Kapitel 43, Simund

Was davor geschah: Nachdem Simund und die restliche Gruppe den Nekromanten besiegt und dessen Stab an sich genommen hatten, machten sie sich auf den Weg zu ihrem ursprünglichen Ziel: dem versteckten Zwergenhort von Tiuz‘ Familie.

Barutz klebte mit dem Ohr am Fels. Sie waren gerade durch die Tunnel der Unterwelt gewandert, da hielt der Zwerg plötzlich an, um am Fels zu horchen.

„Wir müssen nahe sein“, sprach er. „Das hört sich nicht nach natürlichem Gestein an. Nein, ich höre etwas anderes. Aber noch fern, dumpf. Füße und Schritte, das Hämmern von Werkzeug oder etwas in der Art. Oder bilde ich mir das nur ein? Das könnten Zwergenstimmen sein. Ich bin mir nicht sicher. Normalerweise würde ich sagen: Klar, natürlich Zwergenstimmen! Wessen Stimmen sollten es sonst sein? Hier unten gibt es doch nichts anderes außer Zwerge, die der Sprache mächtig sind. Aber dank der Reise mit euch Menschen bin ich, was das anbelangt, um einiges klüger.“

„Kannst du nicht einfach durch den Stein gehen?“, fragte Simund. Er erinnerte sich an die Fähigkeit des Zwerges, in der Nähe von Fels und Stein einfach zu verschwinden und an ganz anderen Stellen wieder aufzutauchen.

„Das konnte ich noch nie“, antwortete der Zwerg. „Wie kommst du auf diese Idee? Einfach durch den Stein wandern, ha! Menschen …“

Seitdem bewegten sie sich langsamer durch die Gewölbe. Der Zwerg schien jede noch so kleine Stelle absuchen zu wollen, horchte in das Gestein hinein, klopfte hier und da eine Stelle ab. Der Hort der Ithulde, wo sich Tiuz‘ Familie versteckt hielt, war gut verborgen. Barutz erklärte, dass er nach geheimen Eingängen suchte. Für sie würde der Eingang nur wie eine weitere Wand aus Fels aussehen. Er jedoch konnte den hohlen Gang hinter dem Fels entdecken.

Barutz klebte nun schon eine ganze Weile an ein und derselben Stelle. Sie hatten ihr Gepäck abgelegt und es sich in der Nähe gemütlich gemacht, soweit es bei dem steinigen Boden möglich war. Simund bemerkte den Stab des Nekromanten in Piasus‘ Gepäck. Er fragte sich noch immer, was sie damit tun sollten.

„Keine Sorge, der Stab tut mir nichts“, riss ihn Piasus aus den Gedanken. Er musste Simunds Blick bemerkt haben. „Mir geht es gut. Dass ich auch zu einem verfaulten Nekromanten werde, scheint wohl ausgeschlossen. Das Ding übt keinen bösen Zauber auf mich aus oder so etwas. Wieso sollte es auch?“

„Das mag schon sein“, meinte Simund. „Aber wir müssen uns noch immer entscheiden, was wir mit dem Stab anstellen. Wir können ihn nicht für immer mit uns herumtragen.“

„Ich kann noch immer anbieten“, sprach Hedda, „ihn mit aufs Meer zu nehmen und ihn da draußen zu versenken. Wir fahren weit raus, wo keine Menschenseele ist, beschweren den Stab mit etwas. Und dann lassen wir ihn sinken. Du kannst ja mitkommen, Simund, wenn du ganz sicher gehen willst, dass wir das Ding auch ordentlich versenken.“

„Ja, wieso eigentlich nicht?“, fragte Rodried. „Damit sinkt er bis auf den Grund des Meeres. Oder denkt ihr, dass er irgendwo auf einer anderen Seite wieder herauskommt? Und solange Melinde nicht eine andere Idee hat … Weil ihr die Götter etwas anderes mitteilen …“

Sie schauten zu Simunds Schwester.

