Kapitel 59, Simund

Damit begann das Warten. Paraxus wies ein paar Wachen an, Piasus zum Hafen zu begleiten und ihn dort mit einem Schiff zur Flotte zu bringen. Der Gang hinunter zum Hafen und die Fahrt hatte nicht lange gedauert, Simund kam das Warten dennoch wie eine Ewigkeit vor. Immerzu starrte ihn Paraxus an, der wie ein Raubtier blickte, welches eine leichte Beute erspäht hatte. In den Augen der einfachen Bewohner glaubte Simund eine zögerliche Hoffnung zu erkennen.

Ein Horn erscholl vom Goldsee. Das war ein Zeichen. Als Simund den ersten Ton vernahm, wünschte sich ein Teil von ihm, es würde dabei bleiben. Lang und voluminös kündete es davon, dass der Erste von Akleion sein Einverständnis zu diesem Duell nicht gab. Augenblicke vergingen und zogen sich in die Länge. Paraxus‘ Blick verfinsterte sich, wohl enttäuscht darüber, dass er sich der Flotte nicht so einfach entledigen konnte.

Dann erscholl der zweite Ton. Zweimal bedeutete „Ja“, so hatten sie es zuvor ausgemacht.

„Nehmt Aufstellung!“, befahl Paraxus mit einem breiten Grinsen. Seine Soldaten verteilten sich über den Platz und bildeten ein Viereck als ihre Arena.

Gib Acht“, sagte Hedda. „Ich kenne Paraxus nicht. Doch ich habe schon viele gefährliche Männer gesehen und er ist einer von ihnen.“

„Ja“, antwortete Simund nur.

„Er ist etwas größer als du, breiter und vernarbter. Und wahrscheinlich wesentlich stärker.“

„Hmm.“

„Und besser bewaffnet. Im Gegensatz zu dir trägt er einen Panzer, Arm- und Beinschienen sowie einen Helm. Sein Schild ist breiter und sein Speer hat eine größere Reichweite als deine Keule.“

„Du willst darauf hinaus, dass ich keine Chance habe, richtig?“

Hedda nickte und küsste ihm die Stirn. „Du musst so nahe wie möglich an ihn herankommen, damit ihm sein Speer nicht mehr nützt. Und vielleicht ermüdetet er schneller, schließlich ist er nicht mehr so jung. Ich wünsche dir alles Glück. Mögen die Götter dir beistehen.“

Mit diesen Worten entfernte sie sich vom Kampfplatz.

Paraxus stand mehrere Speerlängen von ihm entfernt. Mit einem selbstsicheren Lächeln richtete Paraxus die Spitze auf Simund.

„Können wir beginnen?“, fragte Paraxus und lachte.

„Lass uns beginnen“, erwiderte Simund.

Und der Speer schoss nach vorne. Reflexartig hielt Simund seinen Schild hoch. Mit einem dumpfen Laut prallte die Spitze gegen das Holz. Er senkte den Schild und blickte auf Paraxus, der an derselben Stelle stand und den Speer noch immer derselben Position hielt.

Wie konnte das sein? Sie waren zu weit entfernt, so lang war der Speer nicht und geworfen hatte er ihn auch nicht. Oder war der Speer etwa in der Lage, nach einem Wurf wieder in Paraxus‘ Hände zurückzufliegen? Nein, die Wurfbewegung hätte Simund bemerkt. Aber …

Paraxus machte einen Satz nach vorne und ließ den Speer kreisen. Noch in der Bewegung verlängerte sich der Schafft der Waffe. Simund wehrte den Angriff ab, die Spitze knallte gegen seinen Schild. Dann verkürzt sich der Schafft auf seine ursprünglichen Ausmaße.

Bei Cherus! Simund verstand nun: Zwergenhände hatten diese Waffe geschmiedet. Und er war nicht nur von besonderer Qualität, sondern besaß magische Eigenschaften. Jetzt sah er es: Der Schafft bestand nicht aus Holz, sondern war gänzlich aus einem leicht schimmernden Metall gefertigt. Wie, bei den Göttern, sollte er mit dieser Waffe fertig werden? Und hatte Paraxus noch einen Trick in der Hinterhand?

