Kapitel 51, Simund

Was davor geschah: Unsere Gefährten durchkreuzen die unterirdischen Gewässer auf dem Weg nach Tyon, um dort den Zwerg Tiuz zu befreien. Denn nur er kennt das Geheimnis von Hartrieds Unverwundbarkeit.

Der Hof. Das Feuer. Meine Mutter, erschlagen auf den Treppen. Nicht hier, bloß nicht hier.

Simund fand sich in der Totenwelt wieder. Nur wurde er diesmal nicht ans Ufer gespült, sondern er befand sich inmitten des brennenden Hofes. Um ihn herum lagen die Toten, seine Verwandten einer ausgestorbenen Sippe, in ihrem eigenen Blut. Aufgespießt, mit Schnittwunden übersät und mit abgeschlagenen Gliedmaßen verteilten sie sich über den Hof. Simund ertrug den Anblick nicht mehr, er bedeckte sein Gesicht und sank auf die Knie.

Ich will hier nicht enden, flehte Simund. Nicht an diesem Ort, nicht in dieser Erinnerung. Nicht für den Rest der Ewigkeit.

Er wurde von etwas ergriffen, sein Körper wurde von einer unsichtbaren Hand erfasst. Langsam drang eine vertraute Stimme zu ihm. Immer klarer hörte er sie seinen eigenen Namen rufen, während das Schütteln stärker seinen Körper erfasste.

Dann schreckte er hoch und blickte in das besorgte Gesicht seiner Schwester.

Er kam zu sich und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Simund war am ganzen Leib nass. Hedda, Piasus und Rodried schauten ebenfalls sorgenvoll zu ihm herüber. Rodried und Piasus ruderten gerade und Hedda hielt die Karte der unterirdischen Seen in der Hand.

„Ja“, sprach Simund und merkte, wie schwer sein Atem ging. „Ich war wieder in der Welt der Toten. Nur ein Traum, es ist alles gut. Danke, dass du mich geweckt hast. Ich bin bestimmt bald mit dem Rudern dran.“

Barutz stapfte an ihm vorbei. Die Schritte des Zwerges brachten das Boot leicht zum Schaukeln. Er schien gänzlich unbekümmert von Simunds schweren Alpträumen, die ihn in letzter Zeit quälten.

„Wir könnten bald auf eine Strömung treffen“, sagte der Zwerg und lehnte sich über die Reling. Er hielt die Hand ins Wasser, schätzte kurz ab und wandte sich dann zu ihnen. „Ich spüre es! Dann brauchen wir uns für eine Weile nicht mehr ums Rudern zu kümmern. Wollen wir vorher noch mal ans Ufer und uns ausruhen? Wer weiß, was noch kommen wird.“

Simund stand auf, Melindes sorgenvollen Blick noch auf sich spürend, und spähte in die Dunkelheit der zwergischen Höhlenwelt. Er hielt Barutz‘ Vorschlag für eine gute Idee, konnte aber kein Ufer ausmachen.

Hedda hielt den Kristall in die Höhe und suchte nach der Sonne über der Oberfläche. Der Kristall blitzte kurz auf, dann schaute sie konzentriert auf die Karte.

„Vielleicht die letzte Chance“, sagte sie. „Bislang ist die Reise ja gut verlaufen, weswegen ich unser Glück nicht strapazieren möchte. Wir sollten noch mal ans Land, uns dort ein kleines Lager aufschlagen und ein paar Stunden schlafen. Ich kann nicht sagen, wie sicher die Gewässer sein werden, wenn wir wieder an der Oberfläche sind. Oder wo wir überhaupt herauskommen. Die Fahrt könnte ganz schön wild werden.“

„Also ans Land?“, fragte Piasus und ächzte leise, während er mit dem Ruder ins Wasser stieß. „Soll mir recht sein.“

Nach einer Weile hörten sie zu rudern auf. Eine leichte Strömung hatte das Boot erfasst und zog sie in die Richtung, in der Hedda der Karte nach den Ausgang aus der Unterwelt vermutete. Bald merkten sie einen sanften Windhauch über das Wasser wehen. Simund atmete tief und genussvoll die Luft von außerhalb des Höhlenreiches ein, die er schon so lange nicht mehr einatmen durfte.