Melinde horchte in sich hinein. Dann schüttelte sie mit dem Kopf.

„Sieht so aus“, sprach Piasus, „als ob der Stab vorerst mit uns kommt. Wisst ihr was? Wenn wir im Süden sind, dann können wir das Orakel befragen. Denn die hat immer eine Antwort. Damit will ich dir nicht deine Fähigkeiten absprechen, halbgöttliches Kind. Aber unser Orakel wartet nicht auf eine Eingebung der Götter.“

„Dafür rätselt ihr, was euer Orakel zu euch gesagt hat“, erwiderte Melinde.

Piasus zuckte mit den Schultern. „Ja, das mag sein. Ihr beide würdet euch gut ergänzen. Vielleicht sollten wir dir einen Tempel neben dem Orakel errichten. Wenn die Leute dann verwirrt das Orakel von Akleion verlassen, können sie ja zu dir kommen und versuchen, sich Klarheit zu verschaffen. Oder sie gehen nach deinen Vision zu unserem Orakel und schaufeln noch eine Ladung Konfusion oben drauf. Klingt perfekt.“

„Habt ihr Barutz gesehen?“, fragte Rodried und stand auf. „Ich glaube, er ist verschwunden.“

Simund erhob sich ebenfalls und schaute sich um. Von dem Zwerg war keine Spur zu sehen. Soweit er jedenfalls in dieser Dunkelheit feststellen konnte.

„Sollen wir nach ihm suchen?“, fragte Piasus.

„Ich denke nicht“, erwiderte Simund. „Der wird schon wissen, was er macht. Wer weiß, seine Suche mag ihn an Orte bringen, welche wir nicht zu betreten vermögen. Wir sollten darauf vertrauen, dass er wiederkommt.“

„Darauf könnt ihr wetten. Und wie ich wiederkomme!“

Barutz trat aus dem Dunkel neben ihnen. Ein breites Grinsen erstreckte sich von einer Backe zur anderen.

„Ich habe etwas gefunden. Wenn ihr also bitte euer Gepäck aufnehmen und mir folgen würdet. Mit etwas Glück, scharfem Verstand und wachem Geist erreichen wir möglicherweise das Ziel unserer Reise.“

Piasus packte sich sein Gepäck. „Na das klingt doch vielversprechend. Führe uns an.“

Piasus folgte dem Zwerg, Rodried und Hedda hinterher. Simund half Melinde auf.

„Wir haben es bald geschafft“, sagte sie.

„Ja, aber es können noch immer Gefahren auf uns lauern“, erwiderte Simund. „Wenn man über einen Zwergenhort spricht, dann zumeist über die Schätze, die sich angeblich in darin befinden sollen und über die Fallen, mit denen die Zwerge sie schützen. Und nach dem, was wir über die Ithuldes gehört haben, wollen diese Zwerge von niemanden gefunden werden.“

„Alles wird gutgehen. Für jemanden, der keine Visionen bekommt, machst du dir sehr viele Sorgen.“

„Hast du es gesehen?“, fragte Simund

Melinde schüttelte den Kopf. „Nein. Es ist einfach nur so ein Gefühl. Ein ganz normales Gefühl. Darf ich das nicht auch haben?“

„Natürlich. Bleibe trotzdem auf der Hut. Auch um meinetwillen.“

„Versprochen“, sagte sie mit gesenkter Stimme. „Ich will nicht, dass so etwas noch mal passiert. Das mit deinem Tod …“

„Vergiss das. Es hat sich alles so gefügt, wie es sich fügen sollte. Ich habe das Licht gefunden, wie du gesagt hast, kam wohlbehalten wieder zurück und fand im Totenreich Cherus‘ Waffe. Bestimmt aus gutem Grund. Das muss alles Vorsehung gewesen sein, anders lässt sich diese Reise nicht erklären.“

„Aber wieso gerade dort unten? Hätten sie dir die Keule nicht auch hier geben können?“

