Kapitel 48, Gunlaug

In den Osten, dachte sich Gunlaug erneut. Ich könnte hinter den Drachenwirbel reisen und dieses fremdartige Volk besuchen, weit weg von den Wäldern Merows. Mich mit den Saumyas unterhalten, ihre Lebensweise kennenlernen … oder auch dort umkommen.

Gunlaug wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Hartried plötzlich aufsprang.

„Warum gerade ihn?“, fragte der König. „Mein Bruder hatte noch nie Umgang mit diesem Volk, kennt ihre Gebräuche nicht, weiß nicht, wie sie denken und reden. Nach allem, was ich gehört habe, könnte ein falsches Wort sein Ende sein.“

„Hartried“, sprach Gunlaug leise. „Ich denke …“

„Sei still!“, zischte sein Halbbruder mit einer ungewohnten Schärfe. „Wir bereden das noch!“

Gunlaug sah ihn verwundert an. War sein Halbbruder etwa gegen diesen Vorschlag? Er konnte sich schon denken, dass Hartried ihn lieber an seiner Seite wusste oder er sich sogar Sorgen um ihn machte. Doch hatte Hartried ihm nicht vor ein paar Wochen versprochen, ihn ziehen zu lassen, würde Gunlaug es wünschen? Damals, auf der Ebene der Tausend Gebrochenen Lanzen, wo Cherus einst seinen Sieg über die untoten Meister erfochte. Nun war für Gunlaug der Moment gekommen, das Wort des Königs einzufordern.

„Da habt Ihr nicht unrecht“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Doch wir können ihm ein Gefolge mitgeben, das sich mit den Saumyas auskennt. Der Fürst von Eulenwacht könnte ihm ein paar gute Männer bereitstellen. Vielleicht nehme ich mir zu viel heraus, das gerade jetzt von ihm zu verlangen.“

„Nein, das tut Ihr nicht!“, fiel ihm Uthamar ins Wort. „Es dient einer guten Sache und ich kann ein paar Männer bereitstellen! Mein König, Ihr könnt Euch auf mich verlassen! Er kriegt ein paar fähige Reiter mit, die sich mit den Ländern hinter der Grenze auskennen und mit den Saumyas gesprochen haben.“

Gunlaug glaubte, Hartrieds Zähne knirschen zu hören.

„Aber wieso er?“

„Lasst mich erklären“, erwiderte der Fürst von Krähenwut. „Ich denke, es würde unserer Sache am meisten nützen, wenn wir einen Sohn des Cherus schicken. Einer von Cherus‘ Söhnen als Unterhändler, das dürfte sie an den alten Pakt mit Cherus erinnern und möglicherweise schmeicheln. Außerdem gilt Gunlaug als ein guter Vermittler, der sich schnell beliebt macht. Aber wieso sagt nicht Gunlaug selbst, was er darüber denkt?“

Alle Augen ruhten nun auf Gunlaug. Er stand auf, bewegte sich ein paar Schritte in die Mitte des Platzes und spürte beim Vorbeigehen den glühenden Blick von Hartried. Gunlaug konnte sich denken, was sein Bruder von ihm erwartete.

„Zuerst einmal“, begann Gunlaug, „ehrt es mich, dass Ihr bei dieser Unternehmung an mich gedacht hattet. Ich mag zwar kein geborener Merowa sein, doch ich würde alles für dieses Land tun, um seine Menschen zu beschützen.“

Zustimmender Jubel aus der Masse. Sein Name wurde mehrmals gerufen.

„Trotzdem wünsche ich mir etwas Bedenkzeit. So eine lange Reise kann ich nicht leichtfertig antreten.“

„Das ist nachvollziehbar“, sprach der Fürst von Krähenwut. „Jedoch haben wir nicht alle Zeit der Welt. Wenn die Orks schon nächstes Jahr angreifen sollten, dann müssen unsere etwaigen Verbündeten so schnell wie möglich mobilisiert werden. Wir sollten es noch auf diesem Thing entscheiden.“

Gunlaug drehte sich zu Hartried um. Der König schien zu kochen, hielt jedoch seine Wut im Zaume. Hartried stierte ihn einfach nur an und machte ihm somit deutlich, dass er ja nicht das Falsche sagen sollte.

