Kapitel 38, Simund

„Komm zurück!“, brüllte Modgud in seiner Riesengestalt. „Hier ist dein Platz!“

Simund hastete über die Toten, sprang über Trümmer und lief an den Feuern vorbei. Er passierte das Tor des Palisadenwalls. Hinter sich hörte er, wie Modgud gegen das Holz krachte und es mächtig splitterte.

Die stampfenden Schritte waren ganz nahe. Modgud bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die er dem Alten nicht zugetraut hatte.

Direkt hinter ihm spürte Simund den Boden beben. Und geistesgegenwärtig schlug er einen Haken zur Seite. Da fegte einer der ellenlangen Arme an ihm vorbei.

„Komm her du!“

Modgud überragte Simund nun um mehr als das dreifache, doch seine Gestalt war noch immer am Wachsen. Zu Simunds Glück lag in Modguds Bewegungen eine Unbeholfenheit, die es Simund erleichterte, ihnen auszuweichen.

Immer wieder versuchte Modgud ihn zu packen, aber die Hände griffen ins Leere. Simund sprang um sein Leben. Dabei stellte er fest, dass seine mitunter panischen Ausweichbewegungen ihn von dem Licht entfernten.

Das Licht!

Melinde wartete dort auf ihn! Er durfte sich von Modgud nicht ablenken lassen. Das war sein Ziel, das allein. Dass der Alte so reagierte, musste bedeuten, dass das Licht wirklich seine Rettung war.

Simund ging der Atem schwer. Modgud ebenfalls.

„Wieso lässt du mich nicht gehen?“, fragte Simund. Er brachte nur eine kurze Pause zum Verschnaufen und um darüber nachzudenken, wie er seine Flucht angehen sollte.

Auch Modgud unterbrach seine Jagd. Jede Gelassenheit von früher war aus der Riesengestalt gewichen und hatte unverhohlener Wut Platz gemacht.

„Weil dein Platz jetzt hier ist! Du bist gestorben, ertrunken in den unterirdischen Gewässern.“

„Weil die toten Diener eines Nekromanten mich hier runter gezogen haben“, hielt Simund dagegen. „Fast schon, als wollte Shaura meinen Tod. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!“

Dabei ging Simund auf und ab. Immer wieder, aber möglichst verstohlen, sah er zum Licht hinüber. Bewegte sich das Licht etwa? Wenn Simund eine Chance sah, wollte er sogleich losrennen.

„Das ist nun völlig egal“, meinte Modgud. „Dein Platz ist nicht mehr unter den Lebenden. Finde dich damit ab!“

„Und was, wenn nicht?“, fragte Simund herausfordernd. „Willst du mich ein zweites Mal umbringen? Was sollte dann mit mir geschehen? Lande ich wieder am Ufer?“

„Du törichter Sterblicher. Ich kann hier mit deinem Körper machen, was mir beliebt! Es ist deine Seele, die hier unten gefangen bleibt und nur Shaura gebietet über die Pforten zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Ohne ihre Erlaubnis wirst du nicht wieder zurückkommen können. Vergiss es!“

„Was ist es dann“, fragte Simund, „wovon du mich abhalten willst?“

Da platzte Modgud der Kragen. Er ging in die Knie, um seinen gewaltigen Körper in die Lüfte zu erheben und sich auf Simund zu werfen.

Noch im letzten Moment konnte Simund zur Seite springen. Modgud krachte neben ihn auf dem Boden. Das war die Chance, auf die er gewartet hatte. Er nahm die Beine in die Hand. Nach einem flüchtigen Blick hinter seinen Rücken sah er, dass Modgud sich nur mit Mühe erheben konnte.

Simund konnte seinen Abstand immer weiter erhöhen. Hinter ihm setzte der Riese zu einem markerschütternden Gebrüll an. Doch das Licht, es kam immer näher. Es war zu hell, um auszumachen, worum es sich bei diesem Licht genau handelte.

Mittlerweile hatte Modgud die Verfolgung wieder aufgenommen. Fluchend jagte er Simund hinterher und verringerte mit jedem seiner weiten Schritte den Abstand.

Simund verlangte sich alles ab. Seine Beine fühlten sich taub an und er presste den letzten Rest Luft aus seiner Lunge. Doch er glaubte, etwas im Licht erkennen zu können. Etwas oder jemand befand sich in dem gleißenden Leuchten. Und je näher er kam, desto mehr bildeten sich Konturen und Formen heraus. Es war ein … ein Pferd?!

Simund wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Aber in dem Licht schien ein Pferd zu stehen. Seelenruhig verharrte es auf der Position. Was auch immer das bedeutete, so würde er von hier verschwinden können.

In einem Moment stand es still, dann drehte es sich von Simund weg und trabte gemütlich in dieselbe Richtung, in die auch er lief. Er musste hinterher. Auch Modgud war gefährlich nahegekommen.

„Gleich habe ich dich!“, hörte er den Riesen.

Während Simund das Pferd verfolgte, erblickte er einen Gegenstand auf dem Boden liegen. Genau dort, wo vorhin noch das Pferd gestanden hatte. Als hätte es ihm etwas dagelassen.

