Kapitel 47, Gunlaug

Tag drei des Things. Gunlaug konnte das Bier schon nicht mehr sehen. Er trank weniger und weniger, täuschte sogar vor, vereinzelt Schlucke zu sich zu nehmen, nur um nicht erneut den Becher vollgegossen zu bekommen. Den meisten anderen Merowa schien dieses Dauertrinken jedoch nichts auszumachen; Standhaft entleerten sie Becher um Becher, Fass um Fass, während die Fürsten und Freien sich weiterhin beratschlagten. So gut es ging.

Jedoch gab es einen Lichtblick: Morgen würde er nüchtern bleiben, da war er an der Reihe, für seine Partei genau darauf zu achten, was bei den Besprechungen gesagt wurde. Kein Bier, nur zuhören, aufpassen und am nächsten Tag seinem Halbbruder Hartried mitteilen, was Gegenstand ihrer Gespräche gewesen war.

Der Wald um den Thingplatz herum roch nach Urin. Gunlaug fügte ihm gerade seine eigene Duftnote hinzu, während er sich vor einem Baum erleichterte. Schütteln, Hose zu und zurück an die Seite seines Bruders. Er trat aus den Wald heraus, lautstark drangen die Stimmen der Thing-Teilnehmer zu ihm. Hier hinten nahmen es viele der Freien nicht so ernst, den Gesprächen auf dem Platz konzentriert zuzuhören. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit damit, im Gras zu liegen, sich miteinander zu unterhalten, anzustoßen oder anderweitig zu belustigen. Gunlaug stieg über einen schlafenden Mann und überlegte, ob er den Männern dieses Verhalten missbilligen oder ihr Desinteresse teilen sollte. Wenn es ihren Fürsten wichtig war, dass sie sich bei den Entscheidungen mit ihrer Stimme laut zu Wort meldeten, würden sie bestimmt hören. Darauf kam es wohl am Ende an.

Die Menge verdichtete sich, immer mehr Augen und Ohren richteten sich auf den Thingplatz. Gunlaug schob und entschuldigte sich durch die Masse an Freien. Irgendwo beim Fürsten von Bärenschlucht trat er auf dem Platz und schaute sich sogleich nach dem Felsen um. Hartried saß dort auf einem hölzernen Stuhl und hörte mit einer Hand am Kinn dem Vortragenden zu. Gunlaug konnte dem Mann, der recht aufgeregt etwas über Wälder und Wild sprach, kaum zuhören. Er fühlte sich bereits müde. Stattdessen ging er schnurstracks zu Hartried und setzte sich an seine Seite.

„Worum geht es?“, fragte Gunlaug. Da kam schon ein Gefolgsmann des Königs vorbei und überreichte Gunlaug einen Becher.

„Grenzstreit zwischen zwei Fürsten“, sprach Hartried lakonisch.

„Und wer gewinnt?“

„Niemand. Ich setzte dem gleich ein Ende.“

Der Mann beendete seinen Redeschwall und sah Hartried erwartungsvoll an. Ein anderer trat neben ihn. Das war wohl der Vertreter der gegnerischen Partei. Auch er schien auf das Urteil des Königs zu warten.

Hartried stand auf und stieß dabei einen müden Seufzer aus.

„Ihr braucht heute noch nicht zuzustimmen“, begann der König. „Was ich Euch vorschlage: Ihr beide schickt Reiter los in die Richtung des Hofes des anderen Fürsten. Nach genau einer Tagesreise werden sie den Ritt beenden und dort, wo sie anhalten, Markierungen anlegen. Grenzsteine, wenn es Euch recht ist. Die Markierungen müssen klar verdeutlichen, dass das Land bis zu diesem Stein, soweit der Reiter gekommen war, dem jeweiligen Fürsten gehört. Eine Tagesreise sollte nicht zu lange sein, dass sich die Reiter treffen und es zu einem Konflikt kommt. Habe ich recht oder habe ich Eure Ausführungen über die Größe des Gebietes missverstanden?“

Die beiden schauten sich an. „Der Abstand beträgt knapp drei Tagesreisen.“

„Na dann passt es ja“, sprach Hartried.

„Aber das bedeutet, dass ein Abschnitt von ungefähr einer Tagesreise zu keinem von uns gehört“, bemerkte einer der Sprecher.

„Ganz richtig“, erwiderte Hartried. „Das wird eine neutrale Zone sein. Achtet sie und jagt hier kein Wild, damit es sich im neutralen Streifen zwischen Euren Reichen erholen kann. Wenn Ihr diese Grenzen achtet, wird es zwischen Euch keinen Streit mehr geben. Wir können morgen darüber entscheiden, ob dieser Vorschlag Euch zusagt.“

Die beiden schauten sich gegenseitig an, nickten sich einmal zu und dann nochmal in Richtung des Königs. Anschließend verließen sie den Platz. Hartried setzte sich wieder hin.

„Darf ich zynisch sein?“, fragte Gunlaug.

„Immer.“

„Die werden möglicherweise schummeln.“

„Deswegen ist es eine Tagesreise anstatt anderthalb Tage. Der Abstand sollte noch immer ausreichen. Und wenn die Reiter sich dennoch im Walde gegenüberstehen, dann wissen sie beide, dass sie keine Ehre im Leibe haben und wenden sich beschämt ab.“

Gunlaug war sich nicht sicher, ob das so ablaufen würde, wie der König sich das vorgestellt hatte. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass Gunlaug auch keine bessere Idee hätte, wie man so einen Streit schlichten könnte.

„Was kommt als nächstes?“, fragte Gunlaug.

„Als ob ich das wüsste“, erwiderte Hartried. Er war augenscheinlich dem Thing bereits überdrüssig. Die Augen nur halb geöffnet, saß er schlaff und eingesunken auf seinem simplen Thron.

Ein Mann trat auf den Platz. Gunlaug glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Einer der Fürsten? Ja, das war der junge Fürst von Krähenwut, nur an den Namen wollte er sich nicht ganz erinnern. Er hatte krauses, schwarzes Haar und feine Züge, die ihn etwas hochnäsig aussehen ließen. Gunlaug empfand sein Auftreten als arrogant, doch angeblich mochten seine Schutzbefohlenen ihn.

„Mein König, Eure Beschreibungen von den Horden jenseits vom Drachenwirbel haben viele meiner Männer beunruhigt. Wir hatten uns darüber unterhalten und uns gefragt, wie wir unser Land und Euch bei der Verteidigung helfen könnten. Seid gewiss, im Falle eines Angriffs sind unsere Truppen so bald wie möglich bereit, den Menschen von Merow beizustehen. Wir hatten jedoch auch eine andere Möglichkeit ersonnen, die ich Euch und dem gesamten Thing unterbreiten möchte.“

Hartried nahm plötzlich Haltung an und lehnte sich interessiert nach vorne. Kein Wunder, dieses Thema war für ihn von äußerstem Interesse.

„Fahrt fort“, sagte der König.

„Wir dachten an die Saumyas. Das Nomadenvolk jenseits der Berge soll die Orks hassen, so sagt man. Wie Euer Vorfahre Cherus einst zu ihnen ritt und mit ihnen die Grenzen zwischen unseren Völkern verhandelte, so können wir jetzt versuchen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen und somit weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Orks zu gewinnen.“

Hartried lehnte sich zurück. „Die Saumyas werden vermutlich weit entfernt sein von jeder Schlacht, die auf unserer Seite des Drachenwirbels ausgefochten wird. Warum glaubt Ihr, dass sie uns helfen werden? Sollen wir sie anheuern wie gemeine Söldner?“

„Warum nicht?“, antwortete der Fürst von Krähenwut. „Und vielleicht müssen sie auch nicht auf unseren Schlachtfeldern kämpfen. Sie würden uns bereits helfen, wenn sie den Orks ein Dorn im Auge wären. Sie ständig überfallen, ihren Marsch verlangsamen, ihre Vorräte stehlen, sie demoralisieren.“

Zustimmendes Gemurmel im Thing.

„Wäre doch ein Versuch wert“, meinte Gunlaug zu seinem Halbbruder. Er fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Und was hatten sie auch groß zu verlieren? Vielleicht müssten sie die Saumyas bezahlen – wer weiß, womit dieses eigenartige Volk bezahlt werden wollte – doch dafür könnten sie die Orks möglicherweise überraschen oder sie gar ablenken.

„Und glaub Ihr wirklich“, fragte einer der anderen Fürsten, „diese Nomaden ließen sich auf diesen Handel ein? Damit würden sie sich selbst zur Zielscheibe für die Armee der Orks machen! Jedenfalls wäre das mein Gedanke, würden jemand zu mir mit einem solchen Angebot kommen. Schließlich geht es sie nichts an.“

„Auch sie hassen die Orks und stehen ständig mit ihnen in Konflikt“, hielt der Fürst von Krähenwut dagegen. „Aber ich würde den Fürsten von Eulenwacht fragen, ob dieses Vorhaben gelingen könnte. Er soll uns sagen, ob er diesen Vorschlag für durchführbar hält. Denn seine Domäne grenzt an den Weideländern der Saumyas.“

„Fürst von Spatzensturz!“, rief Hartried. „Tretet vor!“

Er ließ etwas auf sich warten. Sie hörten jemanden „Ich komme!“ aus der Menge heraus rufen. Köpfe drehten sich, man machte jemandem Platz. Und da trat der Fürst von Eulenwacht auch schon zwischen seinen Freien hervor.