Derweil glitten Gunlaugs Gedanken ab. Er versuchte sich vorzustellen, wie es hinter dem Drachenwirbel sein würde, welches Land ihn dort erwartete. Der weite Blick, den Hartried von seinem Diadem erhielt, der blieb ihm verwehrt. Doch jetzt bot sich ihm die Chance, neue Länder und Völker zu entdecken …

„Das ist sehr gütig“, sprach Gunlaug. „Und es stimmt, die Entscheidung muss noch auf diesem Thing getroffen werden. Wenn das Thing es gestattet, so werde ich morgen mein Urteil fällen. Doch sollte ich gezwungen sein, schon heute zu antworten, dann würde ich dem Unterfangen zustimmen.“

Der Fürst von Krähenwut grinste, als die Menge hinter ihm Gunlaugs Namen wiederholte und dabei kräftig anstieß. Gunlaug wandte sich ab und begab sich auf seinen Platz.

„Wir bereden das später“, sagte Hartried.

Hartried hatte den Rest des Tages kaum etwas getrunken, die Tradition war ihm sichtlich egal gewesen. Als das Thing zu Ende war, waren die beiden Halbbrüder einige der wenigen nüchternen Männer des Abends. Sie zogen sich in Hartrieds Zelt zurück, wo seine Frau, sein Sohn und der Altknecht bereits auf ihn warteten.

Hedwinna bemerkte sogleich, dass etwas nicht stimmte. Sie las in ihrem Gatten wie in einem Buch. „Was ist?“, fragte sie. „Ist etwas beim Thing vorgefallen?“

„Thuor“, sagte Hartried zum Altknecht. „Bring den Jungen hinaus. Außerhalb des Lagers am besten. Setz ihn nicht zwischen die Betrunkenen. Ich lasse nach euch schicken, wenn wir fertig sind.“

Der alte Mann packte sich den niedergeschlagenen Gartmund und führte ihn aus dem Zelt. Sicherlich war er genauso heiß wie Gunlaug darauf zu erfahren, was es mit Hartrieds Wut auf sich hatte. Oder er wollte einfach nur dabei sein, wenn etwas besprochen wurde.

Der König wartete, bis der Altknecht und sein Sohn das Zelt verlassen hatten.

„Sie wollen Gunlaug fortschicken“, begann Hartried.

Hedwinnas Verwirrung steigerte sich nur. „Was? Warum in aller Welt denn das? Was hat er denn getan?“

„Nichts habe ich getan“, erklärte Gunlaug. „Ein Fürst hat vorgeschlagen, dass ich zu den Saumyas reise und mit ihnen verhandle, sich unseren Kampf gegen die Orks anzuschließen. Es ist nur eine Reise, hin und zurück. Wenn alles gut geht.“

„Und Gunlaug hat im Grunde bereits zugesagt“, grollte Hartried.

„Und was ist das Problem?“, fragte Hedwinna blinzelnd. „Es klingt gefährlich, ist aber auch ein vernünftiger Vorschlag. Und wenn du es heil zurückschaffst, dann ist doch alles gut, oder? Ach richtig …“ Und nun blickte sie ihren Gatten an. „Du hast es noch gar nicht vorgeschlagen …“

„Was vorgeschlagen?“ Da hatte ihm Hedwinna etwas voraus. Gunlaug wusste wirklich nicht, worum es ging.

Die Wut in Hartried begann sich zu legen und machte der Nachdenklichkeit platz. Der König ging um die Feuerstelle in der Mitte des Zeltes herum, nahm sich einen Hocker und setzte sich.

„Morgen“, begann er langsam, „wollte ich beim Thing vorschlagen, den Königstitel an unser Geschlecht zu binden. Nicht mehr sollen die Fürsten zusammenkommen und einen unter sich zum König wählen, sondern der älteste Sohn des Königs wird der nächste König werden.“

„Gartmund“, sprach Gunlaug. „Du willst, dass Gartmund König wird. Egal, was die Fürsten sagen.“

„Ich werde ein heiliges Gesetz vorschlagen. Der König soll aus dem Geschlecht stammen, welches Cherus selbst begründet hatte und durch mich fortgeführt wird. Götterblut soll in den Adern des Königs fließen, von Generation zu Generation, auf dass noch Jahrhunderte später ein Cheruskind über dieses Königreich wacht.“

„Cherus selbst hatte diese Tradition begründet“, warf Gunlaug ein. „Sein treuer Freund, Doderried, wurde zum König gewählt, nachdem Cherus verschwand. Und du wurdest ebenso zum König gewählt. Sicherlich hat dein göttliches Blut einiges dazu beigetragen, jedoch war es noch immer eine freie Wahl der Fürsten.“

