Kapitel 58, Simund

„Es gibt eine Tradition bei den Merowa“, sprach Cherus, „die mir besonders gefällt. Es ist der Zweikampf. Die Möglichkeit, das Schicksal von Hunderten von Seelen zu entscheiden, nur mit dem gezielten Streich der Waffe. Leben und Tod wiegt schwer auf deinen Schultern. Du kannst ein Blutbad verhindern, indem du dich entscheidest, diese Last auf dich zu nehmen und dich dem stärksten Recken deines Widersachers zu stellen.“

Cherus lächelte Simund an. Sein Vater strahlte Kraft und Gewissheit aus, aber auch eine gefährliche Lust auf den Kampf. So viel verstand Simund als kleiner Junge, selbst damals. In dem Lächeln seines Vaters schlummerte das Verlangen danach, sich den tödlichen Hieben des Feindes entgegenzusetzen und die größten Ungeheuer niederzustrecken. Es war ansteckend. Simund beschloss sogleich, dass er seinem Vater auf jedes Schlachtfeld folgen würde. Das war wenige Tage gewesen, bevor er verschwand, wenige Tage vor der finalen Schlacht gegen den Nekromanten und eine der wenigen Erinnerungen an Cherus, die Simund noch im Gedächtnis hatte.

„In diesem Moment, in diesem Zweikampf, bündeln sich Hoffnungen und Ängste in deinen Arm, in deinen nächsten Streich. Wenn du fällst, jubeln die einen und verzweifeln die anderen. Wenn du siegst, verzagt eine Seite und die andere jauchzt. Du hast es in der Hand.“

***********

Lange hatte sich Simund nicht mehr an diese Worte erinnert. Dort im Wald, allein mit Melinde, gab es keinen Platz für diese Erinnerung, war sie nicht von Bedeutung. Nicht verwunderlich, da Simund mit aller Kraft zu verhindern versuchte, einen Weg einzuschlagen, bei dem diese Erinnerung eine Rolle spielen würde. Doch nun war er hier in Tyon und diese Worte waren wieder von Bedeutung für ihn. Simund spürte, wie Cherus‘ Lächeln noch immer auf ihn wirkte.

„Verdammt, Simund!“, sagte Piasus. „Hör mir zu. Tritt nicht gegen ihn an! Lass das lieber Hedda erledigen. Unterschätze Paraxus nicht, er ist ein starker Krieger und versteht sein Handwerk. Aber es ist eigentlich keine schlechte Idee, wie bist du darauf gekommen? Und wie sieht dein Plan aus?“

„Das Orakel“, sprach Simund. „Es hat mich plötzlich … so merkwürdig angeschaut. Und da ist es mir eingefallen: Sie verkündete, dass wenn sie nach Tyon kommt, die Stadt erblühen würde, richtig? Paraxus kommt in dieser Vorhersage gar nicht vor. Was ist, wenn ihre Entführung genau das hier ins Rollen gebracht hat? Überlegt doch! Wenn diese Belagerung nicht wäre, dann wären wir einfach hierher geschlichen und hätten nur Tiuz befreit. Vielleicht wären wir erfolgreich, die Stadt würde aber noch immer unter diesem Tyrannen leiden. Vielleicht hätten wir versagt und nichts zustande gebracht. Aber so wie es jetzt steht, haben wir es in der Hand. Wenn wir ihm anbieten, dass die Armee da draußen wirklich abzieht, dann wird Paraxus auf das Duell eingehen. Die Entführung, die Belagerung, es trat genau so ein, damit das hier geschehen konnte.“

Piasus hatte ihn nur starr angeschaut. „Also … du kamst auf diese Idee, weil du glaubst, dass dir das Orakel schöne Augen gemacht hat?“

„Mach keine Scherze“, meinte Hedda. „Vielleicht ist etwas dran. Schließlich ist seine Schwester eine Seherin. Simund müsste wissen, wie man so etwas deutet.“

„Es ist nicht unbedingt das“, sagte Simund. „Aber ich bin davon überzeugt. Ein Duell ist die beste Lösung. Also Piasus, ist es bei deinem Volk üblich, solche Dinge mit einem Zweikampf zu lösen?“

Piasus wurde ernster. „Nicht mehr wirklich üblich, aber die Helden von einst haben das durchaus getan. Viele Mykerios würden so etwas wahrscheinlich als veraltet abtun. Paraxus … das könnte ihm tatsächlich gefallen. Aber wieso sollte er darauf eingehen?“

„Wie wäre es, wenn du ihm versicherst, zu deinem Herrn zurückzukehren und abzuziehen, wenn wir verlieren sollten?“

Piasus schüttelte den Kopf. „Darauf wird er nicht eingehen. Daedlus meine ich. Im Gegensatz zu Paraxus ist er nicht jemand, der einen Krieg nur durch einen Zweikampf entscheiden würde.“

„Und wenn er nur so tut?“

Piasus lachte kurz. „Mut gepaart mit List: eine gefährliche Mischung. Das ist also dein Plan? Dann lass Hedda antreten.“

Hedda hob eine Augenbraue. „Nachdem, was ich gerade demonstriert habe? Wird sich Paraxus wirklich jemanden stellen, der einfach so einen Schild mit den bloßen Händen zerstört?“

„Hm … Paraxus ist nicht der hellste, aber möglicherweise nicht, nein. Es wäre wahrscheinlich am ehesten die Gefahr, sich zu blamieren, die ihn abhalten würde.“

