Kapitel 10, Piasus

Piasus half mit, wo immer er konnte und sie etwas Hilfe benötigten. Nicht unbedingt, weil er so hilfsbereit war. Einerseits machte es ihn bei der Mannschaft beliebter, andererseits hieß er alles gut, das die Reise beschleunigte. Nur eines gefiel ihm daran nicht: Das würde bedeuten, dass er sich schneller von Hedda trennen musste. Seine Arbeit am Schiff schien ihr zu gefallen, jedenfalls bemerkte er hin und wieder, wie ihre Blicke an ihm klebten.

Viel Arbeit war nicht nötig. Das Schiff fuhr ohne große Probleme in Richtung Norden an der Küste entlang. Die See war ruhig, kein Unwetter störte ihre Fahrt.

Piasus hatte immer wieder Zeit, sich die Küste anzuschauen: Natur, er sah nicht eine Stadt, einen befestigten Weg, vielleicht mal eine Hütte oder ein Boot am Strand. Vielleicht verbargen sie sich in den Wäldern, diesem tiefen und dunklen Nadel- und Laubdickicht, das ihm die Sicht versperrte. Vielleicht waren die Merowa Waldmenschen, die sich keine Hütten, Höfe und Städte bauen mussten, wenn sie ein dichtes Blattwerk über sich hatten. Der Wald war ihnen Behausung genug.

So ging der erste Tag schnell vorbei und er lernte ein paar neue Leute kennen. Das Mausgesicht hieß Patson und war ein kundiger Seefahrer.

Wale gibt es da!“, hörte er ihn einmal schwärmen, „die man jagen kann, bis man in ihrem Fett ertrinkt. So groß wie Inseln sind manche von ihnen und wenn sie auftauchen, schwemmt dich die Welle bis zurück zu den Nordlanden. Aber dort sollen auch alle Arten von Kraken ihr Unwesen treiben, die die Schiffe in die Tiefe ziehen. Auch Seeschlangen, deren Schuppen kein Spieß durchdringt. Diese Schuppen sollen aber ein Vermögen einbringen, genauso wie das Blut der Seeschlangen. Es sollen uralte Wesen sein und sie sind nicht aus Stoffen dieser Welt gemacht. Angeblich treiben sie länger durch diese Wasser, als die Götter alt sind. Wenn man glaubt, dass das Meer vor den Göttern kam.“

Viele seiner Geschichten hörten sich unglaubwürdig an. Piasus aber erkannte einen Schwätzer, wenn er ihm zuhörte. Patson glaubte an das, was er sprach, so viel war gewiss.

Der Einäugige hieß Bharmund und sprach nicht viel. Er genoss trotzdem viel Respekt. Piasus konnte nicht genau sagen, ob das an seiner wuchtigen Gestalt lag oder ob da auch etwas dahinter steckte. Deswegen fragte er einen der Seemänner, als sich die Gelegenheit dazu bot.

Er war ein Pirat, für lange Zeit. Er überfiel mit seiner Mannschaft Schiffe wie dieses, segelte südlich und überfiel die Fischerdörfer und Handelsschiffe. Irgendwann hatte er es übertrieben und die Brega machten gezielt Jagd auf ihn. Ein reicher Brega stellte ein Kopfgeld auf ihn aus und alle Schiffe segelten los. Er stellte sich dem Kampf. Plötzlich hatte er keine Mannschaft mehr, seine Schiffe verschlang das Meer und seitdem fehlt ihm ein Auge. Mit einem kleinen Boot und dank einer stürmischen See konnte er seinen Häschern entwischen. Hedda fand ihn, halbtot. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis er verbluten würde. Da bot sie ihm an, bei ihr sein Kopfgeld abzuarbeiten, sonst würde sie ihn aushändigen. Von da an schwor er der Piraterie ab.“

Aber ist das nicht eine Gefahr für sie?“, fragte Piasus.

Hedda hat auch einen Ruf. Einerseits tat sie nie etwas, das man ihr vorwerfen konnte, andererseits fürchten die Brega ihre Kraft.“

Was?“, zeigte sich Piasus erstaunt. Nun, sie sah kräftig aus für eine Frau, aber dafür sorgte schon das Leben auf dem Schiff. Vielleicht sollte er diese Seite von ihr ernster nehmen. „Welche Kraft fürchten sie an ihr?“

Nun …“ Der Seemann blickte zu Hedda, um sich zu vergewissern, dass sie auch nicht lauschte. „Es heißt …“

Es heißt?“

Ja, es heißt, sie habe einer Krake eigenhändig die Arme rausgerissen.“

Mit bloßen Händen?“

Ja!“

Wieso?“, fragte Piasus ungläubig.

Da musste der Seemann überlegen und schwieg.

