Kapitel 4, Piasus

Thodius öffnete ein Auge. Itharaxus neben ihm schlief, mit den Knien auf dem Boden, den Oberkörper halb auf der Bank und den Kopf auf einem Kissen. Der Oberkörper hob und senkte sich regelmäßig. Thodius konnte ihn atmen hören. Der Arme. Thodius hatte ihm, wann immer er konnte, Wein in seine leeren Krüge gegossen. Die Zahl der auf dem Boden um ihn verstreuten Krüge entsprach nicht dem, was er tatsächlich gesoffen hatte.

In der ganzen Versammlungshalle herrschte Stille. Sie hatten sich alle in einen tiefen Schlaf getrunken. Thodius wandte den Kopf. Im schwachen Schein eines bald verlöschenden Feuerkessels sah er die Silhouetten der anderen Gäste auf oder neben den Bänken liegen, manche mit dem Gesicht im Tafelgeschirr, umzingelt von Weinkrügen. In der Nähe glaubte er den fauligen Geruch von Erbrochenem wahrzunehmen. Die Gäste schnarchten und schnaubten, aber abgesehen vom Knistern des Feuers hörte er nichts.

Der Thron: verwaist. Der König hatte sich wacker gehalten und war erst gegangen, als die meisten schon zu viel getrunken hatten, um noch ein Gespräch führen zu können. Auch nicht Thodius, der den Betrunkenen gespielt hatte, so gut er konnte. Um trotzdem noch die Augen offen halten zu können. Zu seinem Bedauern schlief Paraxus nicht einfach auf der Stelle ein. Womöglich hatte er sich in sein Schlafgemach begeben.

Thodius öffnete beide Augen, schaute sich nochmals um. Als er sich sicher war, unbeobachtet zu sein, erhob er sich. Er lüftete den Mantel und zog einen Dolch heraus. Langsam setzte er einen Fuß vor den anderen, tastete sich vorwärts. Dann muss ich den König wohl suchen gehen, damit er heute Nacht noch Bekanntschaft mit meinem Dolch macht.

Na, heute noch was vor?“ Thodius erstarrte. Im Dunkel lachte jemand dreckig, als hätte er eine Handvoll Erde gefressen. Er konnte nicht erkennen, wer es war oder woher das Gelächter kam. „Willst du den Dolch noch fein ausführen?“ Lauteres Gelächter. Thodius war sich nun sicher zu wissen, wo sich der Spaßvogel befand und bewegte sich in die Richtung. Aber wieso hatte er das Messer gesehen? Er hatte es dicht am Körper gehalten. Vielleicht reflektierte das Metall etwas Licht vom Feuer? Möglich. Trotzdem hatte er keine andere Wahl. Wenn seine Mission erfolgreich sein sollte, musste er ihn wohl zum Schweigen bringen.

Hast mir nicht zugehört?“, fragte die Stimme, als Thodius näher kam. „Ich habe den Dolch gesehen. Stecke ihn weg oder ich schreie und ganz Tyon soll erfahren, dass der Philosoph Thodius ein Meuchelmörder ist. Ah, und wo du schon mal dort stehst, bringe mir bitte den Krug da. Da muss noch was drin sein. Der Herr Ilthenus ist nämlich ein Leichtgewicht und schlief als Erster ein. Da sollte noch was für uns beide übrig sein.“

Verdammt, der hatte gute Augen! Aber er schien mehr daran interessiert zu sein, weiter zu saufen. Wenigstens konnte Thodius so näher an ihn herankommen und dann entscheiden, was er mit ihm machen sollte. Er steckte den Dolch weg, vorerst, schlich bis zu Ilthenus und fühlte das Gewicht der Krüge. Nachdem er eine Wahl getroffen hatte, ging es weiter. Der Kerl hatte es sich an der Wand des Versammlungsraumes gemütlich gemacht, fernab der anderen. Und es schien sich um den Zwerg zu handeln; Thodius erkannte seine gedrungene Gestalt und den langen Bart.

Gut, aber ich will den ersten Schluck haben!“

Zum Glück sprach er nun leiser, auch wenn es die Gäste zuvor in ihrem Schlaf nicht gestört zu haben schien. Thodius überreichte ihm den Krug und der Zwerg trank begierig.

Hoppla, nun ist es alle. Bring uns noch einen. Keine Sorge, diesmal lasse ich dir etwas Wein übrig. Und lass den Dolch gleich stecken. Ich sehe im Dunkeln besser als ihr Menschen.“

Thodius kam mit einem Weinkrug zurück. Der Zwerg trank merklich kürzer und übergab ihm dann den Krug. Eigentlich war ihm gar nicht nach Wein zumute.

Was ist?“, fragte der Zwerg. „Ich wollte eigentlich mit dir etwas trinken und mich ruhig mit dir darüber unterhalten, warum du mit einem Dolch aus der Versammlungshalle schleichst.“

Machst du dir keine Sorgen um dein eigenes Leben?“, fragte Thodius flüsternd.

Jeden Tag. Ich bin bereits Sklave eines Tyrannen. Man gewöhnt sich daran. Wenn du bei deinen Machenschaften nicht gestört werden willst, dann solltest du mich schnell umbringen. Damit wäre es endlich vorbei. Oder wir trinken und plauschen noch etwas. Setzt dich zu mir, Philosoph des Dolches.“

Ich sollte jetzt lieber gehen.“ Thodius versuchte im schwachen Licht den schnellsten und leisesten Weg aus der Versammlungshalle zu finden.

Und es in einer anderen Nacht versuchen? Von mir aus, ich habe kein Problem damit. Nur wirst du keinen Erfolg haben.“

Thodius wurde hellhörig. Wollte der Zwerg ihm helfen?

Was meinst du damit?“

Paraxus ist ein Tyrann – und das weiß er. Er trägt die Rüstung jeden Tag, denn immerzu spürt er die Anwesenheit von Messerklingen. Seine Herrschaft hat ihn paranoid gemach. Ich könnte dir den Weg zu seinem Schlafgemach zeigen, das er übrigens nicht mit seiner Frau teilt, vermutlich wegen seiner Paranoia. Aber dann stehen wir vor einer verschlossenen Tür aus Eisen, die sich von Außen nicht öffnen lässt. Jedenfalls nicht mit einem Dolch.“

Und wenn ich andere Wege kenne, verschlossene Türen zu öffnen? Kann man das Schloss nicht knacken?“

Daraus wird nichts. Er drohte, mich zu köpfen, wenn es jemanden gelingen sollte, die Tür aufzubrechen. Er ließ es testen, einen ganzen Tag lang. Ich habe meine Arbeit gut getan. Vergiss es. Du hättest mehr Chancen gehabt, während des Gelages über ihn herzufallen.“

Unschlüssig stand Thodius im Raum, schaute zum Ausgang der Versammlungshalle, dann auf die friedlich schlafenden Betrunkenen und schließlich auf den Zwerg, der ihm den Krug aus den Händen riss und sich am Wein gütlich tat. Er beschloss, sich neben den Zwerg zu setzen. Dann versuchen wir mal, das Beste aus der Situation zu machen.

Wie ist dein Name?“, fragte Thodius.

Tiuz“, war die knappe Antwort.

Tiuz, wie bist du eigentlich hier unten gelandet? Wenn ich fragen darf.“

Natürlich darfst du fragen.“

Kriege ich auch eine Antwort?“

Ich komme aus dem Norden.“

Das habe ich schon gehört. Aus dem Land der Merowa, dem Königreich der Eichen. Was geschah dort?“

Keine Antwort. Thodius hörte den Wein die Kehle des Zwerges runterlaufen. „Ich möchte hier nicht darüber reden.“ Tiuz erhob sich schwerfällig. „Komm, wir gehen in meine Schmiede. Da stört uns keiner.“

Der Herr König lässt seinem Sklaven ja viel Freiheit“, bemerkte Thodius. Ungestört gingen sie durch die dunklen Gänge der Villa. „Fürchtet er nicht, du könntest abhauen?“

