Kapitel 52, Simund

Simund hatte das Wort zuvor schon öfter gehört, vor allem aus Piasus‘ Mund, doch er konnte sich nie wirklich vorstellen, wie sie wirklich aussahen: Städte. Diese Ansammlung von Menschen, Häusern, Mauern und Heiligtümern, deren Zahl weit über das hinausging, was er bisher gesehen hatte. Doch jetzt sah Simund sie zum ersten Mal und mit ihnen dieses Volk der Mykerios, das aus dem Süden hierher gekommen war, um am Goldsee zu siedeln und Handel zu treiben. All die Städte, welche er auf ihrer Reise sah, waren direkt am Wasser gebaut und verfügten über weite Häfen, in denen allerhand Boote und Schiffe vor Anker lagen. Gerade die großen Schiffen zogen seine Aufmerksamkeit auf sich und sogar Hedda musste das eine oder andere Mal staunen, während ihr kleiner Kahn neben einem der mehrmastigen und mit mehreren Reihen von Rudern bewährten Schiffe anlegte. Abgesehen von den Ausmaßen fiel Simund eines an den Schiffen auf: Während die Merowa, Bregas und auch die der am Bug ihrer Boote Tier- und Ungeheuerköpfe schnitzten, schienen die Merowa es zu bevorzugen, Augen auf beiden Seiten des Bugs zu malen.

Sie verbrachten nur wenige Stunden in den Städten und zumeist hielten sich die Merowa im Hafenbereich auf. Barutz zog es vor, sich mit einer Decke auf seinem Boot zu verstecken. Irgendjemand musste es bewachen, so seine Entschuldigung. Simund konnte nicht sagen, ob er sich vor der Masse an Menschen fürchtete oder das Sonnenlicht ihn krank machte.

Simund verbrachte die meiste Zeit damit, die Bauwerke der Mykerios zu bestaunen. Er kannte nur Gebäude aus Holz, Lehm oder Fundamente aus Stein, hier jedoch sah er auch mehrstöckige Villen, wie Piasus ihm den richtigen Begriff lehrte. In der Ferne entdeckte Simund riesige Hallen, deren unmöglich hohe Dächer von schlanken Säulen getragen wurden. Auch die Straßen waren aus Stein oder Ziegeln, wohingegen Simund höchstens durch Pferdehufe und Menschenfüße getrampelte Wege kannte. Und dann wären da noch die überlebensgroßen Statuen, ebenfalls aus Stein gemeißelt oder aus Bronze gegossen. Simund konnte nicht sagen, ob sie Götter oder Helden abbildeten oder gar Wächter waren, die bei Gefahr zum Leben erwachten und mit ihren unverwüstlichen Körpern die Stadtbewohner beschützten, so echt wirkten diese Gestalten.

Schließlich waren da noch die Menschen. Erst einmal ihre Masse, Simund kannte solche Menschenansammlungen nur von Festen, aber hier waren sie der Alltag. Er hielt die Mykerios für ein schönes und umtriebiges Volk, von dunklerem Teint als die Merowa, mit schwarzen, lockigen Haaren. Sie schienen gern zu lachen und machten einen herzlichen Eindruck. Sie trugen weiße Gewänder oder Stoffe in verschiedenen Blau-, Rot-, Gelb und Grüntönen, welche über die Schultern geworfen oder mit Fibeln zusammengehalten wurden.

Die Merowa wagten sich bis zu einem Marktplatz und begutachteten Stoffe, Keramiken, Kleider, Schmuck aus fremden Ländern. Vor allem Edelmetall handelten die Mykerios hier gerne, nicht umsonst nannten sie es „Goldsee“. Ganz fasziniert war Simund von einem Redner, der sich auf einer Kiste stellte und über den ganzen Platz hinweg sich seinem Vortrag hingab, auch wenn ihm kaum einer zuhörte.

„Nachdem, was ich in Tyon miterlebt habe“, kommentierte Piasus, während er sich den Redner anschaute und an einer Simund unbekannten Frucht knabberte, „sollten die Leute hier froh sein, dass der Mann so frei schwafeln kann. Vergiss nicht, wir sind auf dem Weg zu einem Tyrannen. Ein falsches Wort und Paraxus lässt dich am Galgen baumeln. Wir müssen uns noch überlegen, wie wir am besten unerkannt in Tyon hineinkommen. Hoffentlich erinnert sich keiner an mein Gesicht, auch wenn ich damals einen langen Bart trug.“

„Um den Philosophen zu imitieren?“, fragte Simund, ohne die Augen von dem Redner zu lassen.