„Ich habe alles gehört!“, sagte er. „Und ich werde Euch meinen Rat anbieten, so gut ich kann.“

„Dann sagt doch“, sprach der Fürst von Krähenwut, „was Ihr von dem Vorschlag haltet. Machbar? Was sollte man den Saumyas bieten, damit sie sich der Orks annehmen? Welche Art von Unterstützung können wir erwarten?“

„Wer weiß“, erwiderte Uthamar zur Verwunderung aller. „Wer weiß, welcher Stamm im Moment der Grenze am nächsten ist. Die Stammesverbände, ihre Anführer, wo sie sich gerade aufhalten, alles ist bei den Saumyas fließend, ständig in Bewegung. Die Stämme könnten ganz andere sein als jene, mit denen Cherus damals verhandelt hatte. Verhandeln kann man jedoch mit ihnen. Nicht unbedingt mit Geld. Aber Pferde, Hirsche, Felle, Schmuck und Waffen … solche Dinge sehen sie gerne. Ich denke … Ja, es beschämt mich fast, dass ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Sie hassen die Orks tatsächlich.“

Das freute den Fürsten von Krähenwut. Er lächelte und wandte sich an Hartried: „Was sagt Ihr, König? Was haben wir schon zu verlieren?“

„Die Köpfe unserer Gesandten“, antwortete der König. Manche Freien lachten. „Ich hörte auch, die Saumyas enthaupten ungebetene Besucher und lassen sie als Trophäen von ihren Sätteln baumeln. Stimmt das nicht auch, Herr Uthamar?“

„Äh … ja, das ist durchaus richtig. Es muss aber nicht bedeuten, dass sie gleich jedem den Kopf abschneiden. Sie können Fremden auch sehr gastfreundlich sein.“

„Bestimmt. Ob da etwas Gescheites bei rauskommt?“, fragte Hartried. „Wie ich hörte, denken sie nicht wie wir Menschen, leben nicht wie wir Menschen, sterben nicht wie wir Menschen. Sie reden menschliche Worte, aber dahinter verbirgt sich eine ganz andere Sprache, die wir nicht durchdringen können.“

„Das hatten wir auch schon besprochen“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Gewiss ist Fingerspitzengefühl nötig. Mit diesem eigentümlichen Volk muss man vorsichtig umgehen. Wir wollten deswegen Ihren Bruder losschicken.“

Gunlaug sprang auf. „Ich?“ In den Osten reisen? Über den Drachenwirbel hinaus und dieses fremde Volk besuchen? In den Osten …

Tag drei des Things. Gunlaug konnte das Bier schon nicht mehr sehen. Er trank weniger und weniger, täuschte sogar vor, vereinzelt Schlucke zu sich zu nehmen, nur um nicht erneut den Becher vollgegossen zu bekommen. Den meisten anderen Merowa schien dieses Dauertrinken jedoch nichts auszumachen; Standhaft entleerten sie Becher um Becher, Fass um Fass, während die Fürsten und Freien sich weiterhin beratschlagten. So gut es ging.

Jedoch gab es einen Lichtblick: Morgen würde er nüchtern bleiben, da war er an der Reihe, für seine Partei genau darauf zu achten, was bei den Besprechungen gesagt wurde. Kein Bier, nur zuhören, aufpassen und am nächsten Tag seinem Halbbruder Hartried mitteilen, was Gegenstand ihrer Gespräche gewesen war.

Der Wald um den Thingplatz herum roch nach Urin. Gunlaug fügte ihm gerade seine eigene Duftnote hinzu, während er sich vor einem Baum erleichterte. Schütteln, Hose zu und zurück an die Seite seines Bruders. Er trat aus den Wald heraus, lautstark drangen die Stimmen der Thing-Teilnehmer zu ihm. Hier hinten nahmen es viele der Freien nicht so ernst, den Gesprächen auf dem Platz konzentriert zuzuhören. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit damit, im Gras zu liegen, sich miteinander zu unterhalten, anzustoßen oder anderweitig zu belustigen. Gunlaug stieg über einen schlafenden Mann und überlegte, ob er den Männern dieses Verhalten missbilligen oder ihr Desinteresse teilen sollte. Wenn es ihren Fürsten wichtig war, dass sie sich bei den Entscheidungen mit ihrer Stimme laut zu Wort meldeten, würden sie bestimmt hören. Darauf kam es wohl am Ende an.

Die Menge verdichtete sich, immer mehr Augen und Ohren richteten sich auf den Thingplatz. Gunlaug schob und entschuldigte sich durch die Masse an Freien. Irgendwo beim Fürsten von Bärenschlucht trat er auf dem Platz und schaute sich sogleich nach dem Felsen um. Hartried saß dort auf einem hölzernen Stuhl und hörte mit einer Hand am Kinn dem Vortragenden zu. Gunlaug konnte dem Mann, der recht aufgeregt etwas über Wälder und Wild sprach, kaum zuhören. Er fühlte sich bereits müde. Stattdessen ging er schnurstracks zu Hartried und setzte sich an seine Seite.

„Worum geht es?“, fragte Gunlaug. Da kam schon ein Gefolgsmann des Königs vorbei und überreichte Gunlaug einen Becher.

„Grenzstreit zwischen zwei Fürsten“, sprach Hartried lakonisch.

„Und wer gewinnt?“

„Niemand. Ich setzte dem gleich ein Ende.“

Der Mann beendete seinen Redeschwall und sah Hartried erwartungsvoll an. Ein anderer trat neben ihn. Das war wohl der Vertreter der gegnerischen Partei. Auch er schien auf das Urteil des Königs zu warten.

Hartried stand auf und stieß dabei einen müden Seufzer aus.

„Ihr braucht heute noch nicht zuzustimmen“, begann der König. „Was ich Euch vorschlage: Ihr beide schickt Reiter los in die Richtung des Hofes des anderen Fürsten. Nach genau einer Tagesreise werden sie den Ritt beenden und dort, wo sie anhalten, Markierungen anlegen. Grenzsteine, wenn es Euch recht ist. Die Markierungen müssen klar verdeutlichen, dass das Land bis zu diesem Stein, soweit der Reiter gekommen war, dem jeweiligen Fürsten gehört. Eine Tagesreise sollte nicht zu lange sein, dass sich die Reiter treffen und es zu einem Konflikt kommt. Habe ich recht oder habe ich Eure Ausführungen über die Größe des Gebietes missverstanden?“

Die beiden schauten sich an. „Der Abstand beträgt knapp drei Tagesreisen.“

„Na dann passt es ja“, sprach Hartried.

„Aber das bedeutet, dass ein Abschnitt von ungefähr einer Tagesreise zu keinem von uns gehört“, bemerkte einer der Sprecher.

„Ganz richtig“, erwiderte Hartried. „Das wird eine neutrale Zone sein. Achtet sie und jagt hier kein Wild, damit es sich im neutralen Streifen zwischen Euren Reichen erholen kann. Wenn Ihr diese Grenzen achtet, wird es zwischen Euch keinen Streit mehr geben. Wir können morgen darüber entscheiden, ob dieser Vorschlag Euch zusagt.“

Die beiden schauten sich gegenseitig an, nickten sich einmal zu und dann nochmal in Richtung des Königs. Anschließend verließen sie den Platz. Hartried setzte sich wieder hin.

„Darf ich zynisch sein?“, fragte Gunlaug.

„Immer.“

„Die werden möglicherweise schummeln.“

„Deswegen ist es eine Tagesreise anstatt anderthalb Tage. Der Abstand sollte noch immer ausreichen. Und wenn die Reiter sich dennoch im Walde gegenüberstehen, dann wissen sie beide, dass sie keine Ehre im Leibe haben und wenden sich beschämt ab.“

Gunlaug war sich nicht sicher, ob das so ablaufen würde, wie der König sich das vorgestellt hatte. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass Gunlaug auch keine bessere Idee hätte, wie man so einen Streit schlichten könnte.

„Was kommt als nächstes?“, fragte Gunlaug.

„Als ob ich das wüsste“, erwiderte Hartried. Er war augenscheinlich dem Thing bereits überdrüssig. Die Augen nur halb geöffnet, saß er schlaff und eingesunken auf seinem simplen Thron.

Ein Mann trat auf den Platz. Gunlaug glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Einer der Fürsten? Ja, das war der junge Fürst von Krähenwut, nur an den Namen wollte er sich nicht ganz erinnern. Er hatte krauses, schwarzes Haar und feine Züge, die ihn etwas hochnäsig aussehen ließen. Gunlaug empfand sein Auftreten als arrogant, doch angeblich mochten seine Schutzbefohlenen ihn.

