Kapitel 3, Piasus

Thodius konnte kaum einen Schritt machen, ohne jemanden grüßen zu müssen, als er die Straße hinauf ging. Die Sonne stand bereits tief und färbte die Straße säumenden Villen und Häuser in ein sanftes Rot.

Danke, dass Sie unsere Stadt besuchen!“ Thodius nickte und lächelte.

Sie ehren die Kolonie mit Ihrem Aufenthalt!“ Thodius verbeugte sich.

Nochmals vielen Dank für die Rede von gestern!“ Der Mann kam auf Thodius zu und schüttelte ihm eifrig die Hand. „Sie haben mit Ihrer Anwesenheit etwas vom Glanz unserer Heimat in die Kolonie gebracht! Alle meine Gäste haben sich amüsiert und gleichzeitig etwas zum Nachdenken bekommen. Das Thema war auch sehr spannend. Ich hätte nicht gedacht, dass man dem Pflücken einer Frucht so viel philosophischen Gehalt abgewinnen kann.“ Thodius hielt sich den Bauch und lachte. „Wann können wir Sie wieder in meiner Versammlung erwarten?“

Thodius fasste ihm an die Schulter und zog ihn näher heran. „Wann bekommen Sie wieder eine Lieferung mykerinischen Weines über den Goldsee zugesandt?“

Schon bald, schon bald! Das Schiff müsste in wenigen Tagen eintreffen. Werden Sie uns dann wieder aufsuchen?“

Wo es Wein gibt, werde ich ihm Respekt zollen“, sprach Thodius und machte sich wieder auf den Weg. Jeden Tag Wein, dachte sich Thodius, fast jeden Tag. Sonst beschert er mir fröhliche Stunden. Aber jeden Tag, da wird er mir zur Last. Wer hätte gedacht, dass ein Philosoph der Freude zu sein so anstrengend sein könnte?

Da spuckte ihm jemand vor die Füße. „Wegen der Trinkbecher-Philosophen bin ich überhaupt in die Kolonien gekommen!“, sagte ein Mann an Thodius vorbeigehend. „Nun kommt ihr auch noch hierher, um uns zu ruinieren. Verbreitet eure verqueren Lehren und betrunkenen Reden. Ihr kennt keine Philosophie, ihr kennt nur den Rausch.“

Ich bin ein Philosoph der Freude“, antwortete Thodius, „und so mit Euch zu sprechen bereitet mir keine. Ich muss zum König.“

Gut!“, rief der Mann. „Vielleicht werden dem Satyr eure Reden ja zum Verhängnis und er ertränkt sich bei dem Besäufnis. Dann sind wir diesen Tyrann los. Geh ruhig!“

Die umstehenden Leute schauten ihn erschrocken an. Den Mann schien es nicht zu kümmern. Er ging einfach seines Weges.

Thodius musste ihm Respekt zollen, den König der Stadt auf offener Straße einen Tyrannen zu nennen. Er wünschte ihm, dass seine Worte nicht zu den Soldaten des Königs drangen. Dem „Tyrann“ war er noch einen Besuch schuldig. Bringen wir es hinter uns, dachte er sich und setzte seinen Weg fort. Damit ich hier endlich fertig bin und dieses Schauspiel aufgeben kann.

Ungestört erreichte er die Außenmauer der Villa. Wachen am Eingang zum Villengrundstück versperrten ihm den Weg. Thodius schaute einen Pfahl empor, an dessen Ende ein Mann hing. Jedenfalls glaubte Thodius einen Mann zu erkennen; die Haut war ihm abgezogen worden.

Wer sind Sie?“, fragte eine Wache.

Anscheinend ging sein Ruf noch nicht über die obere Bevölkerungsschicht der Stadt hinaus. Die Wache trug einen bronznen schimmernden Helm mit rotem Federbusch, dazu einen Kürass, Arm- und Beinschienen. Auf dem Schild prangte eine mehrköpfige Seeschlange und in den Händen hielt der Wachmann einen Speer.

