Kapitel 34, Sartur

Neben Sartur saß der Geist mit dem Hirschschädel und schrie. Da bewegte sich kein Mund, der Geist hatte lediglich den Totenschädel eines Hirsches, keine Lippen, keine Stimmbänder. Sartur wusste nicht, ob andere ihn auch hören könnten, wären sie hier, oder ob die Stimme nur in seinem Kopf existierte. Aber Sartur hörte überdeutlich, wie der Geist mit dem Hirschgeweih vor Schmerzen schrie, während er sich den Schädel hielt.

Zuerst hatte Sartur befürchtet, der Geist würde ihm Gewalt antun wollen, so wie er in seiner Riesengestalt aus dem Wald trat. Doch dann schrumpfte er zusammen und nahm die Größe eines normalen Menschen an. Ein Spalt lief ihm durch den Schädel und er hielt ihn mit beiden Händen fest, als drohte er jederzeit auseinanderzuklaffen.

„Ich werde ihn zerquetschen!“, drohte der Geist mit dem Hirschschädel. „Ich werde diesen Menschenkönig bei nächster Gelegenheit packen und zusammendrücken, bis nur noch eine formlose Masse übrig ist! Ah, der Schnitt! Die Klinge drang so tief! Es brennt! Dieser elende Menschenkönig und seine metallenen Waffen! Das geschah nur wegen dir, Beschwörer! Du hast mir aufgetragen, ihn nicht umzubringen, ihn nicht mit voller Kraft zu bekämpfen. Milde sollte ich ihn behandeln, nur um ihn zu testen wurde ich geschickt. Und das habe ich jetzt davon!“

Ich habe dir auch gesagt, dachte sich Sartur, dass du vorsichtig sein sollst und ihn zu unterschätzen ein großer Fehler wäre.

Das dachte er sich in der Weltsprache, ganz für sich allein. Man konnte nie wissen, was diese Wesen alles mitbekommen könnten.

In der anderen Sprache sagte er: „Es wird vergehen.“ Bedacht wählte er seine Worte. Einmal die falschen Worte geäußert, einmal falsch ausgesprochen und es könnte sein Ende sein. „Entmaterialisiere dich und die Schmerzen sind vorbei. Sage mir nur, was du herausbekommen hast.“

„Richtig, richtig! Ich wurde wegen eines Auftrages fortgeschickt! Weil ich den König nur austesten durfte, darum musste ich mich zurückhalten, darum stieß er mir seine Klinge durch den Schädel. Ich gab ihm die Chance zurückzuschlagen, sich zu verteidigen. Sonst hätte ich ihn zugleich zunichte gemacht, zermalmt hätte ich diesen lachhaften Menschenkörper mit meinen bloßen Händen!“

Bitte, komm zum Punkt …

„Aber du hast ihn mit deinen Hörnern getroffen, richtig? Und was geschah?“

„Ja und wie ich ihn mit meinen Hörnern getroffen habe! Aufgespießt hätte ich ihn, durchstoßen, entleibt hätte ich ihn. Bei jedem anderen Menschen wären meine Hörner vorne eingedrungen und hinten wieder herausgekommen, getränkt in ihrem Blut. Aber es ist, wie du vermutet hast, Beschwörer! Sein Körper hielt meinen Hörnern stand, sie durchstießen ihn nicht und er blieb unverletzt. Was auch immer es ist, welche Kraft, welcher Zauber auch immer in ihm steckt oder ihn stärkt, er scheint unverwundbar zu sein!“

„Das wollte ich wissen. Du warst sehr hilfreich“

„Mir beliebt es danach“, dräute der Geist weiter, „mir einen Menschen zu schnappen und ihn mit den bloßen Händen zu zerquetschen. Oder ihn mit diesen Hörnern aufzuspießen. Oh ja, das bräuchte ich jetzt. Einem Menschen den Schmerz zuzufügen, den dieser König mit zugefügt hat.“

Sartur blieb still. Er ließ sich nichts anmerken, ließ sich nicht provozieren, zeigte keine Furcht. Er saß nur auf einem Baumstamm und schaute möglichst ausdruckslos in den Hirschschädel.