„Mein König, Eure Beschreibungen von den Horden jenseits vom Drachenwirbel haben viele meiner Männer beunruhigt. Wir hatten uns darüber unterhalten und uns gefragt, wie wir unser Land und Euch bei der Verteidigung helfen könnten. Seid gewiss, im Falle eines Angriffs sind unsere Truppen so bald wie möglich bereit, den Menschen von Merow beizustehen. Wir hatten jedoch auch eine andere Möglichkeit ersonnen, die ich Euch und dem gesamten Thing unterbreiten möchte.“

Hartried nahm plötzlich Haltung an und lehnte sich interessiert nach vorne. Kein Wunder, dieses Thema war für ihn von äußerstem Interesse.

„Fahrt fort“, sagte der König.

„Wir dachten an die Saumyas. Das Nomadenvolk jenseits der Berge soll die Orks hassen, so sagt man. Wie Euer Vorfahre Cherus einst zu ihnen ritt und mit ihnen die Grenzen zwischen unseren Völkern verhandelte, so können wir jetzt versuchen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen und somit weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Orks zu gewinnen.“

Hartried lehnte sich zurück. „Die Saumyas werden vermutlich weit entfernt sein von jeder Schlacht, die auf unserer Seite des Drachenwirbels ausgefochten wird. Warum glaubt Ihr, dass sie uns helfen werden? Sollen wir sie anheuern wie gemeine Söldner?“

„Warum nicht?“, antwortete der Fürst von Krähenwut. „Und vielleicht müssen sie auch nicht auf unseren Schlachtfeldern kämpfen. Sie würden uns bereits helfen, wenn sie den Orks ein Dorn im Auge wären. Sie ständig überfallen, ihren Marsch verlangsamen, ihre Vorräte stehlen, sie demoralisieren.“

Zustimmendes Gemurmel im Thing.

„Wäre doch ein Versuch wert“, meinte Gunlaug zu seinem Halbbruder. Er fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Und was hatten sie auch groß zu verlieren? Vielleicht müssten sie die Saumyas bezahlen – wer weiß, womit dieses eigenartige Volk bezahlt werden wollte – doch dafür könnten sie die Orks möglicherweise überraschen oder sie gar ablenken.

„Und glaub Ihr wirklich“, fragte einer der anderen Fürsten, „diese Nomaden ließen sich auf diesen Handel ein? Damit würden sie sich selbst zur Zielscheibe für die Armee der Orks machen! Jedenfalls wäre das mein Gedanke, würden jemand zu mir mit einem solchen Angebot kommen. Schließlich geht es sie nichts an.“

„Auch sie hassen die Orks und stehen ständig mit ihnen in Konflikt“, hielt der Fürst von Krähenwut dagegen. „Aber ich würde den Fürsten von Eulenwacht fragen, ob dieses Vorhaben gelingen könnte. Er soll uns sagen, ob er diesen Vorschlag für durchführbar hält. Denn seine Domäne grenzt an den Weideländern der Saumyas.“

„Fürst von Spatzensturz!“, rief Hartried. „Tretet vor!“

Er ließ etwas auf sich warten. Sie hörten jemanden „Ich komme!“ aus der Menge heraus rufen. Köpfe drehten sich, man machte jemandem Platz. Und da trat der Fürst von Eulenwacht auch schon zwischen seinen Freien hervor.

„Ich habe alles gehört!“, sagte er. „Und ich werde Euch meinen Rat anbieten, so gut ich kann.“

„Dann sagt doch“, sprach der Fürst von Krähenwut, „was Ihr von dem Vorschlag haltet. Machbar? Was sollte man den Saumyas bieten, damit sie sich der Orks annehmen? Welche Art von Unterstützung können wir erwarten?“

„Wer weiß“, erwiderte Uthamar zur Verwunderung aller. „Wer weiß, welcher Stamm im Moment der Grenze am nächsten ist. Die Stammesverbände, ihre Anführer, wo sie sich gerade aufhalten, alles ist bei den Saumyas fließend, ständig in Bewegung. Die Stämme könnten ganz andere sein als jene, mit denen Cherus damals verhandelt hatte. Verhandeln kann man jedoch mit ihnen. Nicht unbedingt mit Geld. Aber Pferde, Hirsche, Felle, Schmuck und Waffen … solche Dinge sehen sie gerne. Ich denke … Ja, es beschämt mich fast, dass ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Sie hassen die Orks tatsächlich.“

Das freute den Fürsten von Krähenwut. Er lächelte und wandte sich an Hartried: „Was sagt Ihr, König? Was haben wir schon zu verlieren?“

„Die Köpfe unserer Gesandten“, antwortete der König. Manche Freien lachten. „Ich hörte auch, die Saumyas enthaupten ungebetene Besucher und lassen sie als Trophäen von ihren Sätteln baumeln. Stimmt das nicht auch, Herr Uthamar?“

„Äh … ja, das ist durchaus richtig. Es muss aber nicht bedeuten, dass sie gleich jedem den Kopf abschneiden. Sie können Fremden auch sehr gastfreundlich sein.“

„Bestimmt. Ob da etwas Gescheites bei rauskommt?“, fragte Hartried. „Wie ich hörte, denken sie nicht wie wir Menschen, leben nicht wie wir Menschen, sterben nicht wie wir Menschen. Sie reden menschliche Worte, aber dahinter verbirgt sich eine ganz andere Sprache, die wir nicht durchdringen können.“

„Das hatten wir auch schon besprochen“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Gewiss ist Fingerspitzengefühl nötig. Mit diesem eigentümlichen Volk muss man vorsichtig umgehen. Wir wollten deswegen Ihren Bruder losschicken.“

Gunlaug sprang auf. „Ich?“ In den Osten reisen? Über den Drachenwirbel hinaus und dieses fremde Volk besuchen? In den Osten …

Tag drei des Things. Gunlaug konnte das Bier schon nicht mehr sehen. Er trank weniger und weniger, täuschte sogar vor, vereinzelt Schlucke zu sich zu nehmen, nur um nicht erneut den Becher vollgegossen zu bekommen. Den meisten anderen Merowa schien dieses Dauertrinken jedoch nichts auszumachen; Standhaft entleerten sie Becher um Becher, Fass um Fass, während die Fürsten und Freien sich weiterhin beratschlagten. So gut es ging.

Jedoch gab es einen Lichtblick: Morgen würde er nüchtern bleiben, da war er an der Reihe, für seine Partei genau darauf zu achten, was bei den Besprechungen gesagt wurde. Kein Bier, nur zuhören, aufpassen und am nächsten Tag seinem Halbbruder Hartried mitteilen, was Gegenstand ihrer Gespräche gewesen war.

Der Wald um den Thingplatz herum roch nach Urin. Gunlaug fügte ihm gerade seine eigene Duftnote hinzu, während er sich vor einem Baum erleichterte. Schütteln, Hose zu und zurück an die Seite seines Bruders. Er trat aus den Wald heraus, lautstark drangen die Stimmen der Thing-Teilnehmer zu ihm. Hier hinten nahmen es viele der Freien nicht so ernst, den Gesprächen auf dem Platz konzentriert zuzuhören. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit damit, im Gras zu liegen, sich miteinander zu unterhalten, anzustoßen oder anderweitig zu belustigen. Gunlaug stieg über einen schlafenden Mann und überlegte, ob er den Männern dieses Verhalten missbilligen oder ihr Desinteresse teilen sollte. Wenn es ihren Fürsten wichtig war, dass sie sich bei den Entscheidungen mit ihrer Stimme laut zu Wort meldeten, würden sie bestimmt hören. Darauf kam es wohl am Ende an.

Die Menge verdichtete sich, immer mehr Augen und Ohren richteten sich auf den Thingplatz. Gunlaug schob und entschuldigte sich durch die Masse an Freien. Irgendwo beim Fürsten von Bärenschlucht trat er auf dem Platz und schaute sich sogleich nach dem Felsen um. Hartried saß dort auf einem hölzernen Stuhl und hörte mit einer Hand am Kinn dem Vortragenden zu. Gunlaug konnte dem Mann, der recht aufgeregt etwas über Wälder und Wild sprach, kaum zuhören. Er fühlte sich bereits müde. Stattdessen ging er schnurstracks zu Hartried und setzte sich an seine Seite.

„Worum geht es?“, fragte Gunlaug. Da kam schon ein Gefolgsmann des Königs vorbei und überreichte Gunlaug einen Becher.

„Grenzstreit zwischen zwei Fürsten“, sprach Hartried lakonisch.

„Und wer gewinnt?“

„Niemand. Ich setzte dem gleich ein Ende.“

Der Mann beendete seinen Redeschwall und sah Hartried erwartungsvoll an. Ein anderer trat neben ihn. Das war wohl der Vertreter der gegnerischen Partei. Auch er schien auf das Urteil des Königs zu warten.