„Ich weiß es nicht“, gab Simund zu. „Vielleicht ist es den Göttern nicht mehr möglich, direkt mit unserer Welt zu interagieren, nachdem sie sie einmal verlassen haben. Wir müssen jetzt aufpassen. Lass uns später darüber spekulieren.“

Sie traten zu den anderen. Hedda, Piasus und Rodried standen um Barutz herum und beobachteten ihn dabei, wie er mit den Handflächen über eine scheinbar beliebige Stelle wischte. Sein Gesicht befand sich dabei ganz nahe am Stein, abwechselnd begutachtete er ihn genauer mit einem Auge oder er drückte sein Ohr gegen den Fels. Dann begannen seine Fingerspitzen über die Fläche zu ticken. Das ging eine ganze Weile so, in der die Menschen abwarteten und ihm bei seiner Arbeit zuschauten.

„Aha!“, rief der Zwerg auf einmal.

Barutz‘ Hand versank im Stein, dann zog er sie schnell wieder heraus. Der Fels rumorte. Wie bei Svorgirs Versteck öffnete sich eine Wand und ihnen offenbarte sich ein langer, dunkler Gang.

Der Zwerg stemmte die Hände in die Hüfte und lächelte selbstzufrieden. „Ab jetzt leise sein, ich muss mich konzentrieren und ganz genau hinhören. Ihr bleibt besser ein paar Schritte hinter mir und tut gar nichts, außer auf meine Anweisungen zu achten. Verstanden? Sonst ereilt euch da drinnen der Tod. Außer wenn ihr etwas hören oder bemerken solltet, das mir entgangen ist. Dann seid ihr gut beraten, mir sofort Bescheid zu sagen.“

„Wäre es nicht klüger“, warf Piasus ein, „wir warteten hier draußen und du machst dort … was auch immer du dort zu tun gedenkst? Damit du erst einmal den Weg freiräumen kannst?“

„Hmm. Vielleicht. Aber kommt erst einmal hinein. Keine Sorge, hier vorne sollte es sicher sein. Seht, ich mache den ersten Schritt.“

Barutz trat in den Gang und gleich darauf folgten ihm die anderen. Sie drehten sich überrascht um; als wäre dadurch etwas ausgelöst wurden, schloss sich hinter ihnen wieder der Gang und sie waren vom Höhlenreich abgeschnitten.

„Und wollt ihr wissen, was daran das Beste ist?“, fragte Barutz. „Diese Tür lässt sich zur anderen Seite hin nicht öffnen. Wir sind jetzt hier drinnen eingesperrt, sollten wir den Eingang nicht finden. Wäre ich hier alleine reingegangen, dann säßet ihr jetzt draußen. Wie hört sich das an?“

„Ist ja gut“, sprach Piasus. „Aber wieso lässt sich die Tür nicht von innen öffnen? Was ist der Sinn dahinter?“

„Vermutlich wegen der Diebe. Wenn die durch diesen Gang kommen und den Hort ausrauben und dann wieder durch den Gang flüchten, dann stecken sie fest. Oder sie müssen wieder durch den Hort, was das Risiko erhöht geschnappt zu werden. Reicht das? Wir sollten nicht trödeln. Folgt mir mit Abstand und gebt Acht.“

Barutz tastete sich an der Höhlenwand entlang, schloss die Augen und senkte den Kopf, während er vor ihnen lief. Sie gingen durch einen niedrigen Gang, der außerdem so schmal war, dass sie kaum nebeneinander gehen konnten. Rodried, der größte unter ihnen, stieß sich mit dem Kopf an der Decke. Die Menschen waren still, lauschten gespannt, während sie einen zaghaften Schritt nach dem anderen machten.

„Wir sollten schneller gehen“, sprach Barutz plötzlich.

„Was ist los?“, fragte Simund.