„Und deshalb“, erklärte Simund weiter, „muss ich gegen ihn antreten. Wenn wir Hedda als Kontrahenten vorschlagen, wird er irgendetwas unternehmen, um nicht als Feigling dazustehen, aber er wird wahrscheinlich auch nicht kämpfen wollen. Mich schätzt er nicht so stark ein.“

„Und was fordern wir von ihm?“, fragte Piasus. „Was bekommen wir, wenn wir siegen? Das Orakel und dann verschwinden wir?“

„Nein. Paraxus muss gehen. Wir beenden diesen Krieg hier und jetzt.“

Piasus schüttelte abermals den Kopf. „Wie kannst du dir nur so sicher sein, dass du siegen wirst? Klar, damals gegen die Untoten hast du ganz gut gekämpft. Aber Paraxus ist kein tumber Toter.“

„Weil sich alles so gefügt hat, wie es sich fügen sollte. Bitte vertraue mir, Piasus. Ich war mir selten in meinem Leben so sicher.“

***********

So war es beschlossene Sache. Die drei traten vor den König. Alle Blicke ruhten auf ihnen. Er wusste nun, was Cherus mit der Last meinte, von der er damals gesprochen hatte.

„König Paraxus“, begann Piasus. „Wir haben einen Vorschlag. Einer meiner Freunde aus dem Norden will sich Euch zum Duell stellen.“

Paraxus lehnte sich überrascht in seinem Sitz zurück, ein Gemurmel ging durch die Menge und durch sein Gefolge.

„Wenn Ihr gewinnen solltet, dann wird die Flotte von Akleion abziehen und der Krieg ist beendet. Wenn Ihr verlieren solltet, dann verlasst Ihr die Stadt und der Krieg ist ebenfalls beendet.“

Das Gemurmel steigerte sich zu einem Aufschrei. Paraxus erhob sich und unterbrach es mit einer herrischen Geste.

„Und wer von Euch beiden soll gegen mich antreten, hm?“

Simund machte einen unsicheren Schritt nach vorne. „Ich, König Paraxus. Ich werde gegen Euch antreten. Hier auf diesem Platz, noch in dieser Nacht, wenn es Euch lieb ist.“

Paraxus schaute ihn schief an. „Wie hast du dir das vorgestellt, Jüngling? Sollen mir zuvor die Arme verbunden werden? Oder soll man mir die Beine zuschnüren? Womit bist du überhaupt bewaffnet? Ich sehe nur einen Schild.“

„Wir schicken Piasus zurück zur Flotte“, sprach Simund weiter. „Wenn Daedlus einverstanden ist, wird er uns ein Zeichen geben. Und dann können wir mit dem Kampf beginnen.“

War das klug?, fragte sich Simund. Die Zweifel konnte er bis zuletzt nicht ablegen. Einfach alles hängt jetzt von dir ab.

„Wirklich?“, fragte Paraxus. „So einfach ist das? Jedoch sehe ich keinen Grund, Euch zu vertrauen.“

„Vertraut auf das Schicksal“, erwiderte Simund.

Jetzt kommt es drauf an.

„Das Orakel soll Euch geweissagt haben, dass sie Tyon zu neuer Blüte verhelfen soll. Dass wenn sie hier ist, eine strahlende Zukunft für die Stadt anbricht, richtig?“

„Worauf willst du hinaus?“

Einer gegen einen. Wie beim Kampf Cherus gegen Doderried. Damit fing alles an. Als Cherus Doderried mit seiner Keule besiegte und die Stämme vereinte. Nur eine Keule.

„Hat das Orakel Euch erwähnt?“

Stille. Paraxus schaute, als hätte ihn der Blitz getroffen. Das Gefolge wagte nicht, einen Ton von sich zu geben. Die Bewohner der Stadt hielten den Atem an.

„Mir gefällt nicht, was du da sprichst, Jüngling“, knirschte Paraxus.

Einer gegen einen. Das Schicksal einer Stadt wird entschieden durch einen einfachen Zweikampf. Ich habe Angst. Dann lächelte Simund. Sein Stand wurde fester, sein Atem ruhiger und er fühlte sich, als könnte er diese Last tatsächlich schultern. Aber ich habe auch Lust auf dieses Abenteuer. Der Held zu sein. Ich muss diese Chance ergreifen.

„Ich behaupte, die Zukunft von Tyon wird ohne Euch stattfinden, König Paraxus. Ich behaupte, dass ohne Euch ein neues Zeitalter für Tyon anbrechen wird. Ein Zeitalter ohne Belagerung, ohne Schreckensherrschaft, ohne Sklaverei. Das hat das Orakel vorhergesagt und ich bin hier, um dieses Schicksal zu erfüllen. Wenn Ihr anderer Meinung seid, dann erfüllt das Schicksal, welches Ihr für diese Stadt bestimmt habt, selbst und erschlagt mich im fairen Zweikampf!“

Bin ich selbstsüchtig? Mache ich das nur, um der Held zu sein?

„Und um zu beweisen“, fuhr Simund fort, „wie sehr ich an die Zukunft von Tyon ohne Euch glaube, werde ich mit nichts weiter antreten als meinem treuen Schild und dieser hölzernen Keule!“

Simund hob die Keule des Cherus, damit sie alle sehen konnten.

Oder mache ich das hier, weil es richtig ist?

Das Orakel schlurfte an die Seite von Paraxus. Da alle auf die Antwort des Königs warteten, waren ihre schlafwandlerischen Bewegungen die einzigen Geräusche, die auf dem Platz zu vernehmen waren.

„König Paraxus“, säuselte sie. „Ohne dieses Duell hat Tyon keine Zukunft. Sei es mit oder ohne Euch.“

Und damit war es entschieden.

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