Kapitel 44, Simund

Der Raum war in Dunkelheit gehüllt. Seine Gefährten breiteten sich aus, sodass das Licht ihrer Kristalle jede Ecke erhellte. Sie befanden sich in einem schmucklosen Raum ohne Mobiliar, ohne Verzierungen und mit nur einer Tür.

„Das soll der Hort der Ithulde sein?“, fragte Simund mit gesenkter Stimme.

Wie auf Zehenspitzen bewegte sich Barutz auf die Tür zu. Im Flüsterton sprach der Zwerg: „Sehr wahrscheinlich. Denke ich. Aber nun herrscht hier Stille. Ich höre keine Stimmen und keine Bewegungen mehr. Außer! … Hmm, seid vorsichtig und leise. Die Hortbewohner haben mit Sicherheit mitbekommen, was hier geschehen ist. Es war ja kaum zu überhören. Vielleicht verstecken sie sich und warten nur ab, dass die Diebe von selbst wieder verschwinden. Oder sie verschanzen sich in einer Ecke des Hortes, möglicherweise dort, wo sie ihre Reichtümer angesammelt haben. Sie könnten schon auf der Lauer liegen. Oder dieser Raum ist eine weitere Falle.“

Barutz tastete die Tür mit äußerster Vorsicht ab.

Piasus stellte sich neben Simund. „Sag mal“, begann er. „Weißt du, weswegen es der ‚Hort von Ithulde‛ heißt? Das ist ein Frauenname bei den Zwergen, oder?“

„Ja“, antwortete Simund. „Wieso? Was ist damit?“

„Ist sie die Chefin? Ich weiß ja noch nicht so recht, wie das bei euch Merowa läuft, aber bei uns Mykerios sieht man zumeist Männer in Autoritätspositionen.“

„Ich habe mein eigenes Schiff“, warf Hedda ein. „Da hast du dich nicht beschwert.“

Piasus zuckte mit den Achseln. „Ihr Brega seid sowieso ein merkwürdiges Volk. Und du bist eine außergewöhnliche Frau.“

„Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen?“, fragte Hedda.

Barutz kramte etwas aus seiner Tasche hervor. Metall blitzte auf. Es handelte sich um eine Art Werkzeug, welches Simund noch nicht gesehen hatte.

„Ah, Dietriche“, meinte Piasus. „Unser Herr Zwerg ist auf alles vorbereitet.“

„Darum bin ich hier“, versetzte Barutz. „Nicht nur, um diesen Hort zu finden und ebenso die versteckten Eingänge, sondern auch um die Schlösser all der verschlossenen Türen zu öffnen, ohne dass was weiß ich für Fallen losgehen und uns alle umbringen.“

„Sehr gut zu wissen, danke. Aber um auf meine Frage zurückzukommen: Hat hier eine Zwergenfrau das Sagen?“

„Ich muss mich jetzt konzentrieren“, antwortete Barutz.

Rodried gesellte sich hinzu. Er beugte sich zu Piasus hinunter, als würde er ihm etwas Vertrauliches erzählen.

„Wahrscheinlich wurde dieser Hort gegründet, als ein oder mehrere Zwerge diese Ithulde geheiratet hatten. Die Zwerge tendieren dazu, ihre Abstammung auf die Mutter zurückzuführen anstatt auf einen Vater.“

„Wieso denn das? Warte, ein oder mehrere Zwerge heirateten eine Frau?“

Rodried blickte kurz zu Barutz hinüber. „Das kommt öfters vor. Es gibt viel weniger Zwergenfrauen als Männer. Die Väter verheiraten ihre Töchter nur gegen hohe Brautpreise. Deswegen legen Brüder oder Freunde oft zusammen und teilen sich eine Frau.“

Piasus wollte darauf etwas erwidern, versank dann aber in nachdenkliches Schweigen. Nach einer Weile wandte er sich wieder an Rodried: „Da war keine Frau bei Svorgir zu sehen.“

„Er hat keine Gattin.“

„Muss dann …“ Piasus dachte wieder kurz nach. „Müssen seine Schüler als Frauen herhalten?“

„Da biegen sich ja die Höhlenwände bei so einem Unsinn!“, rief Barutz aus.

