Kapitel 57, Simund

Simund bemerkte die Menschenmenge, welche sich zögerlich um sie herum sammelte. Die Nachricht über die Ankunft der Fremden hatte sich wohl verbreitet und Schaulustige angelockt.

Das Orakel saß einfach nur da, angekettet und in ein dürftiges Kleid gehüllt, die Arme um die Beine geschlagen. Ihr Blick ging ins Leere, die Worte schienen nicht zu ihr zu dringen.

„Wir behandeln das Orakel gut“, sagte Paraxus und stand auf. Der König ergriff eine der Ketten und zog sie unsanft zu sich heran. „Aber man kann nie vorsichtig genug sein. Wir wissen nur zu gut, dass sie mit den Göttern im Bunde ist. Sonst würde sie kaum diese Begabung haben, nicht wahr? Wir werden ihr ebenfalls ein großes Heiligtum erbauen, noch größer und prächtiger als das von Akleion! Schließlich steht Tyons Blüte bevor und diese Stadt wird reicher und mächtiger werden als je zuvor!“

„Wovon sprecht Ihr …?“, fragte Piasus, wobei er es nicht vermochte, die Wut in seiner Stimme zu verbergen. Das Orakel musste für die Menschen hier ungeheuerlich wichtig gewesen sein. Sogar Piasus, der sich sonst gut im Zaum hatte, schäumte.

„Richtig“, sagte Paraxus und ließ die Kette wieder los. „Ihr kennt noch nicht die andere Hälfte der Geschichte. Aufgrund der Feindschaft unserer Stadtstaaten konnte ich das Orakel nicht persönlich befragen. Stattdessen beauftragte ich einen meiner Vertrauten, sich als einfacher Reisender auszugeben und mit dem Orakel zu sprechen. Da schaut ihr nicht schlecht, ihr Akleioner seid nicht die einzigen, die ihre Spione haben. Ichthyus!“

Ein vornehmer Herr trat heran und nickte dem König zu. „Berichte doch diesen Leuten, was du das Orakel damals gefragt hast.“

„Sehr wohl. Als ich damals das Orakel von Akleion aufsuchte, fragte ich es, was geschehen müsste, damit Tyon zu neuer Größe aufsteigt.“

„Und was hat das Orakel geantwortet?“, fragte Paraxus.

„Das Orakel antwortete mir: Wenn ich Tyon sein werde, dann wird Tyon aufblühen und ein neues Zeitalter wird für die Stadt anbrechen. Es war sehr eindeutig.“

„Da habt ihr es!“ Paraxus lächelte sie triumphierend an. „Keine verschwurbelte, mehrdeutige Rede, über deren Bedeutung man sich Tage den Kopf zerbricht. Keine Spekulationen, sondern eine klare Aussage: Wenn das Orakel hier residiert, wird Tyon aufblühen!“

Paraxus setzte sich zufrieden und begutachtete die drei vor ihm. Simund warf einen Blick auf Piasus. Es war ihm deutlich anzumerken, dass ihm diese Geschichte nicht gefiel, doch er beherrschte sich.

„Das Orakel berichtete mir auch von Kindern eines Gottes aus dem Norden“, sprach Paraxus weiter. Er deutete auf Simund und Hedda. „Ihr seht mir wie Merowa aus, richtig?“

„Ich bin eine Brega“, erwiderte Hedda. „Doch mein Vater war ein Merowa.“

„Wie dem auch sei. Seid ihr diese Kinder eines Gottes? Wie nennt er ihn noch mal? Cherus? Ja, wir haben bereits von ihm gehört. Soll ein mächtiger Krieger gewesen sein, ein wahrer Mann. Also, ist einer von euch sein Kind?“

Hedda trat hervor: „Ich bin ein solches Cherus-Kind. In meinen Adern fließt das Blut eines Gottes und ich bin jederzeit bereit, es zu beweisen.“

Hedda trat hervor: „Ich bin ein solches Cherus-Kind. In meinen Adern fließt das Blut eines Gottes und ich bin jederzeit bereit es zu beweisen.“

