Kapitel 6, Piasus

Das Blut der Götter …“ Das Orakel machte eine Pause, hielt inne und setzte sich dann auf die Bank. „… Wird von den Nordlanden aus in die Länder der Mykerios fließen. Große Häuser der Mykerios werden es in sich tragen und Helden zeugen, deren Taten bis zum Ende der Menschheit besungen werden. Andere Sprösslinge werden ihre Häuser in den Ruin treiben, in einem solchen Ausmaße, wie es nur die Kinder der Götter vermögen.“

Piasus war, musste er sich selbst eingestehen, erstaunt über die Konsequenzen, die sein Plan anscheinend nach sich ziehen würde. Was bei allen Göttern hatte es damit zu tun, Häuser in den Ruin zu treiben, wenn sie jemanden in die Nordlanden schickten? Was hatte das Ganze mit dem Blut der Götter zu tun?

Daedlus“, wandte er sich an den Ersten. „Darf ich mich schlafen legen, bevor wir das diskutieren?“

Daedlus schien ihn nicht zu bemerken, er starrte auf den Vorhang und das regungslos sitzende Orakel. Dann weiteten sich seine Augen und an das Orakel gewandt sprach er: „Du meinst doch nicht …“

Piasus verstand immer weniger. „Sag mir nicht, dass du dir einen Reim daraus machen kannst. Was hat das alles mit dem Blut der Götter zu tun? Wir wollen nur einen Zwerg aus der Knechtschaft des Königs von Tyon befreien, und Tyon von seiner Herrschaft gleich dazu. Wieso muss alles, was dieses Orakel von sich gibt, nur so verworren und undurchsichtig sein?“

Ich habe eine Ahnung“, erwiderte Daedlus. Er klopfte Piasus auf die Schultern. „Mein Freund, indem du mit dem Dolch zu Paraxus gegangen bist, hast du mir und Akleion wahrscheinlich einen großen Dienst erwiesen.“

Wahrscheinlich …“ Piasus verdrehte die Augen. „Kann ich jetzt nach Hause? Ich brauche Ruhe.“

Warte noch, was das Orakel zu sagen hat.“

Was soll es schon zu sagen haben? Wozu brauchst du mich noch? Ich habe getan, was ihr beiden von mir verlangt habt. Jetzt will ich Ruhe. Ich finde schon selbst nach draußen.“

Piasus war gerade dabei, sich umzudrehen und selbst den Ausgang suchen zu gehen, da sprach das Orakel plötzlich mit ungewohnt lebhafter Stimme: „Ist das der Weise mit dem Dolch? Ist er zugegen? Er soll hervortreten.“

Piasus seufzte auf und Daedlus stieß ihn zum Podest. „Na mach schon, du wirst doch wohl noch vor das Orakel treten können.“

Schon gut.“ Was auch immer nötig wäre, um das zu Ende zu bringen. Am liebsten aber hätte er Daedlus die folgenden Gedanken ins Gesicht gesagt: Das Orakel brabbelt meist nur Unsinn und es war bloßer Zufall, dass ich Tiuz dort traf. Keine Ahnung, ob das wirklich zu Paraxus‘ Sturz führen wird. Ich mache das nur, um nicht gegen hochgerüstete tyonische Truppen kämpfen zu müssen und um von den Zwergen in Gold aufgewogen zu werden. Und weil ich wirklich etwas Mitleid mit dem Zwerg habe. Hoffentlich sagt das Orakel irgendetwas, das dem nicht im Wege steht.

Piasus …“, hauchte das Orakel vor dem Vorhang.

Nein“, antwortete er, „der Weise mit dem Dolch. Ich bin, was das Schicksal von mir verlangt zu sein.“ Er verkniff sich eine spöttische Verbeugung.

Du hast den Dolch zu Paraxus getragen.“ Sie trat näher. Er konnte ein Mädchengesicht hinter dem Vorhang erkennen, das ihn mit müden Augen anblickte. „Du wirst den Hirsch zu uns bringen. Gehe du in den Norden, allein. Doch Akleion soll dich nach Kräften unterstützen.“ Dann wandte sich das Orakel ab und legte sich wieder auf die Bank.