Er konnte den Gegenstand erkennen. Ein Stab? Eher ein knorriger Ast mit einer Verdickung am Ende. Eine Keule! Was sollte er mit einer Keule?

Simund torkelte über die Keule hinweg. Seine Hand fand den Ast und griff zu, während er zu Boden fiel. Noch einen Moment fühlte er sich wie am Ende seiner Kräfte. Im nächsten war ihm, als hätte er sich von allen Strapazen erholt. Er fühlte sich wach, konzentriert – und so mutig wie noch nie.

Die Keule lag gut in der Hand. Zum Ende hin natürlich schwerer. Brandhartes, dunkles Holz. In der Waffe lag eine bestechende Schlichtheit, doch war sich Simund auch sicher, dass sie schwere Verletzungen verursachen würde. Und dann kam ihm diese Waffe merkwürdig vertraut vor …

Cherus!

Sein göttlicher Vater hatte genau dieselbe Waffe geführt. Könnte es …

„Bleib, wo du bist!“

Verdammt, nun hatte er eine Waffe, aber dieses Problem genannt Modgud bestand noch immer. Wo war nur das Pferd? Simund blickte sich um. Das Licht, welches mit dem Erscheinen des Pferdes auftrat, war in weite Ferne gerückt.

Indessen kam Modgud immer näher. Mit weit ausgebreiteten Armen und finstren Blick kam der Riese auf ihn zu.

Weglaufen hat keinen Zweck, dachte sich Simund und wog die Keule in der Hand. Kein Weglaufen mehr. Nicht vor dir. Nicht vor Streit und Kampf.

Simund packte die Keule mit beiden Händen.

„Kein Weglaufen mehr!“, schrie der Riese.

Kein Weglaufen mehr, wiederholte Simund.

Simund überraschte Modgud, indem er ebenfalls auf ihn zulief. Seine zupackenden Armen griffen zu spät, Simund war schon an ihnen vorbei gesprungen. Er holte mit der Keule aus und traf den Riesen ins Knie.

Noch vollends in der Bewegung begriffen stapfte Modgud mit dem eben getroffenen Bein auf den Boden. Er schrie auf, das Bein gab nach und er stürzte bäuchlings.

„Du scheiß Sterblicher!“, fluchte Modgud am Boden liegend. Er wollte sein Bein belasten und aufstehen, scheiterte aber jedes Mal bei dem Versuch. „Was glaubst du, ändert das? Schlag mich ruhig tot, ich komme eh wieder.“

Das Getrappel von Hufen. Das Pferd kehrte zurück und stellte sich neben Simund. Ein kräftiges, braunes Tier mit schwarzer Mähne. Es schnaubte ihn an, als wollte es ihm etwas mitteilen.

Simund wandte sich an Modgud. „Ich aber nicht.“

Er schwang sich auf den Rücken des Pferdes. Das Tier ließ das ohne Umstände zu und setzte sich, ohne einen Befehl abzuwarten, in Bewegung. Natürlich vergaß Simund den hölzernen Knüppel nicht.

„Der Tod wird auch dich kriegen!“, rief ihm Modgud hinterher.

Simund antwortete nicht. In diesem Moment fühlte er sich, als würde selbst der Tod machtlos an ihm abprallen.

Das Pferd galoppierte auf das Licht zu. Es schien nun wesentlich weiter weg zu sein. Aber von Modgud oder anderen Verfolgern keine Spur.

„Ich muss mich wohl bei dir bedanken“, sagte Simund zu dem Pferd. Üblicherweise würde er sich dumm vorkommen, mit einem Tier so zu reden. Aber in diesem Falle glaubte Simund fest daran, dass es sich hierbei nicht um ein normales Pferd handelte.

„Wenn wir wieder oben sind, bringen wir dich so schnell wie möglich an die Oberfläche. Bist du ein Wildpferd? Oder gehörst du einem Herrn?“

Tatsächlich erwartete er eine Antwort. Dann lachte er über sich selbst. Es war ein freies, ungezwungenes Lachen. Und da fiel es ihm auf. Das Pferd kam ihm genauso bekannt vor wie die Keule in seiner Hand. Simund hatte dieses Pferd das letztes Mal gesehen, bevor Cherus verschwand.

„Du bist Trayus, Cherus‘ treues Pferd! Hat er dich gesandt, um mir zu helfen? Aber wie?“

Natürlich keine Antwort. Aber Simund konnte auch nicht einschätzen, wie weit die Kräfte der Götter reichten.

Nun ahnte Simund auch, wohin die Reise gehen würde: Sie steuerten direkt auf das dunkle Gewässer zu. Der Braune beschleunigte seinen Galopp.

„Ist das der einzige Weg?“

Simund war nicht gerade erfreut über den Gedanken, wieder ins Wasser hinabzutauchen. Würde er ein zweites Mal ertrinken müssen? Trayus wieherte und legte noch mal richtig zu. Simund hielt den Atem an und hielt sich am Hals des Pferdes fest. Gemeinsam stürzten sie in die Tiefen.

<- Kapitel 37

Kapitel 39 ->

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail