Kapitel 16, Gunlaug

Auch sein Hirsch senkte den Kopf und hielt den Stieren sein mächtiges Geweih entgegen. Unaufhörlich verringerte sich der Abstand zwischen den beiden Gruppen.

Bei den Göttern, dachte sich Gunlaug und schaute zu Hartried rüber. Bei Cherus. Lasse es nicht zu einem Aufprall kommen. Bei Cherus. Bei Cherus. Wenn du es befiehlst, werde ich mit aller Wucht in diese Reihen reiten, aber …

Je näher sie kamen, desto wuchtiger wirkten diese Stiere. Schaum stand ihnen vor dem Mund. Gunlaug sah die sehnigen Muskeln dieser stämmigen Zugtiere.

Bei Cherus, Cherus, Cherus …

Er hörte sie stampfen, hörte sie schnauben.

Cherus behüte uns …

Auseinander!“, befahl Hartried.

Danke!

Gunlaug wandte seinen Hirsch ruckartig nach rechts. Ein Blick nach hinten, Hartried scherte zur anderen Seite aus. Ihre Formation öffnete sich in der Mitte und die Stiere rollten hindurch. Knarrend rumpelte einer Streitwagen direkt an Gunlaug vorbei. Kaum sah er den Bogen sich spannen, hob er reflexartig den Schild hoch. Der Pfeil drang ins Holz und blieb stecken. Die kleine Metallspitze blitzte vor seiner Nase auf.

Über dem Rand des Schildes blickend sah er zum ersten Male die Orks: Massige Tiermenschen mit Schweineschnauzen und Hauern, die aus ihren Mündern wuchsen. Ein dichtes, borstiges Fell von dunkelbrauner Farbe. Kurze Beine, kräftige Arme. Der Schütze auf dem Wagen wedelte mit seinem Bogen in der Luft, als hätte er einen Treffer gelandet und stieß Tierlaute aus.

Ohne Befehl verbanden sich die Reiter wieder zu einer geschlossenen Einheit. Nicht weit von ihm entfernt ritt Hartried, neben sich Utharmar. Der König trieb seinen Hirsch zu Höchstleistungen an und machte es selbst den Pferden schwer, ihm zu folgen. Hartried hob seinen Speer; die Metallspitze funkelte silbern. Mit der Waffe beschrieb er einen Halbkreis und die Schar folgte seinem Beispiel.

Währenddessen versuchten die Orks dasselbe Manöver, aber Ha! Die Stiere und Wagen waren wesentlich behäbiger; Als sie bereits im vollen, geraden Galopp auf die Streitwagen zusteuern, drehten diese sich noch um.

Ein Ork hielt die Zügel, der andere spannte die Sehne eines großen Bogens. Das schien ihre Art zu kämpfen zu sein.

Geschosse zischten an Gunlaug vorbei. Er hörte Pfeilspitzen in das Holz von Schilden einschlagen. Neben ihm ein kurzer Aufschrei; dem Reiter steckte ein Pfeil in Brust. Mit zusammengebissenen Zähnen ritt er weiter.

Ein Pferd schrie auf. Fernab von Gunlaug stürzte es mit einem Pfeil im Hals zu Boden und vergrub seinen Reiter unter sich. Ein Pferd sprang darüber, ein zweites. Das dritte schaffte es nicht und stieß mit den Beinen dagegen, fiel vornüber und landete im Gras.

Blick nach vorne! Keine Zeit dafür, bald kam es zum Zusammenstoß. Hartried war bis ganz vorne an die Schar geritten. Sein Schild mit Pfeilen gespickt, selbst der Hirsch erlitt Verwundungen. Das Tier senkte den Kopf, das Geweih würde sie wie ein dornenbewehrter Rammbock treffen.

Ha!“, hörte er den König den Hirsch immer wieder antreiben. „Ha! Ha!“

Die Orks ließen ihre Bögen fallen und hielten sich am Wagen fest. Die Wagenlenker zerrten an den Zügeln, um die Hörner der Stiere doch noch in seinen Hirsch stoßen zu können.

Es nützte nichts.