Mit diesen kleinen Stummelbeinen? Als Zwerg falle ich hier unten auf und gebrandmarkt hat mich der König auch. Ich komme nicht weit. Solange er mir noch vertraut, kann ich mich sogar frei durch die Stadt bewegen und ab und zu an den Gelagen teilnehmen. Das will ich nicht missen.“

Ja, kann ich verstehen. Also behandelt der König dich nicht schlecht?“

Könnte schlimmer sein. Ich habe meine Mahlzeiten und eine Arbeit. Gleichzeitig droht er mir mit denselben Klingen, die ich für ihn hergestellt habe. So, da wären wir.“

Tiuz öffnete eine Tür und sie traten in eine kleine Werkstatt. Die Holzkohle im Ofen glomm noch und warf etwas Licht auf die vielen Werkzeuge, kupferne Barren, Speerspitzen und Klingen, Helme und Rüstungen. Alles lag verstreut oder unsortiert in Kisten, der Raum machte einen unordentlichen Eindruck. Ein Bett war direkt an die Wand gerückt, daneben stand eine kleine Kommode.

Ganz gemütlich“, bemerkte Thodius.

Du schmeichelst meinem bescheidenen Heim.“ Tiuz zog einen kleinen Tisch herbei und stellte mehrere Weinkrüge ab.

Nun …“ begann Thodius und trank einen Schluck. „Die Frage brennt mir noch immer auf der Zunge. Wie bist du hier unten gelandet?“

Du wirst es mir vielleicht nicht glauben.“

Ich habe schon viele unglaubliche Geschichten gehört und manchmal erzähle ich selber welche. Lass mich selbst entscheiden.“

Der Zwerg verschränkte die Arme. Ein sonores Brummen drang aus dem Leib des Zwerges. Schließlich sprang Tiuz auf das Bett und setzte sich. „Alles fing damit an, dass der König der Merowa, dieser Hartried, Sohn des Cherus, meinen Bruder erschlug.“

Thodius verschluckte sich am Wein. Er klopfte sich mehrmals auf die Brust, bevor er wieder sprechen konnte. „Was?! Hat etwa der König der Merowa dich versklavt?“

Oh nein, ich floh vor ihm und den Schergen, die er auf mich hetzen ließ.“ Tiuz‘ Hände begannen zu zittern. Da war ein Beben in der Stimme des Zwerges. „Meine Gefangennahme ist eine lange Geschichte, aber ihr verdanke ich, dass ich noch am Leben bin. Wäre ich in Hartrieds Hände gefallen, wäre ich so tot wie mein Bruder.“

Der Reihe nach. Wieso trachtet der König der Merowa dir nach dem Leben?“

Weil er etwas besitzt, was mir und meinem Bruder gehört. Nicht nur hat er es sich erstohlen, es ist auch ein mächtiger Gegenstand, der ihm eine besondere Kraft verleiht. Durch meinen Tod wird seine Kraft ein Geheimnis bleiben.“

Ein magischer Gegenstand also?“ Das ist es! Ich muss unbedingt dran bleiben! „Um was für einen Gegenstand handelt es sich?“

Tiuz neigte den Kopf. Leiser sprach er: „Wer bist du eigentlich? Ich nehme dir den Philosophen nicht ab. Für einen Säufer-Philosophen bist du viel zu nüchtern. Und soweit ich weiß, sind sie auch keine Mörder.“

Weil ich keiner bin.“ Gut, hören wir mit dieser Maskerade auf. Diese Chance kann ich mir nicht entgehen lassen. „Ich bin nicht Thodius, der Philosoph der Freude. Der kommt erst in ein paar Tagen in den Kolonien an und bis dahin bin ich schon lange weg. Mein Name ist Piasus vom Stadtstaat Akleion. Wir sind Feinde Tyons und des Paraxus. Und wir sind auch Feinde des Königs der Merowa.“ Er streckte dem Zwerg die Hand aus und legte sein überzeugendstes Lächeln auf. „Da wir uns so viele Feinde teilen, sollten wir Freunde werden.“

 

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