als Dank für den Schutz, den er ihnen in seinem Reich bot. Es erlaubt mir weit über die Länder zu schauen und auch in die Menschen hinein, um mir Einblick in ihr Wesen zu verschaffen. Und weißt du, was ich sehe? Du bist nur ein Sterblicher, dessen großes Potential an einem durch eine Lüge aufgebauschten Selbstwertgefühl zugrunde gehen wird. Da ist nichts Göttliches an dir, außer du hältst jedes Fleisch für göttlich.“

Hartried drehte sich gerade um, da richtete Dodstied die Schwertspitze auf ihn. „Ob König oder nicht, das lasse ich mir nicht bieten. Wenn es sein muss, trete ich selbst gegen Euch an, Sohn unseres gemeinsamen Vaters.“

Ein Raunen ging durch die Menge. Gunlaug schlug die Hände über den Kopf.

Kennst du ihn?“, fragte Hartried.

Wen?“

Unseren gemeinsamen Vater.“ Er wandte sich wieder Dodstied zu und da der Jüngling nicht antwortete, schien er sich Zeit zu nehmen, dessen Wesen zu ergründen. „Cherus. Kennst du den Namen, den er trug, bevor er sich als Gott zu erkennen gab? Nein? Ich erinnere mich. Du sprichst in so hohen Tönen von ihm. Doch ich brauche mein Diadem nicht, um herauszuhören, dass er für dich nur eine Legende ist. Hm … dein Vater … ich sehe ihn nicht. Wahrscheinlich bist du nur ein Bankert, den deine Familie loswerden will. Deswegen bläuten sie dir ein, ein Gott habe deine Schlampe von Mutter geschwängert. Davon gibt es mehr, als mir lieb ist.“

Dodstied stand der Mund so weit offen wie das Tor zum Hof. Gunlaug wollte ihm gerade auf die Schulter fassen, um ihn von dummen Fehlern abzuhalten. Da schlug er die Hand schon weg und fordert Hartried auf: „Auf dem Schlachthirsch!“

Drei Schilde“, antwortete Hartried und damit war es abgemacht.

Gunlaug streifte Hartried das Kettenhemd über, überreichte ihm den Spangenhelm und dann Schild und Speer.

Ein prächtiger Schlachthirsch“, kommentierte Gunlaug, während er zu Dodstied rüberschaute. Dieser zog sich ebenso ein Kettenhemd über und schwang sich danach auf sein Tier. „Und gut ausgerüstet ist er auch. Vielleicht ist seine Familie wirklich davon überzeugt, dass er ein Sohn des Cherus ist. Allein bringt so ein Jüngling nicht diese Ausrüstung auf und kommt auch gleich mit einem Schlachthirsch hierher. Du überlegst es dir nicht noch mal, oder?“

Trotz seines vorangeschrittenen Alters gelangte Hartried ebenso elegant auf den Schlachthirsch. „Wir haben das schon zu weit getrieben. Das muss aufhören, Gunlaug. So gut wie jeden Monat kommt mindestens einer zu uns und verlangt, als Sohn des Cherus anerkannt zu werden. Als ob die jemand zu uns schickt. Dieser hier ist besonders von sich eingenommen. Ich habe keine Skrupel, an ihm ein Exempel zu statuieren. Es gibt schon genug von unserer Sorte, da muss das Land nicht noch von Nachahmern geflutet werden.“

Wird er wenigstens mit dem Leben davonkommen?“

Mal sehen. Hedwinna?“

Die Königin war ohne ihren Sohn in den Hof zurückgekehrt. Sie schaute den Jüngling noch wehmütig an und hob dann den Kopf zu ihrem Gemahl. „Ja?“

Das nächste Mal bleibt Gartmund hier. Er ist alt genug.“

Wir sollten hoffen“, erwiderte sie, „dass es kein nächstes Mal geben wird. Oder nicht?“

Er sah sie an und setzte das Tier in Bewegung. Gunlaug schob sie sanft vom Platz. Die Hirsche senkten bereits das Geweih, als sie sich gegenüberstellten. Gefolgsmänner traten ihnen zur Seite, beide hielten je zwei Schilde. Die Hirsche scharrten mit den Hufen und schnaubten. Ihre Reiter wirkten wie an die Tiere geschmiedet, so fest saßen sie auf deren Rücken, so starr blickten sie auf ihren Gegner. Ein Gefolgsmann trat zwischen sie. Er blies ins Horn und sprang aus dem Weg. Die Hirsche rasten aufeinander zu.

