Kapitel 60, Simund

Ich wollte ja unbedingt ein Held sein.

Die Kante seines Schild schlug von unten zu. Die Keule sank von oben herab. Und der Speer von Paraxus war dazwischen, von zwei Seiten attackiert wie eine Armee, die auf beiden Flanken angegriffen wurde. Und wie so ein Angriff eine Armee schnell zerschlagen kann, so barst auch der Speerschaft. Metallsplitter wirbelten durch die Luft und die Spitze sauste knapp an Simunds Kopf vorbei.

Simund fühlte sich, als wäre er zum zweiten Male gestorben. Erneut hatte er dem Tod ins Auge geblickt, doch im Gegensatz zu damals, als er im unterirdischen See ertrunken war, konnte er dem Tod noch gerade so von der Schippe springen.

Paraxus ließ den Speer zurückfahren. In seiner normalen Form war er nun um einiges kürzer und ihm fehlte die gefährliche Speerspitze. Paraxus glotzte auf den Stummel und schmiss die Waffe zu Boden.

„Das ändert nichts!“ Der König zog sein Schwert. „Ich kann mir etliche mehr machen lassen! Und dich nehme ich auch mit einer einfachen Klinge auseinander!“

Simund atmete einmal tief ein und aus. Der König hatte recht, es war noch lange nicht vorbei und er war noch immer ein gefährlicher Gegner. Eigentlich, so dachte Simund sich, begann jetzt der richtige Kampf. Keine Tricks, keine Überraschungen, Schild an Schild, Klinge gegen Keule. Dies war sein erstes, richtiges Duell und wenn er nicht aufpasste, würde schnell alles vorbei sein.

„Sehr wohl“, sprach Simund und machte den ersten Schritt nach vorne.

Paraxus schnaubte verächtlich und tat es ihm gleich.

Sobald sie nahe genug waren, krachten ihre Waffen auf die Schilde des anderen. Simund spürte den Hieb von Paraxus‘ kräftigem Arm bis in die Schulter hinein und zahlte es dem König sogleich mit seiner Keule heim. Schlag um Schlag tauschten sie aus, wehrten sie ab und suchten dabei beständig nach dieser einen, entscheidenden Lücke, nach der einen Blöße, die es ihnen erlaubte, diesen Kampf mit einem Treffer zu beenden.

Sie tanzten um die Abwehr ihres Gegners herum, versuchten ihm in die Seiten zu fallen, über die Schildkante zu schlagen oder eine plötzliche Öffnung auszunutzen. Doch auf beiden Seiten hielt die Verteidigung wie ein Bollwerk. Simund musste feststellen, dass Paraxus‘ ihn als Gegner ernst nahm. Die Überheblichkeit war verschwunden. Der König war zuallererst darauf bedacht, sich selbst zu schützen. Zweifelsohne musste ihm das Loch im Schild den nötigen Respekt eingeflößt haben.

Früher, als Kind, hatte Simund das Training mit Schild und Schwert gehasst. Auch als er mit Cherus persönlich übte, noch als ganz kleiner Bub, waren ihm die Schläge, die Anstrengung, das Hinfallen, das Aufstehen, das ganze Kämpfen ging ihm bald gegen den Strich. Doch nun konnte er sich glücklich schätzen, dass die Bewegungen Simund in Fleisch und Blut übergegangen waren. Und dass dieses Wissen noch immer abrufbar war. Nur dadurch war er jetzt in der Lage, diese Bewegungen auszuführen, bei jedem seiner Angriffe gleichzeitig den Schild in die richtige Position zu bringen, so dass sich seinem Kontrahenten keine Angriffsfläche bot.

Langsam bemerkte Simund, wie ihm die Kraft zu schwinden drohte. Auch wenn die Wunden nicht tödlich waren, so bluteten sie doch unentwegt den ganzen Kampf hindurch. Paraxus hingegen sah nicht so aus, als würde er bald Schlapp machen. Simund wurde klar, dass er den Kampf bald beenden musste.

