Kapitel 13, Gunlaug

In der Ferne, im Osten, erhoben sich die blauen Gipfel des Drachenwirbels und grenzten diesen Teil des Kontinents vom Rest der Welt ab. Nördlich vom Gebirgszug bot eine freie, offene Graslandschaft ein weites Einfallstor. Hier trafen sich Merowa, die nicht unter dem Schutz eines der Fürsten leben wollten, mit anderen Völkern. Oder in diesem Falle: Waren ihnen ausgeliefert.

Gunlaug wandte den Kopf und sah den Eulensicht-Turm. Ein quadratischer, steinerner Bau mit einer breiten Basis, der sich nach oben immer weiter verjüngte. Hartried würde dort Ausschau halten.

Gunlaug und Utharmar ritten nebeneinander her. Hartried musste ihn nur kurz als seinen Halbbruder und ebenfalls Sohn des Cherus vorstellen und der Fürst von Eulenwacht behandelte ihn sogleich mit demselben Respekt wie den König. Und nachdem Hartried lieber alleine den Weg fortsetzte (und vermutlich über etwas grübelte), mussten sie nur ein paar freundliche Worte austauschen, um zum Du zu wechseln. Gunlaug fühlte sich nicht immer wie der mächtige Abkömmling eines leibhaftigen Gottes, aber der Name des Vaters hatte doch seinen Einfluss. Oder der Fürst von Eulenwacht war einfach ein freundlicher Mensch.

Und von dort wird der König die Welt ausspähen“, sagte Utharmar auf den Turm schauend, „mit seinem zwergengeschmiedeten Diadem.“

Na ja“, meinte Gunlaug. „So weit, bis ihm der Drachenwirbel die Sicht versperrt.“

Utharmar neigte sich leicht zu ihm. „Hast du es schon einmal aufgesetzt? Nah? Wie ist es?“

Es ist …“ Furchtbar. „Ja, er ließ es mich einmal aufsetzen, nur kurz. Danach hatte ich ungefähr zehn Tage lang Kopfschmerzen.“

Utharmar lachte auf.

Und viel habe ich auch nicht gesehen.“

Nein? Ha!“

Sagen wir, ich habe keine Ahnung, was ich gesehen habe. Mein Blick ging plötzlich so weit, aber da war nur grün. Dann hob ich den Kopf für nur ein paar Zentimeter und ich sah nur blau. Ich habe wahrscheinlich dasselbe erblickt, was auch du gerade siehst. Wald und Himmel. Das ist alles, was es im Reich der Merowa zu sehen gibt.“

Ja, Wald und Himmel. Wir haben dunkle und tiefe Wälder, aber auch lichte und offene, in denen man Jagen und Holzfällen kann. In den Ebenen des Ostens kaufen sie unser Holz. Du hast alles gesehen, was das Land Merow zu bieten hat.“

Was ist mit dem Meer im Westen?“, fragte Gunlaug. Hedda. Ich habe lange nicht mehr von ihr gehört. Ob sie mich vermisst? Ob es ihr gut geht? Ich hoffe, sie ist auf dem Meer glücklich. „Ich hätte mir das Meer anschauen können. Das Diadem ist, glaube ich, noch nicht zum Küste gekommen. Wie weit wohl das Meer reicht, bis man neues Land sieht? Die Brega berichten von Inseln, aber kein Land im Westen. Nur endlose Wasser.“

Utharmar schaute ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue an. „Du bist ein Brega, richtig? Ich habe davon gehört. Der Sohn von Cherus und einer Schiffsfrau. Was zog dich ins Land, wenn ich fragen darf?“

Ich wollte die Welt sehen. Brega sind reiselustig. Mich zog es aber nicht hinaus ins Meer, ich wollte wohl mehr wie mein Vater sein. Er war ein Gott, aber er wuchs wie ein Merowa auf, zog sich an wie ein Merowa, sang die Lieder der Merowa, lebte nach den Bräuchen der Merowa …“

Nun, mit einer Holzkeule zu einem Duell zu kommen, gehört eigentlich nicht zu unseren Bräuchen.“ Utharmar lachte wieder.

