Kapitel 15, Gunlaug

Sie ritten in den Kampf, sollten mutig und grimmig dreinblicken. Gunlaug konnte aber spüren, wie ihnen allen die Angst im Nacken saß. Nicht unbedingt wegen des Kampfes, der noch kommen sollte. Sondern wegen Sarturs Wölfe und diesem anderen … Ding. Er wollte es nicht als Wolf bezeichnen. Dieses Ding mit Menschengesicht durfte es nicht geben. Die Geschichten durfte es geben, um den Kindern Angst davor zu machen, zu tief in die Wälder zu gehen. Aber das Ding an sich … Ihm schauderte.

Wenn Sartur ihnen wirklich helfen wollte, so tat er ihnen mit diesem Angriff keinen Gefallen.

Nun, Hartried wollte ihn abführen, ihn vor das Thing-Gericht stellen. Vielleicht sollte ich versuchen, ihn zu verstehen. Vielleicht fürchtet Sartur ja wirklich, bestraft zu werden. Und die Bestrafung könnte schlimmer ausfallen als das, was er bisher erlitten hatte.

Hartried, der schweigend auf seinem mächtigen Hirsch voran ritt, musste einen tiefen Einblick in die Seele dieses Menschen bekommen haben. Eine Frage brannte Gunlaug auf der Zunge. Er beschleunigte seinen Hirsch und holte zu ihm auf.

Hartried“, sprach er neben ihm reitend. „Wegen Sartur.“

Was ist?“, erwiderte der König in einem Ton, der klar machte, dass er eigentlich nicht darüber reden wollte.

Erzähl mir, was du gesehen hast. Ist es wahr? Was sie über ihn erzählen, was er damals getan hatte?“

Was erzählen? Ich habe schon viele Varianten dieser Geschichte gehört. Eine unwahrscheinlicher als die andere.“

Aber du hast es gesehen! Bitte, ich muss es wissen. Die Fragen quälen mich, ich kann so nicht in den Kampf ziehen.“

Hartried rollte mit den Augen, wandte seinen Blick nach hinten zum Gefolge und sah sich dann in der Umgebung um. Er zeigte auf einen Hügel unweit von ihnen. Sie mussten nur durch die offene Graslandschaft zu ihm reiten. Zum Fürsten von Eulenwacht rief er: „Ich will mich noch mal umsehen!“

Der Fürst nickte und sie steuerten den Hügel an.

Ein Vorwand, Hartried hatte schnell erkannt, dass die Orks sich noch immer auf dem Weg befanden.

Sie reiten nicht, sondern fahren auf schweren Wagen. Wir sind schneller als sie. Eine kurze Pause“, befahl der König und zustimmendes Gemurmel erklang unter den Männern. Gunlaug las in Hartrieds Augen, dass sie etwas Abstand von den Männern nehmen sollten.

Utharmar mischte sich derweil unter sein Gefolge. Entweder verstand er oder … Nun, wenigstens mischte er sich nicht ein.

Sie gingen ein Stück den Hügel hinab. Hartried prüfte, ob niemand in ihrer Nähe war.

Leider scheinen die Geschichten wahr zu sein“, begann er.

Ich hörte“, erwiderte Gunlaug, „er habe Dämonen heraufbeschworen, um die Familie auszulöschen.“

Gut. Nicht diese Geschichte. Er war … vielleicht um die 15 oder 16 Jahre alt. Cherus war zu diesem Zeitpunkt schon längst woanders und ließ eine Mutter und ein halbgöttliches Kind zurück. Ihre Familie hatte sich um die beiden gekümmert. Er hatte kein schlechtes Leben. Nun, er tat das, was ein 15 oder 16-jähriger Junge nun mal tut, er verliebte sich in ein Mädchen. Leider besaß er zu diesem Zeitpunkt schon diese Begabung.“

Die Stimme.“

Die Stimme“, bestätigte Hartried, „die einem seinen Willen aufzwingt. Zu seiner Verteidigung: Er ahnte nur, dass er so eine Fähigkeit besaß. Aber blind vor Liebe konnte er nicht sehen, dass sie ihn nicht liebte, dass ihre Zuneigung nicht wirklich war. Sie kam nur zu ihm wegen der Macht seiner Stimme. Ihre Verwandten merkten, dass etwas nicht stimmte und verbaten ihr, ihn zu sehen.“

Hartried machte eine Pause. Mit verschränkten Armen stand er da und schien die nächsten Kapitel dieser Geschichte zu überdenken.

Was geschah dann?“, fragte Gunlaug, der unbedingt wissen musste, wie es weiterging.

Es kam zum Streit zwischen beiden Familien. Und Sartur hatte seinen Anteil daran. Die Stimme wiegelte seine Verwandten gegen die Familie des Mädchens auf. Gleichzeitig sagte ihre Familie … ich glaube, ihr Name war Midda, also Middas Familie sagte, er habe sie verhext. Er sei mit dunklen Mächten im Bunde, die er im Wald träfe.“

Unweigerlich musste Gunlaug an die Wölfe denken. Aber damals schon … nein, das kann ich mir nicht vorstellen.