Noch eine Weile starrte der Hirschschädel zurück. Dann verblasste er und mit ihm die Gestalt des Geists. Der feste Körper hatte sich endlich aufgelöst, der Geist war frei von den Zwängen dieser Welt.

Sartur atmete hörbar auf. Er rieb sich die Stirn und blickte mit müden Augen ins Lagerfeuer vor ihm. Die Flammen waren fast erloschen und die Kälte drang in seine Glieder. Beim Gespräch mit diesem Geist, wenn man so etwas überhaupt Gespräch nennen könnte, hatte er keine Gelegenheit gehabt, sich um das Feuer zu kümmern. Er nahm ein paar trockene Äste, die er am Tage sorgsam gesammelt hatte, und warf sie in die Glut. Dann schürte er die Flammen mit einem Stock.

„Ich bin noch immer der Meinung, dass das eine dumme Idee war.“

Der Wolf mit dem Menschengesicht trat aus dem Wald. Die beiden Geister mochten sich nicht und blieben einander lieber fern. Zum Glück war der Wolf wesentlich verständnisvoller und vernünftiger. Man konnte sich mit ihm in aller Ruhe unterhalten.

Der Wolf trat neben Sartur und schaute ihm mit gleichgültiger Miene dabei zu, wie er im Feuer herumstocherte.

„Was wäre, wenn wir die Schwachstelle gefunden hätten? Der König hätte sterben können.“

„Ja, das hätte er. Aber nun sind wir der Antwort ein kleines Stückchen näher gekommen.“

„Näher gekommen?“, fragte der Wolf in seiner fremden Sprache. „Wir wissen, dass an den Gerüchten um Hartrieds Unverwundbarkeit etwas dran ist. Mehr nicht. Und dafür hast du aufs Spiel gesetzt, dass der König bei deinem kleinen Experiment umkommt und das Reich möglicherweise ins Chaos eines Thronfolgekrieges stürzt, während jenseits des Drachenwirbels eine neue Gefahr heranzieht. Nicht klug, sage ich noch immer.“

„Nein, du hast nicht Unrecht. Es war nicht die klügste Entscheidung. Es war trotzdem notwendig, denke ich.“

„Wirklich?“ Das Menschengesicht sah ihn schief an. „Oder wolltest du dem König nur einen Schrecken einjagen?“

Sartur konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Ihr Menschen“, sprach der Geist. „Du solltest dich auf das konzentrieren, was dir wichtig ist und vorerst deinen Zwist mit dem König vergessen. Er hat dir nichts angetan.“

„Er hat mich auf der Spitze des Turmes bedroht. Obwohl er klar gesehen hatte, dass ich lediglich das Wohl von Merow im Sinne habe. Nur deswegen musste ich dich rufen.“

Und deswegen hatte Sartur den Geist mit dem Hirschschädel um diesen Gefallen bitten müssen. Wüsste Hartried nichts von Sarturs Bündnis mit dem Wolfsgeist, hätte er ihn ohne Probleme schicken können. Selbst wenn sich herausgestellt hätte, dass Hartried doch nicht unverwundbar war, hätte der Wolf besonnen reagiert und sich zurückgezogen. Ihm konnte Sartur vertrauen, vernünftig in dieser Situation zu handeln.

„Solange die Gefahr noch nicht gebannt ist“, belehrte ihn der Wolf, „wäre es besser um dieses Land bestellt, wenn er am Leben bleiben würde. Sei dir dessen bewusst. Ihn umzubringen könnte fatale Folgen für dieses Land haben. Auch wenn Hartrieds Herrschaft nicht von jedem Fürsten unterstützt wird, so würden sie ihm im Falle eines Angriffs der Orks sofort beistehen. Und er ist ein guter Kämpfer und Heerführer. Oder wolltest du diese Aufgabe übernehmen?“

„Du weißt, mein Freund, dass ich nicht den Thron begehre.“

„Wer sollte es also sonst sein, wenn nicht Hartried?“

„Du weißt, wen. Es gibt noch jemanden, der sich durchaus für das Amt des Königs eignet. Und sogar ein größeres Anrecht auf den Thron hat als die Söhne des Cherus.“

