Kapitel 50, Gunlaug

Einen ganzen Zug würden sie überfallen. Zuvor hatten sie Erkundigungen eingeholt, ob der Fürst von Spatzensturz nicht mit anderen Fürsten zusammen gereist war. Dem war nicht so, Darlaug und seine Freien zogen alleine zum Königs-Thing und traten auch alleine die Rückreise an. Und soweit Gunlaug in Erfahrung hatte bringen können, ließ er seine Frauen und Kinder am Hof. Eine weise Entscheidung in Anbetracht dessen, was passieren könnte.

Ein Reiter signalisierte Hartried, dass sie nahe waren. Der König gab das Zeichen und sie ritten weiter. Die Pferde bahnten sich ihren Weg durch das Gestrüpp und sprangen geschickt über Stock und Stein. Dahinter bahnten sich Gunlaug und Hartried auf ihren Hirsch den Weg, um Darlaugs Zug zu überholen.

Und was dann? Würde das Morden wieder beginnen? Würden sie wegen der Krone wieder Blut vergießen? Oder gab der Fürst dem König einfach, was er wollte? Gunlaug hatte seinem Halbbruder schon viele Male geschworen, treu an seiner Seite zu stehen und mit ihm bis in den Schlund des Totenreiches zu reiten. Doch konnte er nicht behaupten, wirklich erfreut darüber zu sein, wieder um die Krone zu kämpfen.

„Dort?“, fragte Hartried und zeigte in den Wald. „Sieht so aus, als kämen wir da gut durch.“

Gunlaug wurde aus den Gedanken gerissen. „Was? Ähm … ja. Sieht so aus.“

„Geht es dir gut?“, fragte Hartried. „Zum Glück ist das Königs-Thing vorbei. Ich werde für einen Monat keinen Trunk mehr zu mir nehmen.“

„Ja, ich bin noch nicht ganz richtig im Kopf.“

„Konzentriere dich“, sagte Hartried und ritt in Richtung der zuvor angegebene Richtung.

Der Wald lichtete sich, der Boden wurde ebener und bot eine leichter zu befahrene Fläche für Wagen. Hier würden sie warten, nur er, Hartried und ein paar Gefolgsmänner. Gunlaug konnte Hartried das Versprechen abnehmen, zuerst mit dem Fürst zu sprechen, weswegen sie auf ihn mit nur einer kleinen Zahl von Männern warteten. Sollte es dennoch zu einem Kampf kommen, standen mehr Reiter in den Büschen bereit.

Ach, wir führen uns wie Wegelagerer auf.

„Wir reden zuerst“, sagte Gunlaug, nur um noch mal sicherzugehen.

„Wie abgesprochen.“

„Und wenn Darlaug nicht damit herausrückt?“

„Gunlaug, bitte.“

„Ja, wie töricht von mir.“

Hartried wandte seinen Hirsch zu Gunlaug. „Glaube nicht, dass ich das will. Oder dass mir dieses Töten Spaß macht. Viel lieber kämpfte ich jetzt gegen diese Orks. Dann müsste ich nicht darüber nachdenken, gegen wen ich die Klinge richte.“

Hartried drehte sich wieder um und spähte in den Wald hinein.

„Glaubst du“, begann Gunlaug, „sie warten auf uns? Die, die wir umgebracht haben. Vielleicht warten sie auf uns im Reich der Toten. Oder glaubst du, deine Seele kommt an einen besseren Ort?“

„Cherus wird sich deiner erbarmen“, sprach Hartried nur. „Mache dir später um deine Seele sorgen. Sie kommen. Von mir aus kannst du im Stillen für einen friedlichen Ausgang des Gespräches beten.“

Scheißkerl, dachte sich Gunlaug und machte sich bereit. Ja, sie würden zuerst versuchen zu reden. Doch Gunlaug wusste aus Erfahrung, wie schnell es anders kommen konnte. Er hatte es oft genug erlebt. Blutrünstiges Volk, diese Merowa.

Dann hörte er die Pferdehufe trappeln und die Räder der Wagen über den Boden fahren. Ein paar Späher ritten voraus, mit ihren grünen Mänteln sogleich als Reiter des Fürsten von Spatzensturz erkennbar. Sie bemerkten Gunlaug und Hartried, blickten sich kurz überrascht an und schickten einen Reiter zurück. Die verbliebenen Reiter verharrten auf ihrer Position und schauten misstrauisch zu ihnen. Gunlaug konnte die Wagen anhalten hören, Rufe wurden laut, Unruhe ergriff den Wald.