„Verfallt nicht in Panik, geht einfach etwas schneller.“

Und so beschleunigten sie ihren Gang. Nervosität machte sich unter ihnen breit. Bald darauf fühlte Simund den Boden zittern und ein dumpfes Geräusch drang aus den Wänden. Auch seine Gefährten hatten es bemerkt. Sie schauten sich nach allen Seiten um und suchten nach der Quelle des Geräuschs.

„Etwas schneller“, sprach Barutz erneut.

„Was ist denn los?“, fragte diesmal Rodried.

„Lauft ihr schneller, wenn ihr es wisst? Oder macht ihr nur mehr Dummheiten, weil ihr in Panik verfallt?“

Das Geräusch wurde immer lauter, immer dröhnender. Staub rieselte von der Decke. Die Wände knirschten und der Boden begann zu beben.

Simund hatte eine Vermutung: Der Gang wurde immer kleiner.

„Barutz!“, rief er.

„Was?!“, blaffte der Zwerg zurück.

„Die Wände …“

„Ja, verdammt, die Wände! Das ist kein Grund, sich hier in Ruhe zu bequatschen! Nun macht -“

Und dann fiel er in den Boden. Sein Körper versank halb im Gestein, nur die obere Hälfte schaute hervor.

„Stopp!“, rief er und ruderte mit dem Armen umher.

„Aber wir haben keine Zeit!“, erwiderte Hedda.

„Ja, ähm …“

Barutz grub in seinem Loch und schüttete loses Gestein in den Gang. Dadurch schien er nur tiefer zu versinken.

„Aber tretet vorsichtig oder ihr versinkt auch!“

Hedda und Rodried kamen ihm zur Hilfe. Auch sie versanken mit ihren Füßen in dem lockeren Boden. Mit einem Ruck zogen sie ihn heraus.

„Danke“, sprach der Zwerg. „Und nun weiter!“

Simund nahm seine Schwester in den Arm und sprang mit ihr über die kleine Grube aus losem Schutt. Auch er versank ein paar Zentimeter und stolperte aus dem Erdloch heraus.

Mit eiligen Schritten ging es weiter. Der Gang war jetzt merklich enger geworden. Rodried musste bereits seitlich gehen.

Das Licht der Kristalle erhellte eine Wand vor ihnen. Sie hatten das andere Ende des Ganges erreicht.

„Und jetzt?“, fragte Piasus außer Atem.

„Lass mich nur machen.“

Barutz tastete wieder den Fels ab und presste sein Ohr an ihn. Seine Bewegungen waren diesmal wesentlich unruhiger.

„Die Wände kommen immer näher!“, bemerkte Piasus.

„Keine Panik!“, wiederholte Barutz.

Melinde sprach kein Wort, aber sie drückte sich immer fester an Simund. Schließlich standen sie mit dem Rücken an der einen, mit der Brust an der anderen Felswand. Brocken rieselten auf sie hinab und das Dröhnen des sich bewegenden Gesteins wurde unerträglich.

„Barutz?“, fragte Piasus erneut. „Hier wird es langsam eng!“

„Ich habe es ja gleich!“

Der Zwerg drückte mit dem ganzen Körper gegen die Wand. Sie öffnete sich geräuschvoll. Nacheinander quetschten sie sich durch den Gang und fielen in einen schmucklosen Raum.

Barutz klopfte sich Staub und Stein von der Kleidung und aus dem Bart. „Das lief doch gut. Alle Arme und Hände und Füße noch dran?“

Hinter ihnen schloss sich mit einem dumpfen Krachen der Gang. Nur etwas länger und sie wären dort zusammengepresst verendet.

Sie atmeten laut auf und beschauten sich gegenseitig. Es schien ihnen allen gut zu gehen, bis auf den Schrecken, den ihnen diese Falle eingeflößt hatte.

„Wo sind wir?“, fragte Rodried.