Hartried stand auf und stieß dabei einen müden Seufzer aus.

„Ihr braucht heute noch nicht zuzustimmen“, begann der König. „Was ich Euch vorschlage: Ihr beide schickt Reiter los in die Richtung des Hofes des anderen Fürsten. Nach genau einer Tagesreise werden sie den Ritt beenden und dort, wo sie anhalten, Markierungen anlegen. Grenzsteine, wenn es Euch recht ist. Die Markierungen müssen klar verdeutlichen, dass das Land bis zu diesem Stein, soweit der Reiter gekommen war, dem jeweiligen Fürsten gehört. Eine Tagesreise sollte nicht zu lange sein, dass sich die Reiter treffen und es zu einem Konflikt kommt. Habe ich recht oder habe ich Eure Ausführungen über die Größe des Gebietes missverstanden?“

Die beiden schauten sich an. „Der Abstand beträgt knapp drei Tagesreisen.“

„Na dann passt es ja“, sprach Hartried.

„Aber das bedeutet, dass ein Abschnitt von ungefähr einer Tagesreise zu keinem von uns gehört“, bemerkte einer der Sprecher.

„Ganz richtig“, erwiderte Hartried. „Das wird eine neutrale Zone sein. Achtet sie und jagt hier kein Wild, damit es sich im neutralen Streifen zwischen Euren Reichen erholen kann. Wenn Ihr diese Grenzen achtet, wird es zwischen Euch keinen Streit mehr geben. Wir können morgen darüber entscheiden, ob dieser Vorschlag Euch zusagt.“

Die beiden schauten sich gegenseitig an, nickten sich einmal zu und dann nochmal in Richtung des Königs. Anschließend verließen sie den Platz. Hartried setzte sich wieder hin.

„Darf ich zynisch sein?“, fragte Gunlaug.

„Immer.“

„Die werden möglicherweise schummeln.“

„Deswegen ist es eine Tagesreise anstatt anderthalb Tage. Der Abstand sollte noch immer ausreichen. Und wenn die Reiter sich dennoch im Walde gegenüberstehen, dann wissen sie beide, dass sie keine Ehre im Leibe haben und wenden sich beschämt ab.“

Gunlaug war sich nicht sicher, ob das so ablaufen würde, wie der König sich das vorgestellt hatte. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass Gunlaug auch keine bessere Idee hätte, wie man so einen Streit schlichten könnte.

„Was kommt als nächstes?“, fragte Gunlaug.

„Als ob ich das wüsste“, erwiderte Hartried. Er war augenscheinlich dem Thing bereits überdrüssig. Die Augen nur halb geöffnet, saß er schlaff und eingesunken auf seinem simplen Thron.

Ein Mann trat auf den Platz. Gunlaug glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Einer der Fürsten? Ja, das war der junge Fürst von Krähenwut, nur an den Namen wollte er sich nicht ganz erinnern. Er hatte krauses, schwarzes Haar und feine Züge, die ihn etwas hochnäsig aussehen ließen. Gunlaug empfand sein Auftreten als arrogant, doch angeblich mochten seine Schutzbefohlenen ihn.

„Mein König, Eure Beschreibungen von den Horden jenseits vom Drachenwirbel haben viele meiner Männer beunruhigt. Wir hatten uns darüber unterhalten und uns gefragt, wie wir unser Land und Euch bei der Verteidigung helfen könnten. Seid gewiss, im Falle eines Angriffs sind unsere Truppen so bald wie möglich bereit, den Menschen von Merow beizustehen. Wir hatten jedoch auch eine andere Möglichkeit ersonnen, die ich Euch und dem gesamten Thing unterbreiten möchte.“

Hartried nahm plötzlich Haltung an und lehnte sich interessiert nach vorne. Kein Wunder, dieses Thema war für ihn von äußerstem Interesse.

„Fahrt fort“, sagte der König.

„Wir dachten an die Saumyas. Das Nomadenvolk jenseits der Berge soll die Orks hassen, so sagt man. Wie Euer Vorfahre Cherus einst zu ihnen ritt und mit ihnen die Grenzen zwischen unseren Völkern verhandelte, so können wir jetzt versuchen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen und somit weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Orks zu gewinnen.“

Hartried lehnte sich zurück. „Die Saumyas werden vermutlich weit entfernt sein von jeder Schlacht, die auf unserer Seite des Drachenwirbels ausgefochten wird. Warum glaubt Ihr, dass sie uns helfen werden? Sollen wir sie anheuern wie gemeine Söldner?“

„Warum nicht?“, antwortete der Fürst von Krähenwut. „Und vielleicht müssen sie auch nicht auf unseren Schlachtfeldern kämpfen. Sie würden uns bereits helfen, wenn sie den Orks ein Dorn im Auge wären. Sie ständig überfallen, ihren Marsch verlangsamen, ihre Vorräte stehlen, sie demoralisieren.“

Zustimmendes Gemurmel im Thing.

„Wäre doch ein Versuch wert“, meinte Gunlaug zu seinem Halbbruder. Er fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Und was hatten sie auch groß zu verlieren? Vielleicht müssten sie die Saumyas bezahlen – wer weiß, womit dieses eigenartige Volk bezahlt werden wollte – doch dafür könnten sie die Orks möglicherweise überraschen oder sie gar ablenken.

„Und glaub Ihr wirklich“, fragte einer der anderen Fürsten, „diese Nomaden ließen sich auf diesen Handel ein? Damit würden sie sich selbst zur Zielscheibe für die Armee der Orks machen! Jedenfalls wäre das mein Gedanke, würden jemand zu mir mit einem solchen Angebot kommen. Schließlich geht es sie nichts an.“

„Auch sie hassen die Orks und stehen ständig mit ihnen in Konflikt“, hielt der Fürst von Krähenwut dagegen. „Aber ich würde den Fürsten von Eulenwacht fragen, ob dieses Vorhaben gelingen könnte. Er soll uns sagen, ob er diesen Vorschlag für durchführbar hält. Denn seine Domäne grenzt an den Weideländern der Saumyas.“

„Fürst von Spatzensturz!“, rief Hartried. „Tretet vor!“

Er ließ etwas auf sich warten. Sie hörten jemanden „Ich komme!“ aus der Menge heraus rufen. Köpfe drehten sich, man machte jemandem Platz. Und da trat der Fürst von Eulenwacht auch schon zwischen seinen Freien hervor.

„Ich habe alles gehört!“, sagte er. „Und ich werde Euch meinen Rat anbieten, so gut ich kann.“

„Dann sagt doch“, sprach der Fürst von Krähenwut, „was Ihr von dem Vorschlag haltet. Machbar? Was sollte man den Saumyas bieten, damit sie sich der Orks annehmen? Welche Art von Unterstützung können wir erwarten?“

„Wer weiß“, erwiderte Uthamar zur Verwunderung aller. „Wer weiß, welcher Stamm im Moment der Grenze am nächsten ist. Die Stammesverbände, ihre Anführer, wo sie sich gerade aufhalten, alles ist bei den Saumyas fließend, ständig in Bewegung. Die Stämme könnten ganz andere sein als jene, mit denen Cherus damals verhandelt hatte. Verhandeln kann man jedoch mit ihnen. Nicht unbedingt mit Geld. Aber Pferde, Hirsche, Felle, Schmuck und Waffen … solche Dinge sehen sie gerne. Ich denke … Ja, es beschämt mich fast, dass ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Sie hassen die Orks tatsächlich.“

Das freute den Fürsten von Krähenwut. Er lächelte und wandte sich an Hartried: „Was sagt Ihr, König? Was haben wir schon zu verlieren?“

„Die Köpfe unserer Gesandten“, antwortete der König. Manche Freien lachten. „Ich hörte auch, die Saumyas enthaupten ungebetene Besucher und lassen sie als Trophäen von ihren Sätteln baumeln. Stimmt das nicht auch, Herr Uthamar?“

„Äh … ja, das ist durchaus richtig. Es muss aber nicht bedeuten, dass sie gleich jedem den Kopf abschneiden. Sie können Fremden auch sehr gastfreundlich sein.“

„Bestimmt. Ob da etwas Gescheites bei rauskommt?“, fragte Hartried. „Wie ich hörte, denken sie nicht wie wir Menschen, leben nicht wie wir Menschen, sterben nicht wie wir Menschen. Sie reden menschliche Worte, aber dahinter verbirgt sich eine ganz andere Sprache, die wir nicht durchdringen können.“

„Das hatten wir auch schon besprochen“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Gewiss ist Fingerspitzengefühl nötig. Mit diesem eigentümlichen Volk muss man vorsichtig umgehen. Wir wollten deswegen Ihren Bruder losschicken.“

Gunlaug sprang auf. „Ich?“ In den Osten reisen? Über den Drachenwirbel hinaus und dieses fremde Volk besuchen? In den Osten …

Tag drei des Things. Gunlaug konnte das Bier schon nicht mehr sehen. Er trank weniger und weniger, täuschte sogar vor, vereinzelt Schlucke zu sich zu nehmen, nur um nicht erneut den Becher vollgegossen zu bekommen. Den meisten anderen Merowa schien dieses Dauertrinken jedoch nichts auszumachen; Standhaft entleerten sie Becher um Becher, Fass um Fass, während die Fürsten und Freien sich weiterhin beratschlagten. So gut es ging.

