Kapitel 12, Gunlaug

Gunlaug hielt den Kopf des Hirsches am Zaumzeug fest und streichelte ihn.

Muss das wirklich jetzt sein?“, fragte er den Altknecht. Der Hirsch hob den Kopf, stieß einen tiefen Protestlaut aus. Gunlaug musste ihn mit sanfter Gewalt zum Altknecht hinunterdrücken. Ihm würde das auch nicht gefallen.

Langsam näherte sich der Altknecht mit einem kleinen Messer der Tränengrube des Hirschauges. „Wenn Ihr für ein paar Tage fort seid …“

Wenigstens, so war Gunlaug erleichtert festzustellen, schien der Altknecht dabei sehr behutsam vorzugehen. Er fasste das Messer ganz vorne an der Spitze und hielt in der Bewegung inne, sobald der Hirsch sich auch nur ein Stückchen bewegte.

„… wird der Hirsch das Bezoar abreiben. Wenn ich jetzt nicht die Gelegenheit ergreife, ist es erst einmal weg. Dabei brauche ich es, wegen seiner heilsamen Kräfte. Gleich haben wir es.“

Mit der Messerspitze entfernte er einen bräunlichen Klumpen aus der Tränengrube. Gunlaug gab sich alle Mühe, den Kopf festzuhalten, während er auf die mit Haaren untersetzte, schmierige Masse schaute und leicht das Gesicht verzog. Dann hatte der Altknecht alles gelöst und rieb den Tränenstein in einer kleinen Schale ab.

Danke“, sagte der Altknecht. „Das genügt mir. Ihr Hirsch muss mich nun nicht mehr ertragen.“

Seid ihr beiden endlich fertig?“, fragte Hartried etwas ungehalten. Er saß bereits auf seinem Hirsch an der Spitze der Kolonne. „Wir wollen aufbrechen.“

Wir sind fertig“, rief Gunlaug und schwang sich auf sein Reittier. Und wieder an den Altknecht gewandt: „Habt Ihr Hartrieds Hirsch auch das Bezoar entfernt?“

Bei den Göttern, nein! Der König lässt mich nur an sein Tier, wenn ich seine Wunden oder Krankheiten behandeln soll. Danke nochmals und gute Reise.“

Ja, danke.“ Ob ich mir das auch herausnehmen könnte?, fragte sich Gunlaug. Jetzt ist es zu spät, weil ich ja nett sein musste. Ich meine ja nur, ich reite hier auf einem Schlachthirsch, nicht auf einem Pferd wie jeder normale Merowa und bin auch einer der Söhne des Cherus … Na ja, vielleicht kommt er ja lieber zu mir, als König Hartried zu belästigen.

Gunlaug reihte den Hirsch in die kleine Schar an Gefolgsleuten ein. Junge und alte Recken auf Pferden gähnten und streckten sich auf den Pferderücken. Die Müdigkeit war dem frühen Aufbruch geschuldet. Andere wirkten munterer, schienen sich auf die kleine Reise zu freuen. Die haben wohl vergessen, warum wir hier sind. Das wird kein Ausritt nur zum Spaß. Bei den Älteren entdeckte Gunlaug den Ernst, den er sich für die Gefolgschaft erhoffte.

An der Spitze beugte sich Hartried zu seiner Frau Hedwinna herunter, die ihren Sohn Gartmund an der Hand hielt. Der König wechselte ein paar Worte mit ihr, sie antwortete und nickte. Dann drehte er sich zu seinem Gefolge. „Wir reiten los!“ Gartmund winkte seinem Vater hinterher.

Pferdehufe setzten sich in Bewegung, Gunlaug trieb seinen Hirsch an.

Als er an Hedwinna und Gartmund vorbeikam, fragte ihn der Junge: „Wann darf ich mitkommen?“

Gunlaug überlegte. „Wenn du … alleine auf einen Hirsch kommst.“

Aber mit -“

Ohne Tritt“, fügte Gunlaug hinzu und lächelte. „Und ohne Leiter!“

Viel Glück da draußen“, sagte Hedwinna und winkte zum Abschied.