Das Loch!

Paraxus‘ Schild war Simunds Keule nicht gewachsen. Und tatsächlich stellte es ein wesentlich leichteres Ziel dar als alles, was der König dahinter zu schützen versuchte.

Geschicklichkeit war hier nicht gefragt; Simund konzentrierte sich für den nächsten Schlag ganz auf Paraxus‘ Schild – und die Keule durchbrach den Metallmantel und das Holz dahinter. Nicht nur das, der Keulenkopf blieb stecken. Der König hielt noch immer am Schild fest, wodurch Simund ihn mit einem Ruck beinahe umwerfen konnte.

Jetzt!

Diese Chance sollte nicht ungenutzt bleiben. Simund holte erneut aus. Diesmal präsentierte sich der König wesentlich ungeschützter. Dennoch schaffte es Paraxus, den Hieb erneut abzuwehren, nur löste sich die gesamte obere Hälfte des Schildes.

Paraxus stolperte davon. Als er sich wieder zu ihm umdrehte, schaute er mit vor Schrecken geweiteten Augen auf seinen Arm hinab und auf das übriggebliebene Stück Holz.

„Mir fällt gerade ein“, sagte Simund, „dass diese Keule noch keinen Namen von mir bekommen hat. Wie wäre es mit Schildbrecher?“

Der König lachte und ließ das halbe Schild fallen. Der Mut war Paraxus also nicht erloschen. Mit dem Schwert in beiden Händen und einen Kampfschrei ausstoßend kam der König auf ihn zugerannt.

Simund wehrte den Angriff ab. Ein mächtiger Schlag, der König hatte seine ganze Kraft hineingelegt. Der Gegenschlag erfolgte sofort, diesmal auf den gepanzerten Oberkörper von Paraxus. Der Treffer ließ ihn ächzen und nach hinten fallen, während sein Schwert ihm aus der Hand glitt.

Der König wollte sich aufrappeln, da stand Simund bereits über ihm. Mit zornigen Augen starrte er Simund an.

„Was ist?!“

Simund zögerte. Die Keule war erhoben, bereit, ihm den Schädel einzuschlagen.

„Das ist ein Kampf auf Leben und Tod!“

Das waren die Duelle von Cherus auch gewesen. Wie es bei den Merowa schon immer Brauch war. Das Leben eines Recken gegen das Leben von Hunderten. Und hier war es nicht anders. Simunds Gegner war ihm schutzlos ausgeliefert, wehrte sich nicht mal mehr, sondern erwartete lediglich, dass die Keule ihm das Leben nehmen würde.

Doch Simund senkte die Waffe. „So war das nicht ausgemacht. Ihr verlasst die Stadt und kommt nie wieder. Das war es, was wir vor dem Duell abgesprochen hatten. Der Kampf ist beendet und ich werde keinen Wehrlosen niederstrecken.“

„Du verdammter …“, grollte Paraxus.

„Ich halte mein Wort. Ihr verlasst die Stadt. Wer Euch treu ergeben ist, kann Euch gerne begleiten. Ihr habt mein Wort, dass Ihr die Stadt verlassen könnt, ohne dass Euch die Flotte von Akleion behelligen wird.“

Simund steckte die Keule weg und reichte dem König die Hand.

Mit zusammengebissenen Zähnen starrte der König darauf. Sein Blick wanderte sogar unverhohlen zu seinem Schwert, welches einige Armeslängen von ihm entfernt lag. Dann schüttelte Paraxus den Kopf und stand selbst auf.

