Kapitel 42, Gunlaug

„Ja, die Orks!“, fuhr Hartried fort. „Ich wette, die meisten von euch haben schon von ihnen gehört. Manche sogar schon von unserem Zusammentreffen mit ihnen. Ich und meine Männer, sowie der Fürst von Eulenwacht und seine Getreuen, wir stießen mit ihnen an den nördlichen Ausläufern des Drachenwirbels zusammen. Auf der Ebene bekämpften unsere Pferde und Reiter, unsere Hirsche und Lanzen ihre von Bestien gezogenen Streitwagen. Doch seid versichert: Diese Streitwagen selbst wurden von Bestien gelenkt. Haarige Tiermenschen, mit Hauern im Gesicht, Schweineschnauzen und kräftigen Körpern.“

Hartried trat langsam auf die Mitte des Platzes und begann, auf und ab zu gehen, während er die Fürsten und Freien fest anschaute.

„Wie Bestien gebärdeten sie sich, grunzten und schlugen um sich wie in die Ecke gedrängte Tiere. Und dennoch – eines der wundersamsten Merkmale dieser Tiermenschen – waren sie der Sprache fähig. Wir redeten mit einem von ihnen, nachdem wir alle anderen erschlugen.“

Die Freien klopften mit ihren Waffen und Fäusten auf die Schilde. Laut donnerte es über den ganzen Platz. Hartried lächelte.

„Und er erzählte uns von dem Heer, das auf der anderen Seite des Drachenwirbels wartet. Eine ungeheure Massen dieser Bestien, welche über die Ebenen zieht und sich an allem satt frisst, das es finden kann. Gräser, Bäume, Früchte, Gersten, Tiere … Menschen.“

Ein Raunen ging durch die Freien.

„Ja, ihr habt richtig gehört. Menschen. Wir ertappten sie dabei, wie sie Menschen am Rande unseres Reiches verschlangen. Sie nagten jeden Knochen ab, bis kein Stück Fleisch mehr übrig war.“

Die Stimmung bei den Freien schlug um, sie wüteten und stießen laute Verwünschungen aus.

„Hunderttausende dieser Bestien warten hinter dem Drachenwirbel darauf, über unsere geliebten Felder herzufallen, unsere tiefen Wälder abzuholzen, unsere blauen Flüsse und Seen leerzutrinken. Ja, ich weiß das, denn ich habe es gesehen. Als ich auf dem Turm Eulenwacht über den Drachenwirbel spähte, sah ich selbst, was sie ihrer Heimat angetan hatten, wie sie das Land umpflügten, aufrissen und letztlich zerstörten. Sie mögen wie Eber oder Schweine aussehen, doch gleichen sie eher einem Heuschreckenschwarm.“

„Darf ich dem etwas hinzufügen?“, rief plötzlich einer.

„Wer spricht da?“, fragte Hartried, merklich ungehalten darüber, unterbrochen wurden zu sein.

Es war der Fürst von Spatzensturz, Darlaug, der hervortrat.

„Nur ungern falle ich Euch ins Wort, König, aber ich habe dem etwas hinzuzufügen, das Ihr mit Sicherheit auch hören wollt und das ich ohnehin an diesem Tage angesprochen hätte.“

„Dann fahrt fort, wenn es so wichtig ist.“

„Danke, König.“ Darlaug trat hervor und schaute sich um, ließ die Aufmerksamkeit eine Weile auf sich ruhen. „In meinem Fürstentum gibt es eine Seherin. Sie suchte mich eines Tages auf und berichtete mir von einer Vision, welche die Götter ihr gesandt hatten. Sie sah einen Heuschreckenschwarm, eine endlose Flut von gierigen Mäulern, welche über unser Land herfielen. Sie sah entstellte Felder, vernichtete Ernten und braches Land. Ich denke, sie sah genau das, wovor Ihr, mein König, uns gerade warnt. Jedem hier sollte bewusst werden, wie groß dieses Gefahr ist, die sich dort auf der anderen Seite des Drachenwirbels zusammenballt.“