Nein, das bestimmt nicht“, stimmte Gunlaug zu.

Sie banden ihre Pferde fest und verteilten sich um den Turm herum. Die beiden Gefolge, längst vermischt, starrten den hohen Steinbau ehrfürchtig an oder warteten darauf, dass ihre Herren damit aufhörten. Manche hatten es sich auf einem großen Stein Platz gemacht oder an einen der Bäume gelehnt; es war nun Mittag, sie waren seit einigen Stunden unterwegs. Eine Pause war angebracht.

Ein schmaler, offener Eingang führte ins Innere. Stilisierte Säulen sprangen am Rand des Eingangs hervor, deren Kapitelle wie Baumkronen geformt waren, in denen jeweils eine Eule hockte. Die Eule links schaute nach links, die Eule auf der rechten Säule in die entgegengesetzte Richtung. Oberhalb der Kapitelle bildete ein Rundbogen den Abschluss. In diesem Rundbogen meißelten geschickte Zwergenhände ein Blätterdach, aus dem die großen Augen einer einzelnen Eule auf sie starrten. Hartried stand davor und betrachtete die silbern schimmernde Metallplatte über der Öffnung. In der Schrift der Zwerge stand da in der Sprache, die auch die Menschen verstanden: „Zur ewigen Wacht, für ein ewiges Bündnis.“

Das Land der Merowa ist groß“, sprach Hartried plötzlich. „Zum ersten Mal besteige ich den Turm, den mein göttlicher Vater hat erbauen lassen. Und wenn ich da oben bin, werde ich unsere Heimat auf eine Weise sehen, wie ich es nie wieder sehen werde.“ Er drehte sich zu Utharmar um. „Seid gewiss, ich bin mir bewusst, weswegen wir hier sind. Aber Ihr werdet verstehen können, warum ich diese Chance nutzen muss.“

Macht Euch keine Gedanken“, meinte der Fürst von Eulenwacht mit den Händen auf dem Bauch. „Ich verstehe das. So schnell kommt Ihr nicht wieder an den Rand eines Reiches, das Ihr von Innen führt.“

Danke. Wir werden dem Vorfall umgehend auf den Grund gehen.“

Betreten wir nun den Turm?“, fragte Gunlaug. Ich habe zwar kein Diadem, das mir die Fähigkeit der Weitsicht verleiht. Aber es muss trotzdem eine fantastische Aussicht sein.

Ja.“ Hartried machte einen Schritt auf den Eingang zu.

Er stoppte, wich zurück und führte die Hand zum Schwert. Im Schatten des Turminneren erschien eine Gestalt.

Entschuldigt, dass ich Euch nicht früher begrüßen konnte“, sprach die Gestalt, ein Mann. „Ich habe euch erst bemerkt, da wart ihr schon fast am Fuße des Turmes. Der Abstiegt nahm etwas Zeit in Anspruch.“

Ist schon gut“, sprach Hartried und entspannte sich. „Tretet hervor und gebt Euch zu erkennen.“

Und als die Person aus dem Turm trat, zog Hartried endlich sein Schwert.

Der?! Wieso ist er hier?! Gunlaug tat es ihm gleich und kurz darauf auch der Herr von Eulenwacht.

Männer!“, rief Utharmar. „Auf!“ Er trat danach näher an Gunlaug, ohne die Augen von dem Mann zu lassen. „Wer ist das? Ein Feind?“

Das Gefolge kam zum Turm geeilt, Klingen und Schilde bereit, und bildete einen Halbkreis um den Eingang. Der Mann stand ruhig unter dem Rundbogen, die Eule über seinem Haupt. Er trug einen etwas dreckigen, roten Mantel und hielt sich an einem langen, knorrigen Stab fest, an dessen oberen Ende Federn angebracht waren. Unter der Kapuze blickten tiefsitzende Augen durch ungepflegtes, schwarzes Haar hervor. Es war aber ein Merkmal, an dem Gunlaug ihn sofort erkannte: die Narbe am Mund. In der rechten Gesichtshälfte erstreckte sich eine Narbe vom Mundwinkel bis zur Wange. Sie ließ sein Gesicht schief wirken, die Narbe verzerrte sein Lächeln.

