Kapitel 49, Gunlaug

Gunlaug war nicht überrascht, als seine Ankündigung, sich mit den Saumyas zu treffen, auf Begeisterung traf. Abermals riefen sie seinen Namen und den von Cherus gleich dazu. Gunlaug stand dort auf dem Platz und ließ den halb- bis volltrunkenen Jubelschwall über sich ergehen. Der Fürst von Krähenwut stand einige Meter vor seinen Freien, mit verschränkten Armen und einem Lächeln auf dem Gesicht, das Gunlaug eigentlich misstrauisch hätte machen müssen. Jedoch waren im Moment seine Gedanken allein bei der anstehenden Reise, bei den Saumyas und den fremden Ländern jenseits des Drachenwirbels.

Er spürte eine Hand auf seiner Schulter und drehte sich um. Hartried war hinter ihn getreten. Gunlaug verstand, nickte und entfernte sich langsam. Nicht jedoch, ohne noch einmal der Menge zuzuwinken, die noch immer seinen Namen pries.

Hartried wartete, bis sich die Menge wieder beruhigt hatte. Als er begann, auf der Stelle auf und ab zu laufen, verstanden sie schließlich, dass ihr König das nächste Thema behandeln wollte.

„Meine Brüder“, sprach er laut über den Platz hinweg, als die meisten verstummt waren. „Damit wäre dieses Königs-Thing so gut wie abgeschlossen. Wir haben Recht und Gesetz gesprochen und die heiligen Regeln gewahrt.“

Wieder zustimmender Jubel.

„Bevor wir alle nach Hause zurückkehren, bevor die dunklen Wintertage über dieses Land einbrechen, möchte ich euch etwas zu denken geben. Ich will etwas vorschlagen, das uns Stabilität und Frieden im Inneren schenkt. Jedoch erwarte ich auf diesem Königs-Thing keine Antwort, noch nicht.“

Gespanntes Schweigen.

Jetzt wird es darauf ankommen, dachte sich Gunlaug.

Verwirrtes, aber zustimmendes Gemurmel. Gunlaug glaubte zu bemerken, wie die Freien und Fürsten ungeduldig wurden.

Etwas verwirrtes, aber dennoch zustimmendes Gemurmel. Gunlaug glaubte zu bemerken, wie die Freien und Fürsten ungeduldig wurden.

„Ich will den Nachfolgekämpfen, welche die junge Geschichte unseres ebenfalls jungen Reiches geprägt haben, ein Ende setzen. Und dafür will ich ein heiliges Gesetz erlassen: Nur ein Kind des Cherus darf die Herrschaft von Merow übernehmen. Er soll ein Anrecht auf meine Krone haben. Und wer auch immer ihm dieses Recht streitig macht, der handelt unseren heiligen Gesetzen zuwider. Dieses Anrecht geht auf unseren ersten König zurück, den Gott Cherus selbst. Sein königliches wie auch göttliches Blut soll für immer durch die Adern der Könige und Königinnen von Merow fließen.“

Schweigen setzte ein, welches Gunlaug erwartete hatte. Nachdem sich niemand zu Wort meldete, fuhr der König fort.

„Die Krone an eine Erbfolge zu binden, bricht mit unseren Traditionen. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Jedoch stellt dieses Königtum bereits einen Traditionsbruch dar. Ja, wir hatten schon immer unsere Führer gewählt und auch ich wurde von den Fürsten einst zum König erkoren. Doch einen König und eine Königin, die haben die Merowa noch nicht mal seit Hundert Jahren! Cherus hatte dieses Reich vor einer Generation begründet. Zuvor gab es keinen König von Merow, nur euch Fürsten.“

„Das bedeutet“, sprach einer der Fürsten, „wir werden den nächsten König nicht wählen? Keinen aus unseren Reihen?“

„Bedenkt“, sprach Hartried, „ich musste um diese Krone kämpfen, da die Fürsten sich nicht einigen konnten. Gibt es keine Wahl, dann ist auch kein Streit, kein Blutvergießen.“

„Macht Ihr es Euch da nicht zu einfach?“, fragte eine Stimme aus der Menge.

„Ihr Fürsten könnt noch immer Eure Things und Wahlen abhalten, wie Ihr es für richtig haltet. Euch wird dieses Gesetz nicht betreffen.“

„Euch geht es nur um Macht!“, rief eine zweite Stimme.

„Meine persönliche Macht wird dadurch nicht erhöht“, erwiderte Hartried. „Und ebenso nicht die Macht meines Nachfolgers. Es geht allein um die Nachfolge und darum, den Übergang von einem König auf den anderen zu erleichtern.“

„Der König will seiner Familie die Krone sichern!“, klagte jemand. Die Stimmen der Menge wurden lauter und unzufriedener.

„Gibt es einen anderen Kandidaten?“, fragte Hartried und die Menge verstummte. „Mein Bruder Gunlaug hier strebt nicht nach der Krone. Wer noch? Wer ist sonst übrig? Einer der vielen Jünglinge, die von sich behaupten, ebenfalls ein Sohn des Cherus zu sein? Wir haben erst vor ein paar Tagen einen davon weggeschickt.“

„Bitte!“, rief da Utharmar, der Fürst von Eulenwacht und trat auf den Platz. „Der König macht uns lediglich ein Angebot! Wir haben noch Zeit bis zum nächsten Thing, darüber in Ruhe nachzudenken. Kein Grund, sich jetzt aufzuregen.“

„Und was kommt als Nächstes?“, fragte Pattmar, der Fürst von Bärenschlucht. „Wird er das Volk von Merowa dazu zwingen, zu Cherus als einzigen Gott zu beten? Ihren alten und ehrwürdigen Kulten und Göttern abzuschwören?“

Hartried drehte sich wütend zu Pattmar. „Warum sollte ich das verlangen?“

„Ich habe selber mitangesehen, wie Eure eigenen Hände Priester des heiligen Feuers getötet haben! Habt Ihr das bereits vergessen? Es ist gerade mal ein paar Wochen her! In einer heiligen Nacht, in der wir für eine gute Ernte dem göttlichen Feuer geopfert haben, habt Ihr sie angegriffen!“

„Weil sie mich angegriffen haben! Mich und meine Familie! Gunlaug hier kann das bezeugen!“

Ein Raunen ging durch die Menge.

„Tatsache ist“, sprach Pattmar ungerührt weiter, „dass wenn die Menschen von Merowa nicht von Cherus überzeugt sind, Eure Familie und jedes andere Cheruskind sein Anrecht auf die Krone verliert. Dieses Gesetz ist sinnlos, denn nicht alle sind von der göttlichen Abstammung überzeugt. Es macht Euch noch nicht zu einem guten Herrscher, nur weil Ihr von einem Gott abstammen sollt. Ihr sagt, Ihr wollt damit Stabilität im Reich. Was ist, wenn die Merowa in vielen Jahren der Willkür Eurer Kinder und deren Kindern ausgesetzt sind?“

„Von welcher Willkür sprecht Ihr, verdammt noch mal!?“

„Was ist mit dem Jüngling, den Ihr vor einer Weile in einem Duell getötet habt? Erinnert Ihr Euch?“

Gunlaug lief zu Hartried; die Art, wie sein Bruder sich auf Pattmar zubewegte und die Hand an den Knauf seines Schwertes legte, verhieß nichts Gutes. Er packte seinen Bruder an der Schultern und stoppte ihn.

„Was auch immer du vorhast, tue es nicht“, sprach Gunlaug leise.

„Marsur!“, rief da Pattmar. Unruhe ergriff die Freien hinter ihm. Sie machten einem Mann Platz, der etwas verunsichert neben den Fürsten trat.

„Das ist der Bruder seiner Mutter“, sprach Pattmar und zeigte auf den Mann. „Sprich. Erzähle dem Thing, was vorgefallen ist.“

„Mein Neffe“, begann Marsur, „Dodstied war sein Name, bat um Audienz beim König, um sich seinem Gefolge anzuschließen. Als Antwort verwickelte der König Dodstied in ein Duell und spaltete ihm den Schädel. Ich schwöre beim Thing, dass es sich so verhalten hat.“

„Du warst nicht da!“, rief Hartried.

Gunlaug musste ihn fester halten, damit der König diesem Marsur nicht an die Kehle sprang.

„Lass gut sein, Hartried. Wenn du jetzt die Fassung verlierst, machst du alles nur noch schlimmer. Erinnere dich an unseren Plan! Heute wird noch nichts entschieden.“

Hartried ballte die Fäuste, seine Augen sprühten noch immer Feuer in Marsurs Richtung. Er riss sich von Gunlaug los, machte einen Schritt nach vorne und zeigte mit dem Finger auf ihn.

Das ist der richtige Ort! Wenn Ihr, Marsur, Onkel von Dodstied, wirklich überzeugt seid, ich habe in dieser Angelegenheit etwas Falsches getan, dann klagt mich hier auf dem Königs-Thing an! Wartet auf keine bessere Gelegenheit, denn die wird nicht kommen! Ihr behauptet, Zeuge gewesen zu sein, also werdet Ihr den Mut aufbringen können, auf diesem Platz frei zu sprechen und die Zeugenaussagen meines Bruders und vieler weiterer Personen, die sich in meinem Gefolge oder Lager befinden, über Euch ergehen zu lassen. Seid Ihr bereitet, mich hier und jetzt anzuklagen?“

Marsur schaute zu Boden, sehr zum Verdruss von Pattmar. Der Fürst schob Marsur wieder zurück in die Menge und wollte wohl durch sein Schweigen bedeuteten, dass diese Sache für ihn erledigt war.