„Hat sie noch etwas gesehen?“, fragte Hartried. „Etwa, wie wir sie aufhalten können?“

„Nein, das hat sie nicht. Alles, was ich tun kann, ist Eure schlechte Nachricht zu bestätigen.“

„Danke, Darlaug, damit habt Ihr uns allen einen Dienst erwiesen. Und die Seherin natürlich auch. Denn sie hat uns deutlich gemacht, dass sogar die Götter uns vor dieser Gefahr warnen wollen. Wenn ich das Fürstentum von Spatzensturz aufsuchen sollte, würde ich sie gerne treffen und mich bei ihr persönlich bedanken.“

„Ich leite Euren Dank an sie weiter“, sprach Darlaug, „aber sie hält sich lieber unbehelligt im Wald auf. Vielleicht lässt sich dennoch ein Treffen arrangieren, wenn Ihr das nächste Mal in Spatzensturz seid.“

Hartried nickte und Darlaug stellte sich wieder zwischen seine Freien. Sie gaben ihm einen Becher Bier.

„Wann werden sie angreifen?“, fragte ein anderer Fürst.

„Wir wissen es nicht“, antwortete Hartried. „Wir schickten einen Ork zurück – der einzige Ork, der den Zusammenstoß mit den Schwertern und Lanzen der Merowa überlebte!“

Abermals donnerten sie auf die Schilde.

„Und ich gab ihm auf, sich mit seinem Herren zusammenzusetzen und ihm zu sagen, dass wenn er Krieg haben will, dann soll er uns den Krieg erklären und wir vereinbaren Ort und Zeit der Schlacht. Doch die Orks halten nichts von Kriegserklärungen, halten sich an keine Gesetze, an keine Ehrenvorstellungen. Wann sie angreifen werden? Vielleicht nächstes Jahr, vielleicht das darauf oder erst in drei Jahren. Aber eines ist klar: Sie kommen.“

„Und wolltet Ihr uns nur warnen?“, fragte ein anderer Fürst. „Oder auch etwas vorschlagen?“

„Ja, aber ich werde nicht nur etwas vorschlagen, sondern gar von euch verlangen müssen. Ihr werdet bereits gemerkt haben, wie ernst die Lage ist. Selbst die Götter haben uns gewarnt. Ich habe mich bereits mit dem Fürsten von Eulenwacht beratschlagt und genauso mit dem Fürsten von Bärenschlucht. Einer wacht über die Nordostgrenze unseres Reiches, sollten sie über die Ebene nördlich des Drachenwirbels einfallen. Der andere über die Ostgrenze, wo sie über das Gebirge ziehen könnten. Wenn sie kommen, werden diese Fürsten den Angriff als erste zu spüren bekommen. Und sie bedürfen unser aller Unterstützung! Keiner von euch Freien, keiner von euch Fürsten, lebt er auch am Meer oder hat seinen Sitz in den dunkelsten Wäldern, darf darauf hoffen, von dieser Horde verschont zu werden. Das betrifft uns alle. Ich fordere von euch allen die volle Unterstützung unserer Grenzen, jede Klinge und jeden Recken, jedes Pferd und jeden Hirsch, um das Unheil, vor dem uns die Götter mahnten, zurückzuschlagen und unser aller Merow zu verteidigen!“

Als Hartried die Ansprache beendet hatte, brach der Donner los und rollte über die ergrimmten Männer Merows. Becher flogen in die Luft, während sie auf ihre Schilde schlugen. Die Freien priesen genauso Hartrieds Namen wie den von Cherus. Manch einer der Fürsten stimmte mit ein und malträtierte seinen Schild, andere Fürsten blickten verwundert hinter sich und erzürnten gar, weil die Freien nicht mal ihre Entscheidung abgewartet hatten.

Hartried drehte sich um, mit einem Lächeln im Gesicht. Er stellte sich neben Gunlaug und griff nach dem Becher.