Am Abend reichten sie ein süßliches Bier herum. Es machte kaum betrunken, aber Piasus fühlte sich müde, obwohl die Reise gut voranging. Tatsächlich war ihm, als würde er seit langer Zeit mal wieder gut schlafen, sei es auch an einem Lagerfeuer, an einem schmalen Küstenstreifen der Nordlanden.

Dann“, sprach Patson, „erzählen Sie uns doch etwas von den Städten der Mykerios, Herr Piasus.“

Zustimmendes Gemurmel. Er schaute sich alle Gesichter über das Lagerfeuer an, Hedda vielleicht etwas länger. Sie wirkte interessiert. Was soll ich nur erzählen?

Also.“ Er stand auf und ging um das Feuer herum. „Akleion wurde gerade mal vor über 30 Jahren gegründet, doch ist jetzt schon eine der prächtigsten Kolonien am Goldsee. Sie erstreckt sich -“

Die meisten hier“, brummte auf einmal der einäugige Bharmund, „haben noch nicht mal eine Stadt gesehen. Fange da mal ganz von vorne an.“

Gut, gut. Stellt euch eine Hütte vor. Und nun Hunderten von ihnen, mehr als ihr zählen könnt. Die Wände der Hütten bestehen auch nicht aus Holz, sondern aus Lehmziegel oder aus Stein. Manche der Hütten haben mehrere Räume oder sie sind auf einem Grundstück, um das sie eine Mauer gebaut haben. Dann können sich mehrere Gebäude auf diesem Grundstück befinden. Oder ein Garten. Die Häuser werden von Säulen getragen, die bis an die Decken reichen. Die ganze Stadt ist im Grunde so ein Grundstück, denn eine riesige Stadtmauer schließt all Häuser ein. Aber es gibt nicht nur Gebäude zum Wohnen, auch zum Baden, es gibt Theater -“

Was ist denn das?“, fragte einer.

Das erkläre ich ein anderes Mal. Wo war ich? Es gibt Marktstände, Podien auf öffentlichen Plätzen. Straßen, gepflastert und mit Rinnen, die den Unrat aus der Stadt schaffen. Und auf dem Hügel, um den die Stadt gebaut wurde, befinden sich eine Festung und die Versammlungshalle, wo weise Männer, die vom Volk gewählt werden, über das Schicksal der Stadt entscheiden. Oh, und wir haben Tempel, in denen wir den Göttern die Gunst erweisen, wie auch einen Bau, in dem das Orakel auf unsere Fragen wartet.“

Das Orakel?“

Ja“, antwortete Piasus. „Ihr nennt sie, denke ich, Alraunen, oder? Eine weise Frau, welche die Zukunft voraussagen kann. Sie hat mich auf diese Reise geschickt, denn anscheinend war nur ich dieser großen Aufgabe gewachsen.“

Welche Aufgabe?“, fragte Hedda.

Piasus stoppte, lehnte sich über das Feuer, legte die Finger auf die Lippen und machte lautstark: „Ssssccchhhhh“, was scherzhafte Protestlaute und Buhrufe auslöste. Hedda schüttelte mit dem Kopf, das Lagerfeuer warf die Schatten eines Lächelns auf ihr Gesicht.

Piasus.“ Er drehte sich um, Hedda rief vom Heck des Schiffes nach ihm. Das wird ein guter Tag, dachte er sich.

Wie kann ich helfen?“, fragte er am Heck angekommen. Sie waren hier allein, soweit man auf einem schmalen Schiff ohne Unterdeck alleine sein konnte. „Darf ich vielleicht vorher sagen, dass mir diese Reise mehr gefällt, als ich erwartet hatte? Ich befürchtete, muss ich zugeben, inmitten von nach Meersalz stinkenden Barbaren, die nur mit Grunzlauten miteinander kommunizieren, um mein tägliches Leben fürchten zu müssen. Aber ich habe meine Freude an der Reise und manche von euch sind mir schon recht ans Herz gewachsen.“

Ich glaube noch immer“, erwiderte sie, „dass dein Name „Schwätzer“ bedeutet.“

Oh je, wie gut du mich doch kennst. Viel besser als ich dich.

Mich interessiert es, wohin es dich genau verschlägt. Vielleicht können wir an einer günstigen Stelle anlegen. Dieses Boot kann auch über die Flüsse fahren und anderes seichtes Gewässer.“

Ist das klug, ihr mehr zu erzählen? Vielleicht hilft es mir ja wirklich. Und ich muss ja nichts über den Zwerg und den Vertrag sagen.

