Kapitel 41, Gunlaug

Was davor geschah: Gunlaug, der König und seine Familie sowie der Hofstaat machten sich auf den Weg zum Königs-Thing. Auch der Fürst von Bärenschlucht folgte ihnen zum Versammlungsplatz. Hier kommen die Merowa und ihre Fürsten zusammen, um die wichtigsten Angelegenheiten zu besprechen. Unter anderem die Bedrohung durch die Orks …

Das Königs-Thing verglich Gunlaug gerne mit einer Heerschau. Dieses Bild ergab sich aus mehreren Gründen: Einerseits waren bei einem Thing nur Männer zugelassen. Es fehlte auf der freien, offenen Fläche an Frauen, an Kindern und nur wenige Alte waren zugegen. Ihm bot sich ein ganz und gar männlicher Anblick. Was den Eindruck einer Heerschau noch verstärkte, war der Umstand, dass alle Männer hier bewaffnet waren. Obwohl auf dem Thing-Platz eigentlich kein Blut vergossen wurde, war es trotzdem Brauch mit Waffen zu erscheinen. Diese Bewaffnung beschränkte sich nicht nur auf das Schwert oder die kurze Axt am Gürtel. Die Männer kamen mit Brünne, Kettenhemd und Helm. Sie legten die Schilde ins Gras und stützten sich auf ihre Speere. Manche der Männer waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet, als wollten sie zwischen den Urteilen kurz mal jagen gehen. Die Herkunft manches Thing-Besuchers konnte Gunlaug an der ein oder anderen Klinge ablesen: Freie aus dem Süden trugen ihre kurzen Schwerter am Gürtel, im Norden war die zweihändige Axt beliebt. Die Fürsten kamen auf ihren stattlichen Schlacht-Hirschen angeritten und viele Freien reisten zu Pferde zum Königs-Thing.

Auf dem Königs-Thing galt das Gebot, sich nicht die Köpfe einzuschlagen. Dennoch führten die Fürsten ihre kräftigsten Recken vor und statten die Kerle mit der besten Ausrüstung aus. Fanden die Stämme ihren Platz, so war es, als nähmen sie dieses Land für sich ein, indem sie die Banner ihres Stammes aufstellten. Gunlaug sah Bären, Wölfe, Krähen, Eulen, Eichen, Buchen, Spatzen, Seeschlangen, Eber, Lindwürmer, viele andere Tiere und Ungeheuer, die sich überall erhoben und verkündeten, welcher Fürst sich hier niedergelassen hatte. Die Männer traten nicht feindselig auf, Klingen blieben in der Scheide, Beile am Gürtel, Bogen nicht gespannt. Sie begegneten sich dennoch mit Respekt und ließen sich gegenseitig genügend Abstand, als fürchteten sie die Grenzübertretung mit Gewalt heimgezahlt zu bekommen. Sicherlich wurde Gunlaug auch der ein oder anderen Freundschaftsbekundung und herzlichen Umarmung ansichtig. Er vernahm jedoch auch böse Blicke und unverhohlene Beleidigungen. Zum Glück platzierten sich die Stämme einmütig so, dass kein Erzrivale sich neben dem nächsten ausbreitete.

Die Trosse von Hartried und Pattmar waren die ersten, die ihre Zelte mehrere hundert Meter vom Thing-Platz entfernt aufbauten. Deshalb konnte Gunlaug seelenruhig dabei zuschauen, wie die einzelnen Fürsten mit ihren Freien ankamen.

Pattmar und sein Gefolge hatten sich bereits ihr Lager nahe dem Thing-Platz aufgebaut. Anschließend bauten sie ihr Banner nahe dem Findling auf, welcher dem König vorbehalten war. Die Fahne mit dem Bären wehte stolz über der grasbewachsenen Ebene.

Das Gefolge des Königs breitete einen grünen Stoff über den Stein aus. Hedwinne und ihre Frauen hatten selbst diesen Stoff gewebt, auf dem ein Hirsch den Betrachter geradewegs in die Augen schaute.

