Kapitel 46, Simund

Zögerlich holte Piasus den Stab hervor.

Zögernd holte Piasus den Stab hervor.

„Der Stab des Nekromanten?“, fragte Waltnar. „Ich dachte, das sei nur ein gewöhnlicher Wanderstab. Worüber habt ihr noch gelogen? Pah, und ich dachte, man könnte euch vertrauen.“

„Verzeiht mir die kleine Lüge“, sprach Piasus. „Sie war der Situation geschuldet. Wenn ich die ganze Zeit damit verbracht hätte, Euch zu erklären, was dieser Stab hier zu suchen hat, hättet Ihr uns bestimmt wieder rausgeworfen. Bitte habt Verständnis. Die Sache ist etwas kompliziert, aber wir wollten Euch nicht schaden …“

„Nun komm zur Sache!“, fiel ihm Waltnar barsch ins Wort.

„Auf dem Weg hierher trafen wir einen Nekromanten“, sprach Melinde. „Wir konnten ihn besiegen, genauer war es mein Bruder Simund hier und seine Keule, von der Ihr vorhin noch so schlecht gesprochen habt. Wir hatten auch versucht, den Stab des Nekromanten zu zerstören, da er wahrscheinlich der Ursprung für seine Macht war. Und das ist möglicherweise wahr, denn wir konnten es nicht zerstören. Vielleicht vermag es keine sterbliche Hand. Deswegen nahmen wir ihn mit uns, denn ihn einfach dort liegen zu lassen erschien uns als ein zu großes Risiko. Wir wollten ihn auch nicht in einen der unterirdischen Seen werfen, da wir nicht wissen, wo der Stab wieder auftauchen könnte. Ich hoffe, Ihr versteht uns nun.“

Waltnar murmelte etwas in seinen Bart. Es war Ithulde, die ihm ihre Hand auf seine Schulter legte und dann Melinde anlächelte.

„Das war klug“, sprach sie. „Und es macht ebenso Sinn, dass Ihr damit zu uns kommen würdet.“

„Wisst Ihr von den Nekromanten?“, fragte Rodried.

„Wir hörten davon, dass sie sich hier unten herumtreiben, doch hielten wir es bislang nur für ein Gerücht“, sprach Hrodnitz. .Und ja, wir wissen natürlich auch von dem Krieg, den Ihr Menschen an der Oberfläche mit den Untoten ausgefochten habt.“

„Dann müssen wir Euch bitten, diese Nachricht an die anderen Zwerge weiterzuleiten. Und wenn es möglich ist, auch an die Menschen über uns. Aber bitte, erwähnt nicht …“

„Das ihr hier bei uns wart?“, fragte Waltnar. „Wegen des Königs, richtig? Nein, das würde uns auch nichts nützen, erführe er davon. Euer Geheimnis ist bei uns gut aufgehoben. Aber was machen wir mit diesem Stab?“

„Auf einen Amboss“, sprach Hrodnitz. „Und dann mit voller Wucht! Oder wir werfen ihn in die heißesten Schmiedeöfen. Oder lassen ihn von den Felsen zerquetschen!“

Und sie beschlossen, genau das auszuprobieren. Hrodnitz hielt den Stab mit einer Zange auf einem Amboss und Waltnar schlug mit ganzer Kraft zu. Der zwergische Hammer prallte klirrend vom Amboss ab. Der Stab blieb unversehrt. Dann sollte er dem Ofen zum Opfer fallen. Aufgrund der immensen Hitze, welche die Schmiedeöfen ausstrahlten, beobachteten die Gefährten von weitem, wie die Zwerge den Stab ins Feuer hielten. Nach einer Weile holten sie ihn wieder hervor, um nachzuschauen, ob das Feuer sich ins Holz gefressen hatte. Die Zwerge schüttelten mit dem Kopf; noch nicht einmal dunkel verfärbt hatte sich der Stab. Schließlich warfen sie ihn in einen ihrer Geheimgänge. Die Wände sollten sich um den Stab herum verschließen und ihn somit zerquetschen. Und nachdem sie von außen hören konnten, wie die Wände sich mit einem dumpfen Aufprall trafen, öffneten die Zwerge wieder den Gang. Zu diesem Zeitpunkt überraschte es sie nicht mehr, dass er intakt auf dem Boden vor ihnen lag.