„Abgesehen davon“, sprach er weiter, „hatte dein Plan möglicherweise einen ungünstigen Nebeneffekt. Nun geht die Geschichte um, wie Hartried erfolgreich einen Geist, Ungeheuer, Dämon, was auch immer sich diese einfältigen Menschen denken, vertrieben hat. Wie damals sein Vater.“

Beim letzten Wort wurde Sartur aus seinen Überlegungen gerissen. Er hatte Cherus vor dem geistigen Auge. Cherus, mit dem Speer in der Hand, bereit zum Werfen … Sartur zog die Hand zurück. Ganz von selbst hatte sie sich zur Narbe bewegt.

Der Wolf blickte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ein merkwürdiger Anblick, selbst nach all dieser Zeit, die Sartur mit dem Geist verbracht hatte. Sartur hatte komische Freunde.

„Und was gedenkst du“, sprach der Wolf weiter, „gegen die Diener der Shaura zu tun? Angeblich sammeln sie sich unterhalb der Erde. Bestimmt würden sie sich nur zu gern an einem Kind des Cherus rächen. Und ein schwächelndes Reich der Merowa würde ihnen nur recht sein.“

„Der Einfall der Orks käme ihnen gelegen“, sinnierte Sartur. „Es wird Tote geben, auf beiden Seiten. So viele Seelen werden ins Totenreich einkehren, nur um in Shauras Fänge zu geraten. Moment, was geschieht eigentlich mit der Seele eines Orks nach seinem Tod?“

„Frag mich nicht, was habe ich mit irgendwelchen Totenreichen zu tun? Ich gehöre in den Wald von Merow, ins tiefste Dickicht und dem, was dahinter liegt. Mich kümmern die Belange eines Sterblichen nicht, sei es Mensch oder Ork. Den König aber, den wird es sehr wohl interessieren, dass sich die Diener der Shaura wieder regen. Vielleicht solltest du dich mit ihm etwas unterhalten?“

Sartur war der Spott in der Stimme des Geistes nicht entgangen. „Das können wir jetzt vergessen. Aber du hast recht, Hartried wäre unser bester Verbündeter im Kampf gegen die untoten Horden und ihrer Meister. Schon allein, weil er Cherus nacheifern möchte. Es seinem Vater gleichzutun und in ruhmreichen Schlachten über Tausende von wandelnden Leichen zu obsiegen, ja, damit käme er seinem göttlichen Vater einen Schritt näher. Wir können davon ausgehen, dass er sich mit Feuereifer dieser Aufgabe widmen würde.“

Der Wolf stieß ein kurzes Lachen aus. „Sieht so aus, als bräuchten wir Hartried noch eine Weile auf dem Thron. Ja, er sollte davon erfahren, indem wir diese Information über Dritte an ihn weiterleiten. Und was ist mit Gunlaug? Glaubst du wirklich, er wird die Reise in den Osten auf sich nehmen?“

„Wenn wir Hartried seinen treuesten Gefährten berauben wollen, dann müssen wir darauf hoffen, dass die Reiselust, mit der ich ihn infiziert habe, ihn bald aus Merow treiben wird. Und wenn er im Osten Verbündete gegen den kommenden Sturm finden kann, umso besser. Bald ist das Königs-Thing, die Fürsten und der König werden sich dort beraten. Der Vorschlag, eine Allianz gegen die Orks einzugehen, wird vorgetragen werden. Wenn nicht gar von Gunlaug selbst. Da bin ich mir sicher.“

Der Wolf hob eine Augenbraue „Du musst darauf achten, dass dir dieser Plan nicht über den Kopf wächst. So viele Pläne, so viele Akteure und sich widersprechende Ziele. Es wird der Tag kommen, an dem du dich entscheiden musst, ob du dieses Land retten oder es zerstören willst.“

Sartur wusste das nur zu gut. Deswegen diese Gratwanderung, diese Heimlichtuerei, diese Pläne, Manipulationen. Und Bündnisse mit Wesen wie diesem Geist, dessen richtigen Namen Sartur wohl nie erfahren würde.

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