Und es kam, wie es kommen musste: Der Streit eskalierte, es floss Blut. Middas Familie litt schwer darunter, verlor Sohn um Sohn. Bis sie aufgaben. Sartur bekam Midda als Braut versprochen.“

Das muss keine schöne Hochzeit gewesen sein.“

Wenigstens das blieb dem Mädchen erspart. Cherus bekam von dem Streit mit und wollte sehen, was sein ältester Sohn so trieb. Die beiden besprachen sich und Cherus bezichtigte ihn aller Untaten, die zu ihm drangen.“ Hartried lachte traurig. „Da freute das Söhnchen sich, Vater war endlich wieder da. Aber nur, um über ihn zu richten.“

Hartried machte wieder eine Pause. Eine Spur von Traurigkeit wollte nicht aus seinem Ausdruck verschwinden.

Ja, dachte sich Gunlaug, er war nicht oft da.

Jedenfalls“, fuhr Hartried fort, „warf Cherus seinem Sohn so Einiges vor und hatte wohl mit allem recht. Nur Sartur wollte es nicht wahrhaben. Und als sie stritten, ging er einen Schritt zu weit.“

Was tat er?“, fragte Gunlaug.

Hartried lachte erneut, nur drang Spott in die Traurigkeit. „Er wandte die Stimme an Cherus an. Ha! Zu seiner Verteidigung muss man sagen, dass zu diesem Zeitpunkt keiner etwas über Cherus göttliche Herkunft wusste. Es kam Sartur teuer zu stehen. Seine Stimme zeigte nicht die erhoffte Wirkung und aus Wut schmiss Cherus seinen Speer. Das Resultat hast du ja gesehen.“ Hartried schüttelte den Kopf. „Und das ist die glorreiche Geschichte des ersten Sohnes des Gottes Cherus.“

Und was geschah mit Midda?“, fragte Gunlaug.

Nachdem er Sartur verbannt hatte, sprach er das Mädchen von der Verlobung frei. Ganz inoffiziell.“

Ich hörte, sie solle sich das Leben genommen haben. Hast du davon auch etwas in Sartur gesehen?“

Nein, er bekam sie nie wieder zu Gesicht. Damit endete der Einblick, den ich in Sarturs Innere bekam. Reicht das?“

Ja, ich denke schon.“ Diese Erzählung hatte Gunlaug erschüttert. Auch wenn sie weit von den Schreckensgeschichten entfernt war, welche von Dämonen und Ähnlichem handelten, so bestätigte sie doch seine schlimmsten Befürchtungen. Unaufhörlich kreisten seine Gedanken darum, doch etwas zu finden, das Sartur von den schlimmsten Vergehen freisprach, das ihn in ein besseres Licht rückte. Sogar Cherus‘ oder Middas Verwandte, ja selbst Midda mitschuldig machte. Aber nein, Hartried tat rechtens daran, Sartur mitnehmen und vor das Thing-Gericht stellen zu wollen. Doch eine Sache war da …

Hartried, beantworte mir nur noch …“

Hartried war dabei, den Hügel wieder hinaufzusteigen. „Was?“

Seine Absicht, uns zu helfen, das war aufrichtig. Oder?“

Sarturs Seele sprach klar und deutlich: Ich möchte das Land schützen.“

Gunlaug atmete auf. Das war etwas. Vielleicht möchte er seine Fehler wiedergutmachen. Hoffen wir nur, er hat seine Seele nicht an dieses Wolfsding verkauft.

Können wir jetzt weiter?“, fragte Hartried.

Hmm, ja.“

Ach!“, spie Hartried. „Das alles drückt die Stimmung.“ Mit energischen Schritten erklomm er den Hügel.

Gunlaug beeilte sich, ihm zu folgen.

Wir haben einen Kampf vor uns. Sarturs Auftritt drückt die ganze Moral.“

Was hast du vor?“

Sie erreichten die Kuppe des Hügels. Die Männer wandten ihre Köpfe zu ihnen. Sie sprangen nicht auf, bereit, dem Feind entgegenzutreten, wie Gunlaug erwarten würde.

Es geht weiter!“, ließ Gunlaug verlautbaren.

Zustimmendes Gemurmel, verhaltene „Jawohl“’s. Nacheinander erhoben die Männer sich aus dem Gras. Gunlaug verstand, was Hartried meinte. Es fehlte das Feuer, der Tatendrang.

Utharmar jedoch sprang hoch und eilte zu seinem Hirsch. Er wollte wohl ein Vorbild für seine Männer sein. Die erhoffte Wirkung blieb aus. Langsam traten die Männer an ihre Pferde.

Hartried und Gunlaug waren bei ihren Hirschen angekommen und schwangen sich auf deren Rücken. Der König schien den Eifer für die ganze Mannschaft zu haben. Sie sprang auch auf Gunlaug über.

Na wird es was!“, rief Hartried und etwas Eile kehrte in die unmotivierten Glieder ein.