Piasus drehte sich zu Daedlus. „Nun …“, begann der Erste von Akleion. „Ich schätze schon, dass du dich einen Tag ausruhen kannst.“

Tue nicht so, als sei das schon beschlossene Sache!“, fuhr Piasus auf.

Bitte, meine Herren!“, meldete sich die Dienerin des Orakels, bestimmter, als Piasus erwartet hatte. „Ihr habt die Worte des Orakels vernommen, es gibt hier drinnen nichts für Sie zu bereden. Bitte setzt Eure Unterhaltung draußen fort!“

Da konnte selbst der Erste der Stadt nicht widersprechen. Er nickte, wandte sich an das Orakel und sprach: „Habt vielen Dank, Akleion und mein Haus in eine bessere Zukunft zu führen.“

Draußen gingen sie um das Heiligtum herum, bis sie glaubten, von lauschenden Ohren weit genug entfernt zu sein. Sogleich fragte Piasus: „Wieso immer ich?“

Dienst du nicht Akleion?“, war Daedlus‘ Gegenfrage.

Ich diene dir. Und ja, du bist der Erste der Stadt. Also habe ich wohl keine andere Wahl. Aber hat es dieses Orakel auf mich abgesehen? Habe ich ihr etwas angetan?“

Das Orakel sieht dein Potential.“

Ach was, ich bin nur ein einfacher Taugenichts, den deine Familie von der Straße aufgelesen hat. Gerade erst noch hielt sie mich für einen Attentäter und jetzt soll ich als was zu den Nordländern gehen? Diplomat? Bote? Und alleine soll ich mich aufmachen. Pah! Akleion ist der nördlichste Punkt, an den ich jemals gereist bin. Ich habe die Kolonien nie verlassen. Dieses Orakel quält mich, dabei will ich nur meine Ruhe haben.“

Piasus.“ Dabei legte Daedlus ihm die Hände auf die Schultern. „Du musst das tun, nicht nur für Akleion, sondern auch für meine Familie. Ich glaube nämlich verstanden zu haben, wovon das Orakel sprach. Das ist sehr wichtig und es geht nicht mehr nur darum, Paraxus aus dem Weg zu räumen.“

Was meinst du?“

Ich werde dir ein Schriftstück mitgeben, das bringst du zum Fürsten von Spatzensturz. Er wird dir helfen, ja, er wird mehr als bereitwillig sein, dir zu helfen. Wenn du das tust, nur allein das, entlasse ich dich für immer aus meinen Diensten und beschenke dich so sehr, dass du für den Rest deines Lebens ausgesorgt hast.“

Verdammt!“, rief Piasus aus. Er riss sich von Daedlus los, ging ein paar Schritte umher. „Verdammt! Verdammt!“ Und mit dem Finger auf Daedlus zeigend: „Lass mich eine Nacht darüber schlafen.“

Piasus hatte nicht gut geschlafen. Er lag im Bett, schaffte es immer wieder die Augen zu schließen. Aber richtig tief und erholsam war er nicht in die Traumwelt hinabgesunken. Sobald er die Möglichkeit bekam, in ein Gasthaus einzukehren, würde er dort die Nacht, dann einen faulen Tag und noch eine Nacht verbringen. Nur um endlich einmal etwas Ruhe zu bekommen. Jedoch war er an diesem Morgen nicht wirklich auf den Beinen und hätte das Versammlungshaus am liebsten wieder verlassen. Einzeln standen die Mitglieder des Rates auf und überbrachten Piasus Dinge, die ihm auf der Reise helfen sollten.

