Kapitel 5, Piasus

Gut gelaunt und pfeifend spazierte er über die Straße. Piasus strich sich über das frisch rasierte Kinn; da sich die Menschen einen Philosophen immer mit ehrerbietigem Bart vorstellten, hatte er lange keine Rasur mehr genossen. Nur müde fühlte er sich, denn er hatte Tyon noch in derselben Nacht verlassen und war so schnell wie möglich nach Akleion gereist. Es war noch früher Morgen, die letzten Nächte verbrachte er unter freiem Himmel. Piasus gähnte, ein genüssliches Gähnen, denn nachdem er Bericht erstattet haben würde, würde er sich einen ordentlichen Mittagsschlaf gönnen, möglicherweise weit darüber hinaus ruhen.

Die Leute traten aus ihren Häusern. Er fiel auf, wie er leichten Schrittes und mit einer Melodie im Herzen über das akleionische Pflaster schlenderte. Man grüßte ihn, oder er grüßte zuerst und vermochte ab und zu ein Lächeln auf ein griesgrämiges Gesicht zu zaubern. Für die fängt der Tag ja erst an, ein Tag wie jeder andere. Für ihn jedoch endete eine seit langem geplante Unternehmung, die ihn in die Höhle des Löwen führte, nur mit einer Verkleidung gerüstet und einem Dolch bewaffnet. Nur ist dieser Dolch nicht mit Blut besudelt. Mal sehen, was er dazu sagen wird.

Die Villa des Daedlus war an einem Hang gelegen, angelehnt am Hügel, auf dem die wichtigen Gebäude der Verwaltung und Versammlung errichtet worden waren. Piasus klopfte ans Tor und ein schläfriger Wachmann öffnete ihm, erkannte den häufigen Gast und ließ ihn wortlos ein.

Kanthorus, mein Guter, ist der Erste der Stadt zugegen? Er wird mich sicherlich freundlich empfangen wollen.“

Gehen Sie nur durch, Piasus, der Erste hat das Anwesen nicht verlassen.“

Wunderbar, der Tag könnte kaum besser werden, nicht wahr? Ich weiß schon, wo ich den Ersten finden kann.“

Sehr wohl, mein Herr.“

Daedlus‘ Anwesen bestand zum größten Teil aus einem Garten und dem Weingut. Die Villa, um die ihn die meisten Stadtbewohner Akleions beneiden mussten, versank fast in dieser Insel aus Natur innerhalb der Stadt. Piasus suchte auf sorgsam gepflegten Wegen nach dem Ersten und fand ihn seine Hühner fütternd.

Du bist zurück,“ bemerkte der Erste, während er den Hühnern weiterhin Futter aus einem Körbchen zuwarf.

Piasus setzte sein überzeugendstes Lächeln auf und breitete die Arme aus. „Gesund und wohlbehalten.“

Und sogar schneller als die Nachricht von Paraxus‘ Tod. Ich nehme an, das ist selbstverständlich, wenn der Mörder seinen Häschern zu entkommen versucht.“

Piasus fasste sich an den Hinterkopf: „Nun, du sprichst nicht mit Paraxus‘ Mörder. Er lebt, jedenfalls als ich ihm das letzte Mal begegnet bin. Ja, ich weiß, das war ganz anders geplant. Aber höre mir erst einmal zu.“

Daedlus schütte das Futter aus und warf das Körbchen zwischen die Hühner. „Was ist geschehen? Hast du gekniffen? Hätten wir einen richtigen Meuchelmörder anheuern sollen? Das Orakel hat uns diese eine Chance gegeben und du hast sie verspielt? Also, was ist geschehen?“

Warte, warte. Wir haben das besprochen. Ich dachte, wir wären uns einig, dass das Orakel dahin gehend sehr undeutlich sprach. Wie immer. Nie hat sie deutlich gewünscht, dass ich ihn tatsächlich mit dem Dolch abmurkse.“

Ausreden.“

Was waren ihre Worte? Derjenige, sich als Weiser ausgibt und mit einem Dolch das Haus des Paraxus betritt, wird ihm den Tod bringen. Nichts davon, dass der falsche Philosoph ihn auch abstechen soll.“

Aber Paraxus lebt. Nun, wie soll sich sein Schicksal doch noch erfüllen?“

Ich war nicht untätig, verstehe mich nicht falsch.“ Piasus kramte ein Stück Papyrus aus dem Mantel und überreichte es Daedlus. „Ich habe einen Vertrag mit einem Sklaven des Paraxus‘ geschlossen. Und ich bin davon überzeugt, dass es dieser Vertrag ist, der Paraxus‘ Tod sein wird. Und die Geschichte dieses Sklaven.“