Der Dietrich glitt ihm aus der Hand und fiel klirrend zu Boden. Barutz erstarrte, als ein rumpelndes Geräusch durch den Boden zog. Es bewegte sich auf die Tür zu. Im nächsten Moment griff er nach dem Dietrich und rollte zur Seite. Ein Loch öffnete sich genau dort, wo gerade noch seine Füße gewesen waren.

„Barutz!“, riefen sie aus.

„Bleibt, wo ihr seid! Vielleicht kommen noch mehr davon!“

Sie verharrten auf ihren Positionen und lauschten mit angehaltenem Atem. Doch das Rumpeln blieb aus. Barutz atmete hörbar aus.

„Sind wir sicher?“, fragte Rodried.

„Was? Hier? Niemals“, antwortete der Zwerg. „Aber vorerst sollte es das mit dieser Falle gewesen sein. Seht.“

Vor ihnen Augen schloss sich das Loch wieder. Barutz beugte sich zum Boden hinab, befasste ihn mit den Händen, übte Druck auf die Platte aus. Dann trat er vor die Tür und öffnete sie langsam.

Der Zwerg flüsterte: „Und nun bitte keine Unterhaltungen mehr. Ganz leise und ganz vorsichtig.“

„Macht das überhaupt noch Sinn?“, fragte Piasus. „War das nicht alles laut genug? Sie wissen doch schon, dass wir hier sind.“

Simund musste ihm zustimmen. Welchen Zweck hatte es noch, Heimlichkeit vorzutäuschen?

„Sollen wir uns ganz offen zeigen?“, fragte Melinde. „Vielleicht wirken wir dadurch vertrauenswürdiger. Ich meine, wir sind doch nur hier, um zu reden, oder?“

„Sie hat recht“, stimmte ihr Simund zu.

Sie schauten zu Barutz. Der nahm eine entspannte Haltung ein und trat hinter die Menschen. „Macht ruhig. Ich sollte euch nur hierher führen. Der Rest liegt an euch. Überleben würde ich die Reise dennoch gerne, deswegen bitte ich euch, überzeugend zu sein.“

Simund überlegte. „Piasus? Du bist gut im Reden und kennst dich mit unserer Angelegenheit am besten aus.“

„Ich? Wieso nicht Rodried? Der kann mit diesen Zwergen umgehen und weiß, wie man mit ihnen spricht. Du hast das bisher doch ganz gut hinbekommen.“

„Halte ich auch für sinnvoll“, meinte Hedda. „Ja, Rodried soll für uns sprechen.“

Rodried trat vor und räusperte sich. „ Herrinnen und Herren dieses Hortes“, begann er. „Mit Sicherheit habt Ihr unser Ankommen bereits bemerkt. Seid versichert, dass wir nicht gekommen sind, um Euch Eure Reichtümer zu stehlen. Stattdessen kommen wir wegen eines Eurer Söhne, Tiuz. Wir wissen, wo er sich aufhält und ersuchen Euch, uns dabei zu helfen, ihn wieder zu befreien. Denn Ihr müsst wissen, dass er sich in Gefangenschaft befindet und wir auf Eure Unterstützung angewiesen sind, um ihn aus seinem Gefängnis zu befreien. Wir haben auch einen Vertrag. Ihr zieht es sicherlich vor, ihn zu lesen, als den Worten eines fremden Menschen zu vertrauen. Wenn Ihr also bitte herauskommen wollt …“

Die letzten Silben verhallten in der weiträumigen Stille des Hortes. Sie schwiegen, horchten gespannt auf eine Antwort auf diesen, wie Simund fand, doch recht gelungen kleinen Vortrag.

„Hast du das auswendig gelernt?“, fragte Piasus.

„Vielleicht sind sie tatsächlich nicht da“, sagte Hedda.