„Ha ha!“, lachte Paraxus. „Da schaust du nicht schlecht! Wäre doch eine Verschwendung, diesen Zwerg nur Waffen und Rüstungen herstellen zu lassen, die etwas besser sind als die von Menschen! Ich habe diesen Speer persönlich in Auftrag gegeben, damit ich selbst aus der Formation heraus tief in das Herz der feindlichen Schlachtordnung stoßen kann. Dieser Speer ist recht neu, geschmiedet nach den letzten Kriegen, weswegen er noch keine Berühmtheit erlangen konnte. Es fehlt ihm noch an einem Namen, da ich mit ihm noch keine besondere Tat vollbringen konnte. Vielleicht nenne ich ihn, nach diesem Kampf, ‚Götterspieß? Wie klingt das?“

Beruhige dich, dachte sich Simund, anstatt zu antworten. Paraxus‘ Gerede gab ihm etwas Zeit, die Situation genauer beurteilen. Es ist genau dasselbe Problem wie zuvor auch: Seine Reichweite ist höher als meine. Nur ist das Problem größer als gedacht … Es macht keinen Unterschied. Ich muss näher an ihn heran, selbst wenn ich mir dabei ein paar Treffer einfange.

Simund machte sich klein, verbarg seinen Körper so gut wie möglich hinter seinem Schild. Und in Gedanken redete er sich immer wieder ein, dass es letztlich keinen Unterschied machte.

Vorwärts.

Als Simund den ersten Schritt machte, wich das selbstgefällige Grinsen aus Paraxus‘ Gesicht. Der König konzentrierte sich ganz auf seinen Gegner und ließ den Speer auf Simund zuschießen.

Zuvor war Simund überrascht gewesen; diesmal konnte er der Speerspitze folgen und sie gezielter abwehren.

Vorwärts!

Paraxus nahm seinen Schild vom Arm und fasste seinen Speer beidhändig. Simund verstand, was das bedeutete: Der König hatte nun viel mehr Kontrolle und konnte gezielter zustechen.

Sogleich verlängerte sich der Speer erneut, Simund musste seinen Kopf schützen und verlor seinen Gegner aus den Augen. Ein stechender Schmerz im Oberschenkel. Paraxus hatte ihn getroffen. Reflexartig senkte Simund den Schild erneut und da blitzte schon die metallene Spitze. Beinahe hätte sie ihren Namen bekommen; Simund wich noch im letzten Moment aus und schlug daraufhin den überlangen Speer mit der Schildkante fort.

Beim nächsten Schritt musste er die Zähne zusammenbeißen.

Dennoch vorwärts.

Ein scharfer Schmerz, Blut sickerte ihm das Bein hinunter. Simund hatte keine Zeit, die Wunde zu begutachten, er musste unentwegt seinen Kontrahenten im Auge behalten.

Auch wenn es schmerzt.

Unentwegt traf der Speer auf Simunds Schild und prallte wirkungslos ab. Unbeirrt machte Simund einen Schritt nach dem anderen, wich Angriffen aus, die nach Oberschenkeln, Schultern und dem Kopf zielten. Er konzentrierte sich auf Paraxus und dachte an die Keule in seiner Hand, stellte sich vor, wie sie eine tiefe Delle in den Helm des Königs schlagen und ihn mit nur einem Hieb niederstrecken würde.

Der König nahm seinen Schild auf. Simund war seinem Ziel nahe genug gekommen und schöpfte neue Kraft. Er schenkte dem Schmerz im Bein keine weitere Beachtung und machte einen Satz nach vorne, der ihn dicht genug an seinen Gegner brachte.

Paraxus nahm nun auch eine defensive Haltung ein und verbarg den Großteil seines Körpers hinter dem Schild. Er führte seine Waffe über den Kopf. Simund holte mit der Keule aus. Beide schlugen zu.

Simunds Keule verbiss sich am Schild. Paraxus‘ Speer hingegen traf. Es brannte ihm heiß durch die Schulter und Simund stolperte rückwärts.

„Ha!“, rief Paraxus triumphierend aus. „Mein Speer findet auch ohne diese Zwergenmagie ihr Ziel. Sieh es ein, du hast keine Chance!“

„Euer Schild“, keuchte Simund und zeigte auf die Stelle.

