Kapitel 56, Barutz

Tiuz sang wieder, als sie gemeinsam mit Hammer und Meißel die Ketten bearbeiteten. Sein Lied handelte diesmal von der Schönheit der unterirdischen Seen, ihrem klaren Wasser und dem Leben, das sie spendeten. Der Ringschmied versicherte ihm noch zuvor, die Wachen würden annehmen, er würde nur seiner Arbeit nachgehen. Sie zerschlugen die Glieder nahe an den Füßen und machte sich dann bereit, aus der Villa zu fliehen. Tiuz nahm sich eines der Kurzschwerter aus einem Waffenständer und überreichte ihm ebenfalls eines.

„Nur die Armbrust, eh? Wir sollten uns besser ausrüsten.“

„Die Armbrust ist alles, was ich brauche“, erwiderte Barutz. „Aber eigentlich kann es nicht schaden, auch eine Klinge bei sich zu haben.“

Er nahm das Kurzschwert und verwahrte es an seinem Gürtel. Tiuz nickte und ging dann wieder zum Waffenständer zurück. Diesmal holte er eine breite und längere Klinge hervor.

„Wir haben nicht ewig Zeit“, mahnte Barutz.

„Ich habe mir viel Mühe mit diesem Schwert gegeben. Eigentlich sollte es mal einem von Paraxus‘ Befehlshabern gehören, aber daraus wird jetzt nichts mehr. Wenn es nach mir ginge, würde ich alles hier mitnehmen, selbst wenn ich nicht in jedes Stück all mein Herzblut gesteckt habe. Man kann das Metall wenigstens einschmelzen.“

„Wir müssen versuchen, so leise wie möglich zu sein. Oder willst du dich durch das ganze Gebäude kämpfen?“

„Hier dürften sowieso nicht mehr viele Wachen drin sein. Ein paar von denen haben mich bestimmt auch gefoltert, die haben eine Abreibung verdient.“

Barutz schaute sich Tiuz genauer an. Er schien soweit keine schweren Verletzungen aufzuweisen. Doch sah eines seiner Augen tatsächlich so aus, als wäre es vor geraumer Zeit geschwollen gewesen und die Nase war verdächtig schief.

„Du kannst laufen?“, fragte Barutz.

„Gewiss.“

„Kannst du auch schleichen?“

Auf diese Frage antwortete Tiuz mit Schweigen.

„Denn ich habe bei unserer altehrwürdigen Sprache geschworen, dass ich dich zurück zu deiner Familie bringe. Und das kann ich am besten, wenn wir das auf meine Art und Weise erledigen. Das bedeutet: Wir schleichen uns auf demselben Weg hinaus, auf dem ich hierher gelangt bin und versuchen dabei so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Ich will dir ja keine Vorschriften machen …“

„Nein, ich habe verstanden“, sagte Tiuz mit einem ernsten Blick. „Du willst nur deine Aufgabe erledigen. Und das ist dein Metier. Bis wir aus der Stadt raus sind, werde ich deinen Anweisungen folgen.“

Barutz musste sich ein stolzes Lächeln verkneifen, solche Worte hörte er nur zu gerne. Aber jetzt galt es, sich zu konzentrieren und es heil aus dem Anwesen von Paraxus zu schaffen.

————————————–

Barutz ging voraus und spähte nach den Wachen. Tiuz gab sich alle Mühe, genauso durch den Schatten zu schleichen wie er, doch reichten die Fähigkeiten des Ringschmiedes bei weitem nicht dazu aus, sich beinahe unsichtbar zu machen. Zum Glück verharrten die Wachen nicht zu lange in einem Raum, stattdessen machten sie ihre Rundgänge. Dann winkte Barutz den Ringschmied zu sich und schließlich erreichten sie so den Ausgang des Anwesens. Der Garten war noch immer friedlich und leer, niemand hatte den Toten hinter dem Gebüsch bemerkt. Tiuz sah die Blutlache auf dem Boden und schwieg dazu.

Als sie die andere Seite der Mauer erreichten, holten sie kurz Luft. Tiuz lächelte zufrieden. Barutz deutete auf die Wohnhäuser, ohne ein Wort zu sagen. Sein Ziel war es, eine der Gassen zu erreichen und sich dann zu bereden. Im Schutze der Dunkelheit bahnten sie sich ihren Weg.

Dort angekommen bedeutete Barutz dem Ringschmied, leise zu sprechen.

„Was jetzt?“, fragte Tiuz. „Wie kommen wir aus der Stadt?“

„Das wollte ich dich gerade fragen. Du kennst dich hier besser aus, oder? Gibt es einen unterirdischen Weg oder müssen wir uns durch eines der Tore stehlen?“

„Die Tore werden besser bewacht als das Anwesen von Paraxus. Es herrscht schließlich Krieg und die Stadt erwartet ein feindliches Heer. Außerdem sind die Tore verschlossen, Nachts sowieso. Es ist nicht unmöglich, ich konnte mir die Mauern von weitem etwas genauer ansehen. Von innen ist es gewiss möglich, auf die Mauer zu kommen. Doch von dort hinunter … kann ich nicht sagen. Hast du zufällig etwas zum Klettern mit?“

Barutz breitete die Arme aus. „Nur das, was du vor dir siehst. Klettern dürfte keine Option sein. Was sonst?“

Tiuz schüttelte mit dem Kopf. „Sonst fällt mir nichts anderes ein. Vielleicht über das Wasser?“