Barutz legte den Finger auf die Lippen. „Leise. Vielleicht wissen sie noch nicht, dass wir hier sind.“

„Bei der Lautstärke? Außerdem kommen wir mit guten Absichten.“

„Und trotzdem sind wir unangemeldet hier eingebrochen. Sie könnten schon auf uns lauern, sollten sie die zuschnappende Falle gehört haben. Also, jetzt wieder ganz vorsichtig sein.“

„Wir müssen nahe sein“, sprach er. „Das hört sich nicht nach natürlichem Gestein an. Nein, ich höre etwas anderes. Aber noch fern, dumpf. Füße und Schritte, das Hämmern von Werkzeug oder etwas in der Art. Oder bilde ich mir das nur ein? Das könnten Zwergenstimmen sein. Ich bin mir nicht sicher. Normalerweise würde ich sagen: Klar, natürlich Zwergenstimmen! Wessen Stimmen sollten es sonst sein? Hier unten gibt es doch nichts anderes außer Zwerge, die der Sprache mächtig sind. Aber dank der Reise mit euch Menschen bin ich, was das anbelangt, um einiges klüger.“

„Kannst du nicht einfach durch den Stein gehen?“, fragte Simund. Er erinnerte sich an die Fähigkeit des Zwerges, in der Nähe von Fels und Stein einfach zu verschwinden und an ganz anderen Stellen wieder aufzutauchen.

„Das konnte ich noch nie“, antwortete der Zwerg. „Wie kommst du auf diese Idee? Einfach durch den Stein wandern, ha! Menschen …“

Seitdem bewegten sie sich langsamer durch die Gewölbe. Der Zwerg schien jeden Zentimeter absuchen zu wollen, horchte in das Gestein hinein, klopfte hier und da eine Stelle ab. Der Hort der Ithulde, wo sich die Familie des Zwerges versteckt hielt, den sie aus der Knechtschaft eines Tyrannen befreien wollten, war gut verborgen. Barutz erklärte, dass er nach geheimen Eingängen suchte. Für sie würde der Eingang nur wie eine weitere Wand aus Fels aussehen. Er jedoch konnte den hohlen Gang hinter dem Fels erkennen.

Barutz klebte nun schon eine ganze Weile an ein und derselben Stelle. Sie hatten ihr Gepäck abgelegt und es sich in der Nähe gemütlich gemacht, soweit es bei dem steinigen Boden möglich war. Simund bemerkte den Stab des Nekromanten in Piasus‘ Gepäck. Er fragte sich noch immer, was sie mit ihm tun sollten.

„Keine Sorge, der Stab tut mir nichts“, riss ihn Piasus aus den Gedanken. Er musste Simunds Blick bemerkt haben. „Mir geht es gut. Das ich auch zu einem verfaulten Nekromanten werde, scheint wohl ausgeschlossen. Das Ding übt keinen bösen Zauber auf mich aus oder so etwas. Wieso sollte es auch?“

„Das mag schon sein“, meinte Simund. „Aber wir müssen uns noch immer entscheiden, was wir mit dem Stab anstellen. Wir können ihn nicht für immer mit uns herumtragen.“

„Ich kann noch immer anbieten“, sprach Hedda, „ihn mit aufs Meer zu nehmen und ihn da draußen zu versenken. Wir fahren weit raus, wo keine Menschenseele ist, beschweren den Stab mit etwas, vielleicht binden wir ihn an einen Stein. Und dann lassen wir ihn sinken. Du kannst ja mitkommen, Simund, wenn du ganz sicher gehen willst, dass wir das Ding auch ordentlich versenken.“

„Ja, wieso eigentlich nicht?“, fragte Rodried. „Damit sinkt er bis auf den Grund des Meeres. Oder denkt ihr, dass er irgendwo auf einer anderen Seite wieder herauskommt? Und solange Melinde nicht eine andere Idee hat … Weil ihr die Götter etwas anderes mitteilen …“

Sie schauten zu Simunds Schwester.

Melinde horchte in sich hinein. Dann schüttelte sie mit dem Kopf.

