Kapitel 22, Simund

Und so warteten sie. Minuten vergingen, die sich wie Stunden anfühlten. Sie bedachten Rodried mit fragenden Blicken. Der beachtete sie nicht oder tat so, als nahm er sie nicht wahr. Rodried stand mit verschränkten Armen direkt vor dem, was wohl der Eingang in das unterirdische Reich sein sollte.

Was war das?“, fragte schließlich Piasus.

Ich habe geklopft“, antwortete Rodried einfach.

Befindet sich der Zwerg direkt hinter dieser Tür, oder wie sollte er das bemerken? Du hast gerade gegen festes Gestein gepocht. Das dringt doch niemals zur anderen Seite durch.“

Keine Ahnung, wie die das hören.“ Rodried sagte das in einem Tonfall, der Simund verständlich machte, dass er die Wahrheit sprach. „Darlaug hatte mir nur beigebracht, die richtige Stelle zu finden und dann zu klopfen. Irgendwie kriegen die das mit. Jedoch müssen wir uns gedulden, der Weg hierauf ist nicht gerade kurz und manchmal dauert es eine Weile, bis sie sich bemüßigt fühlen, zu antworten.“

Da öffnete sich ein kleiner Spalt im Fels, als könnte man den Stein mit einem Riegel zur Seite schieben. Hinter der Öffnung blieb alles dunkel, nur eine heisere Stimme erklang.

Wer da?“

Rodried beugte sich zu der Öffnung herunter. Sie musste wirklich zu einem Zwerg gehören. „Rodried, Sohn des Darlaug. Wir haben einen zwergischen Vertrag, den wir von Ihnen prüfen lassen möchten.“

Die Antwort blieb erst einmal aus. Rodried wirkte plötzlich wesentlich sachlicher als sonst. Er nahm diesen Auftrag wohl sehr ernst. Es stand ihm, musste Simund zugeben.

Rodried?“, wunderte sich die Stimme. „Du bist gewachsen. Wer sind die anderen? Ich kenne sie nicht.“

Meine Begleiter. Der Vertrag ist auch in ihrem Interesse. Je nachdem, was Ihr uns sagt, werden wir gleich zusammen weiterreisen. Deswegen sind wir als Gruppe hier. Ihr könnt ihnen vertrauen.“

Wieder Stille hinter der Steinwand. Ein Moment verging, ein zweiter. Dann schloss sich die steinerne Öffnung wieder.

Was?“, wunderte sich Piasus. „Haben wir was falsch gemacht?“

Rodried winkte ab und gleich darauf schien der Stein zu ächzen. Simund hörte ein Knacken und Knarzen. Langsam und geräuschvoll schob sich der Stein zur Seite, überrascht traten alle bis auf Rodried einen Schritt zurück. Die Sonne stand so, dass kaum Licht in die Öffnung fiel. Nur eine gebückte, kleine Gestalt konnte Simund ausmachen, die ihre Augen vor dem Licht abschirmte. Ein wirrer Bart wucherte über fast sein ganzes Gesicht, den Rest bedeckten wulstige Augenbrauen. Die Nase war lang und verdickte sich zur Spitze hin. Die Augen besaßen einen fahlen Schein, als wohnte ihnen ein graues Leuchten inne. In einen braunen Rock und Hosen gekleidet trat er ins Licht. Am Kragen war der Rock mit goldenen Runen bestickt, deren Sinn Simund nicht ausmachen konnte. Es musste sich um die geheime Sprache der Zwerge handeln.

Svorgir“, sagte der Zwerg schließlich. Da war ein beständiges Kratzen in seiner Stimme, als riebe sie sich an einer Felswand. „Meister Svorgir könnt Ihr mich nennen. Lasst uns nicht zu lange hier draußen verweilen. Folgt mir, dann sehen wir uns das Schriftstück an.“

Er winkte sie hinein. Simund nahm Melinde bei der Hand und nacheinander betraten sie die Höhle.

Die Felswand hinter ihnen bewegte sich erneut. Geräuschvoll wälzte sich Stein über Stein und gleich darauf befanden sie sich in der Dunkelheit. Schwaches Licht schien an einzelnen Stellen aus der Decke und deutete einen abfallenden Gang an.

Wenn Ihr mir folgen würdet“, sprach der Zwerg und ging den Gang hinunter. Er wirkte höflicher, als Simund erwartet hatte.

Piasus betastete die Felswand, die sich eben noch geschlossen hatte. „Ungeheuerlich. Ein Mechanismus?“, fragte und sprang neben Svorgir. „Oder eine Art von Magie, die ihr Berggeister wirkt?“

Bitte“, mischte sich Rodried ein. „Belästige den Herrn Svorgir nicht zu sehr mit Fragen.“

Keine Sorge“, meinte Svorgir. „Ich weiß selbst sehr wohl, wie viel ich Preis geben kann, ohne mein geliebtes Heim zu gefährden. Ihr kommt nicht von hier, oder?“

Nein, weit südlich vom Lande der Merowa“, antwortete Piasus. „Dort haben wir keinen regelmäßigen Umgang mit Zwergen.“

Ah“, gab Svorgir wenig erstaunt von sich. „Von weit her kommen Schüler zu mir, um die Geheimnisse unseres Volkes zu lernen. Die Sprache der alten Götter, die Geheimnisse der Runen – und auch die Kunst der Felsen. Wollt ihr Metalle schmieden, Kleinode und Rüstzeug mit besonderen Eigenschaften? Dafür gibt es andere Meister. Hier lernt der junge Zwerg die Schrift, die richtige Sprache“, das Wort betonte er besonders, das Ch klang kratzend und rau, „und die Kunst von Stein und Fels.“

Nur der Zwerg?“, fragte Piasus. „Kann ich das nicht auch lernen?“

Die Schrift und Sprache? Die Schrift ja, die Menschen an der Oberfläche verwenden sie ja auch, nur haben ihre Zeichen keine Kraft, keine Geheimnisse. Die Sprache? Ihr seht mir klug aus, vielleicht könntet Ihr sie erlernen, auch wenn die Aussprache zu wünschen lassen würde. Nur würde das kein Zwerg erlauben. Nehmt es mir nicht übel.“

Piasus schüttelte den Kopf. „Ein Volk sollte seine Geheimnisse hüten. Ich habe schon viel davon gehört, wie heilig Eurem Volk die alte Sprache ist. Und was ist mit dem Felsen? Was muss ich lernen, damit er meinem Willen gehorcht?“

Ein Zwerg zu sein“, gab Svorgir von sich. Er trat unter einen Lichtkegel und Simund glaubte ein breites Grinsen unter seinem wirren Bart versteckt zu sehen.

Je tiefer sie in das Erdreich eindrangen, desto glatter wurden die Wände. Der abschüssige Weg wich langsam einer behauenen Treppe und aus dem Höhlengang wurde ein richtiger Tunnel. Sie traten vor eine weiteren Tür aus Stein, jedoch diesmal nicht versteckt, sondern eindeutig mit einem hervorstehenden Rahmen versehen. Svorgir stellte sich davor und nach ein paar Sekunden schob sich der Stein zur Seite. Dahinter kam ein schummriger, weiter Raum zum Vorschein. Jedenfalls soweit Simund sagen konnte. Vielleicht hatten sich seine Augen noch nicht an die spärlichen Lichtverhältnisse angepasst, aber eigentlich müsste dafür genug Zeit gewesen sein. In der Mitte des Raumes brannte eine Feuerstelle und gleich darüber war ein Kamin aus Stein angebracht, dessen Außenwände mit viereckigen Einbuchtungen übersät waren. Einige Möbel, Sitzbänke, Tische und Regale, die allesamt aus Stein zu bestanden, wurden vom Tageslicht aus der Decke schwach beleuchtet.

Svorgir trat ein und winkte jemanden zu sich. Sogleich kam ein Zwerg herangehuscht, der Simund jünger vorkam; der Bart reichte ihm nur bis zum Adamsapfel, das Gesicht war fleischig und voll.

Wasser“, sprach Svorgir nur und der Zwerg verschwand.

Svorgir deutete auf eine der Bänke. „Nehmt Platz. Dieser Hort ist nicht darauf ausgelegt, viele Besucher unterzubringen, seien es Menschen oder Zwerge. Ich verbringe meine Tage lieber in Stille, mit wenigen Seelen um mich herum.“

Sie setzten sich. Simund fiel auf, wie stickig es hier unten war. Die Luft stand, kein Wind war zu spüren. Er konnte die Partikel des Staubes in der Luft schweben sehen und es roch nach verbrannter Kohle.

Svorgir setzte sich auf einen Hocker, eine viereckige Erhebung, die direkt aus dem Boden wuchs. Mit den Händen auf den Oberschenkeln und mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper machte er den Eindruck, als erwartete er, dass sie etwas taten. Simund blickte zu Rodried. Er musste es schließlich wissen.

