Kapitel 61, Simund

Simund und Hedda nahmen schließlich Barutz, Tiuz und das Orakel mit sich zum Hafen. Währenddessen folgten ihnen die Stadtbewohner, mit gebührendem Abstand und ohne ein Wort zu sagen. Als könnten sie es nicht glauben, dass sie gerade erst von Paraxus‘ Tyrannei befreit worden waren und ihre Retter sich jetzt schon davon machen sollten.

Am Hafen wurden sie von einer verwirrten Gruppe von Soldaten aufgehalten. Zweifelslos loyale Männer, welche nicht verstanden hatten, was hier gerade geschehen war. Der Edelmann, der gerade noch Simund verbunden hatte, erklärte ihnen die Situation. Tatsächlich hatten die Soldaten geholfen, ein Boot für ihren König und seinem Gefolge fertigzumachen, wagten es allerdings nicht, irgendwelche Widerworte zu sprechen oder Fragen zu stellen. Auf Geheiß des Edelmanns wurde auch ihnen ein Boot bereitgestellt, welches sie zurück zur Flotte von Akleion bringen sollte.

Das Orakel nahm das alles wortlos hin. Darüber, von ihren Ketten befreit worden zu sein und endlich wieder zurück in ihre Heimat zu können, hatte sie nicht einmal eine Träne vergossen. Sie ging einfach nur zwischen ihnen, den Blick immerzu auf das Wasser oder die Schiffe gerichtet. Vielleicht gab es für sie keinen Grund zur Freude, weil sie wusste, was geschehen würde.

Paraxus sollten sie noch ein Mal wiedersehen, als sie zur Flotte zurückkehrten. Paraxus stand auf seinem Boot in einer würdevollen Haltung zwischen den Schiffen, als er zum Goldsee hinausfuhr. Er schaute nicht zurück, nur auf den See hinaus. Nach und nach wurde das Boot kleiner, bis es in der Nacht verschwand. Während Simund die Leiter zum Schiff hinaufstieg, bejubelt von den Truppen von Akleion, die seinen Namen priesen und sich über die Rückkehr des Orakels freuten, spürte er, dass er Rast brauchte.

Simund schlief lange und fest. Es war bereits Nachmittag, als er wieder aufwachte und eine glückliche wie auch besorgt dreinblickende Melinde vorfand.

„Kannst du aufstehen? Wie steht es um deine Verletzungen? Soll ich die anderen hierher bringen? Sie werden Verständnis haben.“

Simund richtete sich im Bett auf. Die Wunden schmerzten tatsächlich. Wahrscheinlich würde er sich für eine Weile nur eingeschränkt bewegen, damit die Heilung gelang. Aber die Verletzungen waