Kapitel 36, Simund

Simund war auf die Knie gesunken. Der Anblick des Heimes seiner Kindheit, wie es lichterloh brannte, hatte ihn niedergeschmettert. Als wäre es herausgerissen aus seinen dunkelsten Alpträumen. Sein Kopf drehte sich, ein Gefühl von Übelkeit stellte sich ein. Seine Gedanken schwirrten darum, dass er seine Ewigkeit hier zu verbringen gezwungen war. Hier, im Reiche der Shaura, jede Stunde, jeden Tag nichts weiter tun als in dem brennenden Haus seiner Kindheit das Ende aller Tage abzuwarten.

„Komm“, sagte Modgud und versuchte Simund an den Schultern aufzurichten. Seine Hände fühlten sich kalt an. „Es wird Zeit, dass du dich in deinem neuen Zuhause richtig einrichtest. Gewöhne dich lieber an den Gedanken und mache es dir in Shauras Reich bequem. Wenn du das nicht tust, könntest du dem Wahnsinn anheimfallen. Das mag vielleicht alles ganz schrecklich wirken im Moment, aber bald wirst du dich damit abgefunden haben. Alle tun das. Na ja, außer diejenigen, welche wahnsinnig wurden.“

Simund atmete tief durch.

Das Licht, dachte er sich. Du musst nach dem Licht Ausschau halten. Was auch immer genau Melinde damit meinte, nur das kann deine Rettung sein. Spiel solange mit. Vielleicht findest du ja dort etwas.

Er stand auf. „Gehen wir.“

„Ah, endlich die richtige Einstellung. Gut, lass uns gehen.“

„Wer bist du eigentlich?“, fragte Simund. „Da scheinbar jeder sein eigenes Heim hier hat, dürftest du doch eigentlich nicht hier sein, oder irre ich mich da?“

„Nein nein, da hast du schon recht. Ich war nie tot, nie lebendig. Schon immer ein Bewohner dieser Unterwelt, seitdem es sie gibt. Und befahre die Gewässer hier unten. Aber schenke mir keine weitere Beachtung. Möglicherweise wirst du mich nie wieder sehen.“

„Du warst schon immer hier? Wie alt bist du?“

„Jahre spielen hier unten keine Rolle. Es gibt keinen Sonnenlauf, keine Jahreszeiten. Vergiss sie.“

„Aber du warst schon immer hier, sagtest du. Bist du ein Gott der Unterwelt?“

Modguds Lachen klang, als rieselte ihm Staub durch die Kehle. „Ein Gott könnte hier ein und aus gehen. Nein, ich bin kein Sterblicher wie du, aber es gibt auch keinen Grund, Ehrfurcht vor mir zu haben.“

Simund versuchte nicht mehr, Antworten aus Modgud herauszubekommen. Er konzentrierte sich lieber darauf, was vor ihm lag. Und machte sich bereit, die schlimmen Erinnerungen wieder ertragen zu müssen.

Sie traten durch den Palisadenwall. Der ganze Hof stand in Flammen, doch trotz des Feuers spürte er keine Hitze und der Rauch erschwerte es nur, jedes schreckliche Detail sogleich zu erkennen, doch bereitete ihm das Atmen keine Schwierigkeiten, als wäre der Rauch nur Trug. Simund sah die getöteten Pferde, wie sie in ihrem eigenen Blut auf dem Boden lagen. Um den Eingang des Fürstenhauses herum lag das Gefolge verstreut, erschlagen. Selbst unschuldige Mägde konnte er unter den Toten erkennen. Mehr leblose Körper lagen in ihren roten Lachen in den Ecken des Stalls, um die Futtertröge herum, im Eingang der Schmiede und bei den Öfen. Sie alle schienen mit starren Augen Simund anzuschauen.

Der Stall brannte, in den Nebengebäuden züngelte das Feuer aus den Fenstern. Das Fürstenhaus selbst war bis zum Giebel hinauf in Flammen gehüllt. Hier starb sein Geschlecht. Und als Simund unter all den Toten das bleiche Angesicht seiner Mutter fand, versagte ihm endgültig der Magen und er erbrach sich neben den Palisaden.

Simund wischte sich den Mund. „Wieso ist dieser Ort so wie in meiner Erinnerung? Nein, er ist eigentlich noch schlimmer.“

„Manche Tote“, begann Modgud, „kämpfen hier immer und immer wieder in derselben Schlacht, in der sie umgekommen sind. Andere durchleben ihre traurigsten Tage in einer endlosen Schleife. Den Verlust eines teuren Familienmitglieds oder der großen Liebe. Manche Menschen erleiden hier ihre größte Niederlage jedes Mal aufs Neue. Wie ich schon sagte, das hier ist ein trostloser Ort, an dem die Sterblichen ihrer größten Pein begegnen und bis ans Ende aller Tage von ihr gequält werden. Was ist? Wäre es dir lieber gewesen, du würdest erneut ertrinken, tausend Mal und dann noch tausend weitere Tode im Wasser sterben? Das hätte ebenfalls dein Schicksal sein können. Es scheint aber, das, was dich am meisten quält, ist dieser eine Moment, an dem sich in deinem Leben alles änderte.“

Die Tür zum Fürstenhaus öffnete sich und eine Gestalt trat in das Gebäude.

„Wer ist das?“, fragte Simund.

„Du musst es wissen. Dies ist dein Ort, deine Qual.“

Simund hatte eine Vermutung. Er konnte sich nur an eine Person erinnern, welche nach dem Massaker ins Fürstenhaus getreten war. Die Person, welche Simund und Melinde aus dem brennenden Gebäude gerettet hatte. War sie nur eine Erinnerung oder könnte es sein, dass er tatsächlich einen Blick auf sie werfen konnte? Dass er wirklich erfahren könnte, wer sein Retter war?

Vorwärts zu gehen fiel ihm unendlich schwer, seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. An den Feuern vorbei ging er auf den Eingang zu. Er sah auf die Toten hinab und sie starrten zurück. Zusammengeschlachtet lagen sie auf den Stufen zur Tür, blutige Waffen waren aus den kraftlosen Händen gefallen. Überall Stiche, Schnitte, zerschlagene Gesichter und klaffende Wunden. Als der Weg ihn an seiner Mutter vorbeiführte, musste er sich abwenden und ging schneller.

Endlich hatte er es zur Tür geschafft, nur zögerte er noch, einzutreten.

„Was gedenkst du darin zu finden?“, fragte Modgud.

„Antworten. Vielleicht.“

Er öffnete die Tür und die Hitze schlug ihm entgegen. Der längliche Hauptraum war ein einziges Flammenmeer. Das Feuer stieg bis zum Dachstuhl, umschlang die Balken und fraß Löcher in die Wände. Und inmitten dieses entsetzlichen Anblicks fand er sein jüngeres Ich auf dem Arm der unbekannten Gestalt. Die Person hatte bereits ihn und Melinde aus den Trümmern befreit. Als Nächstes müsste er einen der hinteren Teile des Gebäudes aufsuchen und dort durch einen Nebeneingang des Anwesens fliehen. Simund wusste nicht, ob das hier echt war, ob die Gestalt wirklich fliehen würde (und wohin?), doch er musste diese Chance ergreifen und nachsehen, um wen es sich handelte.

Plötzlich stellte er fest, dass sich das Feuer überhaupt nicht heiß anfühlte, als bildete er es sich lediglich ein. Unbeschadet schritt er durch den weiten Raum auf die unbekannte Person zu, fasste sie bei den Schultern und drehte sie um. Simund fand ein dunkles Nichts. Dort, wo sich das Angesicht der Person befinden sollte, war nichts weiter als ein tiefer Schatten. Vor seinen Augen verschwamm die Gestalt langsam, wurde durchsichtig, formlos und war dann verschwunden. Auch sein jüngeres Ich und seine Schwester waren nicht mehr zu sehen.

Simund ließ die Schultern hängen. Modgud stellte sich vor ihn und schaute ihn ausdruckslos an.

„Was hast du erwartet?“, fragte Modgud. „Dieser Ort beruht auf deinen Empfindungen und Erinnerungen. Hier wirst du keine Antworten finden können. Dazu ist es zu spät, das hättest du bei Lebzeiten erledigen sollen. Das war nicht die echte Person, sondern nur das, woran du dich erinnern konntest. Begreifst du jetzt die Natur dieses Ortes?“

„Ja“, sagte Simund. „Ich verstehe, was dieser Ort ist. Ein Gefängnis, gebaut aus meiner eigenen Trauer.“

„Nun, nicht direkt ein Gefängnis. Das würde bedeuten, dass es eine Möglichkeit gibt, herauszukommen. Das hier ist dein finaler Aufenthaltsort.“

„Nein, ich kann diese Frage nicht unbeantwortet lassen. Ich muss wissen, wer mich und Melinde gerettet hat. Verdammt, das Licht, es muss einen Ausweg aus dieser Unterwelt geben! Sonst hätte sie mich niemals ertrinken lassen. Wenn sie wüsste, dass das hier mein Ende wäre, dass ich das hier erleiden müsste, hätte sie mich niemals in den Tod geschickt. Modgud!“

Der Alte hob eine Augenbraue. „Was?“

„Ich werde dein Boot brauchen. Es muss einen Ausweg geben. Ich werde damit stromaufwärts fahren. Das macht mehr Sinn, als mich durch diese Einöde zu schlagen.“

„Junge, ich werde dir mein Boot nicht geben. Finde dich damit ab. Das ist dein Platz. Du bist gestorben.“

Simund trat auf Modgud zu. Noch einem Moment wollte er ihm drohen, war sogar bereit Gewalt anzuwenden. Dann sah Simund etwas hinter Modgud: Ein Licht schien durch den Eingang des Gebäudes. Ein weißes Leuchten stieg am Horizont auf wie die Morgensonne zu Beginn eines neuen Tages.

„Das ist es!“, rief Simund aus.

„Simund, das ist ein Trick.“

„Nein, das ist exakt das, wovon Melinde gesprochen hatte. Endlich komme ich hier raus! Und ich brauche wohl nicht mal Euer Boot. Gehabt Euch wohl, wer auch immer Ihr seid.“

Simund lief an dem Alten vorbei, da rief dieser: „Halt!“

Modgud sprach mit einer solchen Bestimmtheit, dass Simund auf der Stelle umdrehte und sich verwundert umsah.

„Du willst es einfach nicht begreifen“, sprach Modgud.

Simund wollte zuerst seinen Augen nicht trauen, doch Modguds Gestalt schien anzuwachsen. Er stieg langsam in die Höhe und auch der Umfang des Körpers nahm stetig zu. Der Mantel lüftete sich und gab einen massigen Leib preis.

„Du bist jetzt Shauras!“, brüllte der Riese. „Es gibt keinen Weg zurück!“

Simund nahm die Beine in die Hand. Er stürmte aus dem Gebäude und sprang die Stufen hinunter. Gleich darauf hörte er das Holz des Fürstenhauses bersten.

„Komm zurück!“, verlangte Modgud. „Komm zurück und nimm deinen rechtmäßigen Platz ein!“

Zum Licht!, dachte Simund immerfort. Ich muss zum Licht! Was auch immer da auf mich wartet; ich muss zurück!

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