Tiefe Stirnfalten bildeten sich auf Daedlus Gesicht, während er das Schriftstück studierte. „Das ist die Schrift der Nordländer. Ich kann das nicht lesen und du auch nicht. Worum geht es hier?“

Piasus fand eine Bank in der Nähe und setzte sich. Da fühlte er sich plötzlich recht schwach und müde in den Knochen. Ja, er war wirklich reif für eine Ruhepause. „Der Sklave ist ein Zwerg. Mit etwas Pech ist der Vertrag noch nicht einmal in der Weltensprache geschrieben, sondern in was auch immer die Zwerge untereinander sprechen. Dieser Vertrag sichert uns die Unterstützung seiner Verwandten zu und eine Belohnung, wenn wir ihn aus der Gefangenschaft befreien. Jedenfalls versprach er mir das.“ Jetzt einfach dösen, hier in der morgendlichen Sonne.

Ich habe gehört“, sprach Daedlus, während er den Vertrag noch immer eingehend studierte, „dass man den Zwergen nicht so einfach trauen soll. Sie könnten uns über das Ohr hauen wollen. Wir müssen einen unparteiischen Nordländer finden.“

So wie ich diese Nordländer kenne, wird der uns dabei helfen müssen, einen anderen Nordländer zu finden, der überhaupt lesen kann.“

Ein kurzes, trockenes Lachen von Daedlus. „Aber wie soll das zu Paraxus‘ Tod führen? Wird eine Zwergenarmee aufmarschieren, um einen von ihnen zu befreien? Einen einzigen Sklaven? Oder wie habe ich mir das vorzustellen?“

Piasus legte sich auf die Bank, mit beiden Händen auf dem Bauch. Er schloss sogar etwas die Augen, wohl wissend, dass er dem Schlaf gefährlich nahe war. „Das ist noch nicht alles. Wir sollten uns mit diesem Vertrag lieber an unsere wenigen Freunde unter den Merowa wenden, um die du in den letzten Jahren so eifrig geworben hast. Der Zwergensklave kam aus einem bestimmten Grund in diese Lage.“

Mach es nicht so spannend.“

Es war Hartried.“

Daedlus nahm die Augen vom Papyrus.

Hartried hatte seinen Bruder ermordet“, erklärte Piasus weiter, „und wollte auch ihn ermorden. Dabei gelang er an einen mächtigen Gegenstand. Was wahrscheinlich der Grund war, warum wir ihn nicht besiegen konnten.“ Vor Piasus‘ geistigem Auge sah er Hartried auf seinem Schlachthirsch in die Reihen der Soldaten brechen. Die Speere zerbrachen einfach, als wäre Hartrieds Körper aus Eisen. Der Schlachthirsch schlug mit dem Geweih um sich, spießte Männer auf, die Piasus mit Namen kannte. Hartried kämpfte wie ein Wilder, seinen Hieben hielt weder Schild noch Rüstung stand. Piasus war da, und er schämte sich nicht, zu den Fliehenden gehört zu haben.

Was für ein Gegenstand?“

Damit will der Zwerg nicht rausrücken, bevor wir ihn nicht befreit haben. So dumm ist er nicht. Er versprach mir auch, dass der Gegenstand eine Schwachstelle hat.“

Ich sehe, worauf das hinausläuft. Wir treten in Kontakt mit den Fürsten der Merowa, die Hartried gegenüber feindlich gesinnt sind und sich genauso dafür interessieren, wie man diesen angeblichen Halbgott töten kann. Sie helfen uns, den Zwerg zu befreien, was nach deiner Interpretation der Worte des Orakels dazu führen wird, dass auch Paraxus sein Ende findet.“

Piasus wäre fast eingenickt, er musste sich von der Bank erheben. „Ja, so hatte ich mir das gedacht. Ich fand einfach keine Möglichkeit, Paraxus zu ermorden, gleichzeitig hört sich das nach einem viel besseren Handel an, oder nicht? Zwei dieser lästigen Könige könnten dabei ums Leben kommen und wir stehen besser da als je zuvor! Oh, der Zwerg versprach mir auch Schätze. Aber wir sollten wirklich zuvor ein paar Nordländer fragen, was eigentlich in dem Vertrag steht.“ Hoffentlich war mit dem Vertrag auch alles in Ordnung. Er hatte Tiuz irgendwie lieb gewonnen und wollte nicht, dass seiner Befreiung irgendetwas im Wege stand.