Barutz und Hrodnitz hatten sich um einen runden, steinernen Tisch gesetzt. Sie arbeiteten an einem Vertrag, der genauestens Barutz‘ Auftrag und Entlohnung zum Inhalt haben sollte. Waltnar und Ithulde indessen hatten sich mit den Menschen auf ein paar Bänke gesetzt und grübelten darüber nach, was sie mit dem Stab des Nekromanten machen sollten.

„Er kann nicht hier bleiben“, sagte Waltnar schließlich. Ithulde schien ihm durch Schweigen zuzustimmen. „Er könnte dunkle Mächte anlocken, wie diese Diener der Shaura. Und wie Ihr bereits bemerkt haben werdet, versuchen wir so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu ziehen. Nein, dass dieser Stab bereits existiert, ist schlimm genug. Für Euch Menschen. Es ist Euer Problem, Eure Seelen stehen hier auf dem Spiel, denn wir sind fest davon überzeugt, dass Shaura keinen Zugriff auf unsere Seelen und damit auf unsere Gebeine hat. Sie ist eine Menschengöttin, wacht über die Wege aus und in das Totenreich der Menschen.“

„Das ist schade“, sprach Melinde und schaute zu Boden. „Aber verständlich. Vielleicht habt Ihr recht und wir hätten Euch damit nicht belästigen sollen.“

Damit mussten sie sich wohl begnügen. Der Stab würde mit ihnen kommen. Vielleicht war das Meer ihre beste Möglichkeit, ihn für ewig machthungrigen Händen fernzuhalten.

Piasus zuckte mit den Schultern. „Dann kommt er eben mit. Es war ein Versuch wert. Vorerst ist er auch nichts weiter als ein Stück Gepäck. Oder ein guter Wanderstab.“

„Glaubst du nicht“, mischte sich Rodried ein, „dass du nicht etwas vorsichtiger sein solltest? Gewöhne dich nicht zu sehr an ihn. Wir werden den Stab so bald wie möglich los.“

„Ja, natürlich. Aber wisst ihr, was das Wichtigste ist?“ Piasus stemmte die Arme auf die Oberschenkel und beugte sich mit einem Lächeln zu seinen Gefährten. „Wir haben den ersten Abschnitt unserer Reise beendet! Und haben heil alle Gefahren überstanden! Also ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin noch nie so weit gereist, oder hatte etwas mit Untoten zu tun und ich besuchte zuvor noch nie die Behausungen der Zwerge. Sehr beschaulich hier übrigens, Herr Waltnar. Gleichzeitig frage ich mich: Wie geht es weiter? Wie kommen wir am besten nach Tyon, wo unser aller Tiuz auf uns wartet?“

Piasus sprach von ‚wir‛, jedoch fragte sich Simund, ob das überhaupt noch seine Reise war. Musste er mit nach Tyon kommen? War sein Auftrag, den er vom Fürsten von Spatzensturz erhalten hatte, nicht nur sie zu den Zwergen zu begleiten? Ja, könnte er nicht einfach zusammen mit Rodried, Hedda und natürlich mit Melinde wieder zurück und das alles hier hinter sich lassen?

Er wandte sich seiner Schwester zu, sprach jedoch kein Wort. Simund erkannte, dass sie seine Gedanken erraten hatte.