Das Hirschgeweih erfasste einen Wagen mitsamt den Stieren. Der Aufprall schleuderte sie in die eigenen Reihen der Orks. Die Gefährte krachten ineinander, Holzsplitter und Wagenteile flogen durch die Luft, als der Hirsch durch sie pflügte wie ein wildgewordener Ochse über das Feld zur Saatzeit. Die Stiere brüllten auf, wurden umgeworfen, prallten aufeinander. Manche der Zügel rissen, die Stiere rannten frei über die Graslandschaft. Andere Wagen konnten unbeschadet aus dem Angriff hervorkommen und zogen vereinzelt davon.

Doch auch der Lauf des Hirsches musste irgendwann zu Ende gehen. Hartried lenkte ihn aus dem Tumult heraus. Mit einem grimmigen Lächeln drehte er sich zu dem Wagenhaufen, aus dem vereinzelt Orks krochen. Der Hirsch blutete am Oberkörper, Holzteile steckten im Fell, ein paar hingen sogar im Geweih. Trotzdem bekam Hartried das Tier kaum unter Kontrolle, der Kopf wiegte hin und her, die Beine schlugen aus, als trat es unsichtbare Feinde.

Gunlaug verringerte die Geschwindigkeit und ließ die Reiter an sich vorbeiziehen. Sie waren begierig darauf, über die versprengten Orks herzufallen. Sollten sie sich ihre Sporen verdienen.

Damit hat sich die Sache wohl erledigt.“ Utharmar kam heran geritten. Gunlaug hatte ihn aus den Augen verloren. Er schien vollkommen unbeschadet, selbst sein Schild hatte keinen Pfeil abbekommen.

Du bist wohl auf“, sagte Gunlaug und hoffte augenblicklich, dass der Fürst von Eulenwacht das Fünkchen Spott in seiner Stimme nicht mitbekam.

Utharmar nahm den Helm vom Kopf und fuhr sich durch das schüttere Haar. „Der Kampf scheint auch an dir fast spurlos vorbeigezogen zu sein.“ Er untersuchte Gunlaug von oben bis unten. „Keine Verletzungen? Nein? Bei den Göttern, ich hätte schwören können, dass der König uns direkt in die Hörner der Stiere lenken würde. Da rutschten mir schon fast die Zügel aus den Händen.“

Gunlaug lachte, etwas nervös. „Ja. Ich war in der Mitte, direkt neben ihm. Da gibt es nur die Flucht nach vorne. Ich bin froh, dass wir da größtenteils heil wieder raus gekommen sind. Einer stürzte vom Pferd …“ Gunlaug blickte sich um. Die Pferde lagen noch immer im Gras, weit von ihnen entfernt. Von den Reitern keine Spur.

Zwei von meinen“, bemerkte Utharmar. „Wir sollten uns um sie kümmern. Das mit den Orks scheint sich ja fast erledigt zu haben. Oder was ist das?“

Utharmar zeigte auf den Karrenhaufen. Die Orks hatten sich gesammelt und mit Schilden bewehrt. Sie hielten die Reiter mit langen Spießen von sich oder schwangen gekrümmte Klingen umher. Dabei veranstalteten sie ein Gequieke und Gefauche, als befänden sie sich auf einem Tiermarkt. Die borstigen Orks reckten haarige Arme in die Lüfte, schüttelten mit den Köpfen.

Unentschlossenheit schien die Reiter erfasst zu haben. Sie tanzten vor den Reihen der Orks auf und ab, tasteten in ihrer improvisierten Formation nach Schwachstellen. Jedes Mal, wenn einer der Recken vorschnellte, begrüßten ihn mehrere Speerspitzen und der Reiter riss sein Pferd um oder es bäumte sich auf, schreckte vor den Spießen zurück. Hier und da warfen die Reiter Speere. Sie blieben in Schilden stecken, trafen auch mal ein Ziel. Gunlaug sah getroffene Orks zu Boden sinken, hinter dem Schildwall verschwinden – nur um wieder aufzustehen, mit einem abgebrochenen Speer in der Schulter.