Ja“, sprach Daedlus, „wir sollten einen Nordländer fragen. Und es gibt noch jemanden, den wir befragen sollten.“

Daedlus ließ ihm keine Ruhe. Piasus schleppte sich hinter dem Ersten von Akleion her, der zielstrebig ein Gebäude nicht weit von seiner Villa entfernt ansteuerte. Zum Glück. Dann konnte das endlich ein Ende haben.

Das Orakel von Akleion hatte auch diesen Morgen schon regen Zulauf. Eine Ansammlung von Menschen hatte sich vor dem Rundbau versammelt. Das Gebäude war auf einem steinernen Podest errichtet worden, das sie über eine Treppe betraten. Daedlus ging an der Menge vorbei und stellte sich vor eine der Dienerinnen des Orakels, ein junges Mädchen, das etwas verdutzt reagierte, aber sogleich verstand: „Jemand befragt gerade das Orakel …“

Und man soll das Orakel nicht unterbrechen“, schnitt ihr Daedlus das Wort ab. „Ich weiß. So lange kann ich auch noch warten. Ich verlange aber, gleich nach ihm vorgelassen zu werden.“

Natürlich, Erster.“

Sie verschwand ins Innere und Daedlus sah sich mit der Menge konfrontiert, die teils mit verschränkten Armen auf eine Rechtfertigung warteten, teils den Blick senkten. Ein Tyrann wie Paraxus wäre wohl einfach hineingegangen und hätte den Mann hinausgeworfen.

Es geht um die Zukunft Akleions und ist von größter Wichtigkeit“, verkündete Daedlus. „Mehr darf ich allerdings nicht sagen.“

Etwas, was man als zustimmendes Gemurmel deuten konnte, war die Antwort. Piasus gähnte und wünschte sich, dass das Orakel nicht lang schwätzen würde. Wenn ich danach noch über Stunden mit Daedlus über die Bedeutung ihrer Worte streiten muss, kippe ich um. Die Sache ist sowieso klar: Was auch immer das Orakel brabbeln wird, wir werden uns mit den rebellischen Nordländern zusammensetzen und uns um die Befreiung von Tiuz kümmern.

Piasus lehnte sich an die weiß verputzte Wand und schloss die Augen. Er hörte Daedlus vor ihm auf und ab gehen. Das Orakel ist ihm wirklich wichtig. Kein Wunder, dass er es nicht mit Paraxus teilen möchte. Klingt nach einem dummen Grund, fast einen Krieg anzufangen. Aber die Stadt würde bestimmt auch einiges an Einnahmen verlieren, wenn die Leute nicht von überall hierherkämen, um den Sprüchen des Orakels lauschen zu dürfen.

Er hörte jemanden aus dem Gebäude treten. „Erster.“ Dasselbe Mädchen. „Ihr dürft jetzt eintreten.“

Piasus öffnete die Augen und folgte sich an der Wand abstützend Daedlus. Das Innere war dunkel, stickig und aus einem Grund, der sich Piasus nicht erschloss, verwinkelt und verzweigt. Sie mussten dem Mädchen folgen oder hätten sich sonst bestimmt verlaufen. Hier drinnen war es kühler, angenehm, Piasus fühlte sich etwas frischer.

Beim Orakel angekommen standen sie vor einem Podest, auf das Licht aus der Decke schien. Die Vorhänge um das Podest waren komplett zugezogen. Undeutlich sah er etwas wie eine Bank dahinter und eine Frauengestalt, die auf ihr lag. Sie erhob sich langsam und sprach träge: „Ihr seid wieder da.“ Dann legte sie sich wieder.

Piasus flüsterte zu Daedlus: „Meint die mich oder dich?“

Wer weiß. Heiliges Orakel, wir haben eine Entscheidung zu treffen.“

Das Orakel seufzte hinter dem Vorhang auf und räkelte sich auf der Bank.

Wir bitten dich, uns zu leiten. Was geschieht, wenn wir zu den Nordländern gehen und uns an die Zwerge wenden, um einen der ihren aus Tyon zu befreien?“

Sie stöhnte auf, warf den Oberkörper in die Höhe, die Arme in die Luft. Dann sank der Körper hernieder, fiel neben die Bank. Piasus hörte sie flüstern, schnell aber undeutlich. Er bekam eine Gänsehaut, wie immer, wenn er dabei zusah, wie dem Orakel eine Frage gestellt wurde. Sie richtete sich auf und wankte zur Bank.

Wenn ihr in den Norden zieht“, sprach sie, „wird das Blut der Götter fließen.“

 

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