Thodius, der Philosoph der Freude. Darf ich … fragen, was sich dieser Herr hat zuschulden kommen lassen?“ Er zeigte auf den Hautlosen.

Diebstahl“, antwortete die Wache.

Ah.“ Na wunderbar. Der König nimmt die Rechtsprechung sehr ernst. „Nun gut. Ich soll heute beim König Paraxus eine Rede halten.“

Die Wache schaute zu der anderen. Es folgte Schweigen. Dann erschien ein freundliches Gesicht auf dem Villengrundstück, ein junger Mann mit schwarzen Lockenhaaren winkte neben einer Säule.

Lasst ihn rein! Er ist als Gast geladen!“

Sehr wohl“, sprach die Wache und Thodius betrat die Stoa, die die Außenmauer von dem Garten im Inneren trennte.

Itharaxus hieß der junge Heißsporn, der Thodius beim Händedrücken ordentlich durchschüttelte. „Endlich seid Ihr da! Man wartet schon auf Euch. Die Weinkrüge stehen unangetastet und riechen verführerisch süß, Tabletts mit allerlei Speisen werden bald folgen. Doch zuvor will man Euch zuhören.“ Itharaxus schob ihn sanft nach vorne und sie durchquerten den Säulenhof.

Ist der König denn heute auch in guter Stimmung?“, fragte Thodius. „Es bereitet mir Freude, dich fröhlich zu sehen. Und ich hörte schon, dass sich einige Anhänger der guten Philosophie in der Versammlung befinden. Aber ich hörte auch von Paraxus‘ übler Laune und seiner Veranlagung, diese ungezwungen zum Ausdruck zu bringen.“

Itharaxus blieb stehen und schaute sich um. Er sprach leiser: „Er hält nicht viel von Reden. Ihm gefallen die Gelage, die darauf folgen.“

Ich verstehe.“ Diese Art Mann also. „Soll ich die Rede eher einfach halten? Und welche Themen interessieren den König denn?“

Der König ist ein einfacher Mann …“ Nochmals sich umblickend und leiserer: „Von nicht gerade großem Intellekt. Aber ein Philosoph der Freude, wie Ihr, wird bestimmt ein geeignetes Thema finden für einen solchen Mann!“

Thodius fragte sich, ob Itharaxus gerade seine Philosophie beleidigt hatte. Vielleicht hatte er den jungen Mann falsch eingeschätzt und er war spitzzüngiger, als er dachte. Keinen Grund sich jetzt darüber Gedanken zu machen.

Sie umrundeten den Garten und traten in die Versammlungshalle der Villa. Verschiedenste Männer hatten es sich auf steinernen Sitzbänken mit Kissen und Kopfstützen gemütlich gemacht; manche saßen aufrecht, andere seitlich und ein paar lagen bereits auf dem Rücken. Vor den Sitzbänken warteten Krüge voll von Wein darauf, endlich ausgetrunken zu werden. Die Gäste trugen allesamt ausladende Gewänder, die über die Schulter geworfen wurden. Manche hatten sich ihrer der Gemütlichkeit wegen schon halb entledigt und zeigten darunter Hemden von einfachem Schnitt, doch gutem Stoff. Oder einen freien Oberkörper, manche ansehnlich, andere benötigten etwas mehr körperlicher Ertüchtigung.

An der gegenüberliegenden Wand erblickte Thodius den König Paraxus auf einem Thron. Im Gegensatz zu den anderen Gästen schien er nicht daran interessiert sich zu entspannen. Er saß aufrecht, den Körper leicht zur Seite geneigt mit einer Hand am Kinn. Der Umstand, dass der König eine Rüstung in der geselligen Versammlung zur Schau stellte, verstärkte diesen Eindruck. Aha, dachte sich Thodius, diese Art von Mann. Paraxus trug einen Helm mit Ziegenhörnern, den er in den Nacken geschoben hatte. Daher also die Bezeichnung „Satyr“.

Paraxus nahm einen Speer, der am Thron lehnte, und zeigte mit der Spitze auf zwei leere Sitzbänke in seiner Nähe. Ein Finger hätte sicher gereicht.