Gunlaug saß auf der Wiese und sah sich das Treiben an. Eine Gruppe Männer schritt an ihm vorbei. Die grün-braune Farbe ihres Mantels kam ihm bekannt vor … sie mussten aus dem Osten des Reiches stammen. Sie beäugten ihn, manche grüßten ihn. Gunlaugs gute Laune gebot ihm, freundlich zu antworten.

„Ah, wenn das nicht einer der Söhne des Cherus ist.“

Gunlaug sprang auf. Die Stimme kam ihm bekannt vor. Ein Mann trat aus der Gruppe, gebeugt vom Alter, etwas blass und gekleidet in ein dickes Wolfsfell. Der Alte stellte sich vor Gunlaug und gab ihm Zeit, sich zu erinnern.

„Ah, entschuldigt.“ Gunlaug streckte ihm die Hand aus. „Darlaug, Fürst von Spatzensturz. Freut mich, Euch hier zu sehen.“

Darlaug gab ihm die Hand. „Auch meine Freude, Gunlaug, Sohn des Cherus. Das heißt wohl, dass der der König auch schon hier ist, richtig? Ja, da ist sein Banner. Ah, und der Fürst von Bärenschlucht …“

Darlaug blickte an Gunlaug vorbei auf den Findling und die daneben aufgerichteten Banner. Dadurch bot sich Gunlaug die Möglichkeit, sich den Mann genauer anzuschauen. Ja, er wirkte alt. Für einen Moment hätte er noch gedacht, dass ihm lediglich die Reise strapaziert hatte. Aber nein, die Schwäche, die diesen Körper befallen hatte, ging tiefer und hatte sein Wesen erfasst. Gunlaug hatte nicht viele Gelegenheiten gehabt, den Fürsten von Spatzensturz genauer kennenzulernen. Zumeist hatte er ihn nur hier getroffen, beim Königs-Thing. Aber er hatte ihn als verständigen und umsichtigen Fürsten schätzen gelernt, auf dessen Wort man sich verlassen konnte. Er würde dem Königs-Thing fehlen, wenn die Zeit ihn zu sich genommen hatte.

Dieser Gedanke brachte Gunlaug unweigerlich dazu zu fragen: „Ist Euer Sohn bei euch? Er müsste alt genug sein, um am Königs-Thing teilnehmen zu dürfen. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Das letzte Mal war er noch ein kleiner Bub.“

„Und er ist nun ein stattlicher Jüngling“, antwortete Darlaug in einem Ton, der Gunlaug seinen Worten Glauben schenken ließ. „Nein, er ist nicht hier. Ich habe ihm aufgetragen, sich um das Fürstentum zu kümmern. Es gab da etwas zu erledigen und ich will sehen, wie er es bewerkstelligt. Er kann sich die Gesuche betrunkener Fürsten auch ein anderes Mal anhören.“

„Wenn das Bier ihn nicht zuerst umhaut.“

Innerlich schüttelte Gunlaug mit dem Kopf. Oh ja, sie würden diese Nacht und die kommenden viel Bier in sich hineinschütten. Denn das lockerte die Zunge. So war es Brauch bei jedem Thing und als sie sich einen König erwählten, wurde dieser Brauch hier fortgesetzt. Es würde für Gunlaug wieder eine Weile dauern, bis die Wirkung gänzlich verflogen war.

„Und Euch?“, fragte Darlaug. „Habt Ihr Euch von dem Kampf erholt?“

„Welchen Kampf?“

Darlaug trat etwas näher. „Den mit den Orks. Ich habe die Geschichte von ein paar Leuten aus dem Osten gehört. Manche erzählten sich, dass Ihr Euch einer ganzen Horde entgegengestellt habt.“

„Ich? Oh, da muss ich Euch enttäuschen! Ich habe nur einen erschlagen.“

Gemurmel unter den Männern. Sie klangen nicht erfreut.

Nun gut, da bot sich mir die Chance, die Erzählung etwas auszuschmücken. Aber nein, wir bleiben lieber bei der Wahrheit.

