Kapitel 2, Simund

Die Schlinge hatte sich bereits fest um den Hals der Drossel gezogen. Das erbarmungswürdige Tier lief den Ast hoch und runter, verlor Halt und drohte, sich ganz aufzuhängen. Sie rettete sich, indem sie mit den Flügeln schlug und sich für ein paar Sekunden in der Luft hielt. Sie wollte davonfliegen, in die Luft aufsteigen und sich befreien; die Schlinge aber zog sich noch enger um den schlanken Vogelhals und drohte, die fragilen Halsknochen zu brechen. Sie landete wieder auf dem Ast, nur um weiter mit den Flügeln zu schlagen und nicht zu wissen, in welche Richtung sie ihrem Schicksal entgehen könnte. Wohin auch immer die Drossel sich wandte, die Schlinge war da, ihre Flucht zu vereiteln.

Simund stand daneben, sah in die ausdruckslosen, schwarzen Augen des Vogels. Sie flehte ihn nicht um Mitleid an oder schimpfte auf ihn, den Fallensteller, sondern zirpte einfach nur hin und wieder. Da er nicht die Sprache der Vögel beherrschte, hörte es sich wie das Zirpen jeder anderen Drossel an. Keine Panik, keine Angst lag in dem hohen Zwitschern. Nur das heftige, vergebliche Flügelschlagen, die kurzen Stöße in die Luft, augenblicklich von der unbarmherzig ziehenden Schlinge unterbrochen, und das darauffolgende zwecklose Herumrennen zeugten von dem Willen des Tieres, sich seinem Schicksal nicht beugen zu wollen.

Simund trat Näher an die Dohne heran, berührte den Ast, an dem die Schlinge gebunden war. Seine Hand bekam die Schnur zu fassen, zog die Drossel zu sich und packte an den wild flatternden Flügeln vorbei den Hals des Vogels. Die andere griff den Körper. Simund fühlte die Drossel sich sträuben und wehren in seinen Gliedern, spürte den Überlebenskampf wider das Schicksal in den Armen.

Ein kurzer Ruck und die Drossel war erlöst.

Das Tier konnte ihm noch nicht einmal leidtun. Es war auf eine simple Falle hereingefallen: Eine Schlinge, über einer Lockspeise angebracht. Die Drossel wollte von den Beeren naschen und als sie sich zum Picken hinabbeugte, legte sie sich selbst die Schlinge um. Simund hatte mehrere solcher Fallen im Wald aufgestellt. Manche unangetastet, an anderen hatte sich augenscheinlich ein Tier satt gefressen, ohne dass ihm etwas widerfuhr; Simund fand den Beerenstrauch fast abgenagt vor, die Schlinge leer.

Als er heute Morgen auszog, um nach den Fallen zu sehen, hätte er nicht erwartet, einem der Tiere den Todeskampf zu erleichtern. Deswegen war er hier, anders hätte es nicht sein können. Er tat seine Pflicht, dachte er sich. Deswegen gab es nichts zu empfinden. Dachte er sich.

Simund nahm ein Messer vom Gürtel und löste die Schlinge vom Hals. Nachdem Simund den Beutel in seinem Mantel verschwinden ließ, nahm er eine neue Schlinge zur Hand und band sie an den Ast über dem Beerenstrauch. Mit dem guten Gefühl, ein ordentliches Mahl gefangen zu haben, machte er sich auf den Rückweg durch den Wald.

Simund schob ein paar Sträucher zur Seite und die kleine Hütte kam auf der Lichtung zum Vorschein. So wie er sie verlassen hatte. Die Pferde schauten gerade aus dem Stall, als begrüßten sie ihn.

Simund ging um die weiß gestrichene Fassade der Hütte herum und fand die Tür offen vor.

Melinde? Innerlich fuhr er auf, nach außen hin versuchte er sich zu beruhigen. Simund blickte sich um und lauschte. Er hörte die Pferde im Stall treten und ein kurzes Schnauben ausstoßen. Die Vögel zwitscherten in ihren Baumkronen, von niemandem aufgeschreckt. Der Wald präsentierte ihm die gewohnte Geräuschkulisse. Und in der Hütte schien es still zu sein.

So etwas macht sie doch sonst nicht, einfach so in den Wald zu spazieren. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Simund, sammle dich und gehe behutsam vor!

Simund spähte in den Wald hinein und fand nichts zwischen den dicht gereihten Bäumen, die ihm wie moosbewachsene Palisaden den Blick versperrten. Keine Spur von Melinde.

Er tastete an seinen Gürtel und verfluchte sich augenblicklich, nur das Messer mitgenommen zu haben. Simund zog es und bewegte sich so leise wie möglich zur Tür. Sein Mantel war grün-braun, wie der Wald. Beobachtete man ihn aus dem Wald heraus, würde er vor der Fassade der Hütte sofort auffallen. Nun war es eh zu spät.

Bevor Simund einen Blick in die Hütte warf, lauschte er.

Nichts. Sollte ich rufen? Vielleicht schläft sie nur … Aber wieso ist dann die Tür offen? Wir hatten abgemacht, dass die Tür geschlossen bleibt.

Er machte einen geräuschlosen Schritt auf die Tür zu, wartete kurz, tat den nächsten und zögerte am Türrahmen. Stille. Nun war er schon so nahe. Jetzt aber!

Simund beugte sich in die Tür hinein und sah! … keine Melinde. Er trat hinein und blickte sich genauer um. Ihre wenigen Möbel befanden sich noch alle an ihrem Platz. Die Hocker am kurzen Tisch, der Schrank ungeöffnet an der Wand. Das Geschirr lag aufgeräumt neben dem Herd. Die Schlaflager wie frisch gemacht und verlassen. Simund schloss die Tür hinter sich bis zum Spalt.

Schwester?“ Danach lauter: „Schwester!“

Keine Antwort, keine Spur, keine Melinde. Er ging wieder hinaus, untersuchte den Boden um die Hütte herum. Es schien zu keinem Kampf gekommen zu sein, innen war alles an seinem Platz, hier draußen fehlte es an Fußspuren.

Sie hätte sich gewehrt, da bin ich mir vollkommen sicher. Wenn ihr irgendetwas zugestoßen ist, müssten hier überall Zeichen sein.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als nach seiner fast blinden Schwester im Wald zu suchen.

Melinde!“, rief er in den Wald. Nichts. Es wurde Zeit, sich auf die Suche zu machen.

Melinde?!“ Simund wartete, hörte nur das Rauschen des Windes durch das Blätterdach. Vorsicht war seiner Meinung nach nicht mehr notwendig; sie waren alleine in diesem Teil des Waldes, niemand versteckte sich, keiner lauerte ihm auf. Das wollte er jedenfalls glauben. „Meliiiiinde!“

Keine Antwort, keine Spur. Weit konnte das fast blinde Mädchen kaum gekommen sein, nicht ohne ständig über den verwurzelten und unebenen Boden zu stolpern oder in ein Gebüsch zu fallen. Auch wenn er sich ständig einredete, dass ihr niemand etwas angetan hätte.

Wir haben nur uns.

Melinde!“ Und dann leiser zu sich: „Verdammt.“

Er kam zu einer kleinen Quelle, die aus einem überwachsenen Felsen heraus plätscherte. Nichts von ihr zu sehen. Das war einer der wenigen Orte, von denen er sich denken konnte, dass sie hier aufzufinden war. Er beugte sich zum Wasser hinunter und nahm einen Schluck. Das Rufen machte seine Kehle trocken.

Sein nächstes Ziel war eine Lichtung. Ein Ort, den sie mochte, da sie dort die Wärme der Sonne ungehindert durch ein dichtes Blätterdach auf der Haut spüren konnte.

Simund schob ein Gebüsch zur Seite und sah jemanden in der Mitte der Lichtung hocken. Blätter hatten sich auf sie gelegt, als sei das Mädchen Teil des Waldes. Simund erkannte das blonde Haar seiner Schwester und das rote Kleid, das sie gerne trug.

Melinde!“, stieß er aus und sprang durch das Gebüsch. Er lief auf seine Schwester zu, doch seine ursprüngliche Freude schwand, sein Lauf verlangsamte sich. Was tat sie hier? Wieso reagierte sie nicht? Sie kam ihm komisch vor.

Simund beugte sich zu ihr herunter. Ihre grauen Augen klebten am Himmel, starrten an ihm vorbei. Was sie dort sah? Was sie dort suchte? Er würde es nie verstehen.

Melinde! Was machst du hier draußen? Geht es dir gut? Wie lange bist du schon aus dem Haus?“

Ihr Mund bewegte sich, nur die Worte fehlten. Dann bebten ihre Lippen, ein Hauchen drang aus ihrer Kehle. Gepresst sprach sie schließlich: „Die Vögel.“

Was?“, fragte Simund. Er schaute zum Himmel. Dort waren keine Vögel. „Was ist mit den Vögeln? Ich sehe keine.“

Das ist nicht gut“, antwortete sie nun mit festerer Stimme. „Sie sollen mir etwas sagen, jedoch sind sie nicht hier. Simund!“ Sie fasste ihn plötzlich am Arm und sah ihn mit ihren fahlen Augen an. „Die Drossel! Gib sie her!“

Woher weißt du …“ Simund nahm den Beutel aus dem Mantel. Er hatte den Vogel fast vergessen. „Was ist damit?“

Gib ihn mir! Und dein Messer!“

Da war eine Bestimmtheit in ihrer Aufforderung, der er sich nur schwer widersetzen konnte. Er reichte ihr den Beutel und sein Messer.

Sie legte den Vogel sogleich vor sich auf den Rücken und hielt die Klinge über den Bauch. Ein kurzes Zögern noch, dann stieß sie die Spitze in den Leib des Vogels.

Melinde zog die Klinge zum Kopf, danach zum Schwanz hin, bis der Vogelkörper auseinanderklaffte. Sie schob die Rippen beiseite und pulte mit der Messerspitze die Eingeweide heraus. Der Gestank der Vogelinnereien drang zu Simund hinauf.

Was siehst du?“, fragte er und hielt sich die Nase.

Melinde verteilte ein paar der Eingeweide über den Waldboden. Gras färbte sich rot, um den Vogel bildete sich eine kleine Lache. „Mäuler“, sprach sie. „Und hungrige Bäuche. Nimmersatte Schlünde, die sich rasend ausbreiten.“ Sie tastete mit den Fingern das verteilte Innenleben des Vogels ab, fuhr mit der Hand durch das Gras. Schneller, mit sich fast überschlagender Stimme: „Hinter ihnen: Leere Felder, abgegrast bis auf den nackten Boden. Die Gerippe von unzähligen Herden, ausgebreitet über eine karge Landschaft. Die Mäuler, sie hören nicht auf! Niemand stoppt sie! Sie kommen aus …“

Melinde stoppte. „Ich weiß nicht. Wieso weiß ich es nicht?“

Melinde legte das Messer zur Seite und fasste von unten den Vogel mit beiden Händen. Sie stand auf, blickte auf das tote Tier. Und warf den Vogel in die Luft.

Das gibt es nicht! Er schlug mit den Flügeln und flatterte davon. Der noch tot geglaubte Vogel, dem Simund eigenhändig den Hals gebrochen hatte, stieg zum Himmel hinauf.

In welche Richtung fliegt er?“, fragte Melinde, ohne dass Simund Überraschung in ihrer Stimme wahrnehmen konnte.

Ähm … er fliegt Richtung Osten.“

Melinde setzte sich wieder auf den Boden und schlang die Arme um ihre Beine. „Dann werden sie aus dem Osten kommen.“

 

 

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