„Mein Königstitel gründet sich nicht nur auf mein eigenes Blut. Unsere Feinde vergossen ihres, damit ich König werden konnte. Erinnere dich daran, welche Kämpfe wir beide zu bestehen hatten, um unsere Konkurrenten auszuschalten.“

„Wie könnte ich das.“ Gunlaug wandte sich ab. Seine Gedanken wanderten mehr als zehn Jahre in die Vergangenheit zurück, an einen brennenden Hof und an eine verzweifelte Mutter, die ihre beiden Kinder beschützen wollte. Hatte sich Gunlaug damals auch abgewandt, als Hartrieds Sippe sie umgebracht hatte?

„Und wer sagt uns“, fuhr Hartried fort, „dass in zehn, zwanzig Jahren, wenn Gartmund sich zur Wahl stellt, nicht dasselbe Schlachten beginnt? Dass die Fürsten sich nicht bereit bekriegen, wenn sich der kalte Hauch der Zeit auf mich legt und ich vor dem Dahinscheiden stehe? Gunlaug, dieses Gesetz soll nicht nur meiner Familie nützen, sondern dem ganzen Reich Stabilität bringen. Eine klare und simple Regelung: Der Thron ist für jene, die das Blut des Gottes in sich tragen. Und jene Fürsten, die dagegen aufbegehren, die Macht für sich selbst ergreifen wollen, diese Fürsten versündigen sich am Thron und handeln wider das göttliche Gesetz.“

„Ich verstehe“, sagte Gunlaug. „Die Fürsten werden nicht alle damit einverstanden sein.“

„Und deswegen könnte der Vorschlag des Fürsten von Krähenwuts zu kaum einem schlechteren Zeitpunkt kommen. Ich brauche dich an meiner Seite. Um mit ihnen zu verhandeln, meine Beweggründe zu vermitteln und gegebenenfalls auch um wieder mit mir Blut zu vergießen. Für Gartmund und unsere Familie.“

„Kann das nicht warten?“, fragte Hedwinna. „Können wir das Gesetzt nicht vorschlagen, wenn das alles vorüber ist? Vielleicht ist einfach noch nicht die rechte Zeit dafür.“

„Und wann wäre der rechte Zeitpunk?“, fragte Hartried. „Wir wissen nicht, wann die Orks angreifen werden. Wir wissen nicht, welcher Krieg darauf folgen wird oder welche nächste Krise dieses Land erschüttern könnte. Verdammt, sogar mir könnte ein Unglück geschehen. Und was dann?“

„Du bist doch so gut wie unverwundbar …“, warf Gunlaug ein.

„Aber nicht komplett! Klinge und Feuer sind nicht die einzigen Dinge, die einen ins Totenreich senden. Ich könnte mich auch einfach nur an einem Stück Essen verschlucken.“

Hedwinna hielt die Hand vors Gesicht. „Sag so etwas nicht …“

„Aber es ist wahr! Entweder wir entscheiden das auf diesem Thing oder wir zögern bis ans Ende meiner Tage.“

„Es wird Zeit brauchen“, sprach Gunlaug. „Du wirst es nicht in einem Thing durchsetzen können.“

„Nein, mir war klar, dass die Durchsetzung dieses Gesetzes seine Zeit brauchen würde.“

„Gut, dann wirst du verstehen, was ich plane: Zuerst werde ich bekanntgeben, dass ich unsere Sache bei den Saumyas vertreten werde, so wie es vom Fürsten von Krähenwut vorgeschlagen wurde. Danach, wenn Freie und Fürsten wegen meiner Zusage bei bester Laune sind, trägst du dein neues Gesetz vor und gibst ihnen Bedenkzeit. Verlange noch nichts, trage ihnen lediglich dein Anliegen vor. Dann reise ich in den Osten. Egal wie das ausgeht, gemeinsam werden wir diese Orks zerschlagen. Und wenn dein Ansehen auf dem Höhepunkt ist, dann lassen wir sie abstimmen.“

Während Hartrieds prüfender Blick auf ihn lastete, musste Gunlaug darüber nachdenken, ob dieser Plan nicht in erster Linie seinem Wunsch, dieses Land für eine Weile verlassen zu können, diente. Gleichzeitig wollte er Hartried bei allem unterstützen. Und wenn ihre beiden Vorhaben miteinander übereinstimmten?

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