„Sieht so aus“, sprach Piasus, „als ob der Stab vorerst mit uns kommt. Wisst ihr was? Wenn wir im Süden sind, dann können wir das Orakel befragen. Denn die hat immer eine Antwort. Damit will ich dir nicht deine Fähigkeiten absprechen, halbgöttliches Kind. Aber unser Orakel wartet nicht auf eine Eingebung der Götter.“

„Dafür rätselt ihr, was euer Orakel zu euch gesagt hat“, erwiderte Melinde.

Piasus zuckte mit den Schultern. „Ja, das mag stimmen. Ihr beiden würdet euch gut ergänzen. Vielleicht sollten wir dir einen Tempel neben dem Orakel errichten. Wenn die Leute dann verwirrt das Orakel von Akleion verlassen, können sie ja zu dir kommen und versuchen, sich Klarheit zu verschaffen. Oder sie gehen nach deinen Vision zu unserem Orakel und schaufeln noch eine Ladung Konfusion oben drauf. Klingt perfekt.“

„Habt ihr Barutz gesehen?“, fragte Rodried und stand auf. „Ich glaube, er ist verschwunden.“

Simund erhob sich ebenfalls und schaute sich um. Von dem Zwerg war keine Spur zu sehen. Soweit er jedenfalls in dieser Dunkelheit feststellen konnte.

„Sollen wir nach ihm suchen?“, fragte Piasus.

„Ich denke nicht“, erwiderte Simund. „Der wird schon wissen, was er macht. Wer weiß, seine Suche mag ihn an Orte bringen, welche wir nicht zu betreten vermögen. Wir sollten darauf vertrauen, dass er wiederkommt.“

„Darauf könnt ihr wetten. Und wie ich wiederkomme!“

Barutz trat aus dem Dunkel neben ihnen. Ein breites Grinsen erstreckte sich von einer Backe zur anderen.

„Ich habe etwas gefunden. Wenn ihr also bitte euer Gepäck aufnehmen und mir folgen würdet. Mit etwas Glück, scharfem Verstand und wachem Geist erreichen wir möglicherweise das Ziel unserer Reise.“

Piasus packte sich sein Gepäck. „Na das klingt doch vielversprechend. Führe uns an.“

Piasus folgte dem Zwerg, Rodried und Hedda hinterher. Simund half Melinde auf.

„Wir haben es bald geschafft“, sprach sie.

„Ja, aber es könnten noch Gefahren auf uns lauern. Wenn man über einen Zwergenhort spricht, dann zumeist über die Schätze, die sich angeblich in ihnen befinden sollen und über die Fallen, mit denen die Zwerge sie schützen. Und nach dem, was wir über die Ithuldes gehört haben, wollen diese Zwerge gar nicht gefunden werden.“

„Alles wird gutgehen. Für jemanden, der keine Visionen bekommt, machst du sehr viele Sorgen.“

„Hast du es gesehen?“

„Nein. Es ist einfach nur so ein Gefühl. Ein ganz normales Gefühl. Darf ich das nicht auch haben?“

„Natürlich. Bleibe trotzdem auf der Hut. Auch um meinetwillen.“

„Versprochen“, sagte sie mit gesenkter Stimme. „Ich will nicht, dass so etwas noch mal passiert. Das mit deinem Tod …“

„Vergiss das. Es hat sich alles so gefügt, wie es sich fügen sollte. Ich habe das Licht gefunden, wie du gesagt hast, kam wohlbehalten wieder zurück und fand im Totenreich Cherus‘ Waffe. Bestimmt aus gutem Grund. Das muss alles Vorsehung gewesen sein, anders lässt sich diese Reise nicht erklären.“

„Aber wieso gerade dort unten? Hätten sie dir die Keule nicht auch hier geben können?“

„Ich weiß es nicht“, gab Simund zu. „Vielleicht haben sie Probleme in diese Welt zu dringen, nachdem sie sie einmal verlassen haben. Wir müssen jetzt aufpassen. Lass uns später darüber spekulieren.“