Barutz nickte. „Das wäre eine Möglichkeit, wobei auch der Hafen bewacht wird. Wenn wir mit einem Boot dort hinaus rudern, fällt es sofort auf. Und ich glaube nicht, dass wir schnell genug sind, um zur Flotte von Akleion zu gelangen, bevor sie uns erwischen.“

Tiuz verzog das Gesicht. „Also das hättest du schon etwas besser planen sollen. So wird das nichts, mein Guter. Du willst doch bestimmt eine Belohnung, oder? Dann strenge dich mal etwas besser an! Ich bin nicht der Ausbruchsexperte.“

Barutz grummelte ein paar unverständliche Worte, was der Ringschmied mit einer hochgezogenen Augenbraue beantwortete. „Die Menschen“, sagte er schließlich. „Die drei Menschen, mit denen ich hierher gekommen bin, sind auch in der Stadt. Vielleicht sollten wir schauen, was die gerade machen und es ergibt sich dann eine Möglichkeit.“

„Piasus ist auch darunter, richtig? Ja, es würde mich freuen, diesem Kerl meine Dankbarkeit zu bekunden. Jedoch glaube ich nicht, dass sie beim König gut aufgehoben sind. Oder ob sie jemals die Stadt verlassen werden.“

„Wovon sprichst du?“

Tiuz senkte den Kopf. „Ich hatte keine andere Wahl, als ihnen alles zu erzählen. Paraxus drohte, mir die Hände abzuschlagen. Mir, einem Schmied! Er hätte mich auch gleich töten können, dann wäre die Schmach nicht so groß. Darum hatte ich ihnen alles erzählt. Viel war es schließlich nicht, ich wusste ja nicht, welchen Plan ihr genau verfolgtet. Dass ein anderer Zwerg mich befreien würde, das hatten sie bestimmt nicht erwartet. Jedenfalls hat Paraxus sich seine Pläne ausgeheckt und einer davon besteht darin, die Befreier gefangenzunehmen, wenn er nicht mit ihnen verhandeln kann.“

„Verhandeln?“, fragte Tiuz.

„Er will versuchen, mit ihnen die Beendigung des Krieges auszuhandeln. Ich komme frei, wenn im Gegenzug Paraxus das Orakel behalten darf.“

„Warte, warte, warte. Du wärst einfach so freigekommen? Wozu bin ich dann überhaupt noch hier?“

„Ha! Ich bin weder ein Mensch noch ein Bürger einer dieser Städte, doch so viel habe ich bereits mitbekommen: Akleion wird dem König niemals das Orakel überlassen. Nein, du tatest schon vollkommen recht daran, mich zu befreien. Außerdem vermute ich, dass Paraxus genau darauf spekuliert, damit er mit ihnen machen kann, was er will. Diese Jagd auf das Orakel hat ihn verrückt gemacht.“

„Sag mir, was hat er mit ihnen vor?“, verlangte Barutz zu wissen. „Sie sind gerade dabei, ihn abzulenken, damit wir dich sicher hier raus bringen können.“

„Dann sollten wir uns damit beeilen, denn ich weiß nicht, wie viel Geduld Paraxus mit ihnen haben wird. Er sieht sie als eine Bedrohung an, aufgrund der Worte des Orakels. Sie hat ihm gekündet, dass irgendwelche Kinder eines Gottes in die Stadt kommen werden, um ihn zu erschlagen. Er wird sie daraufhin prüfen, ob es sich tatsächlich um Halbgötter handelt. Sag, stimmt das? Sind deine menschlichen Gefährten wirklich Halbgötter?“

Barutz fasste sich an die Stirn. „Zwei von ihnen, die sich hier in der Stadt befinden und ein drittes Mädchen bei der Flotte. Verdammt, wir sind tatsächlich in eine Falle getappt. Wir müssen zu ihnen und sie warnen!“

„Und uns damit Paraxus auszuliefern? Barutz, du hast einen Eid in der heiligen Sprache geschworen. Diese Worte sind nun Gesetz und ihnen zuwiderhandeln bedeutet, gegen die kosmische Ordnung zu verstoßen. Du bringst großes Unheil über dich, wenn du nicht erfüllst, was in dieser heiligen Sprache artikuliert wurde.“

„Das weiß ich nur zu gut“, versetzte Barutz. „Mein Meister Svorgir hält mir ständig solche Vorträge. Du glaubst, ich kann meinen Auftrag nicht mehr ausführen, wenn ich ihnen helfe. Doch ich werde einen Weg finden. Ich weiß zwar nicht, was wir tun werden, aber ich lasse sie nicht im Stich.“

„Wieso?“, fragte Tiuz. „Gewiss ist es eine Schande und ich würde lieber meinen Rettern helfen. Besonders diesem Piasus, der die ganze Sache erst ins Rollen gebracht hatte. Aber was können wir tun? Sollen wir uns nicht zuerst um uns Sorgen machen?“

„Ich mag diese Kerle halt. Es sind interessante und achtbare Menschen, die das Abenteuer suchen und auch anziehen. Wären sie nicht, würde ich wahrscheinlich noch immer in Svorgirs Loch versauern.“

„So solltest du nicht von deinem Meister reden …“

„Wolltest du nicht Vergeltung?“, unterbrach ihn Barutz. „Jetzt ist vielleicht deine Chance, dich an allen zu rächen. An dieser Stadt, an Paraxus. Und an Hartried.“

Und da ergrimmten Tiuz‘ Züge. „Hartried sagst du?“

„Oh ja. Diese Gotteskinder haben ebenfalls ihre Gründe, sich mit Hartried anzulegen.“

<- Kapitel 55

Kapitel 57 ->

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail