Kapitel 26, Gunlaug

Die Fratze eines Bären hing über einem brennenden Kamin, ein weit aufgerissenes Maul und beängstigende Augen wurden da in den Stein geritzt. Das Wappentier des Fürsten war in die Säulen der Kapitelle geritzt, Bärenfälle wurden an die Wände gehangen. Neben dem Kamin saß Pattmar, der alte Fürst von Bärensturz und Vater von Hermann. Er trug ein Fell, saß aufrecht und mit verschränkten Armen auf der Bank, nahe dem Kamin. Neben ihm hatte ein großer, brauner Hund mit breiter Schnauze Platz genommen und saß brav zu seinen Füßen.

Um den Kamin standen Hartried, Gunlaug, Hermann und der Altknecht. Sie wurden höflich und anständig empfangen und bekamen dann selbst einfache Hocker als Sitzgelegenheit. Bisher waren nur freundliche Worte ausgetauscht worden, der Fürst hatte sich über die Reise erkundigt und der König über das Fest. Eine gewisse Anspannung hatte Gunlaug trotzdem auf beiden Seiten wahrnehmen können.

Danach hatte Gunlaug dem Fürsten von Bärenschlucht von den Orks berichtet, wie auch vom ihrer ersten Begegnung mit ihnen. Sarturs Erscheinen, eines weiteren Sohnes des Cherus, verschwieg er. Sie hatten sich zuvor darüber geeinigt, dass es nicht nötig oder gar ihrer Sache abträglich war, von ihm zu erzählen. Nachdem Gunlaug geendet hatte, schwieg der Fürst eine Weile.

Und wir wissen nicht“, begann Pattmar schließlich, „aus welcher Richtung die Orks angreifen werden? Ob sie den Drachenwirbel nördlich umgehen werden oder direkt einen Pass durch den Drachenwirbel suchen wollen?“

Richtig“, antwortete Gunlaug. „Das können wir nicht genau sagen. Der Fürst von Eulenwacht hat bereits zugesichert, das Reich im Nordosten zu schützen. Wir haben diese Reise unternommen, um uns mit den anderen Fürsten im Osten zusammenzusetzen, sie zu warnen und ihnen ebenso aufzutragen, genau nach Osten zu schauen.“

Verstehe. Das ist Eure Pflicht als König und unsere Pflicht als Fürsten. Uns aufzutragen, was wir zu tun haben. Damit die Fürsten ihren Kopf für den König hinhalten.“

Hartried saß steif da, die Hände auf den Oberschenkeln, und blickte Pattmar starr an. Mit einem kurzen Seitenblick bemerkte Gunlaug, wie sich die Finger seines Bruders in dessen Beine gruben.

Die Truppen des Königs“, sprach Gunlaug weiter, „werden so schnell wie möglich hier sein, sollten die Orks über den Drachenwirbel schwärmen. Das Allermindeste, was Ihr für die Merowa tun könnt, ist uns frühzeitig zu warnen. Sollten sie hier zuerst angreifen, können wir das nicht verhindern. Und egal wie viele Truppen Ihr habt, Fürst, Ihr wahrscheinlich auch nicht. Aber wir können das Nötigste unternehmen, um den Anmarsch der Orks so bald wie möglich zu stoppen. Das ist unsere Pflicht gegenüber den Merowa und unserem Land.“

Und da war Gunlaug wieder. Pattmar blickte ihn scharf an, wie damals, als Gunlaug die ersten Verhandlungen zwischen dem Fürsten und Hartried begleitet hatte, die zu der Heirat von beider Familien Kinder geführt hatte. Damals war es nicht das erste Mal, dass Gunlaug zum Vermittler, zum Fürsprecher und Unterhändler für Hartried wurde, wenn dieser sich beherrschen musste, der anderen Partei nicht wutentbrannt an die Kehle zu gehen. In diesem Falle musste Gunlaug seinem Bruder zugestehen, dass Pattmar es ihm nicht leicht machte. Aber das hatten sie erwartet.

