Kapitel 11, Piasus

Konnte er sich glücklich schätzen? Hedda beriet sich noch mit ihrer Mannschaft, in erster Linie mit Bharmund und Patson. Die beiden hörten ihr aufmerksam zu, Patson nikcte beständig, Bharmund hatte die Arme verschränkt und blickte abwesend in die Weite. Heddas Schiff trieb in der ruhigen See hinter ihnen, die Mannschaft sah gebannt zum Strand hinüber. Auf Piasus machte dieses Bild den Eindruck, als verließe Hedda die Welt der Brega und betrat die Welt der Merowa. Der Strand, wo Wellen nach dem Land griffen, war die Pforte zwischen diesen beiden Welten. Es war ein schönes Bild, der trübe Himmel über dem Westmeer verlieh ihm etwas Melancholisches.

Hedda umarmte Patson, danach Bharmund. Die beiden verließen den Strand und Hedda stieß zu Piasus, der auf einem Felsen wartete.

Sie hatte sich eine Weste aus dickem Fell übergestreift. Über einer Schulter hing ein Beutel mit anscheinend allem, was sie so brauchte. Auf ihren Rücken hatte sie sich einen großen, ovalen Schild geschnallt. In der rechten Hand hielt sie einen Speer mit einer blattförmigen, breiten Spitze. An einer Seite ihrer Hüfte hing ein kurzes Schwert, an der anderen eine Axt. Piasus fragte sich, ob alle Reisende hier so ausgerüstet waren.

Können wir?“, fragte sie. „Ich habe alles abgewickelt. Wir haben noch einen langen Weg vor uns.“

Wirst du dein Schiff nicht vermissen? Do…“ Piasus erinnerte sich. „Dodnar?“

Ja. Aber ich werde es wiedersehen. Patson und Bharmund haben nun das Kommando. Ich kann ihnen vertrauen. Sie haben die Erlaubnis, für eine Weile das Meer zu befahren, solange es dem Schiff nicht schadet. Dann warten sie mit dem Schiff in einem vereinbarten Hafen.“

Piasus stand auf, nahm seine Sachen und drehte sich zum Wald um. Innerlich seufzte er, äußerlich versuchte er es zu unterdrücken. Wieso sind diese Wälder nur so dunkel? Er hatte noch nie so dunkle Wälder gesehen. Ob es nun daran lag, dass die Wälder seiner Heimat weniger dicht waren oder die Sonne viel öfter schien. Woran es auch immer lag, diese Wälder schienen ihm wie in Schatten getaucht.

Hedda trat neben ihn. „Angst?“

Vor dir oder vor dem Wald? Der Wald hatte noch nicht die Gelegenheit, mich umzubringen. „Welche Antwort ermöglicht mir, das Gesicht zu bewahren?“

Sie klopfte ihm auf die Schulter. Eine kameradschaftliche Geste. Einerseits kränkte es ihn, dass sie von einer Frau kam. Verdammt, er war ein Mykerios! Keine Frau in Waffen sollte ihm moralischen Beistand leisten müssen, das war die Aufgabe eines Mannes, der auf dem Schlachtfeld stand (bis er weglief …). Und auch noch von einer Frau, die er vor einem Tag noch ganz anders angeschaut hatte … Das tat zweifach weh.

Auf der anderen Seite war er froh, dass sie ihn zu verstehen schien. „Gibt es Bären in deiner Heimat?“, fragte sie.

Ja, nicht überall, aber Bären sind nicht unbekannt.“

Und Wölfe? Eber?“

Die auch.“

Dann brauchst du die Tiere im Wald nicht zu fürchten.“

Sie warf noch einen Blick auf ihr Schiff. Die Mannschaft ruderte bereits die Küste entlang. Dann drehte sie sich zum Wald um und verließ den Strand.

Piasus folgte ihr augenblicklich. „Ich hatte schon mit Wölfen zu tun!“, sprach er, als wollte er ihr seine Männlichkeit versichern.

Ach ja? Inwiefern?“ Sie klang nicht, als zweifelte sie an seiner Behauptung. Sie glaubte ihm immer alles. Trotz ihrer überraschenden Kraft und dem Umstand, dass sie ein Schiff samt Besatzung besaß, kam sie ihm manchmal wie ein naives Kind vor.

Ich war Hirte, als Kind.“

Vor ihm stieg sie in das Dickicht hinab und tauchte in das Dunkel des Waldes ein. Sie schien alle Farbe zu verlieren, ein Schatten in der Schattenwelt. Dennoch bewegte sie sich so ungezwungen und natürlich wie noch auf dem Sand des Strandes.

Habe Schafe gehütet“, sagte er und stoppte vor dem Sträucher- und Wurzeldickicht und vor der Dunkelheit, die das dichte Blattwerk warf. Er sah sie kaum noch, bald war sie hinter einem Baum verschwunden. Piasus ertrug den Gedanken nicht, verängstigt und nach Hedda suchend durch den Wald zu irren.

Ja?“, hörte er. Es klang fern.

Komm schon, feuerte er sich an. Ein Schritt und es ist getan.