„Wir sind schon weit gekommen“, sagte sie. „Willst du wieder zurück? In die einsame Hütte? Der Wald wartet dort, unsere Pferde, wir müssen uns auf den kommenden Winter vorbereiten. Das wird bestimmt ein harter Winter. Ich habe gehört, dort im Süden sollen die Winter angenehmer sein.“

„Du willst also die Reise fortsetzen?“

„Bei dem, was dir passiert ist, glaubst du wirklich, dass du es dabei belassen kannst? Du hast diese Keule aus gutem Grund erhalten. Um das zu erkennen, brauche ich keine meiner Visionen.“

„Was?“, fuhr Rodried auf. „Ihr überlegt, ob ihr dieses Abenteuer hier beenden wollt? Das ist erst der Anfang! Natürlich reisen wir gemeinsam nach Tyon!“

Nun stand auch Piasus auf. „Ich bin ebenfalls davon ausgegangen, dass ich nicht alleine nach Tyon reisen müsste. Wir sind doch zu einer kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen, oder nicht? Also ich kann mir die Reise ohne euch nicht vorstellen.“

Dann schauten sie zu Hedda, die bisher nur schweigend dasaß und in sich hinein lächelte. „Also ich … mache mir schon langsam Gedanken über mein Schiff. Jedoch kann ich die beiden auch nicht alleinlassen. Solange Melinde und Simund sich irgendwie in Gefahr befinden, könnt ihr darauf zählen, dass ich euch begleiten werde.“

„Das ist wirklich herzallerliebst“, sprach da Barutz. Er war mit einer metallenen Platte an sie herangetreten und verstaute sie gerade in seinem Gepäck. „Ich komme übrigens auch mit. Hat aber eher geschäftliche Gründe, bitte tragt mir das nicht nach.“

„Ach Barutz!“, sprach Piasus, sprang zu dem Zwerg und legte ihm den Arm um die Schulter. „Du gehörst genauso dazu, wie alle anderen auch. Schließlich bist du mit uns durch diese Gefahren gegangen und standst uns treu zur Seite! Ich weiß, wir können auf dich zählen! Nur Simund, der muss uns noch sagen, was er zu tun gedenkt.“

„Habe ich jetzt noch eine Wahl?“, fragte er. Vielleicht hatte er die. Aber er glaubte das Schicksal rufen zu hören. Ja, Melinde hatte recht, seine Reise durch die Unterwelt hatte etwas zu bedeuten. Ihm wurde diese Waffe nicht umsonst gegeben und er wurde mit Sicherheit aus gutem Grund von Cherus‘ Pferd gerettet. Zwar wusste Simund nicht, was ihn in Tyon erwarten würde, aber er wusste, dass sein Zuhause gerade nicht der richtige Ort für ihn war. „Leider werden meine Fähigkeiten als Grenzreiter euch dort unten wenig helfen. Ich kenne mich nur im Fürstentum von Spatzensturz wirklich gut aus. Und wie kommen wir überhaupt am besten nach Tyon?“

Nicht alle Löcher, die sich im Boden des Zwergenhortes auftaten, waren dazu gedacht, als Falle für Eindringlinge zu fungieren. Vor ihren Füßen tat sich eine Öffnung auf. Metallene Sprossen machten Simund klar, dass sie durch das Loch hinunter klettern sollten.

Barutz packte ein Kupferblech in sein Gepäck, welches eine Karte enthielt. „Nach mir?“, fragte der Zwerg, schaute die kleine Gruppe kurz an und begann mit dem Abstieg.

„Danke nochmals“, sagte Piasus zu Ithulde, Waltnar und Hrodnitz, „für Eure Unterstützung und dass Ihr den Vertrag von Tiuz achtet. Mit Eurer Hilfe werden wir es sicherlich schaffen, Euren Sohn zu befreien.“

„Es liegt auch in unserem Interesse“, antwortete Waltnar. „Und eine Belohnung sollt Ihr schließlich auch bekommen. Nun fahrt schon, wenn Ihr hier nur herumsteht, wird unser Sohn auch nicht freier. Aber bedenkt: Sollte mit dem Boot irgendetwas geschehen, werden Euch die Kosten von der Belohnung abgezogen!“

