Kapitel 14, Gunlaug

Was meinst du?“, fragte Gunlaug, von Hartrieds Ausdruck überrascht.

Berichtet uns“, bat Sartur, „was Ihr seht, König.“

Hartried trat an die Brüstung heran und spähte zwischen die Berge des Drachenwirbels. „Sie pflügen durch das Land mit riesigen Bestien und ebenso großen Pflügen, bis sich das Innere der Erde nach Außen kehrt. Sie stauen Seen und überfluten ganze Ebenen. Sie füllen die Felder voller Öfen, deren Rauch den Himmel verdunkelt. Die Wälder fallen ihren Klingen zum Opfer, die Bäume dem Feuer. Sie nehmen sich das Land und umformen es in etwas anderes, gegen seinen Willen. Und dahinter …“ Hartried beugte sich vor. „Eine staubige Ebene. Bar jedes Lebens.“

Wer ist es?“, fragte Gunlaug.

Hartried kniff die Augen zusammen. Nach einer Weile sprach er: „Borstige Tierwesen, mit dicken Leibern, breiten Nasen … Stoßzähnen.“ Hartried wendete sich ab und drehte sich zu Sartur um. „Orks?“

Sartur, mit der Hand am Kinn, nickte. „Ihr habt gesehen, was möglicherweise auf das Reich zukommen könnte. Wohin ihr gerade Euren Blick gewandt habt, dorthin bin ich gereist. Da war das Land östlich vom Drachenwirbel noch grün und fruchtbar. Aber bald wird es genauso trostlos sein wie die Länder, aus denen die Orks kommen. Sie sind zerstörerische Bestien, die in ihrem Hunger nur Verwüstung zurücklassen. Aber schlau genug zu wissen, dass sie bald weiterziehen müssen. Und es könnte uns treffen.“

Könnte?“ Gunlaug trat an Sartur heran. „Erzähl uns, was du weißt, wenn dir dieses Land so wichtig ist!“

Gunlaug“, sprach Hartried. „Sei vorsichtig.“

Sartur verzog das Gesicht und die Narbe machte ihn hässlich. „Ihr misstraut mir noch immer? Nachdem Ihr in mein Innerstes geschaut habt? Das verletzt mich.“

Dann halte dich kurz“, befahl Hartried.

Natürlich. Leider muss ich Euch enttäuschen. Ich kann nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob sie uns angreifen werden. Sie könnten auch nach Süden ziehen oder nach Norden und wieder in ihre Heimat umkehren. Sie könnten versuchen, über den Drachenwirbel in unser Land einzufallen oder sie dringen mit ihrer Armee hier ein.“

Die Armee ist noch nicht hier?“ Hartried spähte wieder ins Land hinaus und suchte das Gebirge ab.

Es war bestimmt nur ein Spähtrupp, der die Höfe überfiel. Ihren Herren werden die Orks von bestellten Feldern und viel Vieh berichten. Bald beginnt die Erntezeit, wenn sie nicht jetzt zuschlagen, treffen sie erst im Winter hier ein. Aber nächstes Jahr … Oder vielleicht erst in ein paar Jahren …“

Wieso fragen wir sie nicht? Da.“ Hartried deutete in die Nähe der Höfe. „Sie sind noch nicht alle zurückgekehrt. Zwanzig, vielleicht dreißig dieser Orks. Wir schnappen sie uns und zwingen sie dazu uns zu berichten, was hier vorgeht.“

Ja, richtig, dachte sich Gunlaug und blickte zu den brennenden Höfen. Wir müssen wissen, was hier vor sich geht. Und außerdem können wir sie nicht einfach davon kommen lassen. Die Opfer der Orks unterstanden keinem Fürsten. Aber es waren trotzdem Merowa. Und die Orks aßen sie. Ich hoffte, dass es zu keinem Kampf kommen würde. Aber das muss geahndet werden.

Dann solltet Ihr sogleich aufbrechen“, meinte Sartur. „Die meisten Späher müssten schon fort sein. Was die hier noch machen …“ Er schüttelte den Kopf. „Schwer zu sagen.“

Hartried nahm den Blick von der Ferne. „Wir reiten sofort weiter“, sagte er zu Gunlaug und schritt an Sartur vorbei.

Das war es? Wollte er Sartur nicht noch umbringen?, fragte sich Gunlaug. Na ja, ich war nicht gerade erpicht darauf, jemanden hier oben zu ermorden. Vielleicht ist Sartur kein so schlechter Kerl.

Ich hoffe“, sprach da Sartur, „Ihr habt euch hier oben satt gesehen.“

Ah.“ Hartried blieb plötzlich stehen und drehte sich zu Sartur um. „Wo Ihr schon mal hier seid, wollte ich doch noch etwas fragen. Wart Ihr es? Habt Ihr es wirklich getan?“

Sartur seufzte und tat etwas, das Gunlaug nicht verstand. Er hob seinen Stab und schlug dann mit der Unterseite gegen den Turm. Auch Hartried sah es, langsam bewegte sich seine Hand zum Schwert. Die Finger schwebten wenige Zentimeter vom Griff entfernt in der Luft. Ein kurzer Blick und Gunlaug verstand.

