Kapitel 40, Simund

Piasus warf sich aus dem Weg. Rodried schnappte sich Melinde und trug sie fort.

„Was zum …“, entfuhr es dem Nekromanten. „Du müsstest bei Shaura sein! Wie bist du wieder in die Welt der Lebenden zurückgekehrt?“

Er schnellte hoch, den Stab in der Hand. Simund erinnerte sich, was das letzte Mal geschehen war, als er den Stab einsetzt hatte: Die Untoten waren zum Leben erwacht und hatten sie angegriffen.

Wie ein Bär, der sich aus dem Unterholz erhob, richtete sich Hedda hinter ihm auf und packte sich den Nekromanten. Der keuchte, während ihre kräftigen Arme anschwollen und seinen Leib zerdrückten. Seine Beine strampelten in der Luft, als sie ihn hochhob.

„Denkt ihr …“, brachte der Nekromant erstickt hervor, „das wird mich aufhalten. Seht!“

Als er seinen Stab auf die Skelette im Gang richten wollte, hörte Simund ein kurzes Zischen. Ein Geschoss traf den Stab und schlug ihn aus der Hand des Nekromanten.

Grinsend trat Barutz neben ihn. „Na los“, sprach der Zwerg.

„Simund!“, brüllte Hedda.

Richtig. Das war sein Part. Simund nahm Anlauf. Beide Hände umfassten den Stiel der Keule. Simund fixierte den Kopf des Nekromanten. Wenn es bei den Skeletten funktionierte, dann auch bei ihm.

„Lasst mich los!“, protestierte der Nekromant. Er fuchtelte mit den Armen, seine Füße traten gegen Heddas Beine. Das Gewand verrutschte und gab seinen hässlichen, halb verfaulten Schädel frei.

Simund holte aus. Von rechts nach links durchschnitt der Keulenkopf die Luft. Irgendwo in ihrer Bahn traf sie auf etwas. Simund hatte kaum Widerstand gespürt. Als er zum Nekromanten blickte, hing sein Kopf schlaff vom Hals. Sie Zunge hing ihm aus dem offenstehenden Mund, die Augen blickten ins Leere. Der Körper war gänzlich erschlafft.

Bevor er aufatmen konnte, zuckte Simund zusammen. Hinter ihm ein lärmendes Geräusch. Er drehte sich um und sah, wie die Skelette in sich zusammenfielen. Die Knochen verteilten sich über den gesamten Eingang und rollten bis zu ihren Füßen. Der Spuk war wohl vorbei.

Der Nekromant klatschte leblos vor Simunds Füße. Hedda hatte ihn fallen gelassen und kam auf Simund zu.

„Bei den Göttern!“ Sie umarmte ihn mit all ihrer Kraft und presste ihm die Luft aus den Rippen. „Du hast es tatsächlich geschafft! Oh bei den Göttern, wie schön, dass du wieder unter uns weilst!“

„Ja, ich bin auch froh“, keuchte er, „wieder bei euch zu sein! Nun gib mir bitte etwas Luft zum Atmen.“

„Oh, entschuldige.“

Hedda ließ ihn frei und wischte sich eine Träne von der Wange.

„Simund!“, hörte er danach die Stimme seiner Schwester. Ein nasser Strom floss ihr bereits übers Gesicht.

„Es tut mir so unendlich leid! Es tut mir so leid, dass du da durch musstest. Ich …“ Ein Schluchzen, mehr nicht.

„Ist schon gut“, sprach Simund und drückte sie zärtlich. „Es ist alles gut gegangen.“

„Aber es hätte so viel schlimmer kommen können. Und trotzdem schickte ich dich willentlich in den Tod! Wie furchtbar muss es gewesen sein, zu ertrinken. Und was den anderen noch hätte zustoßen können … Ich wollte es nicht sehen, ich wollte nicht hier sein und ich wollte uns nicht in Gefahr bringen. Doch die Götter sprachen zu mir und ich musste gehorchen.“

Simund tätschelte ihren Kopf. „Ich bin nur froh, dass es euch allen gut geht. Es war auch eine … interessante Reise. Ich glaube, wir alle haben viel zu erzählen.“

Melinde nickte, rieb sich die Wangen und trat zur Seite. Rodried stellte sich vor Simund, schlug ihm zuerst auf die Schultern, lächelte und umarmte ihn schließlich. Danach war Piasus dran. Der beließ es bei dem Schulterklopfen.

„Gut, dass du wieder da bist.“

„Tut wirklich gut, wieder unter den Lebenden zu sein.“

„Und was ist das?“, fragte Piasus und deutete auf den Nekromantenstab.

