Kapitel 54, Simund

Bevor sie sich ans Deck begaben, holte Piasus den in Stoffen gewickelten Stab des Nekromanten aus seinem Gepäck und gab ihn Daedlus. Er erklärte seinem Herrn in kurzen Worten, dass es sich möglicherweise um ein verwunschenes Artefakt handelte, welches nicht in die falschen Hände geraten durfte. Und für den Fall, ihm würde etwas passieren, Daedlus den Stab dem Tempel von Akleion anvertrauen sollte. Daedlus verstand und sie begaben sich auf Deck.

Dort angekommen bläute Piasus Barutz noch ein, wie die Villa von Paraxus aussah und wie er sie am besten erreichen konnte. Dann stellten sie sich in der Reihenfolge auf, in der sie vorhatten, das Boot zu besteigen. Denn sie hatten einen Plan gefasst.

Piasus begab sich zuerst auf das Boot, gleich gefolgt von Hedda.

Als Hedda den ersten Fuß auf das Boot setzte, brachte sie es mit ihrer Kraft und einem ordentlichen Tritt zum Schwanken.

„Pass doch auf, Weib!“, schimpfte Piasus sofort. „Du Trampel wirfst uns noch alle ins Wasser! Deine tölpelhafte Riesenkraft hätte beinahe das Boot zum Kentern gebracht!“

Und nun lag es an Hedda, ihr schauspielerisches Talent unter Beweis zu stellen. „T-trampel?“ Sie öffnete den Mund weit und stemmte die Arme in die Hüfte. Vielleicht etwas zu übertrieben, aber es erfüllte seinen Zweck: Der Bote und die Ruderer schauten nur auf die beiden. Dabei war es ganz egal, ob sie ihnen die Scharade abnahmen oder nicht. „Sei froh, dass ich überhaupt mitkomme, um deinen wertlosen Arsch zu retten, was unweigerlich nötig sein wird.“

Simund beugte sich zu Barutz, der sich hinter der Reling versteckte: „Seht so aus, als wäre das deine Chance.“

Der Bote versuchte versuchte gerade, die beiden Streithähne zu beruhigen. „Lasst das Gezeter, wir sollten den König nicht länger warten lassen. Nur ihr beiden oder kommt da noch wer mit?“

„Wir warten noch auf den guten Simund“, antwortete Piasus. „Simund?! Komm endlich!“

„Gleich!“

Und dann wandte er sich ab, um den Eindruck zu erwecken, als würde er noch mit jemanden etwas besprechen müssen. Vor ihm stand Daedlus, hinter ihm Melinde und Rodried, die sich mit sorgenvoller Miene verabschiedeten. Währenddessen kletterte der Zwerg die Leiter so leise wie möglich herunter, während auf dem Boot Piasus und Hedda wieder zu streiten begannen. Schließlich nickte Daedlus und signalisierte ihm somit, dass Barutz sich auf das Boot geschlichen hatte. Simund warf seiner Schwester und Rodried noch einen letzten, ernsten Blick zu und begab sich dann ebenfalls aufs Boot. Wenn alles geklappt hatte, hatten Piasus und Hedda die ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen und die Männer aus Tyon glaubten, sie wären nur zu dritt. Im Schutze der Dunkelheit und von seinen Gefährten abgeschirmt würde Barutz als unbekannter Passagier auf dem Boot mitfahren und sich im Hafen angekommen davon machen. Aber so vieles an dieser Aktion hing vom Glück ab und Simund konnte nur still in sich hinein beten.

Oh Cherus, behüte uns.

Das Boot ruderte in Stille auf die Stadt zu. Weder der Bote noch die zuvor so streitlustigen Piasus und Hedda sprachen ein Wort. Barutz saß hinter Simund und versuchte sich so klein wie möglich zu machen. Zwischen seinen Beinen hing die Armbrust. Ohne sie wollte er das Schiff nicht verlassen.

Am Hafen erwartete sie ein ganzer Trupp an Soldaten. Mit Schilden, die fast ihren ganzen Körper verdeckten, und langen Speeren standen sie um das Hafenbecken herum. Jetzt kam es auf Barutz an. Der musste sich unbemerkt davon machen oder es wenigstens schaffen, sich im Boot zu verstecken, bis die Luft rein war. Zum Glück hatten die Soldaten kaum Licht mitgebracht, der Hafenbereich war fast vollkommen in Dunkelheit gehüllt. Sie stiegen vom Boot, alle Blicke ruhten auf ihnen.