Wenn du mir versprichst“, sagte er, näher an sie herangetreten, „es nicht auszuplaudern.“

Natürlich.“

Ah, dir kann ich vertrauen, das merke ich. Also, ich muss zum Fürsten von Spatzensturz.“

Sie horchte auf und blinzelte ihn an. „Spatzensturz?“

Ja, also ich muss dann eine Weile landeinwärts wandern. Soviel wir wissen, gibt es keine Flüsse in der Nähe, aber es gibt bestimmt einen günstigen Anlegeplatz, wo ich jemanden finden kann, der mich bis nach Spatzensturz führt, oder?“

Sie schien ihm gar nicht zugehört zu haben, stattdessen schaute sie mit der Hand am Mund aufs Meer. „Spatzensturz …“, wiederholte sie.

Gibt es da ein Problem?“, fragte er.

Dorthin zu kommen? Nein. Also, es ist nicht schwieriger, dorthin zu kommen, als irgendwo sonst bei den Stämmen der Merowa. Aber …“

Sie wirkte zerfahren, das Fürstentum zu nennen hatte irgendetwas in ihr ausgelöst. Das gefiel ihm gar nicht. Stimmte da etwas mit dem Fürstentum nicht?

Darf ich fragen“, sie wandte sich wieder an ihn, „was das Orakel gesagt hat? Was waren die Worte des Orakels, das dich losgeschickt hat?“

Ich weiß nicht …“ Was kann es schaden? Ich kann mir ja selber keinen Reim daraus machen. Außerdem ist sie nur eine Brega, die auf der anderen Seite der Nordlande durch die See schifft. „Das Orakel sprach etwas davon, dass das Blut der Götter fließen wird. Ihre Worte sind immer so schwammig, du kannst dir nie sicher sein -“

Plötzlich griff Hedda ihn an dem Kragen, drückte ihm mit der anderen Hand die Kehle zu und hielt seinen Körper über das Wasser. Sie presste ihm die Luft aus dem Hals, während sie ihm mit zornentbrannten Augen ansah. Verdammt, diese Kraft. Das ist doch nicht normal!

Welches Blut“, sprach Hedda mit zusammengepresstem Kiefer, „soll fließen?“

Sie drückte ihn weiter auf das Wasser hinaus. Auf dem Deck war es still geworden, Piasus hörte nur die Wellen ans Schiff schlagen und etwas im Hals knacken. „Wirklich …“, brachte Piasus mit erstickender Stimme hervor, „ich habe keine Ahnung … ich bin im Auftrag … meines Stadtstaates hier … Bitte, du bringst mich noch um.“

Mit einem wütenden Schnaufen warf sie ihn zurück aufs Deck. Neben ihm stampfte sie auf und ab und er rang nach Luft.

Das Blut der Götter …“, wiederholte sie. „Das Blut der Götter. Das Blut der Götter … Stehe auf und erzähle mir ganz genau, wovon das Orakel sprach.“

Piasus mühte sich hoch, an der Reling gestützt versuchte er sich genau zu überlegen, was er als Nächstes sagen sollte. Ehrlich zu sein hat mich in diese Lage gebracht. Würde sie mich wirklich deswegen töten? Was ist nur mit dieser Frau los?

Du weißt wohl nicht …“ Er hustete. „Du musst wissen, dass unsere Orakel oft sehr undeutlich sprechen. Ihre Worte sind schwierig zu interpretieren und können alles mögliche bedeuten, manchmal sogar das Gegenteil von dem, was man erwartet. Das Orakel von Dardycon soll einst …“

Erspare mir das. Waren das die einzigen Worte, die das Orakel sprach? Spuck schon aus.“

Also, was soll es nun sein? Er schaute sie genauer an. Sie war zornig, der Körper wie zum Sprung bereit, als würde sie ihn jeden Moment vom Schiff stoßen. Es ist ihr wichtig. Las er da Sorge in ihrem Blick? Handelte es sich um etwas Persönliches?

Du musst mir versprechen, mir kein Leid anzutun. Lass mich dir nur sagen, dass ich im Auftrag meines Stadtstaates hier bin und selber nicht weiß, was das Orakel meint. Verstanden?“

Ihre Haltung lockerte sich etwas, aber Piasus entging nicht, dass sie noch immer voller Anspannung war. „Verstanden.“

Das Orakel sprach davon, dass das Blut der Götter in den Süden fließen wird, in die hohen Häuser der Mykerios, wenn ich mich auf die Reise mache. Das ist alles. Mein Auftrag handelt von etwas ganz anderem, aber bitte quetsche das nicht auch noch aus mir heraus.“

Und wieso der Fürst von Spatzensturz?“

Er soll mir bei etwas helfen. Bitte, das kommt Verrat gleich, was ich hier tue. Ich hege überhaupt keine schlechten Absichten, sondern mache einfach, was man mir sagt.“

Sie trat nahe an ihn heran, das Deck erbebte unter ihren Schritten und Piasus fiel fast über Bord, als er ihr auszuweichen versuchte. „Du wolltest doch jemanden, der dich nach Spatzensturz führt, richtig? Da können wir was arrangieren.“

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