Rodried folgte Barutz die Leiter hinunter, gleich darauf kam Hedda und dann half Simund seiner Schwester dabei, die Sprossen zu ergreifen. Danach begaben sich Simund und Piasus hinab. Über ihnen verschloss sich der der Zwergenhort. Simund sah für vielleicht zum letzten Mal die drei Zwerge, für deren Sohn sie in den Süden reisen würden. Möglicherweise kehrte er hierher nie mehr zurück, selbst wenn ihr Auftrag erfolgreich sein sollte. Nach einigen Metern sah Simund festen Boden unter sich. Er trat auf eine Plattform, die über dem schwarzen Wasser eines unterirdischen Sees angebracht war. Auf dieser Plattform befand sich eine komplizierte Gerätschaft aus Seilen und Kurbeln und gleich daneben ein Boot. Er erschauderte bei dem Gedanken, mit dem Boot über das Wasser zu fahren, denn es erinnerte ihn unweigerlich an seine unfreiwillige Reise ins Totenreich und auch an den sehr schmerzhaften Tod durchs Ertrinken.

Barutz machte sich sogleich an der Apparatur zu schaffen. Das Boot schwebte frei über dem Wasser, jedoch mehrere Meter von ihm entfernt, sodass man kaum vom See aus zur Plattform gelangen konnte.

„Steigt besser schon mal ein“, sagte Barutz, während er an den Seilen hantierte.

Nacheinander betraten sie den Kahn, dessen Bug die Form einer Seeschlange hatte. Barutz stieg hinzu, die Seile in der Hand, und ließ das Schiff hinabsinken. Es schwankte und ruckelte, sie mussten sich an der Reling festhalten. Langsam kamen sie der Wasseroberfläche immer näher. Barutz ließ los und das Gefährt klatschte auf dem See auf.

„Und was nun?“, fragte Rodried. „Wie sollen wir zu dieser Stadt kommen?“

Barutz holte die Karte wieder aus seinem Gepäck und überreichte sie Hedda. „Hier, damit solltest du dich auskennen. Schließlich befinden wir uns auf einem Gewässer. Die Karte zeigt dir die unterirdischen Seen und wie sich ihre Lage zur Oberwelt verhält.“

„Aha“, erwiderte Hedda und schaute sich die Karte genau an. „Das nützt uns allerdings nichts, denn hier unten, ohne irgendwelche Landmarken und die Sterne, kann ich unsere Lage nicht bestimmen. Wir sitzen buchstäblich im Dunkeln.“

„Dafür haben wir das!“ Barutz holte einen weiteren Gegenstand aus seinem Gepäck hervor. Diesmal handelte es sich dabei um einen kleinen Kristall. Im Gegensatz zu denen, welche sie an ihren Hälsen trugen, leuchtete er nicht. Mit einem Grinsen zeigte Barutz ihnen den schmucklosen, durchsichtigen Stein und hielt ihn dann zur Decke. Er suchte damit anscheinend nach etwas. Plötzlich leuchtete der Kristall auf.

„Ha! Da ist sie! Die Sonne. Der Kristall zeigt dir den momentanen Stand der Sonne an, selbst durch das dickste Gestein hindurch. Ihr Menschen orientiert euch doch auf hoher See nicht anders, oder? Und, klappt es jetzt?“

Hedda nahm den Kristall an sich und probierte es selbst aus. Sie schaute immer wieder zwischen dem schwachen Leuchten und der Karte hin und her. „Ich denke schon. Diese Gewässer sind mir unbekannt, aber wenigstens die ungefähre Richtung sollte ich damit herausfinden können.“

„Wird der Stein auch von der Belohnung abgezogen, wenn wir ihn verlieren sollten?“, fragte Piasus.

„Er ist wertvoller als das Boot“, gab Barutz zur Antwort.

