Kapitel 23, Simund

Was soll das bedeuten?“, fragte Piasus, von der Bank aufgesprungen. „Man hört nichts mehr von dieser Familie? Verschwunden? Verschollen?“

Nun“, begann Svorgir, „sie haben sich abgeschottet, haben alle Zugänge zu ihrem Hort versiegelt und sich gänzlich von der Außenwelt isoliert. Warum, wollt Ihr mich jetzt bestimmt fragen. Man weiß es nicht. Ob sie noch leben? Bestimmt. Sie sind zäh und nicht dumm. Aber wenn Ihr zu ihnen wollt, müsst Ihr Euch anstrengen. Leider kann ich Euch dabei nicht helfen, nur den Weg weisen, wo Ihr ihren Hort finden könntet.“

Nun stand auch Rodried auf. „Damit wäret Ihr uns eine große Hilfe, Meister Svorgir.“

Der Zwerg wiegelte ab. „Das kostet ja nichts, solange Ihr euch selbst versorgen könnt.“

Wir haben uns auf eine lange Reise eingestellt.“

Währenddessen hatte Piasus angefangen, im Raum auf und ab zu gehen. Simund hörte, wie er mit dem Fuß gegen etwas stieß und die Dunkelheit verfluchte.

Wie geht es jetzt weiter?“, wollte Hedda mit verschränkten Armen wissen. „In welche Richtung müssen wir?“

Musst du nicht bald zurück zum Schiff?“, fragte Melinde. „Nicht, dass ich mich nicht freuen würde, dich bei uns zu haben.“

Genau, dachte sich Simund. Wie weit werden wir sie noch in diese Sache mit hineinziehen? Sie mag freiwillig hier sein, doch sollte sie sich auch Gedanken darüber machen, wie es ihrem Schiff und ihrer Mannschaft ergeht.

Jetzt bin ich hier“, erwiderte Hedda, „also machen wir das Beste daraus. Wie können wir nun zu diesem Hort gelangen?“

Lohnt sich das eigentlich noch?“, bemerkte Piasus hinter ihnen. „Wer weiß, ob sie uns überhaupt unterstützen werden. Das könnte Zeitverschwendung sein.“

Und eine Gefahr für euer Leben“, warf Svorgir ein. „Ihr werdet nicht einfach bei ihnen anklopfen können. Nicht nur werden sie versuchen, sich so gut wie möglich zu verstecken, sie werden die wenigen Wege, die nur sie kennen dürften, verstellen und mit Fallen sichern. Seid gewarnt: Was wie ein ordentlich gearbeiteter Gang aussieht, kann sich als eine perfide Todesfalle herausstellen und die eigentlichen Wege, auf denen der Hort Nahrung, Wasser und Luft bekommt, könnten sich an Orten befinden, die ihr nicht für möglich halten werdet. Es ist nicht so, dass ich an eurer Intelligenz und an eure Fähigkeiten zweifle. Doch im Vergleich zu dem, was ich über die Ithulde-Familie gehört habe, war zu mir zu gelangen wie durch eine offene Tür zu treten.“

Piasus‘ Hand erschien neben Simund und deutete auf den Zwerg. „Das meine ich! Ich habe auf dem Weg hierhin schon davon gehört, was das Sicherheitsbedürfnis der Zwerge für seltsame Blüten treiben kann. Nehmt es mir nicht übel. Aber ein paar von euch scheinen wirklich nicht auf Besucher aus zu sein.“

Da seht Ihr schon richtig“, stimmte ihm Svorgir zu. „Sie könnten sich auch auf ähnliche Weise sichern, wie ich meinen Hort. Also mit Stein, der sich dem Willen der Zwerge beugt. In diesem Fall hättet Ihr keine Chance, in ihr Heim einzudringen.“

Wieso“, meldete sich Simund zu Wort, „kommt Ihr nicht mit uns?“

Stille. Die Erkenntnis, was das für eine dumme Frage war, hinkte seiner lockeren Zunge hinterher. Sogleich fühlte er sich peinlich berührt, während Svorgir ihn nur stumm ansah. Er hätte ihm diese Frage nicht aufnötigen dürfen. Das war nicht Svorgirs Angelegenheit.

Verzeiht. Das war ein törichter Gedanke.“ Er spürte die Blicke der anderen auf sich, besonders den von Rodried, der ihn mit offenem Mund anstarrte.

Barutz!“, rief Svorgir plötzlich. „Komm her. Du hast eh gelauscht, richtig?“

Der Zwerg, der ihnen vorhin das Wasser gebracht hatte, erschien plötzlich aus der Dunkelheit neben Svorgir. Mit leicht gesenktem Blick sprach er: „Ja, das habe ich, Meister.“

Dann weißt du auch, wohin die Menschen hier reisen möchten, oder?“

Ja, Meister.“ Barutz nickte eifrig.

Kennst du den Weg?“

Nicht direkt, aber ich habe schon davon gehört, wo sich der Hort der Ithulde-Familie befinden soll. Es sollte mir möglich sein, den Weg dorthin durch die Unterwelt zu finden.“

An deinen Worten erkenne ich, dass du schon erraten hast, worauf ich hinaus will.“ Dann wandte sich Svorgir an die Menschen. „Barutz hier kennt sich mit den Höhlen und unterirdischen Seen aus. Er kann Euch auf dem schnellsten Wege dorthin führen und vor den Gefahren der Unterwelt schützen.“

Auf dem schnellsten Weg?“, fragte Piaus. „Das hört sich gut an, aber wieso durch die Unterwelt? Ich habe ehrlich keine Ahnung, wie man durch die Höhlen der Zwerge reist. Können wir nicht auf der Oberfläche weiterreisen?“