„Ich habe meine Sache vorgetragen!“, verkündete Hartried der Menge. „Und wie bereits dargelegt, wird auf diesem Thing noch nichts entschieden. Ich bin mir vollkommen der Schwere dieser Entscheidung bewusst und welche Folgen es für unser junges Königtum haben wird. Denkt darüber nach.“

Und damit war es wohl erledigt. Hartried wollte sich zurückziehen und kehrte der Thing-Versammlung den Rücken zu.

„Eine Frage hätte ich da noch.“

Hartried rotierte auf der Stelle. „Was?!“

Es war der Fürst von Spatzensturz, Darlaug, der gesprochen hatte und nun ein paar Schritte nach vorne trat.

„Erlaubt mir, etwas zu fragen: Soweit ich mitbekommen habe, geht es Euch nicht allein um Euren einzigen Sohn. Also hätte nicht notwendigerweise Euer Sohn, sondern auch irgendein anderer Nachfahre des Cherus theoretisch Anrecht auf die Krone? Geht es Euch wirklich nicht darum, unbedingt Euren einzigen Sohn die Krone zu verschaffen? Und dann seinem Sohn und so weiter?“

„Nein, ich schwöre, es geht mir allein darum, eine gerechte Nachfolgeregelung für dieses junge Königreich zu etablieren.“

„Dann hättet Ihr sicherlich kein Problem damit, wenn ein anderer Sohn des Cherus nach Euch die Krone bekommt? Ein Sohn, der direkt von ihm gezeugt wurde und sich im mündigen Alter befindet, im Gegensatz zu Euren Sohn.“

„Worauf wollt Ihr hinaus?“, fragte Hartried. „Gunlaug hier wird bekräftigen, dass er kein Interesse an der Krone hat.“

Das hatte Gunlaug wirklich nicht. Auch er fragte sich, was Darlaugs Anliegen war. Der Fürst erschien ihn nicht wie jemand, der so einfache Fragen stellen musste, deren Antworten schon in Hartrieds Rede enthalten waren.

„König Hartried, Ihr vergesst da jemanden.“

„Sartur?“, fragte er und lachte. „Das kann nicht Euer Ernst sein.“

„Nein“, sprach Darlaug und seine Miene versteinerte sich. „Simund. Vierter und jüngster Sohn des Cherus, Sohn von Silinde, der einzigen geehelichten Frau von Cherus und Kind ihres untergegangenen Geschlechts. Das Geschlecht, an dessen Untergang Ihr und Euer Bruder dort drüben Euren Anteil habt.“

Bei Gunlaug setzte das Herz kurz aus. Bedeutet das: Simund lebt?! Und was ist mit seiner Schwester?

„Er ist tot“, sprach Hartried mit tonloser Stimme. „Er ist vor Jahren umgekommen.“

„Nein, gewiss nicht. Ich habe mich seiner angenommen und seiner Schwester ebenfalls. Sie sind unter meiner Obhut herangewachsen.“

Für eine Minute war es, als fürchtete jeder der Versammelten auch nur ein Wort zu sprechen. Darlaug harrte ruhig der Antwort von Hartried, während auf seinen Zügen weder Spott darüber, den König ausgestochen zu haben, noch Anklage wegen des Sippenmordes vergangener Zeiten zu lesen waren. Der Wind wurde lauter, es schien Gunlaug, er wollte die Stille mit seinem Gebrüll füllen.

„Also“, begann Darlaug wieder. „Wieso nicht ein Sohn des Cherus anstatt eines Sohnes Sohn? Wenn es Euch nur darum geht, eine friedliche Abfolge zu schaffen, dann hätte Simund auch ein Anrecht auf die Krone. Sogar ein größeres Anrecht als Euer Gartmund.“

Alle Augen waren nun auf Hartried gerichtet. Von seiner Antwort würde alles abhängen. Würde der König zu seinem Wort stehen und das Recht über seine Familie erheben?

„Ist das so?“, fragte Hartried. „Dann soll es so sein. So wie es jetzt steht, hat Simund und nicht mein Sohn Gartmund Anrecht auf die Krone. Genügt das für heute?“

Darlaug nickte und die Menge tobte. „König!“ und „Hartried!“ riefen sie immer wieder und ließen die Becher klingen. Darlaug entfernte sich. Er wirkte weder wirklich zufrieden noch überrascht.

War das sein Plan die ganze Zeit gewesen?, fragte sich Gunlaug. Über die ganzen Jahre hinweg? Ich hatte diesen Mann falsch eingeschätzt.

Hartried drehte sich um, trat an Gunlaug heran und flüsterte: „Es beginnt von neuem.“

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