Kapitel 21, Simund

Simund mochte den Fremden nicht. Während sie durch Merowas Wälder wanderten, grübelte er darüber nach, was ihm an Piasus nicht gefiel. Zuerst fiel ihm sein Äußeres ein: Dunkler Teint, lockiges, schwarzes Haar und leicht gekrümmte Nase. Nicht das vertrauenswürdigste Gesicht. Dazu sein immerzu freundliches Grinsen. Da lag eine gewisse Falschheit in seinem Gebaren und in der Weise, wie er sprach. Simund konnte nicht glauben, dass dieser Piasus wirklich aufrichtig redete.

Doch nach einer Weile, während sie von Menschen und Tieren des Waldes unbedacht durch den Wald gewandert waren, realisierte Simund, dass seine Abneigung einen anderen Grund haben könnte: Piasus brachte Veränderung.

Letztlich konnte Simund nicht anders und sich dem Geheiß von Darlaug beugen. Vor allem, da Melinde sich offen bereit erklärt hatte, diese Wanderung unternehmen zu wollen.

Melinde. Wie es ihn grämte. Hättest du das nicht zuvor mit mir bereden können? Und nun sind wir auf den Weg zu diesen Zwergen, um diesen Hartried vielleicht irgendwie das Handwerk legen zu können.

Simund dachte an Hartried und erschauderte. Dabei hatte er ihn seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen. Nicht seit dem Tag, an dem Hartrieds Sippe seine Familie fast vollständig ausgelöscht hatte. Fast, denn Simund hatte noch immer seine Schwester.

Er drehte sich zu ihr. Sie unterhielt sich vergnügt mit Hedda. Wenigstens schien Melinde keine unheilvollen Visionen gehabt zu haben. Dabei hatte sie noch gar nicht darüber berichtet, was sie überhaupt gesehen hatte. An diesem Abend, wenn sie rasten würden, würde er die Gelegenheit ergreifen und mit ihr darüber reden.

Geht das auch in Ordnung?“, fragte Hedda. „Das ist im Grunde dein Jagdgebiet. Ich kann auch bei Melinde bleiben.“

Geht nur. Hier sollte es recht sicher sein“, meinte Simund. „Ich wollte mit Melinde noch etwas bereden.“

Schade“, sagte Rodried. „Wir waren schon lange nicht mehr gemeinsam auf der Jagd.“ Er übergab Piasus einen Speer.

Was war es?“, fragte Hedda ihn. „Eine Schleuder?“

Piasus zuckte mit den Schultern. „In diesem dichtem Wald ist ein Speer bestimmt besser. Hier kann man ja kaum irgendwo hinzielen, ohne einen Baum zu treffen.“

Na dann“, sprach Hedda und schulterte ihren Speer. „Wünsche uns eine gute Jagd.“

Die drei stiegen ins Dickicht des Waldes und verschwanden kurz darauf im Abenddunkel.

Melinde saß auf einem umgefallenen Baumstamm und wärmte sich an der kleinen Feuerstelle.

Was ist es?“, fragte sie, als er sich neben sie setzte. „Worüber willst du mit mir reden?“

Melinde. Du musst mir verraten, was du gesehen hast. Noch heute morgen, bevor wir aufbrachen. Was hast du ihn den Innereien des Vogels gesehen? Was haben dir die Götter verraten?“

Melinde schaute zu Boden. „Bitte sei mir nicht böse …“

Wie könnte ich.“

Nun …“ Ihre Finger tasteten nach etwas Gras, sie zupften an den Halmen. „Ich sah nichts. Gar nichts.“

Was?“ Simund wäre fast aufgesprungen. „Wieso sind wir dann hier? Wieso wolltest du dann unbedingt auf diese Reise?“

Simund, wenn ich etwas sehe, dann ist es meistens ein Unheil. Wie der Schwarm, der das Land zu zerfressen droht. Oder damals, als sie uns angegriffen haben.“

Simund erinnerte sich. Ihre erste Vision. Er hatte damals kaum verstanden, was vor sich ging. Niemand glaubte ihr. Dann trafen Hartried und die anderen ein. Klingen wurden gezückt, färbten sich rot und sie schlossen sich im Gebäude ein. Und dann setzten sie es in Brand.

Der Rauch. Das Feuer. Nichts gegen dieses kleine Feuerchen, das vor ihnen loderte. Bis zum Dachstuhl reichten die Flammen. Sie fraßen sich ins Gebälk, bis das Dach auf sie hinunterstürzte und sie zu begraben drohte.

Ihr Geschlecht war danach fast zerstört, die Übriggebliebenen im ganzen Land von Hartrieds Sippe gejagt. Und nun sollten sie, ein Junge und seine fast blinde Schwester, einen Zwerg befreien, der König anklagen soll.