So“, sprach schließlich Svorgir. „Wie geht es denn Darlaug? Ich hoffe gut.“

Er wird langsam …“, begann Rodried, „das Alter macht sich bemerkbar, sonst ist er wohlauf. Im Moment befindet er sich auf dem Weg zum Königs-Thing.“

Das ist gut, das ist gut.“

Der Zwerg kam wieder und hievte einen Eimer Wasser heran, stellte ihn zwischen die Bank und Svorgirs Sitzplatz und verschwand sogleich in einem der anderen Räume. Simund glaubte die Augen weiterer Zwerge aus ihnen heraus starren zu sehen. Danach erschien der Zwerg mit mehreren Krügen und einer Kelle, befüllte die Krüge und reichte einen jeden von ihnen einen Krug. Natürlich bestand der Krug aus Stein. Der Henkel war wie eine Schlange oder ein Lindwurm geformt.

Rodried nahm einen Schluck, bedankte sich. Der Rest folgte zögernd seinem Beispiel. Es war lediglich kaltes, frisches Wasser. Woher die Zwerge es wohl nahmen? Vielleicht war es so frisch, weil sie es aus den Tiefen der Unterwelt schöpften.

Meister Svorgir“, sprach Rodried. „Wir würden uns freuen, wenn Ihr euch den Vertrag anschauen würdet.“

Nun gebt schon her“, erwiderte Svorgir. Auf Simund wirkte er, als verstimmte ihn, dass sie sogleich zur Sache kamen.

Piasus holte das Schriftstück hervor und reichte es dem Zwerg.

Papyrus, aha … Dann wollen wir mal sehen.“ Svorgir begab sich zum Feuer. „Hmm“, meinte er. „Gut geschrieben, aber die Sprachkunst dieses Zwerges interessiert euch wohl eher weniger, oder?“

Uns interessiert eher“, sagte nun Piasus, „was der tatsächliche Inhalt dieses Vertrages ist. Was uns versprochen und was uns zugesichert wird. Ob ich die Reise umsonst gemacht habe.“

Ich sehe nichts Verstecktes“, urteilte Svorgir, „keine Hintertürchen, wie ihr Menschen sagen würdet. Tiuz, Sohn der Ithulde, schlägt seinen Eltern ein Geschäft vor.“

Ein Geschäft?“, fragte Piasus. „Ich dachte, dieser Vertrag vergewissert uns die Unterstützung seiner Familie, ihn zu befreien?“

Gewiss. Wenn seine Familie dem Vertrag zustimmt. Und wie die Unterstützung aussieht, hängt ganz von der Familie ab. Er verspricht seiner Familie, für alle Aufwendungen, die zu seiner Befreiung notwendig sind, selbst aufzukommen und gibt sich selbst als Ertrag oben drauf.“

Das ist ja …“ Und da stoppte er. Es hatte ihm die Sprache verschlagen.

Hat er dich angelogen?“, fragte Melinde.

Ich denke nicht. Ich habe ja keinen Vertrag mit ihm geschlossen. Gut, Meister Svorgir, seine Familie wird uns allerdings unterstützen, richtig?“

Ihr müsst wissen“, sprach Svorgir. Etwas in Svorgirs Tonfall ließ Simund hellhörig werden. „Wenn seine Familie euch nur eine Münze gibt, hat sie ihren Teil des Vertrages erfüllt. Tiuz war so schlau, ihnen diesen Freiraum zu lassen. Ja, seht mich nicht so an. Es herrscht schlechtes Blut zwischen Tiuz und seiner Familie. Das ist doch Tiuz, der Ringschmied, oder?“

Er ist Schmied“, antwortete Piasus. „Wie viele Tiuze gibt es denn?“

Soweit ich sagen kann, nur einen Tiuz, der Ringschmied, Sohn der Ithulde. Auf jeden Fall war es sehr klug von ihm, seiner Familie Spielraum zu lassen. So bekommt Ihr wenigstens etwas. Da wäre aber etwas, was Tiuz bestimmt nicht mit einberechnet hat.“

Was denn noch?“, seufzte Piasus.

Ja, was denn noch?, fragte sich Simund. Er fühlte sich fast schon gerechtfertigt, lieber im Walde, bei der Hütte geblieben zu sein. Das wurde immer komplizierter, immer anstrengender.

Wie gedenkt Ihr überhaupt, zu seiner Familie zu gelangen? Sie haben sich vor Jahren abgeschottet. Man hört nichts mehr von ihnen.“

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