„Genau. Oh verdammt! Was ist, wenn Thodius sich noch in der Stadt befindet? Vielleicht hat ja der Alkohol, als ich ihn damals betrunken gemachte habe, um ihn aufs falsche Schiff zu setzen, seine Erinnerungen an mich ausgelöscht. Aber möglicherweise erinnert er sich doch … er könnte mich auffliegen lassen.“

„Und was ist mit Barutz?“, fragte Simund. „Er kann sich nicht ewig auf dem Boot verstecken.“

„Ein Zwerg wird vermutlich Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht traut er sich ja nachts raus. Wir sollten eh nicht am helllichten Tage versuchen, Tiuz zu befreien. Jedoch ist man in Tyon nicht so unachtsam wie hier. Sie werden wahrscheinlich das Boot durchsuchen.“

„Und wenn wir ihn vorher an Land bringen? Außerhalb der Stadt?“

Piasus ließ von der Frucht ab und wirkte, als dächte er ernsthaft darüber nach. Dann zeigte Rodried, der bisher meist mit offenem Mund alles angestarrt hatte, hinter sie. Simund und Piasus drehten sich um und erblickten Hedda und Melinde, die sich in die Stoffe der Mykerios gekleidet hatten.

Melinde hatte sichtbar Freude an der fremden Kleidung, drehte sich und ließ das weiß-blaue Gewand fliegen. Simund sah zu Rodried und glaubte, sein zuvor schon offener Mund versuchte sich gänzlich vom Unterkiefer zu befreien.

Dann bemerkten sie Hedda neben Melinde. In dasselbe Gewand gekleidet, nur schien es zu ihrer Statur nicht ganz zu passen. Ihre kräftigen, mit Narben übersäten Arme wirkten so deplatziert wie die beiden Merowas auf dem Marktplatz der Mykerios. Hedda schaute auch so aus, als fühlte sie sich in diesem Aufzug überhaupt nicht wohl.

„Ich werde mich umkleiden gehen“, sprach sie und drehte sich um.

Piasus sprang sofort hinterher. „Lass dich von unserem Schweigen nicht abschrecken! Wir waren nur überrascht von eurer plötzlichen Idee, euch unter das Volk zu mischen! Und glaube nicht, dass du dich gegenüber diesem kaum erblühten Mädchen geschlagen geben musst!“

Nun drehte sich auch Melinde zu den beiden um. „Kaum erblüht? Simund, verteidige meine Ehre.“

Simund stockte und rang nach Worten. „Ähm … bitte verfalle nicht den Sitten dieses Landes.“

„Ich mach das!“, meinte Rodried. „Ich verteidige deine Ehre!“

Melinde quittierte diese Treue mit einem Lächeln, während Piasus hinter ihr mit Handbewegungen andeutete, dass sie ruhig bleiben sollten.

„Aber ich muss zugeben“, sprach Piasus weiter, „dass deine raue Schönheit in deinen Mänteln besser zur Geltung kommt.“ „Raue Schönheit?“, fragte Hedda. „Das reicht, ich gehe zu Barutz.“

„Der versteckt sich unter einer Decke.“

„Gut!“

Simund musste sich eingestehen, dass er genauso mit Vorfreude und mit Angst auf den Tag wartete, an dem sie endlich in Tyon ankommen würden. Dort, wo dieser Tyrann den Zwerg Tiuz gefangen hielt, welcher ihnen angeblich verraten konnte, was es mit Hartrieds Unverwundbarkeit auf sich hatte. Einerseits würde er sich freuen, endlich ans Ziel ihrer Reise gelangt zu sein. Andererseits warteten in Tyon neue Gefahren auf sie und Simund konnte nicht vorhersagen, wie ihr Unternehmen verlaufen würde. Melinde jedenfalls wurde während ihrer Reise von keinen Visionen heimgesucht. Sie verließen den letzten Hafen, der vor Tyon lag, am Morgen und erwarteten, gegen Nachmittag endlich die Stadt zu erreichen, in der König Paraxus herrschte. Bei der Fahrt waren sie alle merklich stiller als sonst, selbst Barutz beschwerte sich weniger über die Sonne.

Jedoch schienen sie nicht die einzigen gewesen zu sein, die unbedingt über den Goldsee nach Tyon gelangen wollten. Eine ganze Schiffsflotte umringte die Stadt.

„Was verdammt ist hier los!“, schimpfte Piasus.

„Das ist nicht normal, oder?“, fragte Rodried.

„Nein“, sprach Hedda. „Das ist eine Kriegsflotte? Das bringt unsere Pläne ganz schön durcheinander. Sollen wir anhalten und an Land gehen oder höflich fragen, ob die uns durch die Blockade lassen?“

„Natürlich nicht!“, versetzte Piasus. „Die werden uns für Spione oder dergleichen halten. Ach verdammte Scheiße, dabei lief bislang alles so gut! Wartet …“ Piasus schirmte die Hand ab und spähte genauer nach den Schiffen. „Was ist das auf den Segeln? Erkennt ihr, was da auf die Segeln gemalt ist?“

Alle bis auf Melinde und Barutz taten es ihm gleich.

„Das ist ein Pferd“, meinte Hedda. „Mit Flügeln?“

„Dann sehe ich das richtig? Wirklich ein Pferd mit Flügeln? Lasst uns näher heranfahren!“ Sie schauten ihn verwirrt an. „Das ist die Flotte meines Stadtstaates, Akleion! Wir können uns ihnen beruhigt nähern, die kennen mich. Der Erste der Stadt müsste auch hier sein oder wenigstens einer aus dem Rat.“

Mit einem unguten Gefühl ruderten sie näher. Nach einer Weile stellte sich Piasus an den Bug und begann zu winken, wenn immer sich einer auf den Schiffen zu ihnen umdrehte. Bald schon hörten sie jemanden barsch „Haut ab!“, rufen. „Die Stadt wird belagert! Kein Schiff kommt rein!“

„Ich bin es!“, rief Piasus. „Piasus aus Akleion! Ich komme mit einer wichtigen Nachricht! Wenn einer aus dem Rat oder der Erste von Akleion anwesend ist, sag ihm, dass Piasus mit ihm sprechen will!“

Die Männer auf dem Boot, in Panzer gekleidet und mit bronzenen Helmen auf dem Kopf, die über einen bunten Kopfschmuck verfügten, besprachen sich kurz und dann verschwanden ein paar von ihnen.

„Bleibt, wo ihr seid!“, schallte es zu ihnen rüber und sie gehorchten.

Nach einer Weile erschien ein älterer Herr, der wie die anderen Männer auf dem Schiff gepanzert war und darüber hinaus einen teuren Mantel trug.

„Piasus!“, rief er und zeigte auf ein entferntes Schiff. „Der Erste ist dort hinten! Du hättest zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen können! Bald zeigen wir es diesem verdammten Paraxus!“

„Danke Ratsmitglied Haertus!“

Sie ruderten das Boot zum angezeigten Schiff, wobei sich Piasus mehrmals bei den Besatzungen vorstellen musste. Von nahem schien es, dass dieses Schiff das größte von allen war. Das geflügelte Pferd prangte stolz auf dem Segel, die Reling war mit unzähligen vielfarbigen Schilden bewährt. Die ganze Mannschaft schien sie an der Steuerbordseite zu erwarten. Sie warfen ihnen eine Leiter aus Seilen herunter und nacheinander bestiegen sie das Schiff.

Simund half noch Melinde hoch und schaute sich dann verwundert um. Auf dem Deck wirkte das Schiff noch größer als vom Wasser aus. Ganze Armeen ließen sich hiermit transportieren. Mit Panzer, Helm, Arm- und Fußschienen gerüstete Soldaten beäugten sie misstrauisch.

„Bei den Göttern!“ Ein vornehm wirkender Mann, ebenfalls gerüstet, nur mit einem noch größeren Kopfschmuck auf dem Helm, erschien zwischen den Soldaten und kam auf Piasus zu. Die beiden Männer gaben sich die Hand, klopften sich auf die Schultern und umarmten sich kurz.

„Ich hatte schon geglaubt, du kommst nie mehr!“

„Nein nein, mein Herr“, antwortete Piasus. „Nicht für das, was Ihr mir versprochen hattet. Und Ihr, Herr Daedlus, werdet sicherlich erfreut sein zu hören, dass mein Auftrag bisher sehr erfolgreich verlaufen war.“

„Ach ja?“, fragte Daedlus und schaute zu ihnen herüber. Rodried war ihm am nächsten.

Der reichte Daedlus die Hand. „Ihr kennt mich noch nicht, Erster von Akleion, aber mein Vater, der Fürst von Spatzensturz, hat mir schon viel von Euch erzählt.“

Daedlus nickte. „Es ehrt mich, als ob der Fürst selbst gekommen wäre.“

Dann ging er auf Simund zu und hinterließ einen Rodried mit Stolz geschwellter Brust. Beide musterten sich. Daedlus strahlte gewiss Würde aus, da war aber auch eine Schläue oder gar Gerissenheit in seinem Blick, welche Simund gebot, vorsichtig zu sein. Jedenfalls gefiel ihm nicht, wie der Erste ihn anschaute.

Dann sprach Daedlus an Piasus gewandt. „Das ist …“ und Piasus nickte. Der Erste reichte Simund die Hand. „Endlich seid Ihr hier. Wie es das Orakel vorhergesagt hatte. Glaubt mir, Euer Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben.“

Daedlus zwinkerte und stellte sich vor Melinde.

„Und das ist …?“

Simund überwand die Überraschung und sagte hastig: „Melinde, meine Schwester.“

Daedlus blickte mit hochgezogenen Augenbrauen zu Piasus.

„Ich gehöre auch mit zur Familie“, brachte sich Hedda ein.

„Bei den Göttern Piasus, bist du nicht etwas über das Ziel hinausgeschossen? Und wer ist das? Wartet, ist das nicht einer der Zwerge?“

Barutz kratzte sich am Bart. „Können wir langsam zur Sache kommen?“

„Ja, was ist hier eigentlich los?“, fragte Piasus. „Wozu diese Seebelagerung?“

Daedlus‘ Züge versteinerten sich. „Paraxus ist wahnsinnig geworden. In der Nacht überfiel er die Stadt, ohne eine Kriegserklärung, stürmte die Mauern und raubte unser Orakel.“

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