Verwundert blickte Paraxus herunter und blickte auf ein Loch, an der Stelle, an der sich die Keule durch den bronzenen Mantel und das Holz dahinter geschlagen hatte.

Simund war zweimal getroffen worden und blutete aus beiden Wunden, doch das war ein kleiner Sieg für ihn. Er konnte nicht sagen, ob es das Werk der göttlichen Keule war oder seine eigene Kraft. Doch Paraxus‘ perplexer Blick war ihm eine Genugtuung.

Simund ließ seine Schultern kreisen. Die Wunde war wohl nur oberflächlich, er konnte sich noch immer gut bewegen. Die kurze Unterbrechung gab ihm etwas Zeit zu verschnaufen. Paraxus hatte sich mittlerweile ein paar Meter entfernt und würde garantiert wieder den Reichweitenvorteil seines Speeres voll ausnutzen. Sei es drum, Simund brauchte diese kurze Pause.

„Schön!“, blaffte Paraxus. „Du hast ein Loch in meinen Schild geschlagen. Was ist der nächste Schritt in deinem Schlachtplan? Da ist noch viel Schild übrig und dann musst du auch noch durch meinen Panzer und an meinen Speer vorbei!“

„Simund!“

Die Stimme rief seinen Namen, doch war sie Simund nicht bekannt. Auch Paraxus und alle anderen auf diesem Platz blickten verwirrt um sich. Dann machte Simund eine kleine Gestalt auf einem Dach aus.

„Sohn des Cherus!“, sprach sie wieder. „Ich habe diesen Speer geschmiedet und kenne sein Geheimnis. Wenn er sich ausdehnt, wird kein neues Metall erschaffen. Dieselbe Menge an Metall streckt sich und das Innere wird hohl.“

„Tiuz!“, brüllte Paraxus. „Was machst du da oben!“

Der Zwerg, den wir befreien sollten!, realisierte Simund. Barutz muss mit seiner Mission Erfolg gehabt haben.

„Fangt ihn ein!“, befahl Paraxus. Ein paar seiner Männer machten sich auf und verschwanden in einer der Straßen aus Simunds Blickfeld. Gleichzeitig schien der Zwerg vom Dach gestiegen zu sein, jedenfalls konnte er ihn nicht mehr sehen. Simund hoffte, dass Barutz gut auf ihn Acht geben würde. Sich so preiszugeben, das war waghalsig.

Plötzlich hörte Simund Waffen scheppern, Schmerzensschreie wurden ausgestoßen und jeder war nur noch verwirrter, was gerade vor sich ging.

Hedda trat aus der Straße hervor, einen der Männer im Schwitzkasten, und stieß ihn unsanft zu Boden.

„Ich glaube, wir bleiben alle hier und beenden das erst einmal.“

„Was?!“, fragte Paraxus außer sich. „Dem Zwerg nach, verdammt, oder ihr hängt morgen früh alle am Strick!“

Widerwillig lösten sich weitere Soldaten. Sie hielten vor Hedda, die sich nur mit verschränkten Armen vor ihnen positionierte. Als der erste einen Angriff mit seinem Schwert wagte, hatte sie bereits seinen Kopf gefasst und den Kerl zu Boden geschleudert. Sie nahm ihm Schwert und Schild ab und machte deutlich, dass diese Straße gesperrt wäre.

Paraxus schnaubte wütend. „Macht Platz da, ich übernehme das!“

„Paraxus!“ Simund spürte die Wunden kaum noch. Vielleicht war sein Körper einfach taub geworden. Was es auch immer war, die kurze Pause tat ihm gut. Und Tiuz hatte ihm einen wertvollen Tipp gegeben. „Ich bin noch immer hier!“ Mit voller Absicht breitete er seine Arme aus und präsentierte seinen offenen, ungeschützten Brustkorb.

„Ich bin noch immer am Leben. Und Euer Speer hat noch immer keinen Namen!“

„Schade!“, erwiderte Paraxus und machte sich zum Angriff bereit.

Simund verharrte in dieser Position, um so angreifbar wie möglich zu wirken.

„Dem werden wir Abhilfe leisten!“

Und die Speerspitze raste auf Simund zu. Alles fügte sich, wie er es geplant hatte.

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