„Auch ich …“ und schon stockte Simund, als sich plötzlich alle Blicke auf ihn richteten. Auch Hedda sah ihn scharf an. Vielleicht wollte sie nicht, dass er sich ebenfalls als Gotteskind preisgab. „Auch ich bin ein Cheruskind. Und …“ Da brach er ab. Wie sollte er es beweisen? Hedda hatte ihre ungewöhnliche Kraft, doch was hatte Simund vorzuweisen? An seiner Hüfte baumelte Cherus‘ hölzerne Keule. Für diese Menschen hier war es sicherlich schwer zu glauben, dass sie einst die Waffe eines Gottes gewesen sein sollte.

„Den Schild!“, sprach Hedda plötzlich und zeigte auf einen der Soldaten. „Gib mir den Schild und ich zeige euch, wozu ein Kind des Cherus fähig ist.“

Der Soldat schaute zu Paraxus, welcher ihm mit einem Nicken bedeutete, ihr den Schild zu übergeben. Hedda hielt ihn mit beiden Händen empor – und faltete ihn zusammen. Splitternd gaben das Holz und sogar das Metall nach, verformte und verzog sich. Ein unbrauchbarer Haufen fiel vor den staunenden Augen der Menge zu Boden. Sogar Paraxus nickte anerkennend.

„Ich glaube Euch. Ein normaler Mensch wäre dazu sicherlich nicht in der Lage. Oder nicht?“ Sein Gefolge stimmte ihm wortlos zu. „Dann fragte ihr Euch bestimmt, warum ich Euch herbeordert habe, oder? Ich will mit Euch verhandeln. Ich bin nicht der blutrünstige Tyrann, für den Ihr mich vielleicht haltet Nein, lasst uns versuchen, das Ganze friedlich zu lösen.“

„Wir hören.“

Paraxus lächelte und zeigte auf das Meer hinaus. „Die gesamte Flotte zieht ab. Außerdem dürft ihr drei meine Stadt verlassen, ohne dass euch etwas zustößt. Das Orakel bleibt stattdessen hier. Wenn die Flotte nicht zurückkehrt, dann stirbt sie.“

Das Orakel reagierte nicht auf den letzten Satz. Sie schaute nur verträumt ins Leere.

Piasus schüttelte den Kopf. „Der Erste von Akleion würde dem niemals zustimmen. Die Flotte belagert die Stadt, weil Ihr das Orakel geraubt habt. König von Tyon, ich muss Euch ganz frei sagen, dass Ihr Euch nicht in der Position befindet, solche Abmachungen vorzuschlagen. In Eurer Situation wäre es eigentlich das Klügste, über den Landweg zu fliehen, bevor noch mehr Männer hier erscheinen und die Stadt belagern.“

„Sei still!“, polterte Paraxus. „Meine Streitkräfte sind schon auf dem Weg nach Akleion und werden die Stadt in Schutt und Asche legen, wenn ihr die Seeblockade nicht auflöst! Nein, solange das Orakel hier in Tyon bleibt, werde ich den Sieg davontragen, so wie es mir prophezeit wurde! Ich wollte Euch vorschlagen, diesen Krieg mit so wenig Blutvergießen wie nur möglich zu beenden, aber wie mir scheint, seid Ihr nicht einsichtig.“

„Ich kann, wenn Ihr es wünscht, zurück zu meinem Herrn gehen und ihm diesen Vorschlag überbringen“, sagte Piasus. „Doch ich bin davon überzeugt, dass er dem nie zustimmen wird.“

„Egal, tue das. Wir bringen Euch wohlbehalten zurück zu Eurem Herrn und erwarten dann die Antwort. Aber die zwei Gotteskinder bleiben hier.“

„Wieso das?“, fragte Hedda.

