Kapitel 17, Gunlaug

Gunlaug wurde umhergeschleudert. Gerade noch saß er auf seinem Hirsch, dann fiel er aus dem Sattel, sah das Blaue des Himmels, danach grün. Er landete mit dem Gesicht im Gras, schmeckte Erde.

Fern von ihm hörte er seinen Hirsch röhren und auf die Erde stürzen. Das Tier war schwer getroffen wurden, die Hörner mussten sich tief ins Fleisch gebohrt haben. Gunlaug hörte die Räder des Streitwagens herum rollten.

Scheiße, dachte sich Gunlaug, während er sich Erde aus dem Gesicht wischte. Wo ist Utharmar? Wo ist der Fürst von Spatzensturz?

Langsam hob er den Kopf. Er belastete seine Beine und zuckte sofort zusammen. Ein Schmerz fuhr ihm durch den Fuß.

Vielleicht sogar ein Bruch?

Gunlaug blickte sich um. Der Wagen verlangsamte seine Fahrt. Die Hufe Stiere stampften neben ihn. Gunlaug zog sein Schwert, während er sich mit dem Schild auf dem Bode abstützte.

Der Andere sah wertvoller aus“, sprach eine kehlige Stimme.

Der Andere ist weg!“, antwortete eine Stimme, in der Gunlaug ein hohes Quieken hörte.

Schönen Dank, Utharmar.

Wieder sprach der quiekende Ork: „Dann schnappe dir den. Der sieht auch nicht so arm aus.“

Schritte neben ihm. Behaarte Beine, wie ein dunkles Fell. Ein Schatten beugte sich über Gunlaug. Er schlug zu.

Der Schweinemensch quiekte auf und hielt sich den Arm. Gunlaug fiel nach hinten, noch immer nicht in der Lage, das Bein zu belasten.

Also quieken die alle so.

So nah war er den Orks noch nie gewesen. Behaart, breit gebraut, mit bauchigem Unterleib. Eine Schweineschnauze im Gesicht, aus der kurze Hauer ragten und kleine Stielaugen. Tiermensch fiel ihm am ehesten dazu ein. Der vor ihm trug einen ledernen Wams, aus dem sein Fell hervorquoll. Ein grober Wollstoff von grauer Farbe bedeckte seine Oberschenkel. Auf dem Haupt ein spitz zulaufender Helm. Mit einer Hand hielt er einen kleinen Schild, an der Seite hing ein Krummschwert. Der andere Ork befand sich auf dem Streitwagen, Zügel in der Hand.

Ha! Menschlein wehrt sich!“, quiekte der Wagenlenker. „Nun pack ihn dir und dann auf den Wagen mit ihm!“

Der Wagen und die Stiere versperrten den Blick auf die anderen Orks und Reiter. Gunlaug hörte Schreie, die nicht von Menschen sein konnten, Pferdegetrampel und das Klirren von Eisen.

Der Ork vor ihm zog das Krummschwert vom Gürtel. Das Fell des Schwertarmes saugte sich voll Blut, es schien den Ork aber nicht daran zu hindern, die Waffe einzusetzen. „Muss ich dich zwingen? Komm auf den Wagen!“

Gunlaug spuckte Dreck aus. „Wir Merowa reiten.“

Der Ork stieß einen Tierlaut aus und hob das Krummschwert.

Nur ein Bein, dachte sich Gunlaug und biss die Zähne zusammen.

Gunlaug richtete sich halb auf und endete in einer knienden Position. Sein Schild schirmte ihn von oben ab. Die Schwertspitze sauste daran vorbei. Dumpf traf die Waffe des Orks auf das Holz. Fast widerstandslos drang die Spitze in das ungeschützte Fell des Oberarmes.

Erneut quiekte der Ork auf. Gunlaugs Bein schmerzte ungeheuerlich, aber es musste diese Situation nutzen. Er belastete das andere Bein und erhob sich vollends mit einem Ruck. Mit dem Schild stieß er gegen den Ork, die Schwertspitze bohrte sich noch weiter in den Oberarm.

Der Ork taumelte zurück, der andere lachte auf. Gunlaugs Gegner schien der Schmerz kaum etwas auszumachen, während er sich fühlte, als brächen ihm die Beine weg.