Ein Soldat trat hervor, dessen bronzener Panzer einem muskulösem Oberkörper nachgeahmt war. „Nur drei?“, fragte er.

„Wir drei sollten genug sein“, erwiderte Piasus.

„Es sind nur drei auf das Boot gestiegen“, sagte der Bote. „Mehr wollten wohl nicht kommen.“

Währenddessen tuschelten die Ruderer miteinander. Einer von ihnen wagte sich langsam an den Boten heran und begann zögerlich: „Ähm … mein Herr, waren es nicht vier?“

„Vier, sagst du? Aber es sind nur drei ins Boot gestiegen. Oder wart ihr zu viert?“

Piasus entschuldigte sich kopfschüttelnd. „Nur wir, die wir hier stehen, sind mitgekommen.“

„Mein Herr“, sprach wieder der Ruderer, „nicht nur ich denke, da war eine vierte Person ins Boot gestiegen. Auch die anderen Ruderer glauben, da stieg noch jemand die Leiter herunter.“

Piasus zuckte mit den Schultern. „Wollt ihr uns Angst einjagen und behaupten, wir werden von einem Gespenst verfolgt? Wir hätten es ja mitbekommen, wenn sich hinter uns jemand auf das Boot geschlichen hätte. So ein Unsinn“, meinte er zum Boten. „Könnt Ihr Eurem Gesindel nicht sagen, dass es aufhören soll, uns mit ihren Hirngespinsten zu belästigen?“

Und tatsächlich scheuchte der Bote den Ruderer fort. Doch Simund konnte unter dem Helm des Soldaten erkennen, wie sich seine Augen argwöhnisch zu Schlitzen verengten.

„Lasst uns gehen“, sagte der Bote. „Der König wartet bereits zu lange.“

Sie machten sich auf den Weg, wobei rund die Hälfte der Soldaten ihnen folgte, der Rest bewachte weiterhin den Kai. Sie führten die drei durch die ungewohnt ruhigen Straßen von Tyon. Sie waren nicht nur wegen der hereinbrechenden Nacht ruhig, die Straßen wirkten wie verlassen. Trotzdem glaubte Simund immer wieder, Augenpaare vorsichtig aus den Häusern spähen zu sehen oder irgendwo eine Tür hastig zuschlagen zu hören. Dann bot sich ihm ein Anblick, der ihm einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ: Hoch oben an einem Mast hingen gleich mehrere Männer an Stricken.

„Wieso macht ihr das?“, fragte Hedda.

Piasus gebot ihr mit einer Geste still zu sein, doch es war zu spät.

„Sie haben sich gegen unseren König aufgelehnt“, entgegnete der Bote ungerührt. „Anstatt zum König und zum Volk von Tyon während dieser Belagerung zu halten, wurden sie aufmüpfig. Sie wurden erhängt, damit wir in der Krise geschlossen stehen.“

Schließlich kamen sie an einem großen, offenen Platz an, der Simund an die Märkte der anderen Städte erinnerte. Nur fehlte es diesmal an den lebhaften Menschen, den Ständen und Waren. Ganz verlassen war der Platz nicht, auf einem hölzernen Podest warteten einige prächtig gekleidete Personen, gerüstete Soldaten und die Gestalt, die Simund sogleich als Paraxus erkannte. Der König saß auf einem Thron, neben sich ein Teller mit Speisen. Er trank ausgiebig aus einer Karaffe, ein Rinnsal Wein sammelte sich in seinem Bart. Auf dem Kopf trug er einen golden schimmernden Helm mit Hörnern, sein Oberkörper war mit einem dicken Panzer bewährt und an seinem Thron lehnte ein langer Speer und ein breiter Schild.

Paraxus wischte sich den Mund ab und nahm die angekommene Gruppe in Augenschein. Seine Augen funkelten belustigt unter dem Helm hervor. „Ich hatte mehr erwartet. Ein Jüngling, eine Frau und …“

„Das ist er!“, rief jemand aufgebracht. „Das ist der Mann, der mich auf das falsche Schiff gesetzt und sich für mich ausgegeben hatte!“

Piasus zuckte zusammen.