Das gefällt mir ganz und gar nicht! Habt ihr denn vergessen, weswegen wir hier sind? Da draußen sind Menschenfresser! Lasst euch das durch euren Kopf gehen. Keine wilden Bestien, aber fast welche. Ihr werdet Orks zu Gesicht bekommen, Männer.“

Mittlerweile hatten sie alle Pferde bestiegen und sich um den König gesammelt. Aufmerksam hörten sie ihm zu.

Mit dem Hunger von Bestien und der Intelligenz eines Menschen. Fast, erzählt man sich. Aber eins weiß ich: Diese Orks haben Menschen überfallen und sich an ihren Leibern satt gefressen. Nur ein Spähtrupp. Nichts im Vergleich zu der Armee, die hinter dem Drachenwirbel wartet.“

Hartried zeigte auf das riesige, wolkenverhangene Gebirge im Osten, ihre Köpfe folgten seinem Finger.

Und wenn die alle zurückkehren, berichten sie ihren Herren von weiten Feldern, köstlichen Herden und wehrlosen Bauern. Eine Frucht, reif zum Pflücken. Den ganzen Baum werden sie leer pflücken, bis nur noch ein Astgerippe zurückbleibt. Doch dort -“ Und er zeigte in die Ebene, wo sich der kleine Trupp befinden sollte. „Dort sind noch ein paar. Und die werden wir uns schnappen. Und wisst ihr, was wir mit ihnen machen werden?“

Sie bestrafen!“, rief einer.

Wie?“, fragte der König und beugte sich auf seinem Hirsch nach vorne, als konnte er die Antwort nicht erwarten.

Wir werden sie alle umbringen!“, antworte ein anderer.

Nein, das werden wir nicht.“

Hartried lehnte sich wieder zurück. Machte eine Pause, schaute sich alle Gesichter in Ruhe an. In diesen Momenten, so fand Gunlaug, ähnelte er wirklich seinem Vater. Der Cherus, der die streitenden Stämme der Merowa vereinen konnte. Der Held, der seine Göttergestalt offenbaren sollte. Und sie siegreich gegen einen schrecklichen Feind führte.

Wir werden fast alle umbringen. Ein paar lassen wir leben. Und schicken sie zu ihren Herren zurück. Damit sie geschunden, geschlagen, gebrochen und mit bibbernden Lippen ihren Herren berichten können: In Merow gibt es auch wehrhafte Männer und die sprechen blutiges Gericht!“

Ein Geschrei ging durch das Gefolge, als hatten sie bereits gewonnen. Unruhe ergriff die Pferde. Hartried, mit einem Lächeln im Gesicht, brauchte sich nur umzudrehen und sie folgten ihm ohne Befehl den Hügel hinunter.

Schon bald sahen sie die tiefen Furchen, welche die Wagen der Orks durch die Erde schnitten. Sie folgten ihnen, bis die Wagen als kleine Punkte erschienen und dann immer größer wurden.

Sie hatten sie bemerkt. Soweit Gunlaug erkennen konnte, standen zwei Orks in einem Wagen. Die Gefährte wurden von Tieren gezogen, welche wie übergroße Ochsen oder Stiere aussahen. Die Tiere wirkten massig, mit Hörnern, die er selbst von weitem sehen konnte. Gunlaug stellte sich die verschiedensten Weisen vor, wie dieser Kampf vonstatten gehen könnte: Sie plänkelten mit Geschossen, während die Orks versuchten, davonzukommen; Die Orks versuchten nicht davonzukommen, aber einem direkten Kampf mit Schwert und Speer aus dem Weg zu gehen; Die Orks stiegen ab und bildeten ein Lager mit ihren Wagen, um ihre Position zu sichern; Oder sie drehten um und es kam zu einem harten Zusammentreffen. Bitte lass es nicht dazu kommen. Ich traue meinem Hirsch, durch Reihen von Speeren und Schilden zu pflügen. Aber diese Tiere sehen gewaltig aus und ziehen noch einen Wagen hinter sich her. Ich weiß nicht, wie dieser Zusammenstoß ausgehen wird.

Die Männer schienen solche Gedanken nicht zu haben. Sie fletschten die Zähne, hielten Wurfspeere bereit, spornten ihre Pferde an. Hartrieds kleine Ansprache wirkte noch; unaufhörlich verringerte sich der Abstand. Sie waren erpicht auf diesen Kampf.

So gut es bei dieser Geschwindigkeit ging, lenkte Gunlaug seinen Hirsch näher an Hartried.

Was ist dein Plan?“, fragte er ihn.

Das kommt auf sie an.“

Und dann begannen sie eine Schleife zu fahren. Schwerfälliger als ihre Reittiere fuhren die Wagen eine Kurve – und steuerten direkt auf sie zu.

Verdammt!

Was jetzt?“

Doch Hartried blieb stumm und fixierte die Streitwagen.

Die Stiere kamen näher, wurden größer, wirkten noch mächtiger, als Gunlaug von weitem glauben konnte. Sie senkten die Köpfe, mit spitzen Hörnern bereit für den Zusammenstoß.

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