„Und?“, fragte Darlaug. „Wie war es? Gegen die Biester zu kämpfen?“

„Es war … Sie reden wie Menschen, bewegen sich wie Menschen. Sind bestimmt auch fast so intelligent wie Menschen. Aber ich glaubte auch, gegen ein Tier zu kämpfen. Selbst nachdem ich es mehrmals mit meinem Schwert verletzte, warf es seine Waffen weg und stürzte sich auf mich. Wir sollten sie nicht unterschätzen.“

Darlaug nickte. Die Männer hinter ihm blickten Gunlaug ernst an. Wenigstens schienen diese Worte ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben.

Der Fürst fasste ihn an die Schultern und schob ihn sanft von den Männern weg.

„Ich muss Euch etwas sagen“, sprach Darlaug, als sie außer Hörreichweite waren. „Ich habe Eure Schwester getroffen. Hedda war für eine kurze Zeit bei uns am Hof.“

„Hedda?“, entfuhr es Gunlaug. „Sagt mir, wie geht es ihr? Ist sie wohl auf? Bereist sie noch immer die Meere? Hat sie … hat sie etwas über mich gesagt?“

„Ich kann Euch versichern, sie ist wohl auf. Eurer Schwester geht es gut. Sie hat ein eigenes Schiff und eine eigene Mannschaft. Sie ist bei bester Gesundheit und so stark, wie man sich erzählt. Von Euch, nun ja. Ich fragte sie, ob sie Euch etwas ausrichten wollte, da wir uns bald treffen würden. Sie schwieg dazu.“

„Oh, das …“

Gunlaug schaute zu Boden, obwohl er eigentlich nichts anderes erwartet hatte. Sie mied ihn, seitdem Gunlaug sich entschlossen hatte, Hartried zu folgen und es zum Kampf um den Thron kam. Und dieser Kampf seine Opfer forderte. Dennoch hatte er für einen kurzen Moment gehofft, dass Hedda wenigstens ein freundliches Wort für ihn übrig hatte.

„Soll ich ihr etwas von Euch ausrichten?“, fragte Darlaug.

„Da gibt es nichts“, antwortete Gunlaug, „was nicht nur unter uns beiden gesagt werden dürfte.“

Darlaug nickte. Eine kurze Zeit herrschte Stille zwischen den beiden. Es fühlte sich an, als würde der Fürst ihn verstehen.

„Nun“, unterbrach Darlaug das Schweigen, „das wollte ich Euch jedenfalls gesagt haben. Auch wenn es nicht unbedingt das war, was ihr hören wolltet.“

„Ihr braucht Euch nicht für das Verhalten meiner Schwester zu entschuldigen. Ich bin froh, dass sie wohlauf ist. Danke vielmals.“

„Schön. Schön. Ich muss mich mit ein paar anderen Thing-Teilnehmern unterhalten, bevor mir das Bier zu Kopf steigt. Wir werden uns noch öfter über den Weg laufen.“

Hartrieds Gefolge versammelte sich und legte einen Schild zu Füßen des Königs. Hartried trat auf die Vorderseite des Rundschiles, das Gefolge umringte ihn, bückte sich und hob ihn einer Bewegung in die Luft. Der König hielt die Balance mit einer Würde, die man von dem Herrscher der Merowa erwarten konnte.

„Fürsten und Freie“, rief Hartried. Seine Stimme schwoll über den ganzen Platz und richtete sich an Hunderte bis Tausende von Merowa, die sich um den Findling gesammelt hatten. „Männer und Brüder. Mit wachsamen Augen beschaut Cherus selbst dieses Königs-Thing, auf diesem Platz, als er das erste Bündnis zwischen seinem Stamm und den Haldevern schloss. Hier, vor diesem Fels, wo Cherus Doderried mit der Keule niederschlug. Nicht mit der Klinge oder dem Speer, sondern aus Gnade beendete er den Kampf mit einem einfachen Hieb auf den Schädel. Auf dass Cherus und sein Kontrahent Doderried Freundschaft schließen konnten. Möge auch dieses Königs-Thing einträchtig ablaufen, wie Cherus es gewünscht hätte.“

Die Freien klopfen mit Fäusten und Waffen auf ihre Schilde und gaben somit ihre Zustimmung.