„Das Orakel hatte mir auch prophezeit, dass diese Gotteskinder mir Übles antun wollen. Ich werden Euch deswegen gefangennehmen. Außerdem brauche ich ein Pfand. Du.“ Paraxus zeigte auf Piasus. „Du darfst wieder zurück. Solange werden die beiden hier bleiben.“

„Und wenn ich zurückkehre“, sagte Piasus, „und berichte, dass Daedlus nicht auf Euren Vorschlag eingehen wird?“

„Dann kannst du gleich auf dem Schiff Eures Herrn bleiben. Die beiden sind dennoch meine … Gäste. Solange, bis ich weiß, was ich mit ihnen anstellen werde.“

„Freunde“, sprach Piasus leise zu Simund und Hedda. „Das ist absolut keine gute Idee.“

„Nein, ist es nicht“, erwiderte Hedda.

Simund wollte auch etwas sagen, da bemerkte er, wie das Orakel ihn anstarrte. Wo sie vorhin noch schlaftrunken wirkte und als wäre sie gar nicht anwesend, war ihr Blick nun mit stechender Klarheit erfüllt. Simund war, als wollte sie ihm ohne ein Wort zu sprechen etwas mitteilen.

„Simund?“, fragte Piasus.

„Äh ja?“

Da rief Paraxus dazwischen: „Beredet das nur ruhig zwischen Euch. Ich werde Euch nicht hetzen, wo ich Euch schon hier habe.“

Sie nahmen ein paar Schritte Abstand. Simund fiel wieder die Menschenmenge um sie herum auf. Sie hatte sich noch vermehrt. Viele der Tyoner blickten interessiert oder misstrauisch zu ihnen. Aber bei manchen glaubte Simund auch so etwas wie Hoffnung entdecken zu können. Die Hoffnung, dass ihr Auftreten etwas an ihrer misslichen Lage ändern würde, dass ihre Entscheidung den Krieg und damit die Belagerung beenden würde. Oder vielleicht, dass sie die Stadt von diesem Tyrann befreiten.

„Ich lasse euch nicht hier“, sprach Piasus. „Das ist euer Todesurteil.“

„Und trotzdem sind wir ihm jetzt ausgeliefert“, meinte Hedda. „Ja, wenn wir hier bleiben, ist das bestimmt unser Ende. Aber was sollen wir machen? Uns aus der Stadt hinaus kämpfen?“

„Kannst du das?“, fragte Piasus leise. „Das ist eine ehrliche Frage. Außerdem könnte das Barutz die Ablenkung verschaffen, die er möglicherweise braucht, um mit Tiuz zu fliehen.“

An ihren Fingernägeln kauend schätzte Hedda die Zahl der Soldaten ein. „Ich bin nur eine einzelne Person und genauso verwundbar gegen jegliche Waffen wie jeder normale Mensch … vielleicht wenn ihr mir helft.“

Simund schaute zu Paraxus hinüber und dann zum Orakel. „Piasus?“, fragte er. „Wie treu sind diese Menschen ihrem König ergeben?“

„Was meinst du?“

„Wenn wir Paraxus besiegen könnten, wie würden sich die Menschen verhalten?“

Piasus nickte lächelnd. „Ich verstehe, worauf du hinaus willst. Ich schätze, viele der Adligen sind auf seiner Seite, die hohen Herren da. Bei seinen Soldaten bin ich mir nicht so sicher, aber der Unmut in der einfachen Bevölkerung ist groß. Jedenfalls das letzte Mal, als ich mich hierher geschlichen hatte. Die Belagerung und sein irrationales Verhalten haben ihn bestimmt nicht in ein besseres Licht gerückt. Also, was ist dein Plan? Ihn überfallen? Soll Hedda einfach auf ihn losrennen und ihn in Stücke reißen?“

„Das könnte ich hinkriegen“, sagte Hedda.

„Noch eine Frage, Piasus. Ist es bei deinem Volk üblich, einen Streit mit einem Duell beizulegen?“

Das Lächeln in Piasus erstarb. „Sag mir nicht …“

„Ich will gegen ihn antreten“, erwiderte Simund. „Im Zweikampf.“

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