Ob ich was getan habe?“, fragte Sartur unschuldig.

Es gab kein richtiges Verfahren, keinen Thing“, sagte Hartried und ging einen Schritt auf Sartur zu. „Es ist zwar schon viele Jahre her, aber es gibt noch immer Angehörige, die Gerechtigkeit für das verlangen, was Ihr angeblich getan haben sollt.“

Aber bestraft wurde ich schon“, erwiderte Sartur und strich sich über die Narbe an der Wange. „Unser gemeinsamer Vater hatte schnell geurteilt, mich gezeichnet und daraufhin gebannt. Gilt denn das Wort des Cherus‘ nichts? Reicht das nicht aus? Wenn Ihr mich wieder verbannen wollt, gut, dann gehe ich. Wenn Ihr vorhabt mich nochmals zu zeichnen, dann werde ich mir das Recht nehmen, mich zu verteidigen.“

Ein weiteres Mal schlug er mit dem Stab gegen den Turm. Gunlaug fragte sich, was das sollte. Das Geräusch war kaum laut genug, um jemanden ein Zeichen zu geben.

Hartried ließ sich davon nicht beirren. „Das geschah nicht auf einem Thing, es war nicht rechtens.“

Ah!“ Sartur lächelte. „Behauptet Ihr etwa, der weise Gott Cherus hätte falsch gehandelt? Nicht nach dem Recht der Merowa?“

Er war auch nur ein Mensch“, sagte Gunlaug. Er fühlte sich plötzlich, als müsste er sich dazu äußern. „Ein Gott, ja. Aber als Mensch geboren, als Mensch aufgewachsen. Er dachte auch so wie ein Mensch, fühlte wie ein Mensch. Cherus handelte aus sehr menschlichem Zorn. Nun, ich war nicht dabei. Aber vielleicht hat er wirklich einen Fehler gemacht.“

Gunlaug“, sagte Sartur und wandte seinen Kopf zu ihm, „ich hörte schon davon, dass Euer Herz nicht so grausam sein soll, wie das eines Gericht sprechenden Königs manchmal sein muss. Vielleicht wäre dieses Reich besser dran, würdet Ihr auf dem Thron im Königs-Thing sitzen. Oder schlechter. Aber das Schicksal hat unser Land nun Hartried, dem zweiten Sohn des Cherus, übergeben und der sagt?“

Kommt mit uns“, erwiderte Hartried. „Und wir sprechen Gericht, so wie es sich gehört.“

Diesmal trat Sartur einen Schritt auf Hartried zu.

Hartrieds Hand umfasste den Schwertgriff. Aber er führte die Bewegung nicht vollständig aus, die Hand verharrte wieder.

Mein König, ich weiß, Ihr wollt in mich hineinsehen. Aus meinen Augen erfahren, was sich wirklich zugetragen hat, was damals wirklich geschehen ist.“

Sartur trat einen weiteren Schritt näher.

Hartried stand da wie versteinert. Sollte Gunlaug etwas unternehmen? Sollte er eingreifen?

Schaut ruhig“, sprach Sartur und trat ganz nahe an Hartried heran.

Hartried wich einen Schritt zurück. Immerzu blickte er Sartur an, mit weit aufgerissenen Augen starrte er in sein Angesicht. Der Mund stand ihm offen, die Hand an Schwertgriff begann zu zittern.

Mit einem Stöhnen riss er sich los. „Ja“, brachte Hartried nach Luft ringend hervor. „Cherus hatte einen Fehler gemacht. Er hätte dich umbringen sollen.“

Was hast du gesehen?“, wollte Gunlaug wissen und erwartete das Schlimmste.

Ein Dorf in Flammen“, sprach Hartried mit zusammengebissenen Zähnen. „Die Dorfbewohner erschlagen.“ Er zog endlich das Schwert. „Eine wütende Meute, angestachelt von ihm!“

Reicht das?“, fragte Sartur mit Resignation in der Stimme. „Wisst Ihr nun Bescheid über das, was damals geschah? Warum ich das getan habe?“

Ihr gehört vor ein Gericht! Es ist mir egal, was Cherus Euch bereits angetan hatte. Ihr sollt gerichtet werden, wie es Brauch bei den Merowa ist. Deswegen werdet Ihr mit uns kommen. Wenn es sein muss in Fesseln.“

Ein weiterer Schlag mit dem Stab gegen den Turm. „Das würde ich vermeiden wollen“, meinte Sartur gelassen. „Ich habe noch viel zu erledigen.“

Ein Schrei. Von unten. Gunlaug und Hartried schauten sich überrascht an. Dann deutete Hartried ihm, nachzuschauen.