Barutz war der Name?“, fragte Simund. Der Zwerg nickte. „In welcher Himmelsrichtung liegt der Hort?“

Barutz überlegte, schaute durch den Raum. Dann zeigte er mit dem Finger: „Südosten, da bin ich mir sehr sicher.“

Simund drehte sich zu Piasus um. „Im Südosten müssten wir nicht nur durch ein Gebirge, sondern auch durch tiefe Wälder, in die kein Mensch sich hinein traut. Jedenfalls kein Mensch, der noch klar bei Verstand ist. Glaube mir, als Grenzreiter lernte ich, dieses Gebiet zu meiden. Man spricht nicht nur von wilden Tieren, sondern auch von verfluchten Wäldern, die von bösartigen Geistern heimgesucht werden.“

Also“, sagte Piasus, „ist die Unterwelt wirklich der schnellste und sicherste Weg zu diesem Hort?“

Mir scheint es so.“ Verdammt, stimmte Simund da gerade diesem Wahnsinnsplan zu? Er hatte keine Ahnung, zu welchen Gefahren eine Reise durch die Unterwelt führen könnte! Mit Wäldern, Feldern und Gebirgen kannte er sich aus, aber in den Regionen unterhalb der Erde war er verloren.

Noch bevor Simund auch nur einen Einwand vorbringen oder gar vorschlagen konnte, doch lieber die Heimreise anzutreten, stieß Piasus aus: „Verdammt, na gut! Ich weiß ja nicht, was ihr noch alle geplant habt, aber ich lasse mich von diesem Zwerg durch die Höhlen Merows leiten. Wenn wir uns vom Meister seinen … Diener? Schüler? ausleihen dürfen.“

Ich verfüge nicht über ihn“, erwiderte Svorgir und blickte Barutz an.

Ich packe!“, verkündete Barutz und verschwand in einem der Gänge.

Kleine Kristalle hielt der Zwerg in der Hand, wie Simund sie noch nie gesehen hatte. Sie befanden sich außerhalb des Hortes, doch nicht an der Oberfläche, sondern in einem Gang, der noch tiefer in die Unterwelt führte. Vor ihnen erschien ein Tunnel, dessen Ende irgendwo in der Dunkelheit versank. Svorgir stand hinter ihnen, auf der Schwelle zu seinem Hort und wartete mit hinter dem Rücken verschränkten Armen.

Barutz hielt einen der Kristalle hoch und ein sanftes Licht erfüllte den Tunnel. Es ging nur einige Meter weit, doch wenigstens würden sie nicht durch die tiefste Schwärze tappen müssen.

Ich dachte“, sprach Piasus, „ihr Zwerge seht alle wunderbar in der Dunkelheit? Dennoch benötigt ihr dieses Licht?“

Eine Lichtquelle benötigen wir noch immer“, antwortete Barutz. Die Pupillen in seinen grauen Augen verschwanden fast, während sie den Kristall fixierten. „Aber das Licht der Kristalle reicht für uns aus, um relativ sicher durch die Unterwelt zu reisen. Und ihr Menschen stolpert nicht über jeden zweiten Stein, als hätte der Fels es auf euch abgesehen.“ Barutz grinste, als wüsste er etwas über die böse Absicht des Steins.

Darf ich?“, fragte Simund und streckte die Hand aus. Der Kristall fühlte sich gar nicht warm an, wie er gedacht hätte. Bläulich-weiß schimmerte es aus der glatten Oberfläche hinaus. Hedda und Melinde kamen beide näher, sahen sich das Licht von nahem an und berührten ebenfalls den Kristall.

Ich wünsche euch eine sichere Reise“, sagte Svorgir.

Rodried ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Habt vielen Dank. Auch dafür, dass wir uns Euren Schüler ausleihen dürfen. Wenn wir wieder am Hofe Spatzensturz angelangt sind, werde ich alle wissen lassen, welche Hilfe Ihr uns wart.“

Warte!“ Simund drehte sich zu den beiden um, den Kristall drückte er in Heddas Hand. „Du kommst noch mit? Wer wird sich um das Fürstentum kümmern, wenn du die ganze Zeit fortbleibst? Dein Vater ist noch immer auf dem Weg zum Thing und so schnell kehrt er nicht zurück.“

Rodried winkte ab und klopfte Simund auf die Schulter. „Deine Sorgen um das Fürstentum ehren dich, aber meine Mutter ist noch da und genügend Männer, um Schutz und Recht walten zu lassen. Ich und der Fürst haben bereits entschieden, dass ich den ganzen Weg mit euch gehen werde. Er sagte, es sei auch wichtig für mich, was auch immer er damit meinte …“ Seine Augen schauten zur unbehauenen Decke, als dachte er ernsthaft über die Worte seines Vaters nach. „Also kein Einwand!“

Simund, habe dich nicht so!“, sprach Melinde. „Das ist doch toll, dass er mit uns kommt!“

Diese Worte zauberten ein breites Lächeln auf Rodrieds Gesicht, das Licht des Kristalls erhellte seine strahlenden Zähne.

Melinde, verstehe …“ Jedoch dachte sich Simund den Rest: Wir ziehen nur immer mehr Leute in diese Sache hinein. Wenn dieser Piasus nicht aufgetaucht wäre, säßen wir jetzt friedlich in der Hütte, nicht auf der Suche nach einem Zwergenhort, der nicht gefunden werden will. Simund blickte zu Piasus, den er als Übeltäter seiner Situation ausgemacht glaubte hatte.

Und du?“, fragte Piasus und tippte Hedda auf die Schulter. Die blinzelte ihn ausdruckslos an. „Wartet da nicht ein Schiff auf dich?“

Hedda zog Melinde zu sich heran. „Sicherlich. Aber im Moment werde ich hier mehr gebraucht.“

<- Kapitel 22

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