„Wir sind bald wieder draußen!“, schwärmte Melinde. „Wir können wieder den Wind auf der Haut und die Sonne im Gesicht spüren! Die Vögel zwitschern hören, der Sonne beim Auf- und Untergehen zusehen.“

„Die Sonne“, sprach plötzlich Barutz. „Oh ja, die Sonne, dieser Himmelsdocht, wie er hinter dem Horizont erscheint, einem für ein paar Stunden auf den Pelz brennt, alles in schrecklich grelles Licht hüllt und sich dann wieder verflüchtigt, weil man es mit den Oberflächenbewohnern selbst nicht einen ganzen Tag aushielt.“

Simund konnte sich nur wundern, warum der Sonnenlauf den Zwerg so ätzen ließ. Er hingegen freute sich darauf, mal wieder Tageslicht sehen zu dürfen.

„Es gefällt dir nicht an der Oberfläche?“, fragte Piasus, während er sein Gepäck fest am Schiff vertaute. „Du bist daran gewöhnt, dass es immer dunkel ist, oder?“

„Genau! Jetzt werde ich mir von den Gestirnen diktieren lassen müssen, wann ich müde sein soll! Die Umstellung schlägt sich mir jetzt schon aufs Gemüt. Außerdem kann ich nicht einfach im Fels verschwinden, wenn Gefahr droht und in einer waldigen Umgebung bin ich fast taub. Ah, das war vielleicht eine dumme Idee, ich hätte nicht mitkommen sollen.“

„Aber die Belohnung …“, sagte Piasus.

Barutz fasste sich an den Bart, wiegte ab, wippte mit dem Kopf hin und her. „Verdammt! Lasst uns hoffen, dass wir die Fahrt zu dieser Stadt gut überstehen werden.“

„Das wichtigste ist“, brachte sich Hedda ein, „uns gut vorzubereiten. Die Taschen ordentlich vertaut? Ja? Bindet die Seile auch an euch. Wir müssten bald auf den Ausgang treffen. Ich kann spüren, wie sich das Boot beschleunigt.“

„Da ist Licht“, sprach Rodried, während er sich ein Seil um die Hüfte band. „Wir sind gleich da! Wir haben die Oberfläche erreicht!“

Simund half seiner Schwester dabei, sich am Boot anzubinden und stand danach selber auf, um zum Ausgang zu schauen. Weit entfernt glaubte er einen kleinen Lichtpunkt erkennen zu können, dessen Ausmaße immer mehr zunahmen. Gleichzeitig spürte auch er, wie sich das Boot zunehmend beschleunigte.

„Halte dich gut fest“, befahl er seiner Schwester.

„Denkt daran“, sagte Hedda. „Wir haben seit geraumer Zeit kein Tageslicht mehr gesehen. Wenn wir wieder draußen sind, werden sich unsere Augen erst an die Helligkeit gewöhnen müssen. Für einen Moment werden wir wie blind sein.“

Sie nahm eines der Ruder in die Hand und forderte die anderen auf, es ihr gleich zu tun. Das Boot nahm an Fahrt auf und Simund musste sich eingestehen, dass ihm etwas mulmig zumute wurde.

„Hedda …“, begann er.

„Ja?“

„Was wäre eigentlich, wenn auf der anderen Seite ein Wasserfall auf uns wartet?“

Ihm gefiel gar nicht, wie Hedda ihr Gesicht zu einer grimmigen Grimasse verzog.

„Was denkst du denn, warum wir uns festgebunden haben, mein lieber kleiner Halbbruder?“

„Ist das dein ernst?“, fragte Piasus.

„Ich weiß es nicht. Aber wir fahren schon mit einer hohen Geschwindigkeit. Sehr gut möglich, dass wir auch nur an einen sehr abschüssigen Fluss herauskommen. Das Wasser kennt kein Erbarmen, hier nicht und auch nicht auf hoher See. Gleich sind wir draußen, bedeckt lieber eure Augen.“

Der Lichtpunkt war zu einem gewaltigen Spalt angewachsen, durch den die oberirdische Sonne gnadenlos hereinschien. Sie hielten die Hände vors Gesicht, fassten die Seile fester und versuchte sich gleichzeitig bereit zu halten, mit den Rudern ins Wasser zu schlagen. Während das Licht ihn blendete und ihm die Sicht nahm, konnte Simund das Tosen von Wasser hören.

Ein Wasserfall?, fragte er sich. Oder nur ein Fluss?

„Haltet euch fest!“, schrie Hedda gegen den Lärm der Wassermassen an.

Das Boot hatte nun eine Geschwindigkeit erlangt, die es fast auseinander riss, während sich hinter dem Spalt langsam die Konturen einer Berglandschaft andeuteten. Das Brausen wurde ohrenbetäubend, die klare Luft der Außenwelt schlug ihnen entgegen und gleich darauf die Gischt des Wassers, wie es aus der Höhlenwelt rauschte.

Als das Boot auf der anderen Seite aus dem Spalt heraustrat, war Simund noch immer zu geblendet, um die Umgebung deutlich wahrnehmen zu können. Er spürte die klare Luft und die wärmende Sonne, doch jede Freude darüber, endlich die Höhlenwelt verlassen zu haben, verflog, als er mitbekam, wie sich das Boot für ein paar Sekunden in der Luft hielt.

Ein Wasserfall …

Das Boot klatschte auf der Flussoberfläche auf. Wassermassen schossen links und rechts von ihnen in die Höhe. Sie hatten es geschafft! Das Boot schien unbeschadet und sie alle wohlbehalten.

„Endlich!“, rief Piasus.

„Na endlich“, äffte Barutz nach.

„Ach hab dich nicht so, wir haben es überlebt!“

„Nicht zu früh gefreut!“, mahnte Hedda. „Rudert nach links! Schnell!“

Und da bemerkte es auch Simund. Sie steuerten auf eine Reihe schroffer Felsen zu. Erst mussten sie ihre Überraschung überwinden, dann paddelten sie, so sehr sie konnten.

„Nach rechts!“ Hedda richtete sich auf. Mit festem Stand blickte sie nach vorne, ruderte und hielt den Flussverlauf im Auge. Links, rechts, gerade halten. Eine gefühlte Ewigkeit dirigierte sie ihre Mannschaft über den sich durch die Berglandschaft schlingenden Fluss. Der Strom floss eindeutig abwärts. Hin und wieder konnte Simund grüne Wiesen in einer fernen Landschaft erkennen. Und da, nachdem sie einmal scharf abgebogen waren, ein sich weit erstreckendes Blau unter ihnen. Das musste der Goldsee gewesen sein.

Bevor sie ihr Ziel erreichen konnten, mussten sie rudern, bis Simund die Arme lahm wurden und seine Brust schmerzte. Links, rechts, immer weiter paddeln und gegen die Strömung ankämpfen, wenn sie gerade kurz davor waren, das Boot gegen tödliche Felsen krachen zu lassen. Und so vergingen kräftezehrende Minuten, die sich wie Stunden anfühlten, bis der Fluss sich verbreiterte, die Geschwindigkeit des Bootes langsam nachließ und auch die Felsen an Gefährlichkeit einbüßten. Melinde war die erste, der Hedda erlaubte, das Ruder beiseite zu legen. Das Mädchen legte sich hin und ließ sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Nach einer Weile war auch Simund dran, der normalerweise den anderen Männern in nichts nachstehen wollte, aber diesmal sehr dankbar dafür war, seine erlahmten Arme ausruhen zu lassen. Schließlich ruderten nur noch Hedda und Barutz gelegentlich, um das Boot auf dem richtigen Kurs zu halten.

Simund hatte Zeit, sich an den weißen Felsen, der strahlenden Sonne und der für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Wärme zu erfreuen. Richtig, sie waren hier weiter im Süden, die Herbste sollten wesentlich angenehmer sein. Er hob den Brustkorb, holte tief Luft und fühlte sich wie neugeboren.

Schließlich öffneten sich die Berge und der Fluss ergoss sich in den weiten Goldsee. Zwar nur ein Binnenmeer, wie Simund hörte, doch sah er vor und um sich nur Wasser bis zum Horizont.

Hedda holte die Karte hervor. „Wir werden wohl wieder rudern müssen.“ Sie hatten auf der Karte noch die ungefähre Position ihres Zieles eingetragen: Die Stadt Akleion.

„Jetzt schon?“, fragte Piasus erschöpft.

Hedda lächelte. „Nein, nicht jetzt. Wir ruhen uns erst einmal aus. Das habt ihr alle gut gemacht. Nach dieser Fahrt dürft ihr gleich bei mir anheuern.“

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