„Der Stab des Nekromanten?“, fragte Waltnar. „Ich dachte, das sei nur ein gewöhnlicher Wanderstab. Worüber habt ihr noch gelogen? Pah, und ich dachte, man könnte euch vertrauen.“

„Verzeiht mir die kleine Lüge“, sprach Piasus. „Sie war der Situation geschuldet. Wenn ich die ganze Zeit damit verbracht hätte, Euch zu erklären, was dieser Stab hier zu suchen hat, hättet Ihr uns bestimmt wieder rausgeworfen. Bitte habt Verständnis. Die Sache ist etwas kompliziert, aber wir wollten Euch nicht schaden …“

„Nun komm zur Sache!“, fiel ihm Waltnar barsch ins Wort.

„Auf dem Weg hierher trafen wir einen Nekromanten“, sprach Melinde. „Wir konnten ihn besiegen, genauer war es mein Bruder Simund hier und seine Keule, von der Ihr vorhin noch so schlecht gesprochen habt. Wir hatten auch versucht, den Stab des Nekromanten zu zerstören, da er wahrscheinlich der Ursprung für seine Machte war. Und das ist möglicherweise wahr, denn wir konnten ihn nicht zerstören. Vielleicht vermag es keine sterbliche Hand. Deswegen nahmen wir ihn mit uns, denn ihn einfach dort liegen zu lassen, das war ein zu großes Risiko. Wir wollten ihn auch nicht in einen der unterirdischen Seen werfen, da wir nicht wissen, wo der Stab wieder auftauchen könnte. Ich hoffe, Ihr versteht uns nun.“

Waltnar murmelte etwas in seinen Bart. Es war Ithulde, die ihm ihre Hand auf seine Schulter legte und dann Melinde anlächelte.

„Das war klug“, sprach sie. „Und es macht Sinn, dass Ihr damit zu uns kommen würdet.“

„Wisst Ihr von den Nekromanten?“, fragte Rodried.

„Wir hörten davon“, sprach Hrodnitz, „dass sie sich hier unten herumtreiben, doch hielten wir es bislang nur für ein Gerücht. Und ja, wir wissen natürlich auch von dem Krieg, den Ihr Menschen an der Oberfläche mit den Untoten ausgefochten habt.“

„Dann müssen wir Euch bitten, diese Nachricht an die anderen Zwerge weiterzuleiten. Und wenn es möglich ist, auch an die Menschen über uns. Aber bitte, erwähnt nicht …“

„Das ihr hier bei uns wart?“, fragte Waltnar. „Wegen dem König, richtig? Nein, das würde uns auch nichts nützen, erführe er davon. Euer Geheimnis ist bei uns gut aufgehoben. Aber was machen wir mit diesem Stab?“

„Auf einen Amboss“, sprach Hrodnitz. „Und dann mit voller Wucht! Oder wir werfen ihn in die heißesten Schmiedeöfen. Oder lassen ihn von den Felsen zerquetschen!“

Und sie beschlossen, genau das auszuprobieren. Hrodnitz hielt den Stab mit einer Zange auf einem Amboss und Waltnar schlug mit ganzer Kraft zu. Der zwergische Hammer prallte klirrend vom Amboss ab. Der Stab blieb unversehrt. Dann sollte er dem Ofen zum Opfer fallen. Aufgrund der immensen Hitze, welche die Schmiedeöfen ausstrahlten, beobachteten die Gefährten von weitem, wie die Zwerge den Stab ins Feuer hielten. Nach einer Weile holten sie ihn wieder hervor, um nachzuschauen, ob das Feuer sich ins Holz gefressen hatte. Die Zwerge schüttelten mit dem Kopf; noch nicht einmal dunkel verfärbt hatte sich der Stab. Schließlich warfen sie ihn in einen ihrer Geheimgänge. Die Wände sollten sich um den Stab herum verschließen und ihn somit zerquetschen. Und nachdem sie von außen hören konnten, wie die Wände sich mit einem dumpfen Aufprall trafen, öffneten die Zwerge wieder den Gang. Zu diesem Zeitpunkt überraschte es sie nicht mehr, dass er intakt auf dem Boden vor ihnen lag.