Es schallte über den Hof, als die Geweihe aufeinanderprallten und sich ineinander verkeilten. Die Tiere prusteten und stampften auf den Boden, während ihr gewaltiger Kopfschmuck krachte. Sie versuchten sich beide fortzuschieben, doch schienen sie gleich auf an Kraft zu sein.

Auf ihren Rücken trug sich ein anderer Kampf aus: Beide Recken konnten sich nach dem Zusammenstoß im Sattel halten. Beide hieben mit den Speeren nach dem anderen. Holz splitterte, als Hartrieds Speer in Dodstieds Schild drang und zur anderen Seite heraus stach. Dodstieds Hieb hingegen prallte wirkungslos ab.

Dodstied riss heftig an den Zügeln und drehte seinen Hirsch um. „Einen Schild!“, rief er und warf den Schild fort, in dem Hartrieds Speer steckte. Ein Gefolgsmann kam sofort herangeeilt.

Auch Hartried nahm wieder Abstand, zog sein Schwert und wartete darauf, dass Dodstied sich den Schild um den Unterarm band.

Dodstieds Hirsch konnte kaum ein paar Schritte laufen, da krachte es wieder und er wurde über den Hof gedrängt. Schließlich fand auch er festen Stand und hielt gegen.

Ein Hieb mit dem Schwert, ein gebrochener Schild. Dodstied musste unter dem nächsten Angriff wegtauchen und sein Tier hastig von seinem Zweikampf losreißen. Sofort kam der Gefolgsmann mit dem letzten Schild angerannt.

Ihm blieb keine Pause. Hartried spornte seinen Hirsch zum Finale an. Auf den Zusammenstoß der Geweihe folgte ein dumpfes Klatschen; der schnelle Angriff hatte Dodstieds Hirsch zu Boden gedrückt. Das Tier kniete auf den Vorderbeinen, als wolle es schon um Gnade betteln.

Hartried war nun oberhalb von Dodstied, von oben sauste sein Schwert hernieder. Ein Schild warf sich noch gerade dazwischen.

Ein bersten. Dodstied rutschte seitlich zu Boden und fiel mit der Schulter in den Dreck. Er richtete sich auf und sie sahen, unter dem Helm klaffte eine blutende Wunde, das Rot breitete sich über sein Gesicht aus. Dodstied torkelte ein paar Meter über den Hof. Die Menge stand wie versteinert, selbst Gunlaug wagte nicht, einzugreifen oder ihm zu Hilfe zu eilen. Das war Teil des Schauspiels, Teil des Duells. Gleich war es vorbei. Während sein Hirsch zu Boden geworfen wurde, machte Dodstied ein paar unbeholfene Schritte, bis seine Beine ihn nicht mehr trugen und er im Matsch landete.

Hartried ließ seinen Hirsch sich von seinem Gegner abwenden und ritt zur Mitte des Hofes. Gefolgsmänner eilten zu ihm, nahmen ihm Schild und Helm ab. Andere zogen gemeinsam am Zaumzeug des herrenlosen Hirsches, um ihn in den Stall zu bringen. Das Tier war unterwürfig geworden.

Die Uldwar sollen wissen“, verkündete Hartried, „dass Dodstied tapfer gekämpft hat. Wir werden ihn heute Abend mit allem, was er bei sich trug, verbrennen und seine Seele auf die Reise schicken.“

Zustimmendes Gemurmel, die Menge zerstob allmählich. Hedwinna und Gunlaug traten an Hartried heran. Sein Atem ging gleichmäßig, ruhig. Er blickte auf den Leichnam und Gunlaug glaubte, eine Spur Traurigkeit darin sehen zu können. Dann versteinerte sein Ausdruck geradezu. In dem Moment wünschte Gunlaug sich das zwergengeschmiedete Diadem, um in ihn hineinschauen zu können.

 

Kapitel 2 ->

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