„Dann sollten wir uns umschauen“, schlug Barutz vor. „Ich kann es aber nicht oft genug wiederholen …“

„Ja, ja.“ Piasus klopfte ihm auf die Schultern. „Ganz vorsichtig.“

Der Hort erinnerte ihn an den von Meister Svorgir. Eine niedrige Decke, nur vereinzelte steinerne Bänke und stickige Luft. Ob alle Zwergenhorte so aussahen? Mehrere Ausgänge waren mit Türen verschlossen. Barutz machte sich sogleich daran, sie wieder abzutasten, auszuhorchen und daraufhin mit seinen Werkzeugen an den Schlössern zu hantieren.

„Irgendeine Spur?“, fragte Melinde.

„Nicht wirklich“, antwortete Simund. „Der Staub scheint schon eine Weile zu liegen. Keine Anzeichen davon, dass hier vor kurzem jemand gelebt hatte.“

War das Gesang? Plötzlich hielten sie alle inne und lauschten einem tiefen, sonoren Singen. Für Simund klang es nach einer unbekannten Sprache. Der Ursprung des Gesangs ließ sich nicht ausmachen. Der Sänger zog die Töne in Länge und sank in bodenlose Bässe hinab. Wie versteinert standen sie und hörten den Melodien zu, wie sie sich langsam durch den Hort ausbreiteten und jeden Winkel ausfüllten.

„Woher kommt das?“, fragte Rodried mit offenem Mund.

„Ich denke, von dort.“ Barutz deutete auf eine Tür und ging auf sie zu. Er machte sich sogleich daran, sie zu öffnen.

„Wovon singt er?“

„Von den alten Göttern und der Ewigkeit. Ein schwermütiges Lied. Ihr würdet es nicht verstehen. Da.“

Die Tür ging auf und der Gesang wurde ein wenig lauter. Der zum Vorschein kommende Raum war erleuchtet, es schien dasselbe schwache Licht der Kristalle zu sein, welches auch an Simunds Brust Helligkeit verbreitete. Barutz war der erste, der sich vorsichtig in den Raum bewegte. Die anderen folgten ihm. Simund sah Kohlen in Öfen glimmen. Schmiedeeisen standen im Raum verteilt und allerlei Werkzeuge fanden sich in aus Stein gefertigten Regalen an den Wänden.

„Eine Schmiede?“, fragte Piasus.

„Sehr richtig“, erwiderte Barutz. „Und der Gesang scheint von dort zu kommen.“ Er presste sein Ohr gegen eine weitere Tür. „Ja, lasst mich nur machen. Aber bleibt auf der Hut. Gesang bedeutet nicht, dass sie euch freundlich gesinnt sind.“

Barutz schloss die Tür auf und der Gesang quoll aus dem Raum zu ihnen. Simund erkannte dort drinnen einen Zwerg, der auf einem hohen Stuhl saß und von Kopf bis Fuß in Metallplatten gekleidet war. Von dem Metall ging ein silberner Schimmer aus, wie ihn Simund bisher noch nie gesehen hatte. Der Zwerg beachtete die Eindringlinge nicht und ließ sie alle in den Raum treten, während er sein Lied weitersang. Simund glaubte in diesem Raum eine Art Versammlungshalle zu erkennen: Mehrere Reihen von Bänken waren hier aus dem Stein gehauen. Drei steinerne Stühle in der Mitte standen auf einem erhobenen Podest.

Sie waren alle eingetreten und schauten verdutzt auf den singenden Zwerg.

Schließlich räusperte sich Piasus. Der Zwerg unterbrach sofort seinen Gesang und schaute ihn scharf an. Gleich darauf krachte etwas hinter ihnen. Die Tür war verschwunden, eine Steinwand hatte sich davor geschoben. Links und rechts von ihnen öffneten sich Gänge. Aus ihnen kam jeweils ein weiterer Zwerg getreten, am ganzen Körper in Metall gekleidet. Sie trugen kurze Schwerter an den Hüften und hielten dicke Streitkolben in den Händen.