Jedoch gab es einen Lichtblick: Morgen würde er nüchtern bleiben, da war er an der Reihe, für seine Partei genau darauf zu achten, was bei den Besprechungen gesagt wurde. Kein Bier, nur zuhören, aufpassen und am nächsten Tag seinem Halbbruder Hartried mitteilen, was Gegenstand ihrer Gespräche gewesen war.

Der Wald um den Thingplatz herum roch nach Urin. Gunlaug fügte ihm gerade seine eigene Duftnote hinzu, während er sich vor einem Baum erleichterte. Schütteln, Hose zu und zurück an die Seite seines Bruders. Er trat aus den Wald heraus, lautstark drangen die Stimmen der Thing-Teilnehmer zu ihm. Hier hinten nahmen es viele der Freien nicht so ernst, den Gesprächen auf dem Platz konzentriert zuzuhören. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit damit, im Gras zu liegen, sich miteinander zu unterhalten, anzustoßen oder anderweitig zu belustigen. Gunlaug stieg über einen schlafenden Mann und überlegte, ob er den Männern dieses Verhalten missbilligen oder ihr Desinteresse teilen sollte. Wenn es ihren Fürsten wichtig war, dass sie sich bei den Entscheidungen mit ihrer Stimme laut zu Wort meldeten, würden sie bestimmt hören. Darauf kam es wohl am Ende an.

Die Menge verdichtete sich, immer mehr Augen und Ohren richteten sich auf den Thingplatz. Gunlaug schob und entschuldigte sich durch die Masse an Freien. Irgendwo beim Fürsten von Bärenschlucht trat er auf dem Platz und schaute sich sogleich nach dem Felsen um. Hartried saß dort auf einem hölzernen Stuhl und hörte mit einer Hand am Kinn dem Vortragenden zu. Gunlaug konnte dem Mann, der recht aufgeregt etwas über Wälder und Wild sprach, kaum zuhören. Er fühlte sich bereits müde. Stattdessen ging er schnurstracks zu Hartried und setzte sich an seine Seite.

„Worum geht es?“, fragte Gunlaug. Da kam schon ein Gefolgsmann des Königs vorbei und überreichte Gunlaug einen Becher.

„Grenzstreit zwischen zwei Fürsten“, sprach Hartried lakonisch.

„Und wer gewinnt?“

„Niemand. Ich setzte dem gleich ein Ende.“

Der Mann beendete seinen Redeschwall und sah Hartried erwartungsvoll an. Ein anderer trat neben ihn. Das war wohl der Vertreter der gegnerischen Partei. Auch er schien auf das Urteil des Königs zu warten.

Hartried stand auf und stieß dabei einen müden Seufzer aus.

„Ihr braucht heute noch nicht zuzustimmen“, begann der König. „Was ich Euch vorschlage: Ihr beide schickt Reiter los in die Richtung des Hofes des anderen Fürsten. Nach genau einer Tagesreise werden sie den Ritt beenden und dort, wo sie anhalten, Markierungen anlegen. Grenzsteine, wenn es Euch recht ist. Die Markierungen müssen klar verdeutlichen, dass das Land bis zu diesem Stein, soweit der Reiter gekommen war, dem jeweiligen Fürsten gehört. Eine Tagesreise sollte nicht zu lange sein, dass sich die Reiter treffen und es zu einem Konflikt kommt. Habe ich recht oder habe ich Eure Ausführungen über die Größe des Gebietes missverstanden?“

Die beiden schauten sich an. „Der Abstand beträgt knapp drei Tagesreisen.“

„Na dann passt es ja“, sprach Hartried.

„Aber das bedeutet, dass ein Abschnitt von ungefähr einer Tagesreise zu keinem von uns gehört“, bemerkte einer der Sprecher.

„Ganz richtig“, erwiderte Hartried. „Das wird eine neutrale Zone sein. Achtet sie und jagt hier kein Wild, damit es sich im neutralen Streifen zwischen Euren Reichen erholen kann. Wenn Ihr diese Grenzen achtet, wird es zwischen Euch keinen Streit mehr geben. Wir können morgen darüber entscheiden, ob dieser Vorschlag Euch zusagt.“

Die beiden schauten sich gegenseitig an, nickten sich einmal zu und dann nochmal in Richtung des Königs. Anschließend verließen sie den Platz. Hartried setzte sich wieder hin.

„Darf ich zynisch sein?“, fragte Gunlaug.

„Immer.“

„Die werden möglicherweise schummeln.“

„Deswegen ist es eine Tagesreise anstatt anderthalb Tage. Der Abstand sollte noch immer ausreichen. Und wenn die Reiter sich dennoch im Walde gegenüberstehen, dann wissen sie beide, dass sie keine Ehre im Leibe haben und wenden sich beschämt ab.“

Gunlaug war sich nicht sicher, ob das so ablaufen würde, wie der König sich das vorgestellt hatte. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass Gunlaug auch keine bessere Idee hätte, wie man so einen Streit schlichten könnte.

„Was kommt als nächstes?“, fragte Gunlaug.

„Als ob ich das wüsste“, erwiderte Hartried. Er war augenscheinlich dem Thing bereits überdrüssig. Die Augen nur halb geöffnet, saß er schlaff und eingesunken auf seinem simplen Thron.

Ein Mann trat auf den Platz. Gunlaug glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Einer der Fürsten? Ja, das war der junge Fürst von Krähenwut, nur an den Namen wollte er sich nicht ganz erinnern. Er hatte krauses, schwarzes Haar und feine Züge, die ihn etwas hochnäsig aussehen ließen. Gunlaug empfand sein Auftreten als arrogant, doch angeblich mochten seine Schutzbefohlenen ihn.

„Mein König, Eure Beschreibungen von den Horden jenseits vom Drachenwirbel haben viele meiner Männer beunruhigt. Wir hatten uns darüber unterhalten und uns gefragt, wie wir unser Land und Euch bei der Verteidigung helfen könnten. Seid gewiss, im Falle eines Angriffs sind unsere Truppen so bald wie möglich bereit, den Menschen von Merow beizustehen. Wir hatten jedoch auch eine andere Möglichkeit ersonnen, die ich Euch und dem gesamten Thing unterbreiten möchte.“

Hartried nahm plötzlich Haltung an und lehnte sich interessiert nach vorne. Kein Wunder, dieses Thema war für ihn von äußerstem Interesse.

„Fahrt fort“, sagte der König.

„Wir dachten an die Saumyas. Das Nomadenvolk jenseits der Berge soll die Orks hassen, so sagt man. Wie Euer Vorfahre Cherus einst zu ihnen ritt und mit ihnen die Grenzen zwischen unseren Völkern verhandelte, so können wir jetzt versuchen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen und somit weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Orks zu gewinnen.“

Hartried lehnte sich zurück. „Die Saumyas werden vermutlich weit entfernt sein von jeder Schlacht, die auf unserer Seite des Drachenwirbels ausgefochten wird. Warum glaubt Ihr, dass sie uns helfen werden? Sollen wir sie anheuern wie gemeine Söldner?“

„Warum nicht?“, antwortete der Fürst von Krähenwut. „Und vielleicht müssen sie auch nicht auf unseren Schlachtfeldern kämpfen. Sie würden uns bereits helfen, wenn sie den Orks ein Dorn im Auge wären. Sie ständig überfallen, ihren Marsch verlangsamen, ihre Vorräte stehlen, sie demoralisieren.“

Zustimmendes Gemurmel im Thing.

„Wäre doch ein Versuch wert“, meinte Gunlaug zu seinem Halbbruder. Er fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Und was hatten sie auch groß zu verlieren? Vielleicht müssten sie die Saumyas bezahlen – wer weiß, womit dieses eigenartige Volk bezahlt werden wollte – doch dafür könnten sie die Orks möglicherweise überraschen oder sie gar ablenken.

„Und glaub Ihr wirklich“, fragte einer der anderen Fürsten, „diese Nomaden ließen sich auf diesen Handel ein? Damit würden sie sich selbst zur Zielscheibe für die Armee der Orks machen! Jedenfalls wäre das mein Gedanke, würden jemand zu mir mit einem solchen Angebot kommen. Schließlich geht es sie nichts an.“

„Auch sie hassen die Orks und stehen ständig mit ihnen in Konflikt“, hielt der Fürst von Krähenwut dagegen. „Aber ich würde den Fürsten von Eulenwacht fragen, ob dieses Vorhaben gelingen könnte. Er soll uns sagen, ob er diesen Vorschlag für durchführbar hält. Denn seine Domäne grenzt an den Weideländern der Saumyas.“

„Fürst von Spatzensturz!“, rief Hartried. „Tretet vor!“

Er ließ etwas auf sich warten. Sie hörten jemanden „Ich komme!“ aus der Menge heraus rufen. Köpfe drehten sich, man machte jemandem Platz. Und da trat der Fürst von Eulenwacht auch schon zwischen seinen Freien hervor.