Darlaug selbst kam auf einem Hirsch angeritten und mit ihm einige Gefolgsleute, zu Pferd und zu Fuß. Niemand von ihnen hatte seine Waffen gezückt, abgesehen von den Speeren, die man auf der Reise in der Hand halten musste. Sie gaben sich Mühe, einen ruhigen Eindruck zu machen, doch konnte Gunlaug ihre Nervosität beinahe riechen.

„Mein König“, begann Darlaug, „habt Ihr Euch verlaufen? Wolltet Ihr nicht in eine andere Richtung reisen?“

Hartried lachte trocken. „Nein, wir sind genau am richtigen Ort. Und zwar wollten wir mit Euch sprechen, wenn Ihr nichts dagegen hättet. Es ist wichtig.“

„Wieso hier?“, fragte Darlaug. „Und nicht im Lager oder beim Thing? Hattet Ihr Eure Frage vergessen oder wart Ihr zu beschäftigt, um mich während der Thing-Tage zu treffen? Euer Vorgehen scheint mir doch recht ungewöhnlich zu sein.“

„Hören wir damit auf. Wo ist Simund? Wo sind die beiden jüngsten Cheruskinder?“

„Nun zeigt Ihr Euer wahres Gesicht, König. Noch immer auf Sippenmord aus, nicht wahr? Glaubt Ihr wirklich, ich gebe Euch so einfach den Aufenthaltsort der beiden preis?“

Hartried zeigte auf sein silbrig schimmerndes Diadem. „Hiermit bin ich in der Lage, ihren Aufenthaltsort in Euren Gedanken zu erfahren. Wir können uns viele Unannehmlichkeiten ersparen, indem Ihr einfach mit der Sprache herausrückt, Fürst von Spatzensturz.“

„Und wie könnt Ihr sicher sein, dass ich nicht lüge? Ihr werdet dennoch in mich hineinschauen wollen, richtig?“

Ja, sein Halbbruder würde bestimmt sichergehen wollen und selber im Geist des Fürsten nachschauen.

Hartried indessen schwieg und schaute Darlaug mit verengten Augen an. „Ihr seid sehr klug, Darlaug. Auch das beim Thing, das war sehr klug von Euch. Sagt, habt Ihr das schon immer geplant? Sie versteckt und vor mir verheimlicht, um sie irgendwann gegen mich auszuspielen?“

„Ich habe sie versteckt, um sie vor Euch zu schützen. Aber ja, ich dachte mir, dieser Tag würde kommen, an dem Ihr Euch oder Eurer eigenen Familie die Macht sichern wollt. Was jetzt? Wenn ich es Euch nicht sage, werdet Ihr uns angreifen? Mich, meinen Hof, meine Frau, meine Tochter und meinen Sohn? In diesem Fall würden sich die Fürsten gegen Euch erheben. Das wisst Ihr, nicht wahr?“

„Darlaug!“, rief Gunlaug. „Ich schwöre Euch, niemand von uns beiden wir Euren Hof oder Eure Familie angreifen.“ Gunlaug versuchte die Fassung zu wahren, während er Hartrieds zornigen Seitenblick ertrug. „Das ist nur etwas zwischen Euch und uns.“

„Gunlaug“, erwiderte der Fürst, „Ihr wart schon immer zu gut für Euren Halbbruder. Ich fürchte um das Land, wenn Ihr und Eure Besonnenheit an seiner Seite fehlen solltet. Aber es gibt meiner Seele etwas Frieden zu wissen, dass Ihr das schwört. Ich weiß, auf Euer Wort kann man sich verlassen. Auch von Euch haben die Menschen eine solche Meinung, König.“

Nach einer kurzen Pause, in der sich die beiden Seiten anschwiegen. „Die beiden sind nicht bei mir. Nicht an meinem Hof, nicht in meinen Wäldern oder auf meinen Feldern. Sie befinden sich im Moment auf einer Reise.“

„Wo sind sie?!“, verlangte Hartried.

„Ich weiß nicht, wo sie sich gerade aufhalten“, erwiderte Darlaug. „Und freiwillig würde ich es sowieso nicht rausrücken.“

„Ja, das habe ich mir bereits gedacht.“

Gunlaug wollte ihn noch aufhalten, doch er war zu langsam. Die Hufe warfen Dreck auf, das Tier schnaubte wütend. Hartried ließ seinen Hirsch lospreschen und mit Darlaugs Hirsch zusammentreffen. Sein Gegner hatte kaum Zeit zu reagieren. Der Aufprall warf ihn fast zu Boden. Aber mit letzter Kraft stemmte sich Darlaug dagegen und zückte sein Schwert.