Sie traten zu den anderen. Hedda, Piasus und Rodried standen um Barutz herum und beobachteten ihn dabei, wie er mit den Handflächen über eine scheinbar beliebige Stelle wischte. Sein Gesicht befand sich dabei ganz nahe am Stein, abwechselnd begutachtete er ihn genauer mit einem Auge oder er drückte sein Ohr gegen den Fels. Dann begannen seine Fingerspitzen über die Fläche zu ticken. Das ging eine ganze Weile so, in der die Menschen abwarteten und ihm bei seiner Arbeit zuschauten.

„Aha!“, rief der Zwerg auf einmal.

Barutz‘ Hand versank im Stein, dann zog er sie schnell wieder heraus. Der Fels rumorte. Wie beim Versteck von Svorgir öffnete sich eine Wand und ihnen offenbarte sich ein langer, dunkler Gang.

Der Zwerg stemmte die Hände in die Hüfte und lächelte selbstzufrieden. „Ab jetzt leise sein, ich muss mich konzentrieren und ganz genau hinhören. Ihr bleibt besser ein paar Schritte hinter mir und tut gar nichts, außer auf meine Anweisungen zu achten. Verstanden? Sonst ereilt euch da drinnen der Tod. Außer wenn ihr etwas hören oder bemerken solltet, das mir entgangen ist. Dann seid ihr gut beraten, mir sofort Bescheid zu sagen.“

„Wäre es nicht klüger“, warf Piasus ein, „wir warteten hier draußen und du machst dort … was auch immer du dort zu tun gedenkst? Damit du erst einmal den Weg freiräumen kannst?“

„Hmm. Vielleicht. Aber kommt erst einmal hinein. Keine Sorge, hier vorne sollte es sich sein. Seht, ich mache den ersten Schritt.“

Barutz trat in den Gang und gleich darauf folgten ihm die anderen. Sie drehten sich überrascht um; als wäre dadurch etwas ausgelöst wurden, schloss sich hinter ihnen wieder der Gang und sie waren vom Höhlenreich abgeschnitten.

„Und wollt ihr wissen, was daran das Beste ist?“, fragte Barutz. „Diese Tür lässt sich zur anderen Seite hin nicht öffnen. Wir sind jetzt hier drinnen eingesperrt, sollten wir den Eingang nicht finden. Wäre ich hier alleine reingegangen, dann säßet ihr jetzt draußen. Wie hört sich das an?“

„Ist ja gut“, sprach Piasus. „Aber wieso lässt sich die Tür nicht von innen öffnen? Was ist der Sinn dahinter?“

„Vermutlich wegen der Diebe. Wenn die durch diesen Gang kommen und den Hort ausrauben und dann wieder durch den Gang flüchten, dann stecken sie fest. Oder sie müssen wieder durch den Hort, was das Risiko erhöht geschnappt zu werden. Reicht das? Wir sollten nicht trödeln. Folgt mir mit Abstand und gebt Acht.“

Barutz tastete sich an der Höhlenwand entlang, schloss die Augen und senkte den Kopf, während er vor ihnen lief. Sie gingen durch einen niedrigen Gang, der außerdem so schmal war, dass sie kaum nebeneinander stehen konnten. Rodried, der größte unter ihnen, stieß sich mit dem Kopf an der Decke. Die Menschen waren still, lauschten gespannt, während sie einen zaghaften Schritt nach dem anderen machten.

„Wir sollten schneller gehen“, sprach Barutz plötzlich.

„Was ist los?“, fragte Simund.

„Verfallt nicht in Panik, geht einfach etwas schneller.“

Und so beschleunigten sie ihren Gang. Nervosität machte sich unter ihnen breit. Bald darauf fühlte er den Boden zittern und ein dumpfes Geräusch drang aus den Wänden. Auch seine Gefährten hatten es bemerkt. Sie schauten sich nach allen Seiten um und suchten nach der Quelle des Geräuschs.