Hartried sah sie schon von weitem. Das zwergengeschmiedete Diadem auf seinem Haupt machte es möglich. Er ließ sein Gefolge auf einem Hügel haltmachen, von dem aus sie eine hervorragende Sicht auf das Gelände hatten. Der Wald war hier lichter, machte teilweise weitläufigen Wiesen Platz. Dort warteten sie auf Utharmar, dem Fürsten von Eulenwacht, der mit seinem Gefolge zu ihnen ritt.

Gunlaug zog seinen Mantel enger, ein kühler Wind zog über den Hügel. „Wir müssen bald das Vorerntefest ausrichten.“

Hartried hatte Utharmars Gefolge fixiert, als würde es sich dadurch beeilen. „Hedwinna und der Altknecht sollen sich darum kümmern. Wie jedes Jahr.“

Was siehst du?“, fragte Gunlaug. „Ist Utharmar dicker geworden?“

Ein leichtes Schmunzeln mochte sich unter Hartrieds Bart gebildet haben. „Das war das Erste, was mir auffiel. Und älter.“

Gunlaug schaute sich um. Das Gefolge war von ihren Pferde abgestiegen, hatte sich ins Gras gelegt oder gesetzt, an Bäumen gelehnt, quatschte miteinander oder nahm eine Mahlzeit ein. Die Halbbrüder waren unbehelligt.

Hartried, war das klug?“

Wovon sprichst du?“

Davon, wie du diesen Jungen vom Geschlecht der Uldwar umgebracht hattest. Diesen Dodstied.“

Hartried nahm den Blick von Utharmar und schaute ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen Gunlaug an. „Hast du nicht gemerkt, wie frech der Bursche war? Wie anmaßend?“

Aber musstest du ihn gleich erschlagen?“

Er wollte es so.“

Er wollte in dein Gefolge aufgenommen werden. Wie die anderen auch. Und die haben wir lebend wieder zurückgeschickt. Ich hätte das wieder übernehmen können oder einer deiner anderen Männer. Hartried, wir werden die Uldwar demnächst beim Königs-Thing treffen. Die Uldwar haben ein Fürstentum im Süden. Der Süden mag dich jetzt schon nicht.“

Der Süden hat mich noch nie gemocht. Er war aber nur ein Bankert, das sie los werden wollten. Du solltest sie kritisieren, dass die Uldwar ihr Frauen und Kinder nicht unter Kontrolle haben.“

Du hast ihn beleidigt. Gekränkt. Und deshalb hat er dich herausgefordert. Sie könnten es dir anhängen.“

War irgendein anderer Uldwar dort?“

Nein. Aber Geschichten machen die Runde“, meinte Gunlaug und schaute nochmals zum Gefolge. „Und du kannst nicht kontrollieren, welche Geschichten die Menschen sich erzählen.“

Dann lass uns beten, dass sie sich Geschichten davon erzählen, wie sinnlos solch ein Unterfangen ist. Aufsitzen!“, rief er plötzlich zu seinem Gefolge. „Sie sind gleich hier.“

Ob sich Hartried diesen Hügel ausgesucht hatte, um eine bessere Figur beim Empfang zu machen? Jedenfalls ließ er sein Gefolge auf dem Hügel Aufstellung beziehen, so dass der Fürst von Eulenwacht und sein Gefolge den König vom Fuß des Hügels aus begrüßen mussten und gezwungen waren, zu ihm aufzublicken.

König Hartried“, sprach Utharmar und seine speckigen Backen gerieten in Wallung. „Gewählter des Königs-Thing, Beschützer der Merowa, Nachfolger des Cherus. Ich, Utharmar vom Geschlecht der Thardrim, grüße Euch!“

Seid auch Ihr gegrüßt“, antwortete Hartried, „Utharmar, Fürst von Eulenwacht. Ich schätze, es gibt keine Zeit zu verlieren. Wir können auf dem Weg zum Turm alles bereden.“

Sehr wohl. Ich kenne einen guten Weg dorthin. Wenn Ihr uns folgen würdet.“

Hartried gab ein Zeichen und sie ritten den Hang hinunter, während sich Utharmars Gefolge ebenfalls in Bewegung setzte.