Barutz und Hrodnitz hatten sich um einen runden, steinernen Tisch gesetzt. Sie arbeiteten an einem Vertrag, der genauestens Barutz‘ Auftrag und Entlohnung zum Inhalt haben sollte. Waltnar und Ithulde indessen hatten sich mit den Menschen auf ein paar Bänke gesetzt und grübelten darüber nach, was sie mit dem Stab des Nekromanten machen sollten.

„Er kann nicht hier bleiben“, sprach Waltnar schließlich. Ithulde schien ihm durch Schweigen zuzustimmen. „Er könnte dunkle Mächte anlocken, wie diese Diener der Shaura. Und wie Ihr bereits bemerkt haben werdet, versuchen wir so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns zu ziehen. Nein, dass dieser Stab bereits existiert, ist schlimm genug. Für Euch Menschen. Es ist Euer Problem, Eure Seelen stehen hier auf dem Spiel, denn wir sind fest davon überzeugt, dass Shaura keinen Zugriff auf unsere Seelen und damit auf unsere Gebeine hat. Sie ist eine Menschengöttin, wacht über die Wege aus und in das Totenreich der Menschen.“

„Das ist schade“, sprach Melinde und schaute zu Boden. „Aber verständlich. Vielleicht habt Ihr recht und wir hätten Euch damit nicht belästigen sollen.“

Damit mussten sie sich wohl begnügen. Der Stab würde mit ihnen mitkommen. Vielleicht war das Meer ihre beste Möglichkeit, ihn für ewig machthungrigen Händen fernzuhalten.

Piasus zuckte mit den Schultern. „Dann kommt er eben mit. Es war ein Versuch wert. Vorerst ist er auch nichts weiter als ein Stück Gepäck. Oder ein guter Wanderstab.“

„Glaubst du nicht“, mischte sich Rodried ein, „dass du nicht etwas vorsichtiger sein solltest? Gewöhne dich nicht zu sehr an ihn. Wir werden den Stab so bald wie möglich los.“

„Ja, natürlich. Aber wisst ihr, was das Wichtigste ist?“ Piasus stemmte die Arme auf die Oberschenkel und beugte sich mit einem Lächeln zu seinen Gefährten. „Wir haben den ersten Abschnitt unserer Reise beendet! Und haben heil alle Gefahren überstanden! Also ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich bin noch nie so weit gereist, oder hatte etwas mit Untoten zu tun und ich besuchte zuvor noch nie die Behausungen der Zwerge. Sehr beschaulich hier übrigens, Herr Waltnar. Gleichzeitig frage ich mich: Wie geht es weiter? Wie kommen wir am besten nach Tyon, wo unser aller Tiuz auf uns wartet?“

Piasus sprach von ‚wir‛, jedoch fragte sich Simund, ob das überhaupt noch seine Reise war. Musste er mit nach Tyon kommen? War sein Auftrag, den er vom Fürsten von Spatzensturz erhalten hatte, nicht nur sie zu den Zwergen zu begleiten? Ja, könnte er nicht einfach zusammen mit Rodried, Hedda und natürlich mit Melinde wieder zurück und das alles hier hinter sich lassen?

Er wandte sich seiner Schwester zu, sprach jedoch kein Wort. Simund erkannte, dass sie seine Gedanken erraten hatte. Melindes Blick fiel auf die Keule von Cherus.

