Kapitel 53, Simund

„Das Orakel ist in Tyon?“, fragte Piasus verblüfft.

Sie befanden sich auf dem Deck, ihre kleine Gruppe und der Erste der Stadt Akleion. Die Ruderer ließen die langen Paddeln ruhen, das Schiff lag still auf dem Goldsee.

Daedlus nickte. „Wir konnten die Flotte von Tyon auf dem Wasser schlagen. Du hättest dabei sein sollen, es war ein glorreicher Tag. Mehrere Stadtstaaten erklärten sich bereit, sich unserem Kampf anzuschließen, nachdem sie erfuhren, welch schändliche Tat Paraxus begannen hatte. Einfach so, ohne eine Kriegserklärung stahl er das Heiligtum unserer Stadt.“ Daedlus schüttelte den Kopf. „Sie machen sich bereits auf den Weg hierher. Bald ist Paraxus von allen Seiten umstellt.“

„Aber wieso hat Paraxus das getan?“, fragte Piasus. „Ja, er wollte schon immer das Orakel für sich, doch ich hatte ihn nicht für so unvorsichtig gehalten.“

Ein Diener trat mit mehreren Krügen süßlich riechenden Weins heran. Er schenkte ein und ohne ein Wort überreichte er jedem einen Becher. Simund wunderte sich, anscheinend verzichteten die Mykerios selbst auf See nicht auf Luxus.

„Trinkt ruhig, ihr müsst durstig sein nach der langen Fahrt“, sagte Daedlus. Und dann an Piasus gewandt: „Der Meinung sind wir alle. Und natürlich haben wir auch gefordert, dass er sie einfach herausrücken solle. Bislang verweigert Paraxus jeden Dialog. Doch damit hat er sich ins eigene Fleisch geschnitten. Keiner seiner früheren Verbündeten ist nach dem Raub noch auf seiner Seite. Wahrscheinlich wird die Stadt ein Jahr lang der Belagerung standhalten können. Dann ist es vorbei.“

„Dann sind wir umsonst gekommen?“, fragte Simund. „Uns in die Stadt zu schleichen, macht jetzt keinen Sinn mehr. Einerseits würde unsere Anwesenheit sofort Fragen aufwerfen. Andererseits ist es jetzt bestimmt noch schwieriger, den Zwerg unbemerkt herauszuschaffen. Und wenn dieser Paraxus kapituliert, hättet Ihr den Zwerg eh befreit, oder etwa nicht?“

Daedlus faltete die Hände vors Gesicht. „Die Sicherheit des Zwerges ist nicht garantiert. Das Orakel ist im Moment wichtiger für unsere Stadt. Ich würde mich zuerst mit dem Rat zusammensetzen, bevor ich entscheide, ob wir diesen Plan noch weiter verfolgen oder wir es darauf beruhen lassen.“

Piasus verzog das Gesicht. „Was wird aus meinem Auftrag? Und was ist mit dem, was du mir versprochen hast? Sage mir nicht, dass ich diese ganze Reise umsonst unternommen habe!“

Daedlus lächelte beschwichtigend. „Was das anbelangt, mache dir keine Gedanken. Du wirst adäquat für deine Bemühungen entschädigt. Und auch was euch Menschen und Zwerge von Merow betrifft: Wir wollen alle dasselbe. Wir wollen alle die Schwachstelle von König Hartried herausfinden. Und Tiuz ist der einzige, der das Geheimnis kennt.“

Auf einmal erfasste Aufregung das Deck. Die Soldaten liefen zum Bug, nur einer kam zum Ersten geeilt.

„Erster! Ein Boot mit der Standarte von Tyon kommt auf uns zu!“

„Kein Angriff?“, fragte Daedlus und der Soldat schüttelte den Kopf. Der Erste bedeutete ihnen, ihm zum Bug zu folgen. Als die Soldaten ihn bemerkten, machten sie ihnen Platz. Sie hatten freien Blick auf den See, auf den die untergehende Abendsonne ein eigentümliches Licht warf.

Ein kleines Boot ruderte von der Stadt auf sie zu. Abgesehen von den Ruderern stand noch ein Mann auf dem Boot, prächtig gekleidet, aber unbewaffnet. Er hielt eine Standarte mit einem frontal zum Betrachter blickenden Stier darauf. Nach einem Angriff sah es wirklich nicht aus. Eher erweckte es den Eindruck, als wollten sie verhandeln.

Sie warteten, bis das Boot nahe genug war. Der Mann mit der Standarte ergriff zuerst das Wort: „Söhne von Akleion, ich bringe euch Nachricht vom König von Tyon und erwarte, dass ihr euch ehrenhaft verhaltet und einen Boten in Frieden wieder ziehen lasst, egal, welche Nachricht er auch überbringen mag.“

„Euch wird nichts geschehen“, versicherte Daedlus. „Nun, was will uns der König mitteilen?“

Der Mann holte ein Bündel aus seinem Mantel hervor und zeigte es Daedlus. Dann warf er es zum Schiff hoch. Es landete sicher in den Armen von einem der Soldaten, der es an Daedlus weiterreichte. Der Erste nahm Abstand und las das Schreiben für sich alleine durch. Er überflog das Geschriebene schnell.

„Wir sollen die Belagerung abbrechen“, sagte Daedlus. „Sonst bringen sie das Orakel um.“

Es war ein kurzes Schreiben, musste sich Simund erklären lassen, da er die Schrift der Mykerios nicht lesen konnte. Der König verkündete darin, dass sie die Schiffe abziehen sollten, andernfalls würde Paraxus das Orakel, um das beide Stadtstaaten so erbittert kämpften, einfach töten. Vor dem Schiff lag noch immer das Boot aus Tyon und wartete auf ihre Antwort.


Daedlus lief auf und ab und las sich zum wiederholten Male die Nachricht durch. Doch alles Nachdenken brachte nichts. Paraxus‘ Handeln blieb ein Rätsel.


„Das ist nichts weiter als eine leere Drohung“, glaubte Daedlus. „Was bringt es ihm, zuerst das Orakel zu stehlen, nur um sie später umzubringen? Wie dem auch sei, ihr bewegt euch nicht vom Schiff.“


„Wieso das?“, fragte Rodried. „Jetzt oder nie! Wir wissen nicht, ob der Zwerg diesen Konflikt überleben wird.“


„Wenn ihr euch in die Stadt schleicht, wird das Orakel sterben!“, erwiderte Daedlus. „Vergesst vorerst den Zwerg. Das Orakel ist Akleions größter Schatz, wichtiger als ich! Der Zwerg ist nichts dagegen.“


„Dann sind wir umsonst gekommen?“, fragte Simund. „Diese lange Reise war umsonst?“ Er konnte es nicht fassen. Alles lief so gut, doch nun war es eine Laune des Schicksals, welche ihnen ihr Abenteuer verübelte.


Barutz verschränkte die Arme. „Ich habe einen heiligen Vertrag unterschrieben. Das sagt euch Menschen vielleicht nichts, doch für uns Zwerge bedeutet einem heiligen Vertrag nicht nachzukommen, seine Seele zu verwirken. Es ist mir egal, was ihr unternehmt, ich werde versuchen, diesen Tiuz zu befreien. Wenn ihr wollt, streite ich ab, je etwas mit euch zu tun gehabt haben.“


Daedlus winkte ein paar Soldaten heran. „Ihr werdet hier bleiben, bis der Rat beschlossen hat, wie wir vorgehen wollen.“


„Ich bin ein freier Zwerg“, erwiderte Barutz. „Weder euer Rat, noch euer Orakel interessiert mich.“


„Könnt Ihr schwimmen, Zwerg?“, fragte Daedlus mit einer gehobenen Augenbraue.


„Ich kann treiben“, antwortete Barutz.


„Das bringt doch nichts!“, ging Piasus dazwischen. „Mein Herr, ich rede mit den Merowa und dem Zwerg darüber.“


„Gut, ich verständige den Rat. Der Bote wird nicht noch länger warten müssen.“


Daedlus schaute sie alle noch einmal mit einem strafenden Blick an, als wüsste er, dass sie nicht auf ihn hören würden.


„Piasus“, begann Hedda. „Sag mir nicht, du denkst ebenso …“


„Daedlus ist ein achtbarer Mann, dem ich viel zu verdanken habe und auf dessen Urteil man sich verlassen kann, deswegen hasse ich, was ich jetzt tun werde: Nein, wir müssen nach Tyon. Am besten noch heute Abend.“


„Müssen wir alle mit?“, fragte Simund. „Wenn nicht, würde ich es vorziehen, dass Melinde hier auf dem Schiff bleibt.“


„Simund! Ich …“


Sie wollte widersprechen, Simund jedoch unterbrach sie: „Wenn du keinen Grund siehst, unbedingt mitkommen zu müssen, sehe ich keinen Grund, warum du hier nicht sicherer wärst. Außerdem … sollte uns etwas geschehen, bleibst du als einziges Kind unserer Mutter und Sippe übrig.“


Zuerst machte sich Protest in ihrem Gesicht breit, dann schlug sie die grauen Augen nieder.


„Ich werde zurückkehren“, sagte Simund.


„Ich bin nicht so weit gereist, um jetzt aufzugeben“, sagte Piasus. „Hier geht es um mehr als um den Zwist zwischen zwei Städten.“


„Mich brauchst du erst gar nicht zu fragen“, sagte Hedda.


„Und mich auch nicht“, sagte Barutz. „Selbst wenn ihr kneifen würdet, würde ich mich in die Stadt schleichen. Meine Bezahlung und mein Seelenheil hängt von dem Leben dieses Tiuz ab.“


Dann schaute Simund zu Rodried herüber. Er wirkte unsicher. Hatte er es jetzt mit der Angst zu tun bekommen?


Von ihm hätte ich das wirklich nicht erwartet, dachte sich Simund. Rodried hielt seinen fragenden Blick nicht stand und wandte sich ab.


„Rodried?“


Der Angesprochene ging plötzlich auf Simund zu und flüsterte: „Ich traue diesem Daedlus nicht ganz. Kann ich bei Melinde bleiben und sie beschützen? Außerdem: Was ist, wenn euch … wirklich was passiert? Jemand muss sie sicher zurück nach Merow bringen.“


Nein, kein Feigling, dachte er sich. Nicht er. Wenn Rodried sagte, er würde der Gefahr nur fern bleiben, um für Melindes Sicherheit zu sorgen, dann glaubte er ihm das. Vielleicht nicht jedem anderen Mann, doch bei ihm war sie gut aufgehoben.


Simund fasste ihn an die Schultern. „An keinem Ort wäre sie wohl sicherer als an deiner Seite.“


Rodrieds Gesicht hellte sich auf.


„Wollt ihr alles über meinen Kopf hinweg entscheiden?“, empörte sich Melinde.


„Rodried bleibt bei ihr?“, schloss Hedda. „Das ist wohl das Beste. So kann ich mich in Tyon richtig austoben, ohne mir Sorgen um dich machen zu müssen.“


„Dann ist es beschlossene Sache“, sagte Simund. „Mögen die Götter auf unserer Seite sein.“

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