Kapitel 18, Gunlaug

Der Ork verlangte lediglich danach, eine Waffe aus dem Haufen der Toten nehmen zu dürfen. Der König gewährte es ihm. Nur mit einer Axt in der Hand begann der Ork damit, Beine, Arme und Köpfe abzuschlagen und sie auf die freie Fläche zu werfen. Keine Gebete, keine Klagelaute stieß er aus. Nur ab und zu ein Grunzen, das mit der körperlichen Arbeit zusammenhing.

Die Männer standen abseits, schauten ihm bei seinem blutigen Treiben zu. Keiner dachte daran, ihm zu helfen. Der Ork fragte auch nicht.

Schließlich wandte sich der König an ihn: „Wie ist dein Name? Ihr habt Namen, richtig?“

Ohne von der Arbeit abzulassen oder zum König zu blicken, antwortete der Ork: „Wir kriegen Namen, wenn wir das Kindesalter überleben und groß genug sind, uns behaupten zu können. Ublai war der Name, den man mir gab.“

Gut, Ublai“, sagte Hartried. „Woher kommt ihr?“

Mehrmals schlug der Ork mit der Axt auf einen Arm. Gunlaug hörte das Knirschen von brechenden Knochen. „Meine Heimat sind die Ebenen, von denen aus man den Berg Bögd sehen kann.“ Ublai zog an dem Arm, Sehnen und Muskeln riss er auseinander. „Zwei Blitze um den Berg kündigten jedes Jahr die Zeit des Regens an, wenn die Flüsse anschwellen und die Herden sich am Gras satt fressen.“ Der Arm war vom Körper getrennt. Ublai holte aus und warf ihn über den Wagenhaufen.

Hartried fragte Gunlaug: „Schon mal von diesem Berg etwas gehört?“

Gunlaug schüttelte den Kopf. Hartried blickte fragend Utharmar an, dann andere Männer des Gefolges. Keiner wusste von diesem Berg.

Dann sage mir“, sprach Hartried weiter, „wieso seid ihr hier?“

Ublai drehte den toten Ork, dem er gerade noch den Arm abgehackt hatte, und legte sich das Bein zurecht. Er holte aus, die Axt drang ins Fleisch. „Irgendwann gab es keine Blitze mehr und die Herden hatten weniger zu fressen. Wir zogen südwärts und trafen andere Orks, die die Erde umwälzen, Flüsse umleiten, Felder anlegen.“ Er hob die Axt, erneut schlug sie ins Fleisch. „Wir nahmen ihnen ihre Felder weg, unsere Herden tranken ihre Flüsse. Andere Orks kamen, die wollten uns die Felder und Flüsse streitig machen. Viele wurden erschlagen. Ich überlebte.“

Komm zur Sache“, meinte Hartried.

Spielverderber, dachte sich Gunlaug. Jetzt wird es gerade erst interessant.

Unter diesen neuen Orks war einer, der beendete die Kämpfe. Er hinderte hungrige Orks daran, anderen zu nehmen, nur weil sie hungrig waren. Lieber sollte unser Hunger andere treffen.“

Ublai drückte mit der freien Hand auf den Axtkopf. Das zusätzliche Gewicht durchtrennte den Knochen. Dann blickte er mit seinen kleinen Stielaugen zu den Menschen herüber. „Darum sind wir hier.“

Hartrieds Miene versteinerte sich. Ein ungemütliches Schweigen machte sich im Gefolge breit. Utharmar wischte sich über die Stirn. Zugegebenermaßen bekam auch Gunlaug ein flaues Gefühl im Magen. Ja, sie hatten diesen Kampf für sich entschieden. Doch er wollte sich nicht mit einer ganzen Armee dieser Orks messen müssen. Er konnte nicht sagen, wie sich die anderen bei dieser Vorstellung fühlten. Nach diesem Zweikampf wusste Gunlaug aber, dass sie sie nicht unterschätzen sollten.

Wie heißt dieser Ork?“, fragte Hartried.

Gorku ist sein Name, den wir ihm gaben, als wir ihn unseren Anführer nannten.“

Wenn Gorku Krieg will, dann soll er uns den Krieg erklären. Wir einigen uns dann auf ein Schlachtfeld.“

Neben der Schweineschnauze und den Hauern bildete sich etwas, das Gunlaug als ein Lächeln deutete. Ublai warf das Bein fort. „Die Welt ist unser Schlachtfeld. Wir sind bereits im Krieg. Wenn der Herr es möchte, kann er jederzeit den Drachenwirbel durchqueren und sich Euch stellen.“

Viele Köpfe wandten sich in Hartrieds Richtung. Der sich jedoch nichts anmerken ließ. „Wisst ihr schon, wann ihr angreifen werdet?“

Ublai packte sich das nächste Bein und zuckte mit den Schultern. „Nächstes Jahr. Das Jahr darauf. Gorku wird nicht jünger, aber er sucht sich seine Ziele sorgfältig. Die Späher haben hier wehrlose Bauern und weite Felder vorgefunden. Sie werden ihm davon berichten. Gorku wird denken, dass dieses Land einen Besuch wert ist.“ Ublai quiekte kurz auf.