„Wir sind schon weit gekommen“, sprach sie. „Willst du wieder zurück? In die einsame Hütte? Der Wald wartet dort, unsere Pferde, wir müssen uns auf den kommenden Winter vorbereiten. Das wird bestimmt ein harter Winter. Ich habe gehört, dort im Süden sollen die Winter angenehmer sein.“

„Du willst also die Reise fortsetzen?“

„Bei dem was dir passiert ist, glaubst du wirklich, dass du es dabei belassen kannst? Du hast diese Keule aus gutem Grund erhalten. Um das zu erkennen, brauche ich keine meiner Visionen.“

„Was?“, fuhr Rodried auf. „Ihr überlegt, ob ihr dieses Abenteuer hier beenden wollt? Das ist erst der Anfang! Natürlich reisen wir gemeinsam nach Tyon!“

Nun stand auch Piasus auf. „Ich bin ebenfalls davon ausgegangen, dass ich nicht alleine nach Tyon reisen müsste. Wir sind doch zu einer kleinen Gemeinschaft zusammengewachsen, oder nicht? Also ich kann mir die Reise ohne euch nicht vorstellen.“

Dann schauten sie zu Hedda, die bisher nur schweigend saß und in sich hinein lächelte. „Also ich … mache mir schon langsam Gedanken über mein Schiff. Jedoch kann ich die beiden auch nicht alleinlassen. Solange Melinde und Simund sich irgendwie in Gefahr befinden, könnt ihr darauf zählen, dass ich euch begleiten werde.“

„Das ist wirklich herzallerliebst“, sprach da Barutz. Er war mit einer metallenen Platte an sie herangetreten und verstaute sie gerade in seinem Gepäck. „Ich komme übrigens auch mit. Hat aber eher geschäftliche Gründe, bitte tragt mir das nicht nach.“

„Ach Barutz!“, sprach Piasus, sprang zu dem Zwerg und legte ihm den Arm um die Schulter. „Du gehörst genauso dazu, wie alle anderen auch. Schließlich bist du mit uns durch diese Gefahren gegangen und standst uns treu zur Seite! Ich weiß, wir können auf dich zählen! Nur Simund, der muss uns noch sagen, was er zu tun gedenkt.“

„Habe ich jetzt noch eine Wahl?“, fragte er. Vielleicht hatte er die. Aber er glaubte das Schicksal rufen zu hören. Ja, Melinde hatte recht, seine Reise durch die Unterwelt hatte etwas zu bedeuten. Ihm wurde diese Waffe nicht umsonst gegeben und er wurde mit Sicherheit aus guten Grund von Cherus‘ Pferd gerettet. Zwar wusste Simund nicht, was ihn in Tyon erwarten würde. Aber er wusste, dass sein Zuhause gerade nicht der richtige Ort für ihn war. „Leider werden meine Fähigkeiten als Grenzreiter euch dort unten wenig helfen. Ich kenne mich nur im Fürstentum von Spatzensturz wirklich gut aus. Und wie kommen wir überhaupt am besten nach Tyon?“

Nicht alle Löcher, die sich im Boden des Zwergenhortes auftaten, waren dazu gedacht, als Falle für Eindringlinge zu fungieren. Vor ihren Füßen tat sich eine Öffnung auf. Metallene Sprossen machten Simund klar, dass sie durch das Loch hinunter klettern sollten.

Barutz packte ein Kupferblech in sein Gepäck, welches eine Karte enthielt. „Nach mir?“, fragte der Zwerg, schaute die kleine Gruppe kurz an und begann dann mit dem Abstieg.

„Danke nochmals“, sprach Piasus mit Ithulde, Waltnar und Hrodnitz, „für Eure Unterstützung und dass Ihr den Vertrag von Tiuz achtet. Mit Eurer Hilfe werden wir es sicherlich schaffen, Euren Sohn zu befreien.“

„Es liegt auch in unserem Interesse“, antwortete Waltnar. „Und eine Belohnung sollt Ihr schließlich auch bekommen. Nun fahrt schon, wenn Ihr hier nur herumsteht, wird unser Sohn auch nicht freier. Aber bedenkt: Sollte mit dem Boot irgendetwas geschehen, werden Euch die Kosten von der Belohnung abgezogen!“