Der Sänger holte eine Axt hinter seinem Stuhl hervor und stand auf.

„Ihr wolltet reden?“, fragte er.

„Das soll der Hort der Ithulde sein?“, fragte er mit gesenkter Stimme.

Wie auf Zehenspitzen bewegte sich Barutz auf die Tür zu. Im Flüsterton sprach der Zwerg: „Sehr wahrscheinlich. Denke ich. Aber nun herrscht hier Stille. Ich höre keine Stimmen und keine Bewegungen mehr. Außer! … Hmm, seid vorsichtig und leise. Die Hortbewohner haben mit Sicherheit mitbekommen, was hier geschehen ist. Es war ja kaum zu überhören. Vielleicht verstecken sie sich und warten nur ab, dass die Diebe von selbst wieder verschwinden. Oder sie verschanzen sich in einer Ecke des Hortes, möglicherweise dort, wo sie ihre Reichtümer angesammelt haben. Sie könnten schon auf der Lauer liegen. Oder dieser Raum ist eine weitere Falle.“

Barutz tastete die Tür mit äußerster Vorsicht ab.

Piasus stellte sich neben Simund. „Sag mal“, begann er. „Weißt du, weswegen es der ‚Hort von Ithulde‛ heißt? Das ist ein Frauenname bei den Zwergen, oder?“

„Ja“, antwortete Simund. „Wieso? Was ist damit?“

„Ist sie die Chefin? Ich weiß ja noch nicht so recht, wie das bei euch Merowa läuft, aber bei uns Mykerios sieht man zumeist Männer in Autoritätspositionen.“

„Ich habe mein eigenes Schiff“, warf Hedda ein. „Da hast du dich nicht beschwert.“

Piasus zuckte mit den Achseln. „Ihr Brega seid sowieso ein merkwürdiges Volk. Und du bist eine außergewöhnliche Frau.“

„Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen?“, fragte Hedda.

Barutz kramte etwas aus seiner Tasche hervor. Metall blitzte auf. Es handelte sich um eine Art Werkzeug, welches Simund in dieser Art noch nicht gesehen hatte.

„Ah, Dietriche“, meinte Piasus. „Unser Herr Zwerg ist auf alles vorbereitet.“

„Darum bin ich hier“, versetzte Barutz. „Nicht nur, um diesen Hort zu finden und ebenso die versteckten Eingänge. Sondern auch um die Schlösser all der verschlossenen Türen zu öffnen, ohne dass was weiß ich für Fallen losgehen und uns alle umbringen.“

„Sehr gut zu wissen, danke. Aber um auf meine Frage zurückzukommen: Hat hier eine Zwergenfrau das Sagen?“

„Ich muss mich jetzt konzentrieren“, antwortete Barutz.

Rodried gesellte sich hinzu. Er beugte sich zu Piasus hinunter, als würde er ihm etwas Vertrauliches erzählen.

„Wahrscheinlich wurde dieser Hort gegründet, als ein oder mehrere Zwerge diese Ithulde geheiratet hatten. Die Zwerge tendieren dazu, ihre Abstammung auf die Mutter zurückzuführen anstatt auf einen Vater.“

„Wieso denn das? Warte, ein oder mehrere Zwerge heirateten eine Frau?“

Rodried blickte kurz zu Barutz hinüber. „Das kommt öfters vor. Es gibt viel weniger Zwergenfrauen als Männer. Die Väter verheiraten ihre Töchter nur gegen hohe Brautpreise. Deswegen legen Brüder oder Freunde oft zusammen und teilen sich eine Frau.“

Piasus wollte darauf etwas erwidern, versank dann aber in nachdenkliches Schweigen. Nach einer Weile wandte er sich wieder an Rodried: „Da war keine Frau bei Svorgir zu sehen.“

„Er hat keine Gattin.“

„Muss dann …“ Piasus dachte wieder kurz nach. „Müssen seine Schüler als Frauen herhalten?“

„Da biegen sich ja die Höhlenwände bei so einem Unsinn!“, rief Barutz aus.