Erzähle mir mehr von diesem Gorku“, verlangte Hartried.

Da gibt es nicht viel zu erzählen“, antwortete Ublai.

Welche Götter betet er an?“

Noch nie sah ihn jemand beten.“

Wie viele Männer hat er?“

Unzählige.“

Wie alt ist er?“

15.“

Manche Männer lachten auf, andere fragten ungläubig, ob sie sich gerade verhört hatten. Utharmar stand der Mund offen, während Hartried die Stirn runzelte und mit zusammengekniffenen Augen auf den Ork schaute.

Treibe keine Spielchen mit mir!“, sprach Hartried scharf.

Ublai wollte wieder mit der Axt zuschlagen, hielt aber in der Bewegung inne. Langsam drehte er sich zu den Männern um. „Vielleicht ist er jetzt 16 Jahre alt … ich weiß nicht.“

Das kann doch nicht dein ernst sein! Sage mir nicht, dass euer Anführer noch ein Knabe ist!“

Hartried, warte“, unterbrach ihn Gunlaug und blickte den Ork an. „Ublai, wie alt bist du?“

Ähm … zehn. Zehn Jahre. Zehn Regenzeiten, von denen der Berg Bögd eine pro Jahr hat.“

Eine lose Anzahl verlassener Höfe und Ställe. Die braune Erde um die Höfe zeugte von den Feldern und Gärten, die hier einst angelegt wurden. Nun waren sie leer gefressen.

Knochenhaufen vor den Höfen, sie türmten sich fast so hoch wie ein Mann; daneben verbrannte Erde, herumgeworfene Kessel und Essensreste; die Überbleibsel von Haut, Getreidehalmen, Obstkernen.

Da standen sie vor den Behausungen und Ansammlungen an Skeletten, noch immer auf ihren Pferden und Hirschen. Außer Gunlaug, der ein freies Pferd bekommen hatte. Ein Reiter führte seinen Hirsch am Zügel, er war noch fern, der Hirsch langsamer als die unverletzten Tiere. Es war fraglich, ob die Wunden heilen würden. Jedoch war Gunlaug froh, dass das Tier den Angriff überlebt hatte. Ein Horn in die Seite, die ihm bestimmt sehr wehtat. Aber er lebte. Gunlaug versprach sich, jemanden zu finden, der sich um das Tier kümmern würde, selbst wenn die Wunde ihn für den Rest seines Lebens behindern sollte.

Du kriegst einen neuen Hirsch“, sagte Hartried, der Gunlaug dabei sah, wie er sich zu seinem Reittier umblickte. „Wir haben noch einige junge Tiere.“

Ja, sicher“, antwortete er resigniert. Der Anblick der Siedlung trübte seine Laune nur noch mehr. Der Hof war wirklich wie bar jeden Lebens. Nicht mal ein verstreutes Huhn hörte er gackern.

Sucht alles ab“, gab Hartried schließlich den Befehl. „Vielleicht finden wir noch jemanden.“

Zustimmendes Gemurmel, genauso wenig Zuversicht, wie Gunlaug sie hatte. Sie stiegen von ihren Pferden und verteilten sich über den Hof.

Und was ist mit mir?“, fragte Ublai. Einen Wagen hatten sie aufgerichtet und einen frei herumlaufenden Stier gefangen. Dessen Zügel ließ Ublai lässig über den Rahmen hängen. „Ich werde hier nicht mehr gebraucht.“

Hartried drehte sich zum Ork um. „Ich biete dir dein Leben, damit du deinem Gorku meine Nachricht überbringst. Wirst du dich an meine Worte noch erinnern, wenn du ihn erreichst?“

Bestimmt“, meinte Ublai und quiekte kurz auf. Gunlaug glaubte, der Ork erlaubte sich einen Spaß. „Muss aber nicht heißen, dass Gorku mir zuhören wird. Er könnte bereits planen, die Länder der Merowa zu überfallen. Und die anderen Späher werden ihn eher erreichen als ich. Was auch immer ich ihm erzähle, ihnen wird er eher zuhören.“

Versuche es trotzdem.“

Natürlich“, sagte Ublai und nahm die Zügel in die Hand.

Hartried stieg von seinem Hirsch und ging auf den Wagen zu. Er fasste den Rahmen, als wolle er Ublai mit bloßer Hand am Losfahren hindern.