Ich bin kaum bewaffnet“, sprach er und breitete die Arme aus. „Bitte, macht wegen meiner Wenigkeit keinen Aufstand. Mehr als diesen Stab habe ich nicht bei mir.“

Kein Wort, Sartur!“, befahl Hartried. „Du sprichst nur, wenn ich dich was frage. Und Männer! Lasst euch nicht von seiner Stimme gefangennehmen! Hört am besten gar nicht hin!“

Utharmar, sichtlich verwirrt, flüsterte zu Gunlaug: „Wer ist das denn?“

Cherus‘ ältester Sohn“, antwortete Gunlaug. „Er besitzt die Macht der Stimme und kann anderen seinen Willen aufzwingen. Deswegen musst du genau darauf achten, was er sagt.“

Sartur!“, gab Utharmar von sich, als erinnerte er sich an alles. „Der Verstoßene!“

Ja, siehst du die Narbe?“, sprach auch Gunlaug so leise wie möglich. „Das hat Cherus‘ eigener Speer angerichtet. Aus Zorn zeichnete er ihn, aber verschonte sein Leben.“

Was machst du hier?“, wollte Hartried wissen. „Was führst du im Schilde?“

Ich bin aus demselben Grund wie ihr hier, schätze ich“, tat Sartur unschuldig. „Ich sorge mich um unsere gemeinsame Heimat und wollte nach der Gefahr Ausschau halten, die da an der Grenze lauert. Jedoch sind meine Augen nicht mehr so gut und der Turm hat mir nichts genützt. Da aber Ihr jetzt hier seid …“

Schweig!“ Hartried zeigte mit der Schwertspitze auf Sartur. „Erkläre mir in wenigen Worten, woher du von dem Angriff weißt!“

Sartur trat aus dem Eingang, von der Schwertspitze unbeeindruckt. Er lehnte seinen Stab an die Wand des Turmes und nahm die Kapuze ab. Die entstellende Narbe war für alle deutlich zu sehen. „Da Cherus mich verstoßen hatte, nutzte ich die Zeit, um mich etwas außerhalb unseres Landes umzuschauen. Ich durchquerte den Drachenwirbel und sah, was sich dort im Osten zusammenbraut. Ich bin wieder hier, um bei der Bekämpfung der heraufziehenden Gefahr zu helfen. Das ist alles.“

Hartried senkte das Schwert. „Ist es Reue?“

Ist es wirklich so schwer sich vorzustellen, dass ein Merowa sich um das Land der Merowa sorgt? Auch nachdem was …“ Kurz berührten Sarturs Fingerspitzen die Narbe. Dann wurde er sich dessen bewusst und zog die Hand schnell weg. „König. Ich weiß, dass Ihr in mich hineinschauen könnt. Das Diadem, geschmiedet aus Zwergenhand, gibt Euch nicht nur die Fähigkeit, in die Ferne zu blicken. Auch in die Tiefen eines Menschen Seele. Ergründet meine Absichten, dann werdet Ihr sehen, dass ich es gut meine.“

Stille. Sartur lehnte noch immer an der Wand, blieb die Ruhe selbst. Hartried starrte ihn an, hielt seinen Blick ganz fest auf seinen Halbbruder mit der Narbe. Gunlaug nahm eine Unruhe unter dem Gefolge war, wie die Männer Blicke tauschten und in angespannter Haltung auf Hartrieds Antwort warteten. Utharmar neben ihm starrte mit aufgerissenem Mund, als würde er Zeuge eines denkwürdigen Ereignisses.

Gunlaug?“, fragte Hartried plötzlich.

Dieser wurde aus seinen Betrachtungen gerissen und zuckte zusammen. „Ja?“

Wir gehen zu dritt hoch. Stecke das Schwert weg.“

Erleichterung, vielleicht auch Verwirrung machte sich breit.