„Thodius!“, rief Paraxus und lachte mit voller Stimme auf. „Komm! Dein Freund ist hier!“

Simund konnte Piasus dabei zusehen, wie er immer bleicher wurde. „Thodius?“, fragte er. „War das nicht der Philosoph, dessen Identität du angenommen hattest?“

„Richtig“, antwortete Piasus. „Ich hätte wohl nicht herkommen dürfen. Das war eine schlechte Idee.“

Ein älterer Mann mit langem Bart, leicht gebückter Haltung und kahlem Kopf trat heran und schaute sich Piasus genauer an.

„Das ist der richtige Thodius“, sagte Paraxus, „der wahre Philosoph der Freude, den du Niederträchtiger betrunken gemacht und dann eingeschifft wurde! Was ist? Willst du dich denn nicht verantworten?“

Piasus öffnete den Mund und wollte wohl etwas zu seiner Verteidigung sagen. Da sprang Thodius, für sein ältliches Aussehen überraschend behände, von der Plattform. Er griff sich Piasus‘ Hände und schüttelte sie ordentlich.

„Oh danke dafür, dass Ihr mich auf das Schiff nach Kornis gesetzt hattet! Ich hatte eine wundervolle Zeit in dieser Stadt, die ich sonst nicht besucht hätte! Der Erste von Kornis wusste, wie man einen Philosophen der Freude empfing und veranstaltete viele Feste zu meinen Ehren. Und der Wein! Wenn Ihr jemals nach Kornis reisen solltet, dann sagt mir nur Bescheid, ich komme gerne wieder mit! Glaubt mir, wenn ich an Eurer Seite bin, stehen Euch alle Türen in Kornis offen!“

Dann rückte er näher an den perplexen Piasus heran und flüsterte, so dass Simund es gerade noch hören konnte: „Um ehrlich zu sein, es wird mir langsam etwas zu dröge hier. Ihr wisst, der Belagerungszustand. Nicht gerade eines fröhlichen Gemütes förderlich. Solltet Ihr vorhaben, aus dieser Stadt zu verschwinden …“, nun noch leiser, „würdet Ihr mich mitnehmen?“

„Genug!“, polterte Paraxus. „Ihr habt bestimmt einige Fragen.“

Mit gebeugten Kopf begab sich Thodius wieder an Paraxus‘ Seite.

„Hat Euch das Orakel gesagt, wir würden kommen?“, fragte Piasus.

„Das Orakel hat mir den Tag genannt, an dem ihr kommen würdet. Aber von eurem Vorhaben wusste ich bereits, nachdem wir den Zwerg gefoltert hatten.“

„Was habt Ihr?!“

„Ihr habt schon richtig gehört“, erwiderte Paraxus und nahm noch einen Schluck aus der Karaffe. „Einer der Anwesenden hatte nämlich euer Gespräch mitbekommen, sich aber in der Nacht nicht getraut, aufzustehen und mir Bescheid zu sagen, weil er fürchtete, selber gemeuchelt zu werden. Am nächsten Tag haben wir den Zwerg nur verprügelt und nicht viel herausbekommen. Das plötzliche Verschwinden vom angeblichen Philosophen hatte trotzdem ein paar Fragen aufgeworfen. Als dann der tatsächliche Thodius endlich hier ankam und davon berichtete, was ihm zugestoßen war, erhärtete sich der Verdacht. Die Härte der Folter wurde dementsprechend angepasst.“ Dabei lächelte Paraxus dreckig. „Ihm ein Bein zu nehmen, war da nur angebracht, um seine etwaige Flucht noch schwerer zu gestalten.“

Er hat ihm ein Bein genommen?!, erboste sich Simund in Gedanken. Dieses Monster!

„Und was ist mit dem Orakel?“, fragte Piasus. Er hielt sich zurück, doch sein Blick sprühte Funken.

Paraxus winkte hinter sich. Zwei Soldaten traten heran, Ketten in den Händen. Langsam schlurfte das Mädchen ihnen hinter her, mit halb geöffneten Augen, als wäre sie kaum anwesend oder ganz verschlafen. Paraxus nahm eine der Ketten in die Hand und zerrte sie mit einem Ruck zu sich.

„Das ehemalige Orakel von Akleion“, sprach er. „Wie ihr sehen könnt, geht es ihr gut. Noch alles dran. Also …“ Er ließ die Kette los und beugte sich nach vorne. „Lasst uns verhandeln.“

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