„Entschuldige, aber ich muss meine Kehle befeuchten.“ Der König leerte ihn in einen Zug.

„Alle Achtung“, sagte Gunlaug. „Sogar ich habe jetzt Bock auf eine Schlacht.“

„Sieh dir das an. Scheiß auf die Fürsten. Ich habe das Volk in meiner Hand. Komm, wir nehmen uns noch einen Becher. Jetzt kann das Thing richtig losgehen.“

Danach nahm das Königs-Thing seinen gewohnten Lauf. Fürsten und Freie stellten Anfragen und Gesuche, mal an den König gerichtet oder an einen der Fürsten. Es ging um Landdispute, Totschlag, Mitgifte. Dinge, die nicht auf ihren Things besprochen werden konnten. Der König und Gunlaug saßen oftmals gelangweilt daneben und nippten an ihren Bieren, während Fürsten und Freie ihre Reden vortrugen. Selbst diesen wurde mit der Zeit die Zunge immer schwerer, die Rede jedoch freier. Ja, das Bier zeigte den gewünschten Effekt: Die Merowa bändigten sich nicht, sondern sprachen frei aus, was sie auf dem Herzen hatten.

Wirklich beschlossen wurde in dieser Nacht zumeist nichts. Stattdessen war jeder Fürst verpflichtet, einen Mann anzuweisen, nüchtern zu bleiben und sich alles zu merken, was an diesem Abend gesprochen, diskutiert und entschieden wurde. Am nächsten Morgen sollten diese dann das Erinnerte an ihre Fürsten weitergeben, auf dass mit einem brummenden Schädel ein rechtskräftiger Beschluss gefasst wurde. Gunlaug hatte das bereits machen dürfen. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, aber mit der Zeit wurde es schwierig, die Fassung zu wahren, während alle anderen um ihm herum immer betrunkener wurden.

Der Tag neigte sich dem Ende zu, bald wurde es finstere Nacht und Zeit für die Freien und Fürsten, ihren Rausch auszuschlafen. Damit sank die Redefertigkeit der Fürsten und Freien, wobei jene, die so spät noch etwas vorzubringen hatten, sich meist mit dem Biergenuss zurückzuhalten versuchten.

Ein Jüngling trat auf den Platz. Er wirkte auf Gunlaug noch sehr nüchtern, sogar von einer bestimmten Ernsthaftigkeit erfasst, die Gunlaug misstrauisch machte. Der Jüngling hatte rotblondes Haar und helle blaue Augen. Er trug einen feinen Wams und ein Schwert am Gürtel.

Der Jüngling hob einen Arm, drehte sich um und blickte alle Anwesenden mit festem Blick an.

„Seid mal still!“, rief da einer mit schwerer Zunge. „Der da will wichtig sein!“

Gelächter, manche trommelten halbherzig auf ihre Schilde. Als ihnen klar wurde, dass jetzt ein weiterer Thing-Gegenstand besprochen werden sollte, beruhigten sich die Merowa etwas.

„Mach mal hin! Es langt langsam für heute!“

„Keine Sorge!“, sprach der Jüngling mit fester Stimme. „Es wird nicht lange dauern!“ Dann drehte er sich zu Hartried um. „Mein König. Ich ersuche Euch, mich in Euer Gefolge aufzunehmen!“

Hartried fasste sich an den Kopf. „Nicht noch so einer“, sprach er.

Hartried und Gunlaug waren so weit entfernt, dass der Jüngling die Worte nicht gehört haben konnte. Deswegen wartete er nur, blickte den König mit ernster Miene an und fasste sich mit einer Hand an die Brust.

„Mein König“, sprach er weiter, „mir gebührt ein Platz an Eurer Seite, nicht nur wegen meiner Treue und meinen Fähigkeiten, sondern …“

„… Weil ich ein Sohn“, sprach Hartried leise.

Auch Gunlaug stöhnte lautstark auf. Er wusste, was auf sie zukommen würde.

„… weil ich, wie Ihr, ein Sohn des großen Gottes Cherus bin!“

„Hört hört!“, rief die Menge.