Zu dritt?“, fragte Utharmar. „Wer bleibt hier unten?“

Hartried drehte sich zum Fürsten von Eulenwacht um. „Ich möchte, dass Ihr hier unten bleibt und die Umgebung im Auge behaltet. Wir drei Söhne des Cherus werden den Turm betreten.“

Sartur entfernte sich von der Wand. Mit einem Lächeln nahm er seinen Stab. Die Narbe verwandelte es in eine Grimasse. Daraufhin verschwand er im Inneren des Turmes.

Was Hartried gesehen hat?, fragte sich Gunlaug. Er hat wohl einen tieferen Einblick in diesen merkwürdigen Mann erhalten als jeder andere Mensch.

Hartried deutete auf den Eingang und gemeinsam betraten sie den Turm. Eine schmucklose, enge Treppe führte zur Spitze. Gunlaug konnte Sarturs Stab auf die Steinstufen klacken hören. Er war schon hinter den scheinbar endlosen Biegungen des schmalen Aufgangs verschwunden.

Hartried stoppte, wandte den Kopf um eine Biegung und sah danach Gunlaug an. Er fasste den Griff seines Schwertes kurz an und deutete mit einer Kopfbewegung die Treppe hoch.

Der will doch nicht, dass wir Sartur hinterrücks niedermeucheln?

Dann stieg Hartried wieder die Treppen hinauf.

Gunlaug stand für eine Weile verdutzt da, bevor er dem König hastig folgte. Wenn Sartur irgendwie zu einer Gefahr wird, werde ich ihm natürlich beistehen. Das steht nicht in Frage. Und ich zögere auch nicht, notfalls mit Gewalt gegen Sartur vorzugehen, ihn gar umzubringen. Aber so einen feigen Angriff? Was werden die Männer da draußen denken? Und Utharmar? … Was würden seine Frau und sein Sohn von Hartried denken? Oder liegt es daran, was Hartried in Sartur gesehen hat?

So ähnlich kreisten seine Gedanken, während sie die Treppe des Eulensicht-Turms hinaufstiegen. Gunlaug musste sich eingestehen, etwas außer Atem zu geraten. Glücklicherweise hörte er das Geräusch des Windes anschwellen und nach mehreren Biegungen sah er die Öffnung zur Turmspitze.

Scheiß auf das Diadem und seine Weitsicht. Das musste zu einem der schönsten Anblicke gehören, die er jemals erleben durfte. Gunlaug drehte sich mehrmals. Hier endlose Wiesen, ein helles grün bis zum Horizont. Dort endlose Wälder, ein dunkleres Grün bis zum anderen Horizont. Dazwischen wechselten sich Graslandschaften mit Hainen und in der Nähe des Drachenwirbels, der ihm größer vorkam als je zuvor, sah er das Blau eines Flusses, für den er keinen Namen hatte. Die Spitzen der Berge ragten aus graue Wolken hervor, vor dem Gebirge ballte sich eine dunkle Decke, die sich bestimmt bald ergießen würde.

Hartried beugte sich über die Brüstung und spähte bereits in Richtung Nordosten, wo sich die überfallenen Höfe befanden. Sartur stand hinter ihm, auf seinen Stab gestützt und den Kopf in dieselbe Richtung gewandt.

Was seht Ihr?“, fragte Sartur.

Wie Utharmar es berichtet hat. Leere Höfe. Bis aufs Gras scheinen sie leergefegt zu sein von Leben. Da! Ein Knochenhaufen. Die Spuren von Feuerstellen. Noch mehr Knochen. Dann wollen wir mal nach denen suchen, die das angerichtet haben …“

Da habe ich eine Idee.“ Sartur deutete auf den Drachenwirbel, zwischen zwei Berge. „Wenn Ihr euren Blick in diese Richtung wenden würde.“

Dort? Was soll ich da sehen … Das ist jenseits unseres Landes.“

Nur etwas weiter dorthin …“

Bei den Götter“, entfuhr es Hartried und er trat einen Schritt von der Brüstung. „Sie schänden das Land!“

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