Der Dietrich glitt ihm aus der Hand und fiel klirrend zu Boden. Barutz erstarrte, als ein rumpelndes Geräusch durch den Boden zog. Es bewegte sich auf die Tür zu. Im nächsten Moment griff er nach dem Dietrich und rollte zur Seite. Ein Loch öffnete sich genau dort, wo gerade noch seine Füße gewesen waren.

„Barutz!“, riefen sie aus.

„Bleibt, wo ihr seid! Vielleicht kommen noch mehr davon!“

Sie verharrten auf ihren Positionen und lauschten mit angehaltenem Atem. Doch das Rumpeln blieb aus. Barutz atmete hörbar aus.

„Sind wir sicher?“, fragte Rodried.

„Was? Hier? Niemals“, antwortete der Zwerg. „Aber vorerst sollte es das mit dieser Falle gewesen sein. Seht.“

Vor ihnen Augen schloss sich das Loch wieder. Barutz beugte sich zum Boden hinab, befasste ihn mit den Händen, übte Druck auf die Platte aus. Dann trat er vor die Tür und öffnete sie langsam.

Der Zwerg flüsterte: „Und nun bitte keine Unterhaltungen mehr. Ganz leise und ganz vorsichtig.“

„Macht das überhaupt noch Sinn?“, fragte Piasus. „War das nicht alles laut genug? Sie wissen doch schon, das wir hier sind.“

Simund musste ihm zustimmen. Welchen Zweck hatte es noch, Heimlichkeit vorzutäuschen?

„Sollen wir ganz offen zeigen?“, fragte Melinde. „Vielleicht wirken wir dadurch vertrauenswürdiger. Ich meine, wir sind doch nur hier, um zu reden, oder?“

„Sie hat recht“, stimmte ihr Simund zu.

Sie schauten zu Barutz. Der nahm eine entspannte Haltung ein und trat hinter die Menschen. „Macht ruhig. Ich sollte euch nur hierher führen. Der Rest liegt an euch. Überleben würde ich die Reise dennoch gerne, deswegen bitte ich euch, überzeugend zu sein.“

Simund überlegte. „Piasus? Du bist gut im Reden und kennst dich mit unserer Angelegenheit am besten aus.“

„Ich? Wieso nicht Rodried? Der kann mit diesen Zwergen umgehen und weiß, wie man mit ihnen spricht. Du hast das bisher doch ganz gut hinbekommen.“

„Halte ich auch für sinnvoll“, meinte Hedda. „Ja, Rodried soll für uns sprechen.“

Rodried trat vor, räusperte sich. „Herren und Herrinnen dieses Hortes“, begann er. „Mit Sicherheit habt Ihr unser Ankommen bereits bemerkt. Seid versichert, dass wir nicht gekommen sind, um Euch Eure Reichtümer zu stehlen. Stattdessen kommen wir wegen eines Eurer Söhne, Tiuz. Wir wissen, wo er sich aufhält und ersuchen Euch, uns dabei zu helfen, ihn wieder zu befreien. Denn Ihr müsst wissen, dass er sich in Gefangenschaft befindet und wir möglicherweise auf Eure Unterstützung angewiesen sind, um ihn aus seinem Gefängnis zu befreien. Wir haben auch einen Vertrag. Den wollt Ihr bestimmt lieber lesen, als den Worten eines fremden Menschen zu vertrauen. Wenn Ihr also bitte herauskommen wollt …“

Die letzten Silben verhallten in der weiträumigen Stille des Hortes. Sie schwiegen, horchten gespannt auf eine Antwort auf diesen, wie Simund fand, doch recht gelungen kleinen Vortrag.

„Hast du das auswendig gelernt?“, fragte Piasus.

„Vielleicht sind tatsächlich nicht da“, sagte Hedda.