„Ein Teil einer langen Geschichte.“

Sie saßen in einem Kreis. Simund brauchte eine Weile, um seine Reise durch die Unterwelt zu erzählen, seinen kurzen Aufenthalt in seiner ihm zugewiesenen Heimstätte, wie er wieder die Person sah, die ihn und Melinde damals aus dem brennenden Haus gerettet hatte, die Flucht vor Modgud, das Licht, das Pferd, die Keule … Danach fühlte er sich ausgelaugt und müde. Er legte sich auf den staubigen Boden, die Keule auf der Brust.

„Verdammt“, sprach dann Piasus, der ihm mit der Hand am Kinn aufmerksam zugehört hatte. „Das muss ich aufschreiben, wenn ich Papyrus und eine Feder in die Finger bekomme. Da haben wir doch tatsächlich einen, der das Reich der Toten besucht hat und davon berichten kann!“

„Das Reich der Shaura“, berichtigte Simund. „Modgud sagte mir, dass dorthin alle kommen, die nach dem Tod kein anständiges Ritual bekommen. Es gibt also noch andere Totenreiche.“

„Von mir aus, das ist schon bemerkenswert genug. Wie viele es dazu verleiten wird, immer eifrig den Göttern zu huldigen. Mein Freund, du hast den Tempeln damit einen großen Dienst erwiesen. Du solltest dich von ihnen auszahlen lassen.“

„Es gibt einem zu denken“, sagte Simund nur.

„Zu wem soll ich also beten?“, fragte Rodried, der ihm die ganze Zeit nur mit offenem Mund zugehört hatte.

Simund winkte mit einer müden Bewegung ab.

„Er sollte auf jeden Fall Cherus danken“, meinte Hedda. „Schließlich muss er es gewesen sein, der dich gerettet hat. Und diese Keule …“

Simund richtete sich auf. „Du erkennst sie? Meine Erinnerungen sind etwas schwammig. Aber ich könnte schwören, dass es seine Keule ist.“

„Darf ich?“, fragte sie.

Widerwillig händigte er ihr die Keule aus.

Hedda untersuchte sie, fühlte jeden Zentimeter ab. Ihr Blick bekam etwas Ehrfürchtiges.

„Ich bin mir ganz sicher. Das ist die Keule von Cherus, mit der er Merow von den Untoten befreit hatte.“

„Mit so einer Keule?“, fragte Barutz. Er beschaute die Waffe mit verschränkten Armen und zusammengekniffenen Augen. „Das ist doch nur eine einfache Holzwaffe, kein magisches Metall, nichts von Zwergenhand geschmiedetes.“

„Es heißt“, begann Rodried, „Cherus habe diese Keule aus dem Holz eines heiligen Baumes geschnitzt. Und damit viele Ungeheuer, Dämonen und Nekromanten wie diesen erschlagen. Es ist keine einfache Keule. Nicht jede Waffe ist aus Metall, schon gut gehärtetes Holz reicht für einen ordentlichen Prügel, um jemanden damit den Schädel einzuschlagen. Aber diese Waffe stammt aus der Hand eines Gottes … Ich hätte nicht gedacht, dass wir auf dieser Reise einen heiligen Gegenstand wie diesen in die Hände bekommen. Du natürlich, Simund. Die Waffe gehört dir allein.“

„Da hat er recht“, sagte Hedda und händigte Simund die Keule aus. „Sie wurde dir bestimmt aus einem guten Grund gegeben. Wahrscheinlich nicht nur, um diesen einen Nekromanten niederzustrecken.“

Als Simund die Keule wieder in den Armen hielt, war ihm, als würde ihm eine ungeheure Verantwortung auferlegt. Ja, Cherus würde ihm sicherlich nicht ohne Grund seine eigene Waffe überreichen. Damit musste es etwas auf sich haben. Sicherlich ging der Besitz dieser Waffe mit einer Aufgabe einher. Simund schaute zu Melinde. Sie erwiderte seinen Blick, wissend. Doch was diese Aufgabe war, dass konnte er in den Augen seiner Schwester nicht lesen.

Piasus stand auf. Mit langsamen Schritten umkreiste er die kleine Runde und trat neben den Nekromanten.