Wenigstens kann ich stehen. Kein Bruch, bestimmt kein Bruch. Aber er musste die Zähne ganz schön zusammenbeißen.

Sein Gegner kam dadurch erst richtig in Fahrt. Der Schlag mit dem Schild und die Wunden im Arm schienen seine Wut nur zu befeuern. Er öffnete die Schweineschnauze weit und stieß einen Tierschrei aus.

Gunlaug erwartete einen erneuten Hieb mit dem Krummschwert. Stattdessen warf der Ork seinen Leib auf ihn.

Gunlaug konnte seinen Schild noch gerade so heben. Und traf den Leib mit dem Schwert, so vermutete er. Es war nur ein reflexartiges Hinschlagen, der Ork machte aber keine Anstalten, den Schlag irgendwie abzuwehren.

Gunlaug bekam die ganze Wucht des massigen Orkkörpers zu spüren und fiel nach hinten. Sogleich rollte er sich ab und landete in einer hockenden Position. Ein stechender Schmerz fuhr ihm durch die Beine.

Der Ork war sogleich über ihm, die Schweineschnauze weit aufgerissen. Er entblößte hässliche, schiefe Zähne und die kleinen Augen blitzten gierig auf.

Gunlaug ließ ihn auf dem Schild landen und stieß das Schwert in die Seite des Orks. Die Orkfratze war nun ganz nah. Er roch den fauligen Atem und Geifer tropfte ihm ins Gesicht.

Er drückte den Leib von sich, das Gewicht des Orks nahm ihm fast den Atem. Der Ork rollte zur Seite und Gunlaug stand hastig auf. Er verkniff das Gesicht; die Schmerzen ließen nicht nach.

Sein Schwert drang tief, bis zur Mitte war die Klinge rot gefärbt. Er blickte zum Wagenlenker: Der lehnte sich auf das Gestell. Als er Gunlaugs Blick wahrnahm, zeigte er hinter ihn.

Gunlaug drehte sich um. Sein Gegner stand wieder auf.

Wann stirbst du endlich?“, fragte er und merkte erst jetzt, wie schwer er atmete.

Noch einmal sprang der Ork, noch einmal warf er sich gegen Gunlaug. Unvorsichtig, wild wie ein in die Ecke gedrängtes Tier. Gunlaugs Schwert sank hernieder, fuhr durch Helm und Schädel. Er machte einen Sprung zur Seite, der Orkkörper fuhr an ihm vorbei, als sei es ein Geschoss aus Fleisch und Fell. Im Gras endete der Ansturm.

Gunlaug atmete durch. Der Ork blieb liegen. Blut sickerte aus der Schädeldecke ins Gras und färbte es langsam rot.

Füße traten ins Gras. Der andere Schweinemensch sprang vom Wagen ab, mit einem großen viereckigen Schild und Speer ausgerüstet. Er schien nicht wütend zu sein. Oder sonst wie betroffen von dem Tod seines Mitstreiters. Er sah ihn nur fest mit seinen kleinen Augen an.

Gunlaug machte sich bereit. Ob dieser vorsichtiger sein wird? Oder sind die alle so reizbar? Der Schmerz in den Beinen hatte nicht nachgelassen, aber Gunlaug gewöhnte sich daran. Nur noch dieser eine, dann habe ich es geschafft. Über Hilfe würde ich mich trotzdem freuen. Wo ist nur dieser Fürst von …

Hufe, das Geräusch von einer herannahenden Pferdeschar. Allen voran Hartried, der mit seinem Hirsch am Wagen vorbei angeritten kam und abrupt vor dem Ork stoppte. Gleich dahinter Utharmar, begleitet vom Rest der Reiter. Sie kreisten den Ork ein. Der ließ seinen Speer fallen und schaute zu Hartried.

Bringt es zu Ende“, forderte er.

Unser Land“, entgegnete der König, „unsere Regeln.“

Daraufhin entbrannte eine Diskussion, die sich der gefesselte Ork mit verschlossener Miene anhörte. Man schien ihn fast vergessen zu haben, wie er so alleine da saß, mit nur einer Wache neben ihm. Die Wache beteiligte sich auch lieber am Streit, als den Ork im Auge zu behalten.

Es ging darum, wie sie mit den Leichnamen der Orks verfahren sollten.

Wir sollten Sie verbrennen“, meinte der Fürst von Spatzensturz. „Ihre schändliche Tat hin oder her, das ist es, was man mit den Toten macht. Das Feuer könnte sie reinigen und ihre Seelen bekommen eine neue Chance. Nicht, dass wir ihnen diesen Gefallen schuldig sind. Aber es wäre das Beste für alle.“

Sie haben Menschen gefressen“, entgegnete ein Merowa. „Ich glaube nicht, dass die eine Seele haben.“

Und was wäre dann dein Vorschlag, Maraug?“

Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Hier liegen lassen. Was haben die denn verdient?“

Es geht nicht darum, was die verdient haben. Wir müssen das tun, was für das Gefüge der Welt entscheidend ist. Außerdem, was ist, wenn sie doch eine Seele haben? Und ihre Geister von nun an diesen Ort heimsuchen? Weil wir sie nicht ordnungsgemäß bestattet haben? Da sie einen gewaltsamen Tod starben, werden es bösartige Geister sein.“

Oh ha, dachte sich Gunlaug. Der Fürst ist sehr besorgt über die Heiligkeit seines Landes. Hätte nicht gedacht, dass er ein so lauterer Mensch ist.

Hartried unterdessen schien abwesend, strich sich über den Bart. Er schaute gar nicht zu dem Haufen von toten Orks.

Plötzlich sprach er: „Wir fangen die Stiere ein.“

Eine kurze Pause. Man wartete, dass er seinen Gedanken fortsetzte. „Ja, gut …“, sprach schließlich Utharmar.

Jeweils zwei schenken wir den Familien der Männer, die nicht mehr reiten können. Den Rest teilen wir uns, einverstanden?“

Richtig … richtig! Wir können diese gefährlichen Tiere schließlich nicht herumlaufen lassen. Aber mein König, was machen wir mit den Leichen der Orks?“

Hmm …“

Eine komplizierte Angelegenheit. Die Diskussion ermüdete ihn langsam. Gunlaug saß etwas abseits und rieb sich die Unterschenkel. Hier und da hatten sich blaue Flecken gebildet, unter Schmerzen konnten er aber gehen. Keine Stiere für mich.

Er stand auf und ging leicht humpelnd zum Ork hinüber. Gleichgültig schaute der Ork ihn an.

Gunlaug lehnte sich an das Wagengestell, räusperte sich und fragte: „Hast du dazu nichts zu sagen?“

Seine Regeln“, antwortete der Ork. Er war ruhiger geworden, die Stimme quiekte nicht mehr so stark. „Von mir aus streitet euch um das Seelenheil der Rotte.“

Ist es dir nicht wichtig, was mit ihren Seelen geschieht?“

Wisst ihr denn, was wirklich mit den Seelen passiert?“, fragte der Ork und verengte die Stielaugen zu kleinen Schlitzen. „Was ihr auch entscheidet, es könnte das Richtige oder Falsche sein.“

Aber wie behandelt ihr eure Toten in deiner Heimat, bei deinem Volk?“

Zerstückeln“, antwortete der Ork. „Den Tieren zum Fraß vorwerfen. Oder die Teile über die Ebene verstreuen. Auf dass das Fleisch dorthin zurückkehrt, wo es hergekommen ist.“

Seht mein König!“, rief plötzlich einer der Merowa. „Euer Bruder arbeitet mit dem Feind zusammen.“

Gelächter. Hartried beachtete den Scherz nicht. „Was spricht das Biest?“

Sie zerschneiden ihre Toten“, antwortete Gunlaug. „Lassen ihre Tiere die Stücke fressen oder sie verteilen die Körper über die Ebene. Lassen sie verwesen.“

Hartried nickte. „Du, Ork. Kannst du das machen? Ich erlaube dir, deine Brüder und Freunde der anderen Welt zu übergeben, wie es bei deinem Volk Brauch ist. Du kannst die Lieder deines Volkes singen und rezitieren, wonach es dir verlangt. Dafür musst du uns auch einige Fragen beantworten.“

Bindet mich los und ich erledige die Aufgabe. Nur muss ich euch Menschen enttäuschen.“

Was ist es?“, fragte Hartried.

Wir singen nur beim Kämpfen und Fressen.“

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