Gunlaug beugte sich über die Brüste. Wölfe! So sah es jedenfalls von hier oben aus. Zwanzig, dreißig, vielleicht vierzig Wölfe hatten den Turm, das Gefolge und den Fürsten von Eulenwacht umzingelt. Die Männer standen mit dem Rücken zum Turm. Die Wölfe mussten sie komplett überrascht haben.

Was ist?“, fragte Hartried ungeduldig.

Wölfe, überall. Sie haben uns umzingelt!“

Mein Gefolge ist hier“, sprach Sartur, „um mir sicheres Geleit zu gewährleisten. Es wird nämlich Zeit für mich zu gehen. Wir haben alle noch vieles zu tun, nicht wahr?“ Er schickte sich an, die Treppe hinabzusteigen. Sartur stoppte, als fiele ihm noch etwas ein. „Ah! Und wenn ich nicht bald dort unten erscheine, wird mein Gefolge das Schlimmste annehmen und Rache nehmen. Sicherlich könnt ihr beiden wackeren Recken es mit ihnen aufnehmen. Aber um die Männer dort unten, die nicht das Glück haben, von einem Gott abstammen zu dürfen, um die würde ich mir Gedanken machen. Also, mein König.“ Und Sartur deutete mit der offenen Hand auf die Treppe. „Ich werde jetzt hinunter gehen und es würde mir nichts ausmachen, wenn Ihr mir folgen würdet. Falls mir nämlich ein Missgeschick geschieht, ich vielleicht falle und Ihr mich nicht fängt, wird mein Gefolge das vielleicht falsch aufnehmen – und viele werden den Tod finden.“

Gunlaug konnte beinahe hören, wie Hartried mit den Zähnen knirschte. Widerwillig steckte er das Schwert in die Scheide.

Dir nach“, sagte Hartried mit gepresster Stimme.

Rufe, manche der Männer schienen gegen das Wolfsrudel anschreien zu wollen oder versuchten sie mit der eigenen Stimme einzuschüchtern. Je weiter sie die Treppe hinabstiegen, desto deutlicher drang das Knurren unzähliger Wolfskehlen zu ihnen.

Aus den Eingang zum Turm getreten sahen sie sich umzingelt von Zähne fletschenden Wölfen, die mit gesenkten Köpfen das Gefolge umstellten und es mit gierigen Augen anblickten.

Mein König!“ Da kam der Fürsten von Eulenwacht heran. „Wir wurden überrascht! Sie waren so schnell da …“

Ist schon gut“, unterbrach ihn Hartried. „Wir sind nun hier. Und Sartur ist sicher. Nun kann er gehen. Und sein Gefolge mitnehmen.“

Keine Sorge, wir werden friedlich abziehen.“ Sartur schritt an ihnen vorbei und stellte sich mitten ins Wolfsrudel. Die Tiere schienen ihn nicht zu beachten, sondern fixierten noch immer die Männer. „Eins möchte ich Euch noch auf dem Weg geben.“

Was denn noch?“, fragte Hartried mit Zorn in der Stimme, den er nur schwer unterdrücken konnte.

Der Osten ist nicht nur voller Feinde.“ Aus irgendeinen Grund blickte Sartur nun Gunlaug an. Gunlaug fühlte sich wie aufgespießt von seinem Blick. Seine Augen bekamen etwas Durchdringendes, Einnehmendes, dessen Gunlaug sich nur schwer entziehen konnte. „Sucht Verbündete im Osten.“

Plötzlich stand Sartur vor Gunlaug. Zu riesenhafter Größe war er angewachsen und türmte sich bedrohlich vor ihm auf.

IM OSTEN“

Sarturs Stimme dröhnte in seinen Schädel, Gunlaug hielt sich die Ohren.

SIND VERBÜNDETE“

Sarturs Riesengestalt beugte sich über den mickrigen Gunlaug und von oben herab befahl er: „ZIEHE IN DEN OSTEN“

Gunlaug fiel hin, verwirrt, orientierungslos. Sartur stand zwischen den Wölfen, mit dem Stab in der Hand und einem leichten Lächeln auf den Lippen, jedoch schief durch die Narbe.

Gehabt Euch wohl, mein König, edle Männer.“

Ein Wolf trat hervor, stellte sich neben Sartur und schaute sie alle mit einem menschlichen Gesicht an.

Was war das gerade?! Und was ist denn das?!

Statt einer Wolfsschnauze ein Menschenmund und Menschennase, statt Raubtieraugen die Augen eines Mannes. Sie blickten fast schon desinteressiert auf die Menschen. Der Wolf mit dem Menschengesicht wandte sich an Sartur, sprach Worte, die keine Menschenworte waren und Sartur antwortete in derselben fremden Sprache. Dann zogen sie in den Wald hinein. Keiner traute sich, ihnen zu folgen.

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