„Ich habe alles gehört!“, sagte er. „Und ich werde Euch meinen Rat anbieten, so gut ich kann.“

„Dann sagt doch“, sprach der Fürst von Krähenwut, „was Ihr von dem Vorschlag haltet. Machbar? Was sollte man den Saumyas bieten, damit sie sich der Orks annehmen? Welche Art von Unterstützung können wir erwarten?“

„Wer weiß“, erwiderte Uthamar zur Verwunderung aller. „Wer weiß, welcher Stamm im Moment der Grenze am nächsten ist. Die Stammesverbände, ihre Anführer, wo sie sich gerade aufhalten, alles ist bei den Saumyas fließend, ständig in Bewegung. Die Stämme könnten ganz andere sein als jene, mit denen Cherus damals verhandelt hatte. Verhandeln kann man jedoch mit ihnen. Nicht unbedingt mit Geld. Aber Pferde, Hirsche, Felle, Schmuck und Waffen … solche Dinge sehen sie gerne. Ich denke … Ja, es beschämt mich fast, dass ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Sie hassen die Orks tatsächlich.“

Das freute den Fürsten von Krähenwut. Er lächelte und wandte sich an Hartried: „Was sagt Ihr, König? Was haben wir schon zu verlieren?“

„Die Köpfe unserer Gesandten“, antwortete der König. Manche Freien lachten. „Ich hörte auch, die Saumyas enthaupten ungebetene Besucher und lassen sie als Trophäen von ihren Sätteln baumeln. Stimmt das nicht auch, Herr Uthamar?“

„Äh … ja, das ist durchaus richtig. Es muss aber nicht bedeuten, dass sie gleich jedem den Kopf abschneiden. Sie können Fremden auch sehr gastfreundlich sein.“

„Bestimmt. Ob da etwas Gescheites bei rauskommt?“, fragte Hartried. „Wie ich hörte, denken sie nicht wie wir Menschen, leben nicht wie wir Menschen, sterben nicht wie wir Menschen. Sie reden menschliche Worte, aber dahinter verbirgt sich eine ganz andere Sprache, die wir nicht durchdringen können.“

„Das hatten wir auch schon besprochen“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Gewiss ist Fingerspitzengefühl nötig. Mit diesem eigentümlichen Volk muss man vorsichtig umgehen. Wir wollten deswegen Ihren Bruder losschicken.“

Gunlaug sprang auf. „Ich?“ In den Osten reisen? Über den Drachenwirbel hinaus und dieses fremde Volk besuchen? In den Osten …

Tag drei des Things. Gunlaug konnte das Bier schon nicht mehr sehen. Er trank weniger und weniger, täuschte sogar vor, vereinzelt Schlucke zu sich zu nehmen, nur um nicht erneut den Becher vollgegossen zu bekommen. Den meisten anderen Merowa schien dieses Dauertrinken jedoch nichts auszumachen; Standhaft entleerten sie Becher um Becher, Fass um Fass, während die Fürsten und Freien sich weiterhin beratschlagten. So gut es ging.

Jedoch gab es einen Lichtblick: Morgen würde er nüchtern bleiben, da war er an der Reihe, für seine Partei genau darauf zu achten, was bei den Besprechungen gesagt wurde. Kein Bier, nur zuhören, aufpassen und am nächsten Tag seinem Halbbruder Hartried mitteilen, was Gegenstand ihrer Gespräche gewesen war.

Der Wald um den Thingplatz herum roch nach Urin. Gunlaug fügte ihm gerade seine eigene Duftnote hinzu, während er sich vor einem Baum erleichterte. Schütteln, Hose zu und zurück an die Seite seines Bruders. Er trat aus den Wald heraus, lautstark drangen die Stimmen der Thing-Teilnehmer zu ihm. Hier hinten nahmen es viele der Freien nicht so ernst, den Gesprächen auf dem Platz konzentriert zuzuhören. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit damit, im Gras zu liegen, sich miteinander zu unterhalten, anzustoßen oder anderweitig zu belustigen. Gunlaug stieg über einen schlafenden Mann und überlegte, ob er den Männern dieses Verhalten missbilligen oder ihr Desinteresse teilen sollte. Wenn es ihren Fürsten wichtig war, dass sie sich bei den Entscheidungen mit ihrer Stimme laut zu Wort meldeten, würden sie bestimmt hören. Darauf kam es wohl am Ende an.

Die Menge verdichtete sich, immer mehr Augen und Ohren richteten sich auf den Thingplatz. Gunlaug schob und entschuldigte sich durch die Masse an Freien. Irgendwo beim Fürsten von Bärenschlucht trat er auf dem Platz und schaute sich sogleich nach dem Felsen um. Hartried saß dort auf einem hölzernen Stuhl und hörte mit einer Hand am Kinn dem Vortragenden zu. Gunlaug konnte dem Mann, der recht aufgeregt etwas über Wälder und Wild sprach, kaum zuhören. Er fühlte sich bereits müde. Stattdessen ging er schnurstracks zu Hartried und setzte sich an seine Seite.

„Worum geht es?“, fragte Gunlaug. Da kam schon ein Gefolgsmann des Königs vorbei und überreichte Gunlaug einen Becher.

„Grenzstreit zwischen zwei Fürsten“, sprach Hartried lakonisch.

„Und wer gewinnt?“

„Niemand. Ich setzte dem gleich ein Ende.“

Der Mann beendete seinen Redeschwall und sah Hartried erwartungsvoll an. Ein anderer trat neben ihn. Das war wohl der Vertreter der gegnerischen Partei. Auch er schien auf das Urteil des Königs zu warten.

Hartried stand auf und stieß dabei einen müden Seufzer aus.

„Ihr braucht heute noch nicht zuzustimmen“, begann der König. „Was ich Euch vorschlage: Ihr beide schickt Reiter los in die Richtung des Hofes des anderen Fürsten. Nach genau einer Tagesreise werden sie den Ritt beenden und dort, wo sie anhalten, Markierungen anlegen. Grenzsteine, wenn es Euch recht ist. Die Markierungen müssen klar verdeutlichen, dass das Land bis zu diesem Stein, soweit der Reiter gekommen war, dem jeweiligen Fürsten gehört. Eine Tagesreise sollte nicht zu lange sein, dass sich die Reiter treffen und es zu einem Konflikt kommt. Habe ich recht oder habe ich Eure Ausführungen über die Größe des Gebietes missverstanden?“

Die beiden schauten sich an. „Der Abstand beträgt knapp drei Tagesreisen.“

„Na dann passt es ja“, sprach Hartried.

„Aber das bedeutet, dass ein Abschnitt von ungefähr einer Tagesreise zu keinem von uns gehört“, bemerkte einer der Sprecher.

„Ganz richtig“, erwiderte Hartried. „Das wird eine neutrale Zone sein. Achtet sie und jagt hier kein Wild, damit es sich im neutralen Streifen zwischen Euren Reichen erholen kann. Wenn Ihr diese Grenzen achtet, wird es zwischen Euch keinen Streit mehr geben. Wir können morgen darüber entscheiden, ob dieser Vorschlag Euch zusagt.“

Die beiden schauten sich gegenseitig an, nickten sich einmal zu und dann nochmal in Richtung des Königs. Anschließend verließen sie den Platz. Hartried setzte sich wieder hin.

„Darf ich zynisch sein?“, fragte Gunlaug.

„Immer.“

„Die werden möglicherweise schummeln.“

„Deswegen ist es eine Tagesreise anstatt anderthalb Tage. Der Abstand sollte noch immer ausreichen. Und wenn die Reiter sich dennoch im Walde gegenüberstehen, dann wissen sie beide, dass sie keine Ehre im Leibe haben und wenden sich beschämt ab.“

Gunlaug war sich nicht sicher, ob das so ablaufen würde, wie der König sich das vorgestellt hatte. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass Gunlaug auch keine bessere Idee hätte, wie man so einen Streit schlichten könnte.

„Was kommt als nächstes?“, fragte Gunlaug.

„Als ob ich das wüsste“, erwiderte Hartried. Er war augenscheinlich dem Thing bereits überdrüssig. Die Augen nur halb geöffnet, saß er schlaff und eingesunken auf seinem simplen Thron.

Ein Mann trat auf den Platz. Gunlaug glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Einer der Fürsten? Ja, das war der junge Fürst von Krähenwut, nur an den Namen wollte er sich nicht ganz erinnern. Er hatte krauses, schwarzes Haar und feine Züge, die ihn etwas hochnäsig aussehen ließen. Gunlaug empfand sein Auftreten als arrogant, doch angeblich mochten seine Schutzbefohlenen ihn.