Das war das Signal für ihr Gefolge. Aus allen Richtungen stießen sie hervor, zu Fuß oder beritten, warfen Speere und Äxte auf Darlaugs überraschten Tross.

Gunlaug wollte Einhalt gebieten, in ihm braute sich ein Schrei zusammen, welcher der Gewalt ein sofortiges Ende bereiteten wollte. Doch der Schrei blieb ihm im Halse stecken, als das Morden von neuem begann, sich Klingen färbten, Männer liegen blieben und ihm eine leise Stimme zuflüsterte, dass Gunlaug gerade dem Lauf der Dinge beiwohnte.

Indessen tauschten Hartried und Darlaug Schwerthiebe aus, während die beiden Hirsche noch immer versuchten herauszufinden, welcher von beiden der Stärkere war. Darlaug geriet in Bedrängnis, seine Verteidigung wankte und entschlossene Gegenwehr brachte er erst recht nicht auf. Dann brachen die Hinterbeine seines Hirsches ein, Hartried war plötzlich über dem Fürsten, die Klinge weit ausgeholt und bereit zum tödlichen Finale.

Glücklicherweise schaffte es Gunlaug endlich, sich zu bewegen und noch im richtigen Moment den Schwertarm von Hartried zu ergreifen. Sein Halbbruder schaute ihn noch verdutzt an, dann warf sein Hirsch den von Darlaug endgültig um und der Fürst wurde beinahe unter seinem Reittier begraben.

„Haltet ein!“, rief Hartried und deutete mit der Schwertspitze auf den Fürsten. „Das Kämpfen hat ein Ende! Ergebt euch wie euer Fürst!“

Und tatsächlich gab Darlaugs Gefolge auf und warf die Waffen zu Boden. Ein Blutbad war noch gerade so verhindert worden.

„Du hast mir einen Gefallen getan“, sprach Hartried zu Gunlaug, steckte sein Schwert in die Scheide und stieg vom Hirsch ab. „Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es Absicht war. Beinahe hätte ich ihm den Schädel gespalten, bevor er mir etwas verraten konnte.“

Darlaug kroch mühsam über den Boden. Hatte er sich die Knochen gebrochen? Gunlaug konnte kein Blut sehen. Er sprang vom Hirsch und eilte zum Fürsten.

„Seid Ihr verletzt?“, fragte er.

„Vermutlich. Was jetzt, König?“

„Haltet still“, sagte Hartried. Er fasste den Fürsten am Kopf, hob ihn zu sich hoch und blickte ihm tief in die Augen. Zuerst verengten sich die Augen von Hartried, dann öffneten sie sich aus Entsetzen. Zuerst verengten sich die Augen von Hartried, dann öffneten sie sich aus Entsetzen.

„Die Kolonien!“, rief er aus. „Die Stadt Akleion! Ihr steckt mit diesen verdammten Mykerios unter einer Decke!“

Hartried stieß den Fürsten unsanft zu Boden und wandte sich ab. Dann fasste er diesen einen, besonderen Ring an seiner Hand an.

„Hartried?“, fragte Gunlaug. „Was ist? Was ist mit Akleion?“

Hartrieds Stimme war auf ein Flüstern hinabgesunken. „Sie sind dabei, den Macher dieses Ringes zu finden. Und dann …“ Mit ergrimmten Zügen zog er wieder sein Schwert. „Und dann machen sie gemeinsame Sache mit diesen Eindringlingen aus dem Süden!“

Diesmal war Gunlaug nicht schnell genug. Die Klinge stieß dem Fürsten in den Leib, genau dort, wo das Herz zu vermuten war. Ein kurzes Stöhnen, Hartried drehte die Klinge, zog sie wieder heraus, und der Fürst von Spatzensturz hauchte seinen letzten Atemzug.

Gunlaug wandte sich ab. Ihm wurde übel, der Magen drehte sich. Und so beginnt es von neuem. Merowa gegen Merowa. Cheruskind gegen Cheruskind. Und das trotz der Gefahr, die jenseits des Drachenwirbels auf uns wartet. Ob wir diesen Streit beenden können, bevor es zu spät ist? Was ist mit meiner Reise? Werde ich noch fortziehen können, wie ich es versprochen hatte?

„Es ist wieder Krieg“, sprach Hartried.

Gunlaug unterdrückte das Verlangen, sich übergeben zu müssen. „Ja, dein Stich hat ihn besiegelt.“

„Nein, das war, als sie Simund fortschickten, um mich umzubringen.“

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