„Ich werde meine Stadt so einfach nicht aufgeben“, sagte Paraxus. „Ich komme wieder, Sohn des Cherus. Wer mir noch immer treu ergeben ist, wer mir trotz allem noch immer folgen will, der kommt mit in den Hafen!“

Für einen Moment herrschte auf dem Platz Stille. Simund tat der König beinahe schon Leid. Doch dann löste sich ein paar der Soldaten aus der Menge und ein paar der Edelleute traten zu ihm. Eine Handvoll Getreuer kam da zusammen. Paraxus nickte ihnen zu, fasste ein paar an die Schulter. Dann blickte der ehemalige König noch mal zu Simund. Auch wenn da noch immer der Zorn in seinen Augen brannte, so glaubte Simund doch auch so etwas wie Respekt in ihnen sehen zu können.

Gemeinsam machten sie sich zum Hafen auf. Während eine Wolke aus Trauer und Verdruss unzweifelhaft über ihnen schwebte, so traten sie diesen Gang dennoch mit Würde und aufrechter Haltung an. Simund hätte vielleicht einige wütende Ausrufe aus dem Volk erwartet, dass der König und sein Gefolge beschimpft oder gar attackiert würde. Stattdessen war es ihnen erlaubt, in Ehre von der Stadt zu scheiden.

Während Simund ihnen hinterherschaute, machte sich plötzlich der Blutverlust bemerkbar. Ihm schwand es vor den Augen und er musste sich auf den Boden setzen.

„Simund!“ Hedda kam auf ihn zugerannt und hockte sich neben ihn. „Wo bist du verletzt? Der Stoff hat sich bereits vollgesogen. Ziehe dein Hemd aus. Ihr! Habt ihr irgendwo Verbandszeug? Ihr müsst doch irgendwo was zum Verbinden haben!“

„Hedda“, sprach Simund. „Ich habe es geschafft.“

„Ja, Simund, das war großartig! Aber erst einmal müssen wir uns um deine Verletzungen kümmern.“

Einer der Edelmänner war herangetreten. In seinem Armen hielt er mehrere Tücher. „Von einem der Bürger. Einige hier sind Euch beiden großen Dank schuldig. Andere, mich eingenommen, fürchten darum, was aus dieser Stadt wird.“

Der Edelmann beugte sich zu Simund runter und gemeinsam mit Hedda begann er, Simunds Wunden zu verbinden.

„Wovon sprecht Ihr?“

„Viele in der Stadt machen sich Sorgen darum, wie sich das Heer von Akleion verhalten wird. Nehmt das Orakel ruhig mit Euch, es soll Euch gehören. Und zieht dann bitte ab. Ich weiß nicht, in welcher Beziehung Ihr zu dem Rat von Akleion steht, aber vermittelt Ihnen bitte, dass wir keinen Krieg mehr wünschen.“

„Ihr fürchtet darum, dass die Truppen von Akleion die Stadt besetzen könnten.“, fragte Hedda. „Dass sie die Stadt plündern oder gar zerstören könnten.“

„Viele von uns fürchten einfach nur um ihre Töchter und Söhne.“

Simund fasste dem Edelmann am Unterarm. „Piasus wird Daedlus die Bedingungen unseres Duells genau so übermittelt haben, wie ich und Paraxus es vereinbart hatten. Ihr habt mein Wort, dass der Stadt nichts geschehen wird.“

„Du hättest ihn umbringen sollen“, sagte plötzlich eine Stimme. Es war derselbe Zwerg, der vorhin vom Dach aus zu Simund gesprochen hatte. Er war mit Barutz an der Seite aufgetaucht und blickte dem König und seinem Gefolge hinterher.

„Nun hast du einen Feind fürs Leben. Das war nicht klug. Ihr habt ja alle gehört, was Paraxus gesagt hatte. Er wird von dieser Stadt nicht ablassen und wieder versuchen, sie an sich zu reißen. Und ich kann dir versichern, dass er alles tun wird, um furchtbare Rache zu üben.“

„Also bei mir alles gut“, sagte Barutz. „Darf ich vorstellen, Tiuz, der Ringschmied und Anlass für das hier alles.“

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