Kapitel 55, Barutz

Es fühlte sich falsch an. Nicht die Tatsache, dass er durch die Stadt schlich, sondern wie sich das Schleichen anfühlte. Es musste an diesen Häusern liegen, an dieser unnatürlichen Umgebung, welche eine Stadt darstellte. Er befand sich eben nicht mehr im Höhlenreich der Zwerge, schlich nicht durch seine tiefen Schatten und fühlte auch keinen unbehauenen Stein. Seine Hände fühlten Putz und Lehm und der Mond leuchtete fast jeden Winkel aus. Dazu kam noch, dass sich alles hier oben anders anhörte als im Höhlenreich. Etliche Winkel, künstlich geschaffene Wände, die geradlinigen Straßen; all das verfremdete den Ton auf eine Weise, die er aus seiner Heimat nicht gewöhnt war.

Kurzum: Es gefiel Barutz gar nicht, durch diese Stadt zu schleichen. Er glaubte, nicht so sehr in die Dunkelheit abzutauchen, wie er sich sonst rühmen würde und auf sein Gehör war auch nicht so sehr Verlass wie in den Tunneln und Gängen der Unterwelt.

Wenigstens weit zu sehen, dazu waren seine Augen in dieser Dunkelheit noch fähig. Gleichzeitig war der Mond genauso bereitwillig, auf ihn zu deuten und den Zwerg vor aller Augen kenntlich zu machen, sollte er sich zu sehr vorwagen. Vorsichtig lugte er um die Ecke, aus einer Gasse heraus, welche vor dem Mondenschein sicher war und vergewisserte sich, dass sich auch niemand auf den nächtlichen Straßen von Tyon befand. In der Tat wirkte die Stadt wie ausgestorben. Dabei konnte Barutz dumpf spüren, dass die Häuser durchaus bewohnt waren, die meisten jedenfalls. Immer wieder drangen verhaltene Stimmen zu ihm, er hörte die Menschen sich bewegen und Dinge tun, die wohl mit einem menschlichen Haushalt zusammenhingen.

Barutz fluchte leise in sich hinein und schlich über die Straße, bis er in die nächste Gasse gelangte.

Müsste ich nicht bald diese Villa von Paraxus sehen?, fragte er sich, während sein Herz heftig schlug. Er lauschte für einen Moment, ob er beim Überqueren der Straße irgendwelche Aufmerksamkeit erregt hatte. Nichts, die Stadt war still.

Bin ich zu vorsichtig? Ich hätte gedacht, die Menschen würden an der Oberfläche wesentlich besser sehen und hören. Nein! Man kann nie vorsichtig genug sein. Ich habe nicht viel, um mich zu verteidigen.

Sein Blick glitt auf seine gespannte Armbrust herab. Sein Daumen hielt dort einen Pfeil fest, damit sie immer schussbereit war.

Barutz blickte wieder um die Ecke und glaubte dieses Mal, die Villa von Paraxus auf einem kleinen Hügel erspähen zu können. Jedenfalls glich sie dem, was Piasus ihm beschrieben hatte.

Nicht mehr weit, Barutz. Jetzt nur keine dummen Fehler machen.

————————————–

Die Villa war von einer Mauer umgeben. Jedenfalls glaubte er, sie umschloss das ganze Anwesen, nachdem er eine Weile in sie hineingefühlt hatte. Nur einen Eingang gab es. Barutz schaute die Mauer empor; er besaß nichts, mit dem er sie hätte erklimmen können.

Der Meister Svorgir kann das bestimmt. Der kann irgendeinen Trick, um da ganz einfach durchzumarschieren. Oder nicht? Ich habe ihn noch nie durch die Wände gehen sehen. Vielleicht, weil er es mir verheimliche wollte …

Barutz schweifte in Gedanken ab. Jetzt aber galt es, sich auf den Auftrag zu konzentrieren. Er bewegte sich an der Mauer entlang in die Richtung, in der er den einzigen Eingang vermutete.

Mit Freude stellte er fest, dass der Eingang zur Villa einfach nur eine breite Öffnung innerhalb der Mauer darstellte. Er konnte kein eisernes Gitter, kein dickes Tor oder sonst ein Hindernis feststellen, welches ihm den Weg versperrte. Bis auf die eine Wache. Die Mauer stand hier für Barutz günstig und warf einen Schatten, den das Mondlicht nicht erhellen konnte. Die Wache schaute einmal direkt in seine Richtung, sah den Zwerg aber nicht. Dadurch konnte sich Barutz langsam und mit Bedacht heranschleichen.

Er war nahe genug, die Öffnung der Rüstung am Hals genau zu erkennen und legte die Armbrust an. Barutz hatte es weder auf ein Morden abgesehen, noch hasste er die Menschen. Aber diese Person war ihm einfach im Weg und würde erst recht dann zu einem Problem werden, wenn er mit diesem Tiuz vom Anwesen fliehen würde.

Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, betätigte er den Abzug und der Pfeil sauste auf die Wache zu. Ein Treffer direkt in den Hals, der kurze Schrei ging in ein Gurgeln über und die Wache fiel zu Boden.

Barutz begab sich zu ihr, schaute sich um und horchte. Niemand schien den Angriff bemerkt zu haben. Eine Blutlache bildete sich um den Hals des Mannes, er ihn mit erschrockenen Augen ansah.

Schau mich nicht so an …

Er packte die Wache an der Rüstung, zog sie um die Mauer herum und in das Anwesen hinein. Ein Busch hinter der Mauer sollte ausreichen. Als er den Mann hinter das Gebüsch gezogen hatte, warf er noch einen letzten Blick auf ihn. Die Augen der Wache blickten leer und glasig. Er war wohl endlich tot.