Sage deinem Anführer, dass wir Merowa keine leichte Beute sind. Sage ihm, dass er uns formell den Krieg erklären soll und wir werden einen Kampfplatz aushandeln. Wenn er das nicht macht und uns einfach ohne Ankündigung angreift, werden seine Männer keine Gnade erfahren. Es gibt einen Weg, einen Krieg ehrenhaft auszutragen, bei dem sich beide Parteien mit Respekt behandeln und das Blutvergießen auf das Mindeste reduzieren. Der Gott der Merowa und mein Vater, Cherus, lehrte uns das.“

Dann rückte Hartried noch ein Stückchen näher. „Und wenn Gorku daran interessiert ist, diesen Konflikt so schnell wie möglich zu beenden, dann biete ich ihm einen Zweikampf an. Seinen besten Kämpfer gegen unseren besten.“

Hartried nahm vom Wagen Abstand, ging eine paar Schritte weg. Und drehte sich dann plötzlich zu Ublai um. „Das bedeutet mich. Wenn Gorku meinen Kopf will, können wir das ganz schnell klären. Und wenn Gorku dieses Angebot nicht annimmt, werde ich in das Herz eurer Armee einfallen und mir seinen holen. So wahr ich ein Sohn des Cherus bin.“

Ublai nickte und schloss die Augen. Dann nahm er die Zügel und sprach: „Der Sohn des Cherus ist ein Dummkopf.“

Die Zügel knallten, der Stier setzte sich in Bewegung. Erst schwerfällig gewann der Wagen an Geschwindigkeit und steuerte auf den Drachenwirbel zu. Mit verschränkten Armen blickte Hartried ihm hinterher.

Fast schon dachte sich Gunlaug, dass er mitfahren wollte. Kurz flackerte in ihm die Sehnsucht nach den Ländern hinter dem Gebirge des Drachenwirbels auf. Er wollte das Pferd besteigen und Ublai folgen. Ich könnte mich als Diplomat versuchen, dachte sich Gunlaug, und die Länder dort hinten bereisen. Mit den eigenen Augen sehen, was Hartried von der Spitze des Turmes sah. Wobei, was er erzählte, klang nicht so vielversprechend … aber es mit eigenen Augen zu sehen …

Gunlaug verscheuchte diesen Gedanken. Sein Platz war nun an Hartrieds Seite, wo er als Sohn des Cherus und Halbbruder des Königs hingehörte. Und vielleicht würde es bald Krieg geben.

Glaubt Ihr wirklich?“, sprach Utharmar den König an, „dass dieser Gorku das Angebot annehmen wird?“

Nein“, antwortete Hartried. „Aber jetzt kann mir keiner vorwerfen, ich hätte es nicht versucht. Fürst von Eulenwacht!“

Utharmar nahm auf einmal Haltung an, der dicke Bauch wurde nach vorne gestreckt.

Ihr seid Euch dessen bewusst, was es heißt, ein Fürstentum am Rande unseres Reiches zu befehligen. Und heute habt Ihr den Feind gesehen, wisst, womit wir es zu tun haben. Ihr habt richtig gehandelt, als Ihr uns gerufen habt. Nun wissen wir Bescheid. Ich will, dass Ihr Eure Männer bereithaltet und Wege findet, Eure Schutzbefohlenen notfalls weiter ins Landesinnere zu evakuieren.“

Selbstverständlich, mein König.“

Wir wissen nicht, wann sie wirklich kommen, ob nächstes Jahr oder erst in zehn Jahren. Trotzdem, Ihr haltet Euer Fürstentum unter Waffen, als stünde der Feind schon vor der Tür. Ich werde dafür sorgen, dass alle Fürsten der Merowa zur Stelle sein werden, wenn sie angreifen.“

Wir halten sie auf, so lange es nötig sein wird“, meinte Utharmar tapfer.

Das wird nicht reichen“, meinte Gunlaug. „Wir müssen sie alle beim Königs-Thing überzeugen. Die Fürsten, die weit weg von der Ostgrenze ihre Häuser haben, werden sich zu entschuldigen wissen.“

Richtig“, antwortete Hartried. „Deswegen reiten wir nun nach Süden.“

Äh“, brachte Gunlaug verdutzt hervor. „Was ist mit dem Vorerntefest?“

Wird ohne uns stattfinden.“

Aber das Königs-Thing folgt gleich darauf.“

Das kriegen wir schon hin. Vom Fürstentum Bärenschlucht aus ist es nicht so weit bis zum Thing-Platz.“

Gunlaug fasste sich an den Kopf. „Ich hatte gehofft, wir könnten uns ein paar Tage auf der Ostrand-Pfalz ausruhen.“

Hartried trat an ihn heran, klopfte ihm auf die Schulter und lächelte. „Das Land Merow wird nicht vom Thron aus regiert, sondern vom Sattel.“

<- Kapitel 17

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