Thodius hatte sich kaum auf die Bank gesetzt, da fragte ihn der König Paraxus: „Was ist eigentlich ein Philosoph der Freude?“

Thodius sprang sogleich auf.

Haltet Euch kurz“, verlangte Paraxus und lehnte den Speer an den Thron.

Natürlich. Die Philosophie der Freude enthält Lehren, welche den Lustgewinn maximieren sollen. Gleichzeitig vermeidet man jeglichen Schmerz. Sie erklärt auch, warum ein solches Leben das beste und tugendhafteste Leben ist, das ein Mann führen kann.“

Der klingt ja wie ein Marktschreier, der seine Waren anpreist!“ Höhnte Paraxus. „Sag mir, Philosoph, mit welchen Argumenten Eurer Philosophien könnte ich die anderen Stadtstaaten in die Knie zwingen?“

Thodius atmete durch, die nächsten Worte könnten ihn den Kopf kosten. Du bist schlauer als er. Du kriegst das hin. „Wie ich sehe, werter König von Tyon, tragen Sie eine Rüstung. Nicht nur lässt so eine Rüstung einen imposant erscheinen, ihre hauptsächliche Funktion ist es, ihren Träger zu schützen.“

Paraxus polterte mit der Faust auf die Thronlehne. „Will der Philosoph etwa damit andeuten, dass ich ein Schwächling bin, der keinen Treffer einstecken kann?“

Der Herr König denkt schon zu weit.“ Und hat wohl die eingestreute Schmeichelei nicht mitbekommen. „Welchen Nutzen hätte es, wenn Ihnen jemand eine Klinge in den nackten Leib rammt? Sicherlich ist der König ein hervorragender Kämpfer, aber das Schlachtfeld ist ein wüstes Getümmel. Also, wo liegt der Nutzen eines aufgeschlitzten Bauches? Einer abgehackten Hand? Eines Pfeils im Kopf? Mithilfe von Schmerzen teilt der Körper Ihnen mit, dass all diese Dinge Ihnen zum Nachteil gereichen werden, denn es liegt überhaupt kein Nutzen in abgetrennten Gliedmaßen oder gar dem Tod. Außer für Euren Feind.“

Paraxus war still geworden und blickte ihm mit vorgeneigtem Oberkörper an. Thodius schien zu ihm durchzudringen. „Sie sehen mir wie ein König aus, der sich auf dem Schlachtfeld zu behaupten weiß. Sicherlich bereitet Ihnen ein ordentlicher Stoß mit Ihrem Speer in den Leib eines Feindes Freude. Und das ist auch gut so, denn es hat seinen Nutzen. Sieg. Beute. Ruhm. Es nützt Ihnen und damit dem gesamten Stadtstaat Tyon. Deshalb“ und Thodius nahm einen Krug auf und hielt ihn in Richtung des Königs, „bin ich ein Philosoph der Freude. Denn alles, was Freude bereitet, ist gut, bringt Glück und Wohlstand.“

Paraxus nahm seinen Krug. „Ich verstehe. Ja, ich verstehe sehr gut. Und welchen Nutzen hat der Wein?“

Ha! Es hatte geklappt. Vielleicht hatte er wirklich das Zeug zum Hofphilosophen. Nur blöd, dass er andere Pläne habe. „Er verleiht der Welt eine neue Farbe“, antwortete Thodius. „Manchmal macht er die Nacht länger, manchmal macht er sie kürzer. Je nachdem, wie man es braucht. Er kann Freundschaften für einen schließen. Aber Vorsicht! Er kann ebenso Geister des Streites heraufbeschwören.“

Dann lasst uns beten, dass die bösen Geister der Versammlung fern bleiben. Philosoph, heute sollst du mein Gast sein. Trinken wir auf Tyon!“

Auf Tyon!“, riefen die Männer und hoben an.

Thodius führte den Krug an die Lippen, ließ aber nur etwas Wein die Kehle hinunterlaufen und setzte sich.