„Was machen wir mit dem?“, fragte Piasus. „Ihn einfach hier unten liegen lassen?“

„Wir könnten ihn ins Wasser werfen“, meinte Hedda. „Vielleicht kommt er ja genau dort an, wo er seiner Göttin am nächsten ist. Das würde ihm bestimmt zuerst gefallen, doch wenn Simunds Beschreibungen stimmen, wird er dort unten eine freudlose Ewigkeit verbringen.“

„Wenn du ihn anfassen willst. Da wäre wahrscheinlich noch etwas Wichtigeres: Was machen wir mit seinem Stab? Das Ding ist selber magisch, oder? Er hat es benutzt, um seine Kräfte zu wirken.“

Die Gruppe richtete sich auf und begab sich zu Piasus. Der Stab lag neben dem Leichnam des Nekromanten. Nachdem Barutz ihn aus seiner Hand geschossen hatte, hatte ihn keiner mehr angefasst. Simund fragte sich, ob sie ihn überhaupt berühren sollten.

„Cherus hatte die Stäbe zerstört“, sprach Melinde, die sich an Hedda gelehnt hatte. „Mit seiner Keule. Diese Nekromanten-Stäbe sollen von Shaura persönlich stammen und keine menschliche Hand soll sie zerstören können. Cherus vermochte es jedoch, sie zu zerschlagen.“

Alle Blicke richteten sich auf Simund. Er verstand. Es war an ihm, diesem Treiben ein Ende zu bereiten. Vielleicht war das der Grund, weswegen er die Keule bekommen hatte. Cherus konnte aus irgendeinem Grund nicht wieder auf die Erde zurück. Aber er konnte einem seiner Kinder das Werkzeug übergeben, um seine Aufgabe fortzuführen.

„Gut“, sprach Simund. „Versuchen wir es. Wenn jemand bitte den Stab auf den Altar platzieren würde. Dort kann ich besser zuschlagen.“

Nun schauten sich die Gefährten gegenseitig an. Wie er wollte keiner es wagen, den Stab anzufassen.

„Ihr habt Angst vor dem Ding?“, fragte Barutz. „Es ist nur Holz. Ich mache das schon.“

Melinde stieß noch ein kurzes „Halt!“ aus, da hatte der Zwerg bereits den Stab in die Hand genommen und begab sich zum Altar. Dort legte er den Stab ab, zuckte mit den Schultern und sagte: „Nun bist du dran.“

„Geht es dir auch gut?“, fragte Simund.

„Glaubst du, ich verspüre plötzlich den ungeheuren Drang, mir eine Horde Untoter gefügig zu machen und sie auf euch zu hetzen? Nein, mir geht es bestens. Nun mach schon, ich will sehen, was passieren wird.“

„Du hast recht. Bringen wir es hinter uns.“

Simund stellte sich vor den Altar. Er hob die Keule mit beiden Händen, zielte und … Es klirrte, das Holz der Keule prallte vom Altar ab und der Stab flog durch den Raum. Mehrere Meter entfernt landete er auf dem Boden, allem Anschein nach komplett heil.

„Das gibt es doch nicht“, sprach Piasus und lief zu dem Stab. „Das Ding ist noch ganz!“

„Sei vorsichtig!“, rief Melinde.

„Ja ja.“ Piasus beugte sich hinunter und hob das Nekromanten-Zepter auf. Nach einer Sekunde, in der alle außer Barutz den Atem anhielten, schien Piasus in sich hineinzuhorchen. „Nein, da passiert wirklich nichts. Mir geht es gut. Dem Stab ebenfalls. Kein Kratzer, Splitter oder Delle. Wollen wir etwas anders versuchen? Wie wäre es, wenn wir mit Schwertern mal draufhauen?“

Daraufhin platzierten sie den Stab wieder auf dem Altar. Diesmal war es Hedda, die mit der Klinge zuschlug. Das Holz erzitterte unter dem Hieb, aber wieder zeigte sich keine Beschädigung.

Dann übergaben sie ihn Hedda. Sie versuchte den Stab mit ihren ungeheuerlichen Kräften in zwei zu brechen. Auch diesmal kein Erfolg, so sehr sie sich auch anstrengte. Enttäuscht gab sie auf.

„Und was machen wir jetzt damit?“, fragte Rodried, der immer respektvollen Abstand zum Nekromanten-Stab hielt. „Wir können ihn nicht hier lassen.“

„Auch ins Wasser?“, fragte Barutz.

„Ich wäre dagegen“, meinte Simund. „Wir wissen dann nicht, wo er landen wird. In welche Hände er geraten könnte. Nein, mir wäre es viel lieber, wir nähmen ihn erst einmal mit und sehen dann weiter. Vielleicht bekommt Melinde ja eine Antwort.“

Rodried nickte, aber Simund konnte sehen, dass ihm diese Antwort nicht gefiel.

„Ich verstaue ihn“, sagte Piasus. „Oder möchte jemand anders ihn unbedingt mit sich tragen?“

Da ihm keiner den Stab streitig machte, war die Sache abgemacht. Das Werkzeug des Nekromanten würde sie auf ihrer Reise begleiten.

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