Kurz überlegte Barutz, ob die Menschen bei Toten irgendwelche Worte sprachen oder etwas bestimmtes taten. Doch ihm fiel nichts ein. Spätestens bei Tagesanbruch würde man den Leichnam finden. Und dann sollte Barutz auch schon verschwunden sein.

Er begutachtete die Villa, sie schien von außen nicht weiter bewacht zu sein. Wahrscheinlich wurden die Soldaten anderswo gebraucht. Er schaute zu dem einladend offenen Eingang und kam zu dem Schluss: Ungenügend. Diese Vorsichtsmaßnahmen waren absolut ungenügend. Ein gewiefter Zwerg wie er könnte hier Reibach machen, so fahrlässig schützten die Menschen ihre Behausungen.

Er legte einen neuen Pfeil auf die Armbrust und ging durch einen Garten. Als er in einen von Säulen getragenen Rundgang trat, fühlte er sich sogleich um einiges wohler. Der Zwerg schlich sich von Säule zu Säule und kam dem Eingang zur Villa immer näher.

Endlich eine Tür, dachte er sich und hätte sich fast schon gefreut, das Schloss der Tür knacken zu müssen. Das hätte bedeutet, dass die Menschen wenigstens wussten, wie man eine Tür verschloss. Doch sie war schlicht offen.

Verlässt dieser Paraxus sich wirklich so sehr auf diese einzelne Wache vor dem Gebäude?

Er trat in eine kleine Vorhalle, die den Blick auf einen größeren Raum freigab. Dann spürte er, wie sich etwas in dem Gebäude bewegte. Ganz eindeutig Menschenfüße und nicht nur ein paar. Es gab keinen Grund, unvorsichtig zu werden. Doch zu seinem Glück war das ganze Gebäude aus Marmor gefertigt. Bestimmt um einiges kostspieliger für diesen Menschen als die Lehmhäuser der Normalbevölkerung. Doch sollte dieser Protz dem König von Tyon teuer zu stehen kommen. Hier fühlte Barutz sich wesentlich wohler als draußen auf der Straße.

Barutz rief sich die Beschreibung des Anwesens in Erinnerung, welche Piasus ihm zuvor eingetrichtert hatte, und machte sich auf den Weg. Auch dieser Ort war von Menschenhand geschaffen, der Stein in unnatürliche Formen gehauen, doch fiel es dem Zwerg wesentlich leichter, eins mit Stein und Schatten zu werden. Sein Weg führte ihn durch mehrere größere und kleinere Räume, vorbei an den nichtsahnenden Wachen. Die Dunkelheit war sein Verbündeter, viel zu wenig Mondlicht fiel in Paraxus‘ Räumlichkeiten, um ihn vor den Augen der Menschen sichtbar zu machen. So brauchte Barutz sich nur darauf zu konzentrieren, sich bedächtig und leise fortzubewegen, während er seine Armbrust ständig bereithielt.

Dann hörte er etwas, er war auf dem richtigen Weg: Ein tiefes, sonores Singen. Barutz folgte der Stimme und stand schließlich vor einer eisernen Tür, aus der der volltönige Gesang drang. Unzweifelhaft die Stimme von Tiuz. Er sang in der Sprache der Zwerge, ein heiliges Lied über die Schönheit der Berge.

Barutz befühlte die Tür: Eisen, keinen Finger dick. Nicht von Zwergenhand geschmiedet. Er fasste das Schloss an, es bestand aus Bronze. Es sollte ihm also keine Probleme bereiten. Bislang lief alles so, wie er gehofft hatte. Bis auf den einen Toten im Gebüsch.

Barutz klopfte sanft an die Tür und der Gesang stoppte.

„Wer ist da?“, fragte Tiuz.

„Du bist der Ringschmied Tiuz, richtig?“

„Wer will das wissen? Ich kenne deine Stimme nicht, du bist keiner der Bediensteten des Königs.“

„Barutz, Sohn der Thonndre und Schüler des Svorgir. Der Tag ist gekommen, an dem du deine Freiheit wiedererlangen wirst, so wie es in dem Vertrag festgehalten wurde.“

Er hörte Ketten rascheln, Tiuz trat auf die Tür zu. „Dieser Mensch hat sein Wort gehalten? Du bist gekommen, um mich zu befreien? Ha! Der Tag ist wahrhaftig gekommen und ich weiß nicht, was ich sagen soll! Aber was ist mit der Belagerung? Wurde sie aufgegeben?“

„Nein, die Lage ist in der Tat komplizierter. Aber warte, ich mache mich mal an diesem Schloss zu schaffen …“

Barutz kramte sein Werkzeug hervor, presste sein Ohr an das Schloss und führte den Dietrich ein. Nach einigen Versuchen waren die korrekten Stifte gefunden, das Schloss gab nach. Barutz öffnete die Tür und auf der anderen Seite erschien Tiuz, der Ringschmied, mit gleich zwei Ketten an beiden Beinen gefesselt. Das schien den Zwerg im Moment nicht zu stören, denn er grinste von einer Backe bis zur anderen.

„Ich kann es immer noch nicht fassen“, sprach Tiuz. „Ich dachte schon, diese Belagerung würde mein Ende sein. Oder ich müsste darauf warten, dass diese Menschen von Akleion ihre Ärsche von den Schiffen bewegen und sich Paraxus persönlich entledigen.“

Barutz deutete auf die Ketten. „Was machen wir deswegen?“

Tiuz warf den Kopf in den Nacken. „Ha! Die sind direkt an den Ofen geschmiedet, um mich daran zu erinnern, wo mein Platz ist. Die Folter, das war die wirkliche Bestrafung. Mit deiner Hilfe sind wir sie schnell los.“

<- Kapitel 54

Kapitel 56 ->

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.