Es ist auch meine Pflicht gegenüber meinem Volk. Meine Grenzen sind bereits geschützt; seitdem ich Fürst von Bärenschlucht bin, behalte ich das Gebirge im Auge. Ist es nicht so, Hermann?“

Der Angesprochene saß neben seinem Vater, aber auf Gunlaug wirkte er, als fühlte er sich neben Pattmar fehl am Platze. „Ich bin selber mit dir durch das Gebirge geritten, aber die andere Seite habe ich nie gesehen. Der König schon, vom Turm aus konnte er mit dem Diadem bis weit in die Länder dahinter blicken.“

Das stimmt, ich habe leider nicht das Diadem des Königs.“

Plötzlich stand Hartried auf. Hermann fuhr zusammen und sogar Pattmar erhob sich halb. Gunlaug wollte ihn schon auffordern, ruhig zu bleiben. Jedoch wandte sich Hartried einfach ab. Insgeheim freute sich Gunlaug, dass Hartried es vorzog, ins Leere zu starren.

Pattmar holte Luft und atmete dann tief aus. „Es ehrt uns alle, dass Ihr meinen Hof besucht. Und ich weiß es zu schätzen, dass Ihr uns vor dieser Gefahr warnen wollt. Dafür hättet Ihr aber nicht extra herreisen müssen. Ein Bote hätte gereicht. Ihr müsst mir nicht sagen, wie ich mein Land zu schützen habe. Und das Verteidigungsbündnis der Stämme gilt nach wie vor.“

Muss ich Euch daran erinnern“, sprach plötzlich Hartried, noch immer abgewandt, „dass ich Euer gewählter König bin? Wenn ich mich schon hierher bemühe, dann solltet Ihr das auch gefälligst ernst nehmen.“

Nun stand auch Pattmar auf. „Ich habe es Euch schon früher gesagt und habe keine Skrupel, diese Worte nochmals in den Mund zu nehmen: Ich habe Euch nicht gewählt.“

Hartried drehte sich um, die Zähne gefletscht. „Aber Ihr habt einen Eid geschworen, mir die Treue geschworen. Wie Ihr zuvor Doderried den Eid geschworen habt. Ihr solltet es nicht soweit treiben, dass ich Grund habe, Euch als Eidbrecher vor dem Königs-Thing anzuklagen. Das hätte ich schon damals tun sollen, als Ihr mir den Beistand im Kampf gegen die Mykerios …!“

Meine Herren!“ Hermann sprang auf. Gunlaug war froh darüber, dass es zur Abwechslung mal nicht er war. „Bitte beruhigt Euch. König Hartried, ich kann Euch versichern, dass mein Vater sein Möglichstes tut, um die Grenzen seines Landes zu sichern. Und somit auch an der Sicherung von ganz Merow seinen Anteil hat.“

Hartried wandte sich wieder ab, ohne ein Wort zu sagen. Auch Pattmar blieb still. Schließlich setzte sich Hartried wieder hin.

Man konnte ihm deutlich anhören, dass der König eine gehörige Menge Wut herunterschlucken musste: „Beinahe würde ich dafür beten, dass Eure Treue zu mir bald auf die Probe gestellt wird, damit ich Gewissheit habe. Jedoch weiß ich, was das für die Menschen hier bedeuten würde.“

Ah“, antwortete der Fürst von Bärenschlucht. „Also denkt Ihr doch an das Leid anderer Stämme.“

Meine Sorge gilt den Merowa.“ Und damit trat Stille ein.

Eine Stille, die Gunlaug für sich nutzen wollte. „Fürst? Wir wollten Euch noch etwas vorschlagen. Sicherlich reist Ihr bald zum Königs-Thing, nicht wahr?“

Pattmar verschränkte wieder die Arme und blickte zwischen Gunlaug und Hartried hin und her. „Ich weiß schon, worauf Ihr hinauswollt. Wir sollten gemeinsam reisen, richtig? Geplant war, dass wir uns in drei Tagen aufmachen.“ Pattmar schaute zur Decke, wiegte den Kopf hin und her. „Wenn Ihr noch so lange warten könnt, ließe sich das einrichten.“

Das lief ja gut!, wunderte sich Gunlaug im Stillen.

Nur würden wir Euch bitten, eher einladen …“, sprach Pattmar.