„Mein König, Eure Beschreibungen von den Horden jenseits vom Drachenwirbel haben viele meiner Männer beunruhigt. Wir hatten uns darüber unterhalten und uns gefragt, wie wir unser Land und Euch bei der Verteidigung helfen könnten. Seid gewiss, im Falle eines Angriffs sind unsere Truppen so bald wie möglich bereit, den Menschen von Merow beizustehen. Wir hatten jedoch auch eine andere Möglichkeit ersonnen, die ich Euch und dem gesamten Thing unterbreiten möchte.“

Hartried nahm plötzlich Haltung an und lehnte sich interessiert nach vorne. Kein Wunder, dieses Thema war für ihn von äußerstem Interesse.

„Fahrt fort“, sagte der König.

„Wir dachten an die Saumyas. Das Nomadenvolk jenseits der Berge soll die Orks hassen, so sagt man. Wie Euer Vorfahre Cherus einst zu ihnen ritt und mit ihnen die Grenzen zwischen unseren Völkern verhandelte, so können wir jetzt versuchen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen und somit weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Orks zu gewinnen.“

Hartried lehnte sich zurück. „Die Saumyas werden vermutlich weit entfernt sein von jeder Schlacht, die auf unserer Seite des Drachenwirbels ausgefochten wird. Warum glaubt Ihr, dass sie uns helfen werden? Sollen wir sie anheuern wie gemeine Söldner?“

„Warum nicht?“, antwortete der Fürst von Krähenwut. „Und vielleicht müssen sie auch nicht auf unseren Schlachtfeldern kämpfen. Sie würden uns bereits helfen, wenn sie den Orks ein Dorn im Auge wären. Sie ständig überfallen, ihren Marsch verlangsamen, ihre Vorräte stehlen, sie demoralisieren.“

Zustimmendes Gemurmel im Thing.

„Wäre doch ein Versuch wert“, meinte Gunlaug zu seinem Halbbruder. Er fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Und was hatten sie auch groß zu verlieren? Vielleicht müssten sie die Saumyas bezahlen – wer weiß, womit dieses eigenartige Volk bezahlt werden wollte – doch dafür könnten sie die Orks möglicherweise überraschen oder sie gar ablenken.

„Und glaub Ihr wirklich“, fragte einer der anderen Fürsten, „diese Nomaden ließen sich auf diesen Handel ein? Damit würden sie sich selbst zur Zielscheibe für die Armee der Orks machen! Jedenfalls wäre das mein Gedanke, würden jemand zu mir mit einem solchen Angebot kommen. Schließlich geht es sie nichts an.“

„Auch sie hassen die Orks und stehen ständig mit ihnen in Konflikt“, hielt der Fürst von Krähenwut dagegen. „Aber ich würde den Fürsten von Eulenwacht fragen, ob dieses Vorhaben gelingen könnte. Er soll uns sagen, ob er diesen Vorschlag für durchführbar hält. Denn seine Domäne grenzt an den Weideländern der Saumyas.“

„Fürst von Spatzensturz!“, rief Hartried. „Tretet vor!“

Er ließ etwas auf sich warten. Sie hörten jemanden „Ich komme!“ aus der Menge heraus rufen. Köpfe drehten sich, man machte jemandem Platz. Und da trat der Fürst von Eulenwacht auch schon zwischen seinen Freien hervor.

„Ich habe alles gehört!“, sagte er. „Und ich werde Euch meinen Rat anbieten, so gut ich kann.“

„Dann sagt doch“, sprach der Fürst von Krähenwut, „was Ihr von dem Vorschlag haltet. Machbar? Was sollte man den Saumyas bieten, damit sie sich der Orks annehmen? Welche Art von Unterstützung können wir erwarten?“

„Wer weiß“, erwiderte Uthamar zur Verwunderung aller. „Wer weiß, welcher Stamm im Moment der Grenze am nächsten ist. Die Stammesverbände, ihre Anführer, wo sie sich gerade aufhalten, alles ist bei den Saumyas fließend, ständig in Bewegung. Die Stämme könnten ganz andere sein als jene, mit denen Cherus damals verhandelt hatte. Verhandeln kann man jedoch mit ihnen. Nicht unbedingt mit Geld. Aber Pferde, Hirsche, Felle, Schmuck und Waffen … solche Dinge sehen sie gerne. Ich denke … Ja, es beschämt mich fast, dass ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Sie hassen die Orks tatsächlich.“

Das freute den Fürsten von Krähenwut. Er lächelte und wandte sich an Hartried: „Was sagt Ihr, König? Was haben wir schon zu verlieren?“

„Die Köpfe unserer Gesandten“, antwortete der König. Manche Freien lachten. „Ich hörte auch, die Saumyas enthaupten ungebetene Besucher und lassen sie als Trophäen von ihren Sätteln baumeln. Stimmt das nicht auch, Herr Uthamar?“

„Äh … ja, das ist durchaus richtig. Es muss aber nicht bedeuten, dass sie gleich jedem den Kopf abschneiden. Sie können Fremden auch sehr gastfreundlich sein.“

„Bestimmt. Ob da etwas Gescheites bei rauskommt?“, fragte Hartried. „Wie ich hörte, denken sie nicht wie wir Menschen, leben nicht wie wir Menschen, sterben nicht wie wir Menschen. Sie reden menschliche Worte, aber dahinter verbirgt sich eine ganz andere Sprache, die wir nicht durchdringen können.“

„Das hatten wir auch schon besprochen“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Gewiss ist Fingerspitzengefühl nötig. Mit diesem eigentümlichen Volk muss man vorsichtig umgehen. Wir wollten deswegen Ihren Bruder losschicken.“

Gunlaug sprang auf. „Ich?“ In den Osten reisen? Über den Drachenwirbel hinaus und dieses fremde Volk besuchen? In den Osten …

Tag drei des Things. Gunlaug konnte das Bier schon nicht mehr sehen. Er trank weniger und weniger, täuschte sogar vor, vereinzelt Schlucke zu sich zu nehmen, nur um nicht erneut den Becher vollgegossen zu bekommen. Den meisten anderen Merowa schien dieses Dauertrinken jedoch nichts auszumachen; Standhaft entleerten sie Becher um Becher, Fass um Fass, während die Fürsten und Freien sich weiterhin beratschlagten. So gut es ging.

Jedoch gab es einen Lichtblick: Morgen würde er nüchtern bleiben, da war er an der Reihe, für seine Partei genau darauf zu achten, was bei den Besprechungen gesagt wurde. Kein Bier, nur zuhören, aufpassen und am nächsten Tag seinem Halbbruder Hartried mitteilen, was Gegenstand ihrer Gespräche gewesen war.

Der Wald um den Thingplatz herum roch nach Urin. Gunlaug fügte ihm gerade seine eigene Duftnote hinzu, während er sich vor einem Baum erleichterte. Schütteln, Hose zu und zurück an die Seite seines Bruders. Er trat aus den Wald heraus, lautstark drangen die Stimmen der Thing-Teilnehmer zu ihm. Hier hinten nahmen es viele der Freien nicht so ernst, den Gesprächen auf dem Platz konzentriert zuzuhören. Stattdessen verbrachten sie ihre Zeit damit, im Gras zu liegen, sich miteinander zu unterhalten, anzustoßen oder anderweitig zu belustigen. Gunlaug stieg über einen schlafenden Mann und überlegte, ob er den Männern dieses Verhalten missbilligen oder ihr Desinteresse teilen sollte. Wenn es ihren Fürsten wichtig war, dass sie sich bei den Entscheidungen mit ihrer Stimme laut zu Wort meldeten, würden sie bestimmt hören. Darauf kam es wohl am Ende an.

Die Menge verdichtete sich, immer mehr Augen und Ohren richteten sich auf den Thingplatz. Gunlaug schob und entschuldigte sich durch die Masse an Freien. Irgendwo beim Fürsten von Bärenschlucht trat er auf dem Platz und schaute sich sogleich nach dem Felsen um. Hartried saß dort auf einem hölzernen Stuhl und hörte mit einer Hand am Kinn dem Vortragenden zu. Gunlaug konnte dem Mann, der recht aufgeregt etwas über Wälder und Wild sprach, kaum zuhören. Er fühlte sich bereits müde. Stattdessen ging er schnurstracks zu Hartried und setzte sich an seine Seite.

„Worum geht es?“, fragte Gunlaug. Da kam schon ein Gefolgsmann des Königs vorbei und überreichte Gunlaug einen Becher.

„Grenzstreit zwischen zwei Fürsten“, sprach Hartried lakonisch.

„Und wer gewinnt?“

„Niemand. Ich setzte dem gleich ein Ende.“

Der Mann beendete seinen Redeschwall und sah Hartried erwartungsvoll an. Ein anderer trat neben ihn. Das war wohl der Vertreter der gegnerischen Partei. Auch er schien auf das Urteil des Königs zu warten.

Hartried stand auf und stieß dabei einen müden Seufzer aus.