Ausgezeichnet!“, sprach ihn Itharaxus von der Seite an. Thodius versuchte sogleich den Becher aus seinem Sichtfeld zu halten. Er musste nicht sehen, wie wenig der, welcher Wein anpreist, tatsächlich getrunken hatte. „Du hast das richtige Maß genau getroffen! Die Leidenschaften des Königs angesprochen, gut verständlich, dabei nicht zu kompliziert, so dass er sich noch selber schlau vorkommt.“

Thodius suchte nach einer Antwort, während er den Becher hinter die Bank stellen wollte. Da prostete ihm der König wieder zu: „Aber das nächste Mal etwas kürzer.“

Ich werde treffender formulieren“, erwiderte Thodius und erhob den Becher. Er spürte, wie Itharaxus ihn von der Seite anschaute. So nahe konnte er ihm wohl kaum etwas vormachen. Eigentlich hatte er doch Durst und nahm einen Schluck, bis er sich wieder zusammenriss. Lass das, du hast noch was zu erledigen.

Ein weiter Gast betrat die Versammlungshalle, diesmal vom Inneren des Gebäudes aus. Ein kleiner, stämmiger Mann. Erst als er sich auf eine Bank zwischen den Gästen setzte, fiel Thodius auf, was für Stummelbeine dieser Mann besaß. Die Haare auf dem Kopf waren ihm fast ausgegangen, dafür machte der lange Bart den Verlust wieder wett. Mit übergroßen, behaarten Händen griff er nach einem Krug und schluckte den Wein in wenigen Zügen hinunter.

Ah“, gab der König von sich, „hast es nicht mehr in der Schmiede ausgehalten?“

Auch ich habe Durst und je länger ich vor dem Ofen stehe, desto größer wird mein Verlangen nach Wein.“ Er stierte den König mit tiefsitzenden Augen an, die eine unnatürliche Gräue zu enthalten schienen. „Und ich hörte, heute wird er fließen.“

Wer ist das?“, fragte Thodius seinen Nachbarn, ohne den Blick von dem Stummelmann zu wenden.

Haben Sie nichts von dem Sklaven gehört, den sich Paraxus als Schmied hält?“

Ja schon, aber nicht, dass er so aussieht. Sag, wurde seine Mutter verflucht oder wieso ist er so falsch gewachsen?“

Er ist ein Zwerg, aus dem Norden. Dieses Bergmadenvolk.“

Thodius machte ein überraschtes Gesicht. „Ah, verstehe. Richtig, wir sind hier ja viel nördlicher. Ich werde mich wohl an den Anblick gewöhnen müssen. Gibt es hier mehr davon? Das ist der Erste, der mir jemals begegnet ist.“

Hier in Tyon jedenfalls nicht“, raunte ihn Itharaxus zu. „Den ganzen Tag und die ganze Nacht sitzt er in der extra für ihn eingerichteten Schmiede. Beim Hämmern kann man ihn singen hören in einer Sprache, die kein Mensch versteht, aber dem Metall besondere Eigenschaften verleiht. Seine Schlösser sind nicht zu knacken, dieser Speer dort, neben dem König, bricht nicht und wird niemals stumpf. Dieser Kürass ist undurchdringlich und wiegt trotzdem so gut wie nichts. Bald hat er die Leibgarde des Königs mit zwergengeschmiedeten Waffen und Rüstungen bestückt, um die uns alle anderen Kolonien und die Menschen in der Heimat beneiden werden! Sollte es zum Kampf mit diesen Feiglingen aus Akleion kommen, werden die keine Chance gegen die königlichen Truppen haben!“

Sagenhaft!“, gab Thodius von sich, so gut geschauspielert, wie er nur konnte. Denn im Inneren grübelte er: Wir hatten keine Ahnung! Ja, es gab Gerüchte von einem talentierten Schmied, der für den König arbeitete. Aber wenn Itharaxus nicht übertreibt, ist Paraxus auf dem Schlachtfeld ein gefährlicherer Gegner, als wir erwartet haben. Ich muss heute Erfolg haben!

 

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