Unten angekommen verbanden sich beide Scharen an Reiter und ließen das offizielle Gehabe schnell sein. Männer, die unterschiedliche Treueschwüre geleistet hatten, gaben sich gegenseitig vom Pferd aus die Hand und tauschten ein paar Worte aus. Kurze Worte, laute Worte, die einen Scherz begleiteten und einem Lachen vorausgingen. Man stellte sich gut miteinander.

Hartried und Gunlaug ritten an die Spitze, wo Utharmar auf sie wartete. Der Fürst von Eulenwacht war einst ein stattlicher Mann, dachte sich Gunlaug, während er die Statur Utharmars auf dem Pferd betrachtete. Der Fürst trug einen rot-braunen Mantel, auf dem eine schwarze Eule gestickt war. Jetzt bereitet er seinem Pferd Rückenschmerzen. Was die Zeit so bringt.

Hartried fragte den Fürsten: „Wieso habt Ihr uns um Beistand gerufen? Was könnt Ihr uns berichten?“

Meine Grenzreiter brachten mir Nachrichten von den nordöstlichen Landen“, antwortete Utharmar. „Dort, wo sich Merowa mit den Wilden des Nordens vermischen. Außerhalb meiner Domäne. Sie sahen Feuer und Rauch von den Höfen aufsteigen.“

Was ist? Bekriegen sich die Kinder Merows und die Kinder des Waldes? Was kümmert es uns?“

Nun, keiner der Fremden kam in unsere Länder, um zu fliehen. Ich gewährte ihnen schon früher Schutz, wenn es an der Grenze Spannungen gab, mit welchen Völkern auch immer. Aber sie zogen es anscheinend vor, in den Wald zu ziehen. Die Grenzreiter untersuchten den Vorfall. Bis jetzt sind noch nicht alle von ihnen zurückgekehrt. Wir gehen davon aus, dass sie bei ihrer Erkundung das Leben ließen.“

Spuckt schon aus“, sprach Hartried. „Wir werden noch eine Weile bis zum Turm brauchen, aber Ihr müsst keine Erzählung daraus zu machen.“

Utharmar runzelte mit der Stirn. Schmollte er sogar? „Wenigstens solltet Ihr meinen Grenzreitern, die bei der Ausführung ihrer Pflicht ihr Leben ließen, etwas Respekt zollen. Jedenfalls berichteten sie mir von leeren Höfen.“

Leere Höfe?“, fragte Hartried. „Sind sie einfach abgehauen?“

Nein, sie berichteten auch von Toten, von dem, was von ihnen übrig war. Abgenagt bis auf die Knochen. Die Grenzreiter konnten mir nicht den Gestank der verwesenden Leichen beschreiben, denn da war nichts mehr am verwesen. Auch das Vieh …“

Gunlaug schaute den Fürsten von Eulenwacht gespannt an. Ja, nun hatte er seine Aufmerksamkeit. Von so etwas hatte er noch nie gehört. Auch Hartried schien er ganz in den Bann gezogen zu haben. Er saß auf dem Hirsch leicht zur Seite geneigt.

Was war mit dem Vieh?“, fragte Gunlaug.

Weg“, antwortete Utharmar. „Sie fanden die Knochen von Hühnern, Schafen, Ziegen und Kühen im selben Haufen, in dem auch die Menschenknochen lagen. Mein König, diese Feuer stammten nicht von Bauernhöfen, die jemand in Brand gesteckt hatte. Sie stammten von einem gewaltigen Gelage, bei dem alles verschlungen wurde. Menschen, Tiere, Brot und Korn, Gemüse und Obst. Die Grenzreiter fanden nichts von alledem.“

Ich verstehe“, gab Hartried mit halb offenen Mund von sich. Dann besann er sich und nahm wieder eine würdige Haltung an. „Und wer dafür verantwortlich war, das konntet Ihr nicht ausmachen?“

Deswegen haben wir nach Euch gerufen, König der Merowa.“

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