„Ihr braucht heute noch nicht zuzustimmen“, begann der König. „Was ich Euch vorschlage: Ihr beide schickt Reiter los in die Richtung des Hofes des anderen Fürsten. Nach genau einer Tagesreise werden sie den Ritt beenden und dort, wo sie anhalten, Markierungen anlegen. Grenzsteine, wenn es Euch recht ist. Die Markierungen müssen klar verdeutlichen, dass das Land bis zu diesem Stein, soweit der Reiter gekommen war, dem jeweiligen Fürsten gehört. Eine Tagesreise sollte nicht zu lange sein, dass sich die Reiter treffen und es zu einem Konflikt kommt. Habe ich recht oder habe ich Eure Ausführungen über die Größe des Gebietes missverstanden?“

Die beiden schauten sich an. „Der Abstand beträgt knapp drei Tagesreisen.“

„Na dann passt es ja“, sprach Hartried.

„Aber das bedeutet, dass ein Abschnitt von ungefähr einer Tagesreise zu keinem von uns gehört“, bemerkte einer der Sprecher.

„Ganz richtig“, erwiderte Hartried. „Das wird eine neutrale Zone sein. Achtet sie und jagt hier kein Wild, damit es sich im neutralen Streifen zwischen Euren Reichen erholen kann. Wenn Ihr diese Grenzen achtet, wird es zwischen Euch keinen Streit mehr geben. Wir können morgen darüber entscheiden, ob dieser Vorschlag Euch zusagt.“

Die beiden schauten sich gegenseitig an, nickten sich einmal zu und dann nochmal in Richtung des Königs. Anschließend verließen sie den Platz. Hartried setzte sich wieder hin.

„Darf ich zynisch sein?“, fragte Gunlaug.

„Immer.“

„Die werden möglicherweise schummeln.“

„Deswegen ist es eine Tagesreise anstatt anderthalb Tage. Der Abstand sollte noch immer ausreichen. Und wenn die Reiter sich dennoch im Walde gegenüberstehen, dann wissen sie beide, dass sie keine Ehre im Leibe haben und wenden sich beschämt ab.“

Gunlaug war sich nicht sicher, ob das so ablaufen würde, wie der König sich das vorgestellt hatte. Gleichzeitig musste er sich eingestehen, dass Gunlaug auch keine bessere Idee hätte, wie man so einen Streit schlichten könnte.

„Was kommt als nächstes?“, fragte Gunlaug.

„Als ob ich das wüsste“, erwiderte Hartried. Er war augenscheinlich dem Thing bereits überdrüssig. Die Augen nur halb geöffnet, saß er schlaff und eingesunken auf seinem simplen Thron.

Ein Mann trat auf den Platz. Gunlaug glaubte ihn schon mal gesehen zu haben. Einer der Fürsten? Ja, das war der junge Fürst von Krähenwut, nur an den Namen wollte er sich nicht ganz erinnern. Er hatte krauses, schwarzes Haar und feine Züge, die ihn etwas hochnäsig aussehen ließen. Gunlaug empfand sein Auftreten als arrogant, doch angeblich mochten seine Schutzbefohlenen ihn.

„Mein König, Eure Beschreibungen von den Horden jenseits vom Drachenwirbel haben viele meiner Männer beunruhigt. Wir hatten uns darüber unterhalten und uns gefragt, wie wir unser Land und Euch bei der Verteidigung helfen könnten. Seid gewiss, im Falle eines Angriffs sind unsere Truppen so bald wie möglich bereit, den Menschen von Merow beizustehen. Wir hatten jedoch auch eine andere Möglichkeit ersonnen, die ich Euch und dem gesamten Thing unterbreiten möchte.“

Hartried nahm plötzlich Haltung an und lehnte sich interessiert nach vorne. Kein Wunder, dieses Thema war für ihn von äußerstem Interesse.

„Fahrt fort“, sagte der König.

„Wir dachten an die Saumyas. Das Nomadenvolk jenseits der Berge soll die Orks hassen, so sagt man. Wie Euer Vorfahre Cherus einst zu ihnen ritt und mit ihnen die Grenzen zwischen unseren Völkern verhandelte, so können wir jetzt versuchen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen und somit weitere Mitstreiter im Kampf gegen die Orks zu gewinnen.“

Hartried lehnte sich zurück. „Die Saumyas werden vermutlich weit entfernt sein von jeder Schlacht, die auf unserer Seite des Drachenwirbels ausgefochten wird. Warum glaubt Ihr, dass sie uns helfen werden? Sollen wir sie anheuern wie gemeine Söldner?“

„Warum nicht?“, antwortete der Fürst von Krähenwut. „Und vielleicht müssen sie auch nicht auf unseren Schlachtfeldern kämpfen. Sie würden uns bereits helfen, wenn sie den Orks ein Dorn im Auge wären. Sie ständig überfallen, ihren Marsch verlangsamen, ihre Vorräte stehlen, sie demoralisieren.“

Zustimmendes Gemurmel im Thing.

„Wäre doch ein Versuch wert“, meinte Gunlaug zu seinem Halbbruder. Er fand die Idee gar nicht mal so schlecht. Und was hatten sie auch groß zu verlieren? Vielleicht müssten sie die Saumyas bezahlen – wer weiß, womit dieses eigenartige Volk bezahlt werden wollte – doch dafür könnten sie die Orks möglicherweise überraschen oder sie gar ablenken.

„Und glaub Ihr wirklich“, fragte einer der anderen Fürsten, „diese Nomaden ließen sich auf diesen Handel ein? Damit würden sie sich selbst zur Zielscheibe für die Armee der Orks machen! Jedenfalls wäre das mein Gedanke, würden jemand zu mir mit einem solchen Angebot kommen. Schließlich geht es sie nichts an.“

„Auch sie hassen die Orks und stehen ständig mit ihnen in Konflikt“, hielt der Fürst von Krähenwut dagegen. „Aber ich würde den Fürsten von Eulenwacht fragen, ob dieses Vorhaben gelingen könnte. Er soll uns sagen, ob er diesen Vorschlag für durchführbar hält. Denn seine Domäne grenzt an den Weideländern der Saumyas.“

„Fürst von Spatzensturz!“, rief Hartried. „Tretet vor!“

Er ließ etwas auf sich warten. Sie hörten jemanden „Ich komme!“ aus der Menge heraus rufen. Köpfe drehten sich, man machte jemandem Platz. Und da trat der Fürst von Eulenwacht auch schon zwischen seinen Freien hervor.

„Ich habe alles gehört!“, sagte er. „Und ich werde Euch meinen Rat anbieten, so gut ich kann.“

„Dann sagt doch“, sprach der Fürst von Krähenwut, „was Ihr von dem Vorschlag haltet. Machbar? Was sollte man den Saumyas bieten, damit sie sich der Orks annehmen? Welche Art von Unterstützung können wir erwarten?“

„Wer weiß“, erwiderte Uthamar zur Verwunderung aller. „Wer weiß, welcher Stamm im Moment der Grenze am nächsten ist. Die Stammesverbände, ihre Anführer, wo sie sich gerade aufhalten, alles ist bei den Saumyas fließend, ständig in Bewegung. Die Stämme könnten ganz andere sein als jene, mit denen Cherus damals verhandelt hatte. Verhandeln kann man jedoch mit ihnen. Nicht unbedingt mit Geld. Aber Pferde, Hirsche, Felle, Schmuck und Waffen … solche Dinge sehen sie gerne. Ich denke … Ja, es beschämt mich fast, dass ich nicht auf diese Idee gekommen bin. Sie hassen die Orks tatsächlich.“

Das freute den Fürsten von Krähenwut. Er lächelte und wandte sich an Hartried: „Was sagt Ihr, König? Was haben wir schon zu verlieren?“

„Die Köpfe unserer Gesandten“, antwortete der König. Manche Freien lachten. „Ich hörte auch, die Saumyas enthaupten ungebetene Besucher und lassen sie als Trophäen von ihren Sätteln baumeln. Stimmt das nicht auch, Herr Uthamar?“

„Äh … ja, das ist durchaus richtig. Es muss aber nicht bedeuten, dass sie gleich jedem den Kopf abschneiden. Sie können Fremden auch sehr gastfreundlich sein.“

„Bestimmt. Ob da etwas Gescheites bei rauskommt?“, fragte Hartried. „Wie ich hörte, denken sie nicht wie wir Menschen, leben nicht wie wir Menschen, sterben nicht wie wir Menschen. Sie reden menschliche Worte, aber dahinter verbirgt sich eine ganz andere Sprache, die wir nicht durchdringen können.“

„Das hatten wir auch schon besprochen“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Gewiss ist Fingerspitzengefühl nötig. Mit diesem eigentümlichen Volk muss man vorsichtig umgehen. Wir wollten deswegen Ihren Bruder losschicken.“

Gunlaug sprang auf. „Ich?“ In den Osten reisen? Über den Drachenwirbel hinaus und dieses fremde Volk besuchen? In den Osten …

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