Hier.“ Der Alte enthüllte ihm ein leicht gekrümmtes Kurzschwert mit breiter Klinge. „Beste Arbeit, zuverlässige Bronze. Hält einem die Nordländer vom Hals und haut sogar deren Schilde kaputt. Aber besser drumherum stechen. Ich habe mich schon mit denen gehauen.“ Das Ratsmitglied schob den Mantel beiseite und präsentierte eine Narbe auf der Schulter. „Aber gib Acht, wenn du einen mit Kettenhemd triffst. Die sind nur schwer zu durchstoßen.“

Ich …“ Piasus nahm die Waffe mit beiden Händen entgegen, „das ist sehr großzügig. Aber hoffentlich wird es nie soweit kommen und ich kann jeder Gefahr aus dem Weg gehen.“

Das ist klug, du bist der richtige Mann für diese Reise.“

Damit ging das Ratsmitglied und das nächste trat heran. Piasus schüttelte mit dem Kopf und machte einen Schritt zurück. Der Greis trug einen großen Schild mit dem Wappen der Stadt, einem gehörnten Löwen, nach vorne. „Bitte, das ist wirklich sehr nett. Aber das ist zu schwer für die lange Reise und fällt gleich auf. Ich will versuchen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mich zu ziehen, werde mir die Kleider der Merowa anziehen, ihre Haartracht tragen, mir ihre Sprachweise aneignen, was auch immer nötig ist. Bei einem Feldzug komme ich gerne auf Euch zurück, aber für diese Reise wird mir der Schild mehr schaden als helfen, fürchte ich.“

Dann setzte sich das greise Ratsmitglied wieder hin, stirnrunzelnd, die Arme verschränkt. Was hat er sich nur dabei gedacht?

Er hat recht!“, rief einer aus der hinteren Reihe.

Dann hätte er es annehmen und außerhalb der Stadt wegwerfen sollen!“, sprach das Ratsmitglied beleidigt.

Er wird wissen“, mischte sich Daedlus ein, „was für ihn das Beste ist.“ Daedlus trat nach vorne mit einem kleinen Beutel in der Hand. Piasus hörte das wohlklingende Klimpern von edlem Metall. „Und auch, was er mit diesem Geld anzufangen hat.“ Er drückte es ihm in die Hand. „Das ist von uns allen, jedes Ratsmitglied hat seinen Anteil daran. Du kannst den Rest behalten, wenn du wieder zurückkommst. Erinnere dich aber daran, was ich dir versprochen habe; du wirst auf dieses Geld danach nicht angewiesen sein. Sei ruhig großzügig damit, während du auf Reisen bist, damit du sicher und schnell vorwärtskommst. Sollte es dir knapp werden, wird der Fürst von Spatzensturz dich unterstützen. Du wirst noch das hier benötigen.“

Daedlus gab ihm ein zusammengerolltes Schriftstück. Piasus entrollte es und sah die eckige, kantige und gerade Schrift der Nordländer, die er nicht verstand. „Und wie hilft mir das?“

Der Fürst von Spatzensturz schrieb es selbst. Er sagte mir, dass ich damit zu ihm kommen kann, wenn es darum geht, gemeinsam gegen Hartried vorzugehen. Wir können ihm vertrauen, da bin ich mir sicher. Damit wäre alles gesagt und getan. Nun liegt es ganz bei dir.“

Daedlus umarmte ihn und Piasus war sprachlos. Vor dem ganzen Rat hatte er das nicht erwartet.

Ich weiß“, flüsterte Daedlus, „ich mute dir viel zu. Ob du erfolgreich zurückkehrst oder nicht, ich werde es dir nie vergessen.“ Dann entließ Daedlus ihn. Und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Das Schicksal soll dir beistehen.“

Und so verließ er den Versammlungsraum, noch etwas perplex, beladen und mit der morgendlichen Sonne im Rücken. Auf dem Weg aus der Stadt würde er bestimmt viele Leute grüßen, er war nicht ganz unbeliebt, aber keinem würde er sagen dürfen, wohin seine Reise ging. Mit einem mulmigen Gefühl und wackligen Beinen schritt er die gepflasterte Straße hinab, die er für eine ganze Weile nicht mehr zu Gesicht bekommen würde. Er gelangte auf die Prunkstraße. Auf Sockeln standen die Heroen alter Tage, in Stein verewigt. Sie posierten, stellten ihre vitalen Körper zur Schau, hoben die abgeschlagenen Köpfe von Ungeheuern.

Siehe es mal so, dachte sich Piasus. Das könnte der Stoff für Heldengeschichten sein, die dich auf so einen Sockel stellen.

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