„Etwas schneller“, sprach Barutz erneut.

„Was ist denn los?“, fragte diesmal Rodried.

„Lauft ihr schneller, wenn ihr es wisst? Oder macht ihr nur mehr Dummheiten, weil ihr in Panik verfallt?“

Das Geräusch wurde immer lauter, immer dröhnender. Staub rieselte von der Decke. Die Wände knirschten und der Boden begann zu beben.

Simund hatte eine Vermutung: Der Gang wurde immer kleiner.

„Barutz!“, rief er.

„Was?!“, blaffte der Zwerg zurück.

„Die Wände …“

„Ja, verdammt, die Wände! Das ist kein Grund, sich hier in Ruhe zu bequatschen! Nun macht -“

Und dann fiel er in den Boden. Sein Körper versank halb im Gestein, nur die obere Hälfte schaute hervor.

„Stopp!“, rief er und ruderte mit dem Armen umher.

„Aber wir haben keine Zeit!“, erwiderte Hedda.

„Ja, ähm …“

Barutz grub in seinem Loch und schüttete loses Gestein. Dadurch schien er nur tiefer zu versinken.

„Aber tretet vorsichtig oder ihr versinkt auch!“

Hedda und Rodried kamen ihm zur Hilfe. Auch sie versanken mit ihren Füßen in dem lockeren Boden. Mit einem Ruck zogen sie ihn heraus.

„Danke“, sprach der Zwerg. „Und nun weiter!“

Simund nahm seine Schwester in den Arm und sprang mit ihr über die kleine Grube aus losem Schutt. Auch er versank ein paar Zentimeter und stolperte aus dem Erdloch heraus.

Mit eiligen Schritten ging es weiter. Der Gang war jetzt merklich enger geworden. Rodried musste bereits seitlich gehen.

Dann stoppte das Licht der Kristalle an einer Wand vor ihnen. Sie hatten das andere Ende des Ganges erreicht.

„Und jetzt?“, fragte Piasus außer Atem.

„Lass mich nur machen.“

Barutz tastete wieder den Fels ab und presste sein Ohr an ihn. Seine Bewegungen waren diesmal wesentlich unruhiger.

„Die Wände kommen immer näher!“, bemerkte Piasus.

„Keine Panik!“, wiederholte Barutz.

Melinde sprach kein Wort, aber sie drückte sich immer fester an Simund. Schließlich standen sie mit dem Rücken an der einen, mit der Brust an der anderen Felswand. Brocken rieselten auf sie hinab und das Dröhnen des sich bewegenden Gesteins wurde unerträglich.

„Barutz?“, fragte Piasus erneut. „Hier wird es langsam eng!“

„Ich habe es ja gleich!“

Dann drückte der Zwerg mit dem ganzen Körper gegen die Wand. Sie öffnete sich geräuschvoll. Nacheinander quetschten sich durch den Gang und fielen in einen schmucklosen Raum.

Barutz klopfte sich Staub und Stein von der Kleidung und aus dem Bart. „Das lief doch gut. Alle Arme und Hände und Füße noch dran?“

Hinter ihnen schloss sich mit einem dumpfen Krachen der Gang. Nur etwas länger und sie wären dort zusammengepresst verendet.

Sie atmeten laut auf und beschauten sich gegenseitig. Es schien ihnen allen gut zu gehen, bis auf den Schrecken, den ihnen diese Falle eingeflößt hatte.

„Wo sind wir?“, fragte Rodried.

Barutz legte den Finger auf die Lippen. „Leise. Vielleicht wissen sie noch nicht, dass wir hier sind.“

„Bei der Lautstärke? Außerdem kommen wir mit guten Absichten.“

„Und trotzdem sind wir unangemeldet hier eingebrochen. Sie könnten schon auf uns lauern, sollten sie die zuschnappende Falle gehört haben. Also, jetzt wieder ganz vorsichtig sein.“

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