Es war getan. Seine Füße traten geräuschvoll auf den mit Laub übersäten Boden. Ein kräftiger Waldgeruch umströmte ihn, welcher den Geruch des Meeres, den er seit Tagen in der Nase hatte, augenblicklich verdrängte.

Ja!“, rief er und besann sich. Da sah er sie neben einem Baum warten und schloss zu ihr auf. „Es passierte nicht oft, aber als Hirte musste ich auch mal einen Wolf vertreiben. Zumeist nur streunende, einzelne Wölfe, keiner erwartet von einem Jungen, sich mit einem ganzen Rudel anzulegen.“

Nein, das wäre töricht.“ Sie sprang über eine dicke, moosbewachsene Wurzel, über die Piasus fast gestolpert wäre.

Deswegen lernten wir schon früh, mit einer Schleuder umzugehen.“

Eine Schleuder?“ Sie wich einem einer kleinen Grube im Boden aus, die Piasus beinahe nicht bemerkt hätte.

Ja, eine einfache Schleuder. Im Grunde wie ein Band, in das man einen Stein legt. Dann wirbelt man den Stein mit der Hand herum und lässt den Stein fliegen. Und dann!“ Piasus klatschte die Hände zusammen. „Mit der Zeit war ich so gut darin geworden, dass ich mal einem Wolf den Stein mitten zwischen die Augen gejagt hatte. Der war sofort tot.“

Wirklich?“ Das Gelände wurde steiler, sie kroch teilweise auf allen Vieren einen rutschigen Hang hinauf. Piasus tat es ihr gleich.

Ja! Daraufhin hatte meine Familie ein kleines Fest gefeiert! Das erste Mal, dass ich richtig betrunken war. Wobei, ich muss zugeben: Ich bin mit der Schleuder etwas aus der Übung. Heute würde ich das nur mit Glück schaffen. Aber es reicht allemal, einen Wolf zu verscheuchen.“

Und was habt ihr mit dem Fell gemacht?“ Hedda war den Hügel hinauf gekraxelt und schaute sich um.

Das Fell?“ Er stellte sich neben sie und sah nur Wald. „Das haben wir verkauft.“ Wir? Ich hatte keinen Anteil am Geld.

Sie lächelte ihn an. „Verkauft? Ja, das war gut. Wir Brega kaufen unsere Felle bei anderen Völkern oder gehen an Land und jagen sie selbst.“ Sie klopfte sich auf den Mantel. „Man kriegt ja nicht alles auf dem Meer.“

Du scheinst dich ja gut in den Nordländern auszukennen. Liegt das daran, dass du ein Freund des Fürsten von Spatzensturz bist?“

Hedda sah ihn an. Er konnte erkennen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Sie schien nicht wütend, jedoch verschwieg sie etwas und grübelte darüber nach, wie sie der Frage am besten ausweichen könnte. Irgendwann würde er herausbekommen, warum sie so versessen darauf war, ihn zum Fürsten zu führen.

Das erkläre ich dir später. Vielleicht.“

Besser als nichts.

Sie ging weiter. „Also vor Wölfen brauchen wir uns nicht zu fürchten.“

Ich habe aber keine Schleuder dabei.“ Piasus sprang den Hügel hinunter. Er schien sich an den Wald zu gewöhnen. War man erst einmal eine Weile in ihm, war es gar nicht so schlimm.

Es ist nur wichtig, dass du sie schon mal gesehen hast und keine Angst vor ihnen hast.“

Und wen werden wir hier noch treffen? Leben hier viele Merowa? Es sieht nach unbewohntem Wald aus.“

Ja, das hier ist Urwald. Wir sind mehrere Tagesreisen von Fürstenhöfen, Gehöften und Dörfern entfernt. Hier gibt es nur Tiere und andere Dinge.“

Er blieb stehen. „Andere Dinge?“

Sie hielt ebenfalls an. „Wenn du hier einen anderen Menschen siehst, sei sehr vorsichtig. Siehst du ein Tier, verhalte dich angemessen. Siehst du ein Tier mit einem Menschengesicht: Lauf.“

Ein Lagerfeuer knisterte zwischen Piasus und Hedda. Sie hatten eine ganze Weile gebraucht, um Holz zu finden, das trocken genug war. Der Wald wurde schnell dunkel. Nicht „dunkel“, wie Piasus sich ihn vorgestellt hatte, bevor er ihn betrat. Richtig dunkel. Das war keine Schattenwelt, hier hatten Schatten keinen Platz.

Piasus sah ein Kaninchen davon hoppeln, die Baumkronen waren bevölkert von Vögeln. Würde er jeden Tag einen Brief nach Akleion schicken und von seinen Ereignissen berichten, würde sich der Brief von heute recht langweilig lesen. Es wären nur Seiten über Seiten, die den Wald beschrieben.

Die Enge und Weite des Waldes der Nordländer. Enge, weil hier Baum an Baum wuchs, Gestrüppe und Farne die Sicht versperrten und zu einer Wand aus Grün zusammenwuchsen. Weite, weil sich dieses Grün wie ein Meer ausbreitete und nie zu enden schien. Die Merowa könnten ihm erzählen, dass der Wald ihre ganze Welt sei, er würde es ihnen glauben.