„Dann sollten wir uns umschauen“, schlug Barutz vor. „Ich kann es aber nicht oft genug wiederholen …“

„Ja, ja.“ Piasus klopfte ihm auf die Schultern. „Ganz vorsichtig.“

Der Hort erinnerte ihn an den von Meister Svorgir. Eine niedrige Decke, nur vereinzelte steinerne Bänke und stickige Luft. Ob alle Zwergenhorte so aussahen? Mehrere Ausgänge waren mit Türen verschlossen. Barutz machte sich sogleich daran, sie wieder abzutasten, auszuhorchen und daraufhin mit seinen Werkzeugen an den Schlössern zu hantieren.

„Irgendeine Spur?“, fragte Melinde.

„Nicht wirklich“, antwortete Simund. „Der Staub scheint schon eine Weile zu liegen. Keine Anzeichen davon, dass hier vor kurzem jemand gelebt hatte.“

War das Gesang? Plötzlich stoppten sie alle und hörten sich ein tiefes, sonores Singen an. Der Ursprung des Gesangs ließ sich nicht ausmachen. Aber da sang eindeutig jemand in einer ihm unbekannten Sprache. Die Töne wurden ewig langgezogen und sanken in bodenlose Bässe hinab. Wie versteinert standen sie und hörten den Melodien zu, wie sie sich langsam durch den Hort ausbreiteten und jeden Winkel auszufüllen schienen.

„Woher kommt das?“, fragte Rodried mit offenem Mund.

„Ich denke, von dort.“ Barutz deutete auf eine Tür und ging auf sie zu. Er machte sich sogleich daran, sie zu öffnen.

„Wovon singt er?“

„Von den alten Göttern und der Ewigkeit. Ein schwermütiges Lied. Ihr würdet es nicht verstehen. Da.“

Die Tür ging auf und der Gesang wurde einen Deut lauter. Der zum Vorschein kommende Raum war erleuchtet, es schien dasselbe schwache Licht der Kristalle zu sein, welches auch an Simunds Brust Helligkeit verbreitete. Barutz war der erste, der sich vorsichtig in den Raum bewegte. Die anderen folgten ihm. Simund sah Kohlen in quadratischen Vorrichtungen glimmen und vermutete, dass es sich dabei um Öfen handelte. Schmiedeeisen standen im Raum verteilt und allerlei Werkzeuge fanden sich in aus Stein gefertigten Regalen an den Wänden.

„Eine Schmiede?“, fragte Piasus.

„Sehr richtig“, erwiderte Barutz. „Und der Gesang scheint von dort zu kommen.“ Er presste sein Ohr gegen eine weitere Tür. „Ja, lasst mich nur machen. Aber bleibt auf der Hut. Gesang bedeutet nicht, dass sie euch freundlich gesinnt sind.“

Barutz schloss die Tür auf und der Gesang quoll aus dem Raum zu ihnen. Simund erkannte dort drinnen einen Zwerg, der auf einem hohen Stuhl saß und von Kopf bis Fuß in Metallplatten gekleidet war. Von dem Metall ging ein silberner Schimmer aus, wie ihn Simund bisher noch nie gesehen hatte. Der Zwerg beachtete die Eindringlinge nicht und ließ sie alle in den Raum treten, während er sein Lied weitersang. Simund glaubte in diesem Raum eine Art Versammlungshalle zu erkennen: Mehrere Reihen von Bänken waren hier aus dem Stein gehauen. Drei steinerne Stühle in der Mitte standen auf einem erhobenen Podest.

Sie waren alle eingetreten und schauten verdutzt auf den singenden Zwerg.

Schließlich räusperte sich Piasus. Der Zwerg unterbrach sofort seinen Gesang und schaute ihn scharf an. Gleich darauf krachte etwas hinter ihnen. Die Tür war verschwunden, eine Steinwand hatte sich davor geschoben. Links und rechts von ihnen öffneten sich Gänge. Aus ihnen kam jeweils ein weiterer Zwerg getreten, am ganzen Körper in Metall gekleidet. Sie trugen kurze Schwerter an den Hüften und hielten dicke Streitkolben in den Händen.

Der Sänger holte eine Axt hinter seinem Stuhl hervor und stand auf.

„Ihr wolltet reden?“, fragte er.

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