Doch bei dieser Unternehmung habe ich nichts gesehen“, fuhr Melinde fort und ergriff lächelnd Simunds Hand. „Diese Ungewissheit ist befreiend. Als ob wir es selbst in der Hand hätten. Es ist ein Schicksal, das uns offensteht! Wir können diesen Weg selbst bestreiten, ohne dass uns irgendwelche Kräfte etwas vorschreiben. Jedoch …“, sie ließ sie seine Hände wieder los, „macht mir diese Ungewissheit auch etwas Angst. Zu wissen, was geschehen wird, sei es auch noch so furchtbar, gibt einem etwas Halt und man weiß, worauf man sich vorbereiten muss. So vermag man dem kommenden Unheil gefasst entgegentreten. Als mich aber keine Vision traf, da wollte ich unbedingt bei dir sein. Für den Fall, dass sie doch noch über mich kommen und ich dich warnen kann. Verstehst du jetzt?“

Du willst es Hartried heimzahlen, oder?“, fragte Simund.

Du nicht?“ Melindes Züge verhärteten sich. Die Flammen des Lagerfeuers verliehen ihrem Gesicht tiefe Schatten. „Simund, was sie unserer Familie angetan haben, ist unverzeihlich. Hartried muss dafür bestraft werden! Wie immer wir das auch anrichten, und wenn es nur darum geht, ihm die Krone vom Kopf zu reißen, wegen der er unsere Sippe ausgelöscht hat. Hartried muss vor dem Thing angeklagt werden. Alles andere wäre eine Beleidigung für unsere Verwandten, welche sicherlich noch im Totenreich darauf warten, dass Hartried gerichtet wird.“

Simund wandte sich ab. „Denkst du so?“ Versteht sie überhaupt, wohin das alles führen könnte? Alle glauben, wir seien tot! Doch würde würde er erfahren, dass wir noch leben, würde er abermals auf uns Jagd machen. Verdammt, wir hatten die Chance, uns ein Heim aufzubauen hier im Fürstentum. Fernab vom Königs-Thing und Hartried. Vielleicht sollten wir auch mit Hedda ziehen, hinaus aufs Meer.

Außerdem musste ich mal raus aus diesem Wald“, sagte sie, nun wieder freundlicher. „So schnell kriegen wir nicht wieder die Chance, Zwerge zu sehen.“

Richtig“, meinte Simund, konnte sich jedoch nicht dazu bringen, ihr das zu glauben.

Und du?“, fragte sie. „Wie sieht es bei dir aus?“

Er hörte etwas im Gebüsch, jemand näherte sich.

Wir sind es nur!“, rief Rodried.

Das ging ja schnell“, zeigte sich Melinde erstaunt.

Was mich anbelangt?, dachte sich Simund, denn Melindes Frage schwirrte ihm noch im Kopf herum.

Zuerst trat Hedda aus der Dunkelheit. Sie hatte ein Wildschwein geschultert, als wiegte es nichts.

Ich glaube nicht, stark genug zu sein, um es mit Hartried aufzunehmen.

Piasus und Rodried traten nach ihr ins Licht. Piasus wirkte missmutig.

War ein Spaziergang“, sagte er.

Rodried hingegen sah aus, als sei er einem Dämon über den Weg gelaufen. Als er ins Licht des Feuers trat, bemerkte Simund, wie blass er aussah, als wäre ihm alles Blut aus den Adern gewichen.

Sie benutzte noch nicht mal einen Speer“, sagte Rodried und setzte sich neben Simund. Leiser sprach er zu ihm: „Wieso reichen ihr ihre bloßen Hände aus, um ein Wildschwein zu erlegen?“

Hedda ließ das Tier neben das Feuer fallen. Sie kramte aus ihren Sachen ein Messer hervor und machte sich sogleich daran, dem Wildschwein das Fell abzuziehen.

Piasus hatte indessen neben ihr Platz genommen. Mit der Hand am Kinn und wenig Enthusiasmus fragte er: „Kann ich helfen?“

Was suchen wir genau?“, fragte Piasus.

Rodried schaute sich beständig um. Von einem Moment auf den anderen schien für ihn hinter jedem Gebüsch, jedem einzelnen Baum und unter jedem Stein das Versteck der Zwerge verborgen zu sein. Für Simund unterschied sich dieser Teil nicht vom Rest des Waldes, durch den sie die letzten zwei Tage gewandert waren.

Wir müssten eigentlich in der Nähe sein“, meinte Rodried, während er einen Strauch zur Seite schob, dort nicht fündig wurde und sich sogleich zum nächsten Strauch zu machen.

Können wir dir helfen?“, fragte Simund.