Oh je, jetzt kommt doch noch etwas …

Pattmar lächelte. Es sollte freundlich wirken, aber Gunlaugs Menschenkenntnis sagte ihm, dass da etwas dahintersteckte.

An unserem Feueropfer morgen Abend teilzunehmen. Keine Sorge, wir haben mehr als genug Opfertiere für alle.“

Ziegen und Schafe an Leinen, Hühner in Körben, wurden den Berg hochgetragen. Ein uraltes Ritual, vermutlich älter als die Merowa selbst. Der Himmel verlangte Blut und das Feuer sollte es ihnen bringen.

Die ganze Familie wurde eingeladen. Gunlaug lief etwas Abseits von Hartried und Hedda, welche Pattmar und seiner Frau folgten. Hinter ihm ging der kleine Gartmund an Frydas Hand, die wiederum mit ihrem Gemahl Hermann dem Königspaar folgte. Dahinter noch eine Reihe weiterer Familien und Verwandten des Fürstenhauses. Bis zum Fuße des Berges durften sie noch zu Pferde reisen, nicht weit vom Fürstentum entfernt. Dann galt es, abzusteigen. Während sich der Tag verdunkelte, bestritten sie einen alten Weg den Berg hinauf.

Gartmund wirkte verschüchtert, Fryda und Hermann ließen sich jedoch nichts anmerken. Der Junge war bereits an Feueropfern beteiligt, seine Familie kannte diese Tradition sehr wohl. Jedoch dafür so weit zu reiten, an einen Ort in der Wildnis, fernab von jedweden Gehöften. Das war ihm neu.

Gunlaug kannte die Feueropfer, diese alte Tradition, die sich Pattmars Familie bewahrt hatte und eifrig pflegte. Er und sein Bruder durften sie bereits miterleben. Nicht nur hier, auch in anderen Teilen von Merow war den Menschen das heilige Feuer, der Lichtbringer, der Bote der Götter, noch immer das Höchste.

Ein schummriges Leuchten erwartete sie auf der Spitze des Berges. Die Sonne hatte sich fast gesenkt, das Abendlicht tauchte den Weg in ein sanftes Rot. Bald würde auch dieses Licht verlöschen und alles, was blieb, waren die brennenden Altäre der Feuerpriester.

Dort auf der Spitze standen sie, als warteten sie schon den ganzen Tag auf sie. Die Feuerpriester hatten sich den Kopf kahl geschoren. Die Augenbrauen soll das Feuer der Altäre verbrannt haben, so hatte Gunlaug gehört. Merkwürdiger war jedoch die Asche, mit der sich die Feuerpriester beschmierten. Die Asche bedeckte sie gänzlich und ließ sie fast in der anbrechenden Dunkelheit verschwinden. Nur das Weiß der Augen stach hervor. Bis auf einen Lendenschurz trugen sie nichts, angeblich auch im tiefsten Winter. So wie Gunlaug gehört hatte, reichte ihnen der Glaube und die Hingabe an das heilige Feuer aus, um sich warm zu halten.

Einer der Feuerpriester trat hervor: „Dieses Jahr zum Vorerntefest ist die Zahl der hohen Herren unter euch größer als sonst. Pattmar, Fürst von Bärensturz, du hast uns Besucher mitgebracht.“

Der König der Merowa selbst“, antwortete der Fürst, „Hartried, Sohn des Cherus, ist heute bei uns, um am Opfer teilzuhaben.“

Ah! Er soll herzlich willkommen sein und an unserem heiligen Dienst teilhaben. Nur soll er bedenken, dass wir hier dem Feuer huldigen. Seine Götterhälfte findet bei uns keine Anbetung.“

Hartried stellte sich neben Pattmar. „Das habe ich auch nicht erwartet.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Seid gegrüßt, Priester des Feuers. Und nein, ich habe nicht vor und auch niemals verlangt, dass man mich wegen meiner Abstammung anbetet. Ich bin allein auf Einladung Pattmars hier.“

Der Feuerpriester lächelte. Zwischen den Feuern wurde sein Gesicht zu einer schwarzen Grimasse. „So lasst es beginnen!“

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