Treffer einstecken können sie“, bemerkte Gunlaug.

Verdammte Biester“, erwiderte Utharmar. „Unsere kleine Truppe hat das Momentum verloren und jetzt hocken sie da. Ein paar von diesen Stieren rennen noch immer herum. Wir müssen vorsichtig sein. Und was kommt jetzt?“

Ein Ork erhob sich unter ihnen, von oben bis unten in einen langen Schuppenpanzer gehüllt. Die Schuppen wölbten sich um seinen Bauch, die Schweineschnauze lugte unter der Schuppenmaske hervor. Er richtete eine Standarte auf. Die Fahne zeigte einen Berg, der von zwei Blitzen umgeben war.

Ihr Clan?“, fragte Gunlaug. „Das Zeichen ihres Herren? Wir wissen zu wenig über diese Wesen.“

Wenn kümmert es?“, spuckte Utharmar. „Das Banner muss weg. Es verleiht ihnen Mut.“

Tatsächlich steigerten sie ihr Gebrüll und rückten ein paar Schritte vor. Sie werden bestimmt nicht die Position aufgeben. Aber der Vormarsch zeigte Wirkung: Die Reiter nahmen Abstand, Unsicherheit machte sich bei ihnen breit. Sie blickten stetig zwischen den Orks und Hartried hin und her.

Aus dem Weg!“, befahl der König.

Es bildete sich eine Schneise und die Orks lachten. Der Standartenträger hielt sich den Bauch, während er den Kopf in den Nacken legte und vor sich hin grunzte.

Hartried hob einen silbrig glänzenden Speer.

Das war’s“, sagte Gunlaug.

Ist das Königskeil?“, fragte Utharmar.

Hartried’s Hirsch setzte sich in Bewegung. Der König lehnte sich zurück, holte mit dem Wurfarm aus. Sein Oberkörper schnellte nach vorne.

Sofort warfen sich mehrere Orks vor den Standartenträger. Sie schirmten ihn mit ihren Schilden ab. Ein silberner Blitz fuhr durch sie hindurch. Schilde splitterten, Orks quiekten auf, ein Aufschrei ging durch ihre Reihen. Plötzlich kippte die Standarte, nur ein paar Zentimeter zur Seite erst. Dann sank sie gänzlich zu Boden.

Der Blitz zischte an ihnen vorbei, durch die Reihen der Reiter und zurück in Hartrieds Hand.

Königskeil“, sagte Gunlaug mit einem Lächeln auf den Lippen. „Eine der Waffen, welche die Zwerge zu Cherus‘ Ehren schmiedeten.“

Die Orks rückten enger zusammen, manche wandten sich der Standarte zu, hielten sie vom Fall ab. Der Standartenträger tauchte auf, mit blutigen Schuppen und hängendem Kopf.

Es heißt“, sagte Gunlaug, „Königskeil trifft immer sein Ziel und kehrt immer in die Hand des Königs zurück. Dieser Speer hat schon unter den Hopliten der Mykerios furchtbar gewütet. Er wird auch mit dieser Schar von Orks fertig.“

Ja, wir können den Kampf wohl als beendet ansehen. Sieh, die Orks sind verunsichert, als hätte sie ein Zauber getroffen. Bald … Scheiße!“

Gunlaug drehte sich dorthin um, wo auch Utharmar gerade hinblickte. Ein Streitwagen kam direkt auf sie zugerast. Einer von denen, die unbeschadet aus dem Angriff hervorgingen.

Utharmar trat in die Seiten seines Hirsches, das Tier sprang auf und setzte sich in Bewegung.

Mich oder ihn?, fragte sich Gunlaug. Erst dann kam er auf die Idee, seinen Hirsch anzutreiben. Er versuchte, das Tier aus der Bahn des Streitwagens zu lenken. Es schien zu spät, die Hörner des Stieres zeigten direkt auf seinen Hirsch.

Komm schon, komm schon, komm schon …

Der Hirsch machte ein paar Sprünge nach vorne. Gunlaug riss die Zügel herum. Da bohrten sich die Hörner des Stieres in die Seite des Hirsches.

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