Steinhaufen“, sagte Rodried nur. „Steinhaufen sind ein ziemlich sicheres Anzeichen. Wenn du irgendwo einen Haufen Steine siehst, sage es mir bitte.“

Müssen die es einem so schwer machen?“, fragte Piasus. „Können die nicht irgendwo ein Schild platzieren?“

Der Boden wurde steiniger, steiler. Sie erklommen einen Hügel, über dem sich Fichten erhoben. Ein durchdringender Harzgeruch lang in der Luft. Die Nadeln breiteten sich auf dem höckerigen Boden aus und vermischten ihren Duft mit dem des Harzes.

Zwerge wollen gerade nicht von denen gefunden werden, die nicht wissen, wo sie sich befinden“, erzählte Rodried. „Sie vertrauen meinem Vater und der nahm mich einmal zu den Zwergen mit. Das war … nun, eine Weile her. Wir finden sie trotzdem, keine Sorge!“

Na ja, wenn Rodried das meinte. Sie folgten Rodried, der seinen Schritt verlangsamte und nach was auch immer für Zeichen Ausschaut hielt.

Da zeigte Hedda auf einen Steinhaufen, versteckt in einem Busch. „Ist das nicht, wonach du suchst?“

Rodried sprang sofort zu ihr und schob das Gebüsch beiseite.

Ja, genau das ist es! Seht ihr diese Schrift?“

Sie traten näher und begutachteten die Zeichen der Zwergenschrift, wie sie auch die wenigen Schriftkundigen Merowa verwendeten. Schnurgerade Linien und scharfe Kanten, wie geschaffen, um in Stein geritzt oder gemeißelt zu werden. Die Zeichen befanden sich auf dem obersten Stein dieses Steinhaufens, der so nicht natürlich vorkommen konnte.

Ich kann die Schrift nicht lesen“, monierte Piasus. „Was steht da?“

27“, antwortete Simund. „Und das bedeutet?“

Ach, wenn es nur so einfach wäre!“ Rodried war offensichtlich sehr erfreut darüber, dieses Geheimnis für sich zu besitzen und setzte seine Suche voller Elan fort. „Es sind Zeichen, die nur Eingeweihte zu deuten wissen. Andere Zwerge oder Freunde wie der Fürst, unter dessen Fürstentum sie ihre Horte graben.“

Sind das nun eigentlich Mitglieder des Fürstentums, Leibeigene oder welchen Status haben sie?“, fragte Piasus weiter.

Weder noch!“, antwortete Rodried. „Unter der Erde gelten ihre Gesetze, auch für uns. Über der Erde schützt sie mein Vater, als wären sie sein Volk. Dafür unterstützen sie ihn, wenn sie können. Cherus verdanken wir diesen Pakt, der es möglich macht, dass Zwerge und Merowa zumeist friedlich nebeneinander existieren können.“

Und trotzdem diese Vorsichtsmaßnahmen“, stellte Piasus fest. „Nun, mein Zwergenfreund in Tyon war ja auch eine begehrte Beute. Wer weiß, welche Schätze sich dort verstecken. Ich kann diese Vorsicht verstehen. Würde mich wahrscheinlich auch einbuddeln, säße ich auf einem Hort voll edlem Metall.“

Diese Zwerge sind nicht alle reich“, berichtigte ihn Rodried, „aber in jedem Hort wird sich etwas von unschätzbaren Wert finden lassen. Aha! Vielleicht ein neues Zeichen!“

Ist das nicht aufregend?“, fragte Hedda Melinde. Die nickte daraufhin eifrig. Auch Simund hatten nun die Erwartungen gepackt, selbst wenn die Wände des Hortes nicht mit Gold verkleidet sein sollten, würde er bestimmt einige neue Erfahrungen machen.

Rodried folgte einem Zeichen nach dem anderen. Sie umrundeten den Hügel, während die Sonne sich langsam senkte. Weg vom Geröll, hin zur Seite des Hügels, wo sie vor einer Gesteinswand standen. Es machte Sinn, dachte sich Simund, dass der Eingang sich hier befinden sollte, wo man Gänge durch den Stein schlagen konnte. Schließlich blieb Rodried vor einer ovalen Nische im Stein stehen. Hätte er nicht darauf gedeutet, wäre Simund nichts ahnend daran vorbeigegangen. Die Schmucklosigkeit und die wie von Natur geschaffene Form täuschten darüber hinweg, dass diese Eintiefung nicht doch künstlich geschaffen war.

Rodried tastete über den Stein, irgendetwas schien er zu suchen.

Was macht er da?“, fragte Piasus an Hedda gewandt. Die zuckte nur mit den Schultern.

Dann hielt Rodried inne, vielleicht hatte er gefunden, wonach seine Fingerspitzen suchten. Er ballte eine Faust und hämmerte mehrmals auf die Stelle. Mit etwas schmerzverzerrtem Gesicht und sich die Hand reibend drehte er sich zu ihnen um.

Nun warten wir“, sprach Rodried.

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