„Was hat das mit dem Thing zu tun?“, fragte Hartried. Man hörte ihm den Frust deutlich an.

„Nun, hätte ich Euch am nächsten Morgen in Eurem Zelt wecken sollen?“

„Frech ist er auch noch“, sagte Hartried zu Gunlaug und verdrehte die Augen.

„Sei nett zu ihm. Auf dem Thing wird kein Blut vergossen.“

„Ja, ja.“

„Ich kann allerdings auf eine Antwort warten“, sagte der Jüngling.

Die Menge hatte sich langsam beruhigt und harrte gespannt der Antwort des Königs. Mit einem Seufzer erhob er sich. „Bringen wir das hinter uns. Du glaubst ein Sohn des Cherus zu sein, ja? Lass mich raten, du hast ihn nie gesehen?“

Hartried schritt auf den Jüngling zu. Die ersten paar Meter schwankte er noch leicht. Auch bei ihm machte sich der Alkohol bemerkbar, vor allem, nachdem er eine ganze Weile regungslos auf dem herangeschafften hölzernen Thron gesessen hatte.

Das Selbstbewusstsein des vermeintlichen Halbgottes schwand währenddessen dahin. Er ertrug den enervierten Blick des Königs nicht mehr und senkte lieber den Kopf.

„Ja, aber man versicherte mir …“

„Erspare es mir. Kein Vater weit und breit? Aber alle sagen dir, wie toll du bist? Warte, das haben wir gleich.“

Hartried stellte sich mit verschränkten Armen vor den Jüngling.

„Schau mich an.“

„Mein König …“

„Kopf hoch. Ich will mit dem zwergengeschmiedeten Diadem in dich hineinsehen.“

Der Jüngling blickte in die Augen des Königs. Stille herrschte auf dem Platz, abgesehen von einem gelegentlichen Rülpsen und dem Geräusch von klirrenden Bechern.

„Nah“, war das Urteil des Königs. Der drehte sich auf der Stelle um und schlenderte zum Findling zurück.

Die Menge grölte, ließ Becher an Becher schlagen und klopfte zur Bekräftigung des Urteils auf die Schilde.

Das schwindende Selbstvertrauen des Jünglings machte einer Patzigkeit breit, die ihn um einiges kindlicher erscheinen ließ. Er drehte sich um und als er sah, wie sich die versammelten Freien über ihn lustig machten, lief sein Gesicht rot an.

„Mein König!“, rief er. „Hört mich an!“

„Gunlaug“, sagte Hartried zu seinem Halbbruder, „schaffe mir bitte diesen Quälgeist vom Halse.“

Gunlaug sprang auf und verschüttete dabei fast sein Bier. Er entschuldigte sich bei einem Freien neben ihm und riss ihm dessen Gebräu aus der Hand. Damit torkelte er auf den echauffierten Jüngling zu.

„Komm, mein Freund, sei dem König nicht böse.“ Gunlaug drückte ihm einen Becher in die Hand. „Das Königs-Thing ist für heute so gut wie vorbei und morgen ist auch noch ein Tag. An dem du aber nicht dem Gefolge des Königs beitreten wirst.“

„Aber …“

„Vergiss es. Dafür darfst du aber heute im Lager des Königs schlafen! Wir feiern noch eine Weile, keine Sorge.“

Gunlaug packte ihn bei der Schulter und schob den Jüngling zum Gefolge des Königs.

„Darf ich wirklich?“, fragte er.

„Sicherlich, der König hat nichts dagegen. Sag, wo kommst du her? Du siehst jemanden ähnlich, den ich kenne. Ah, dafür haben wir noch genügend Zeit.“

Eigentlich schliefen sie ziemlich bald darauf ein. Damit der Jüngling seinen eigentlichen Anlass, zum Königs-Thing zu kommen, vergaß, füllte Gunlaug ihn schnell ab. Am nächsten Morgen und mit einem ordentlichen Kater sah die Welt ganz anders aus.

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