„Damit sei der Trunk für diesen Abend freigegeben und das Königs-Thing kann beginnen!“

Sie schlugen noch heftiger auf die Schilde. Jubelrufe mischten sich zwischen den Donner. Gleich darauf wurden die Fässer angstochen. Neben Gunlaug rollten sie ein Fass heran, richteten es auf und zerschlugen die Dauben. Andere Freie kamen mit Bechern heran und tauchten sie hinein. Der malzige Geruch von Bier verbreitete sich. Ein Freier kam auf Gunlaug zu und überreichte ihm ausgelassen einen Becher.

„Danke“, sprach er und nahm einen Schluck

Und so beginnt es von Neuem …

Hartrieds Gefolge ließ ihn langsam herunter, nur um sich auf die Fässer zu stürzen und am Gelage teilzuhaben. Feierlaune ergriff den Platz, wo eigentlich Gegenstände von Tragweite besprochen werden sollten.

Gunlaug stellte sich neben Hartried. Der wartete mit in die Hüften gestemmten Armen darauf, dass wieder etwas Ordnung ins Thing kam.

„Auch einen Schluck?“, fragte Gunlaug. „Ist gut.“

Hartried überlegte kurz und sprach schließlich: „Ach, gib her.“

Der König ergriff den Becher und führte ihn zum Mund. Als er ihn Gunlaug zurückgab, war der Becher nur noch halb voll. So war Gunlaug wenigstens etwas Bier losgeworden.

„Das dauert immer“, monierte der König. „Können die sich nicht beeilen, damit wir zur Tagesordnung übergehen können?“

„Warte noch etwas. Die versorgen sich noch alle. Am besten lassen wir sie den ersten Becher leeren. Darauf freuten die sich schon die ganze Reise.“

„Pah, das Reich hat größere Probleme.“

„Richtig.“ Gunlaug nahm einen weiteren Schluck. „Deswegen sollten wir warten, bis ihre Ohren durch den Alkohol gefügig sind.“

„Die Dringlichkeit meines Anliegens und der Umstand, dass der König selbst es von ihnen fordert, sollte Grund genug sein, ordentlich zuzuhören. Wie mich dieses Besäufnis anwidert.“

„Du solltest dein Volk verstehen.“ Gunlaug überreichte ihm wieder den Krug.

Ein kurzes Schweigen von Hartried, dann griff er wieder zu. Danach warteten sie, sahen dabei zu, wie sich die Freien mit Bier versorgten, wie sie miteinander schwatzten und neue Fässer herbei rollten. Mit der Zeit beruhigte sich der Trubel, mehr und mehr Blicke richteten sich auf den König, der mit seiner strengen Miene und den verschränkten Armen deutlich zu erkennen gab, dass er eigentlich wegen etwas anderem hier war.

„Brüder, Fürsten“, rief er dann.

„Der König möchte Aufmerksamkeit!“, rief jemand aus der Menge heraus.

Zustimmendes Geklopfe und Gelächter.

Die Fürsten wandten sich von ihren Freien ab und blickten direkt zum König.

„Ich nehme mir mal heraus, den ersten Punkt dieses Treffens zu bestimmen.“

„Was ist Euer Anliegen?“, fragte Utharmar, der Fürst von Eulenwacht.

„Ihr wisst das nur zu gut, denn Ihr wart dabei. Die Orks.“

Dieses Wort wurde von den Fürsten wiederholt, von den Freien ganz vorne aufgenommen und verbreitete sich durch die Menge. Auf einmal richteten sich alle Blicke wieder auf den König.

„So gefällt mir das schon besser“, sagte Hartried zu Gunlaug. „Ein äußerer Feind ist das beste, um die Aufmerksamkeit dieses Volkes in eine Bahn zu lenken. Heute schreiben wir Geschichte.“

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