Hast du Angst vor mir?“, fragte Hedda plötzlich und riss ihn aus seinen Gedanken. In ihrer Stimme klang kein Vorwurf, sie spottete aber auch nicht über ihn. „Schließlich habe ich dir große Schmerzen zugefügt, ohne ersichtlichen Grund.“

Tatsächlich hatte sich Piasus auf die andere Seite des Lagerfeuers gesetzt. Vor ein paar Tagen noch hätte er diese Gelegenheit genutzt, an sie heranzurücken und unmerklich, aber stetig, den Abstand zwischen ihnen zu verringern.

Ich wette, da steckt eine lange Geschichte dahinter“, bemerkte er.

So wie du nicht alles preisgeben willst und deine guten Gründe hast, will auch ich nicht alles von mir erzählen.“

Na das fängt ja gut an. Gehen wir die Sache anders an. „Sind alle Frauen der Brega so stark? Oder generell in den Nordländern?“

Nein“, antwortete sie.

Das Knistern des Feuers half nicht über das unangenehme Schweigen hinweg.

Ich bin nicht genug Schwätzer“, sagte er schließlich, „um uns beide allein zu unterhalten. Und ob du es glaubst oder nicht, ich höre mir nicht gerne selbst zu.“

Wo soll ich anfangen …“

Wir haben Zeit. Wir haben noch viel Zeit.

Weißt du von Cherus?“, fragte sie.

Diesem Gott der Merowa, der noch vor ein paar Jahren auf der Welt gewandelt sein soll? Ja, ich habe von ihm gehört. Die Merowa erzählen gerne von ihm.“

Und hast du auch von Hartried gehört, dem König der Merowa?“

Ja. Willst du darauf hinaus, dass Hartried der Sohn des Cherus sein soll? Dieser König der Merowa soll wirklich ein Halbgott sein?“

Oh nein, dachte er sich. Mir schwant Übles.

Hartried und ich …“ Wieder entstand eine Pause, in der Piasus schon die Antwort vorausahnte. „Wir teilen uns denselben Vater.“

Piasus stieß ein Lachen aus. „Das gibt es doch nicht!“

Glaubst du mir nicht?“, fragte sie und verschränkte die Arme.

Wieso nicht?“ Eigentlich … Nicht jeder, der sich für einen Gott hielt, war auch einer. Jedoch war da Heddas ungewöhnliche Kraft. Vielleicht steckte hinter der ganzen Sache doch mehr. „Das erklärt wenigstens das. Hast du ihn gekannt? Wie war er denn so?“

Sie nahm ihren Blick von ihm, starrte lieber ins Feuer. „Ich war noch zu jung, um mich wirklich an etwas erinnern zu können. Mein älterer Bruder …“

Dein Bruder?!“ Piasus lachte abermals, schlug mit der flachen Hand auf den Boden. „Nein nein, keine Sorge. Ich glaube dir. Mensch, dieser Cherus hat seine Zeit auf Erden gut genutzt, nicht wahr? Ich meine, wenn ich ein Gott wäre und so gut bei den Frauen ankäme …“

Heddas Augen fixierten ihn wieder und funkelten ihn böse an.

Piasus hob die Arme. Mach sie nicht noch wütender. Hier hat sie keine Zeugen. „Entschuldige. Ich wollte deine Familie nicht beleidigen.“

Sie seufzte. „Ist schon gut. Ich bin selber nicht glücklich darüber, wie sich alles entwickelt hat. Wenn du aus irgendeinem Grund am Hofe des Königs sein solltest, frage nach Gunlaug. Er gehört zu seinem Gefolge. Mein älterer Bruder. Er kann sich noch an Cherus erinnern. Etwas jedenfalls. Der Gott …“

Hörte Piasus sogar Verachtung in ihrer Stimme, als sie dieses Wort aussprach?

„… verbrachte ein Jahr mit meiner Mutter, als er drei war. Ein ganzes Jahr, bis er seines Weges zog und sie hinaus aufs Meer fuhr.“

Also waren Cherus und deine Mutter nie richtig verheiratet?“ Heiraten die Brega überhaupt? Oder läuft das bei denen anders? Ich weiß zu wenig über dieses Volk.

Nein“, antwortete sie nur knapp. Das Funkeln in ihren Augen wurde trübe, verschwand gänzlich, bis nur das Flackern des Lagerfeuers tiefe Schatten auf ihr Antlitz warf. „Cherus heiratete nur einmal offiziell und hatte zwei Kinder. Wir, die Töchter und Söhne des Gottes, waren mal sechs. Nun sind es nur noch vier.“

Was ist passiert?“

Cherus ernannte einen Nachfolger für sein Königtum. Dieser Nachfolger verstarb nur wenige Jahre hiernach an einem natürlichen Tode. Es entbrannte ein Kampf darüber, wer der neue König sein soll und Cherus‘ Familie wurde vom Geschlecht der Doldaver ausgelöscht. Seine Frau, seine beiden Kinder. Darüber kannst du auch Gunlaug fragen. Er und der jetzige König trugen ihren Anteil daran.“

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