Rodried folgte Barutz die Leiter hinunter, gleich darauf kam Hedda und dann half Simund seiner Schwester dabei, die Sprossen zu ergreifen. Danach begaben sich Simund und Piasus hinab. Über ihnen verschloss sich der der Zwergenhort. Simund sah für vielleicht zum letzten Mal die drei Zwerge, um deren Sohn sie in den Süden reisen würden. Möglicherweise kehrte er hierher nie mehr zurück, selbst wenn ihr Auftrag erfolgreich sein sollte. Nach einigen Metern sah Simund festen Boden unter sich. Er trat auf eine Plattform, die über dem schwarzen Wasser eines unterirdischen Sees angebracht war. Auf dieser Plattform befand sich eine komplizierte Gerätschaft aus Seilen und Kurbeln und gleich daneben ein Boot. Er erschauderte bei dem Gedanken, mit dem Boot über das Wasser zu fahren, denn es erinnerte ihn unweigerlich an seine unfreiwillige Reise ins Totenreich und auch an den sehr schmerzhaften Tod durchs Ertrinken. Er würde sich daran gewöhnen müssen.

Barutz machte sich sogleich an der Apparatur zu schaffen. Das Boot schwebte frei über dem Wasser, jedoch mehrere Meter von ihm entfernt, sodass man kaum vom See aus zur Plattform gelangen konnte.

„Steigt besser schon mal ein“, sagte Barutz, während er an den Seilen hantierte.

Nacheinander betraten sie den längliche Kahn, dessen Bug die Form einer Seeschlange hatte. Barutz stieg hinzu, die Seile in der Hand, und ließ das Schiff hinabsinken. Es schwankte und ruckelte, sie mussten sich an der Reling festhalten. Langsam kamen sie der Wasseroberfläche immer näher. Barutz ließ los und das Gefährt klatschte auf dem See auf.

„Und was nun?“, fragte Rodried. „Wie sollen wir zu dieser Stadt kommen?“

Barutz holte die Karte wieder aus seinem Gepäck und überreichte sie Hedda. „Hier, damit solltest du dich auskennen. Schließlich befinden wir uns auf einem Gewässer. Die Karte zeigte dir die unterirdischen Seen und wie sich ihre Lage zur Oberwelt verhält.“

„Aha“, erwiderte Hedda und schaute sich die Karte genau an. „Das nützt uns allerdings nichts, denn hier unten, ohne irgendwelche Landmarken und die Sterne, kann ich unsere Lage nicht bestimmen. Wir sitzen buchstäblich im Dunkeln.“

„Dafür haben wir das!“ Barutz holte einen weiteren Gegenstand aus seinem Gepäck hervor. Diesmal handelte es sich dabei um einen kleinen Kristall. Im Gegensatz zu denen, welche sie an ihren Hälsen trugen, leuchtete er nicht. Mit einem Grinsen zeigte Barutz ihnen den schmucklosen, durchsichtigen Stein und hielt ihn dann zur Decke. Er suchte damit anscheinend nach etwas. Plötzlich leuchtete der Kristall auf.

„Ha! Da ist sie! Die Sonne. Der Kristall zeigt dir den momentanen Stand der Sonne an, selbst durch das dickste Gestein hindurch. Ihr Menschen orientiert euch doch auf hoher See nicht anders, oder? Und, klappt es jetzt?“

Hedda nahm den Kristall an sich und probierte es selber aus. Sie schaute immer wieder zwischen dem schwachen Leuchten und der Karte hin und her. „Ich denke schon. Diese Gewässer sind mir unbekannt, aber wenigstens die ungefähre Richtung sollte ich damit herausfinden können.“

„Wird der Stein auch von der Belohnung abgezogen, wenn wir ihn verlieren sollten?“, fragte Piasus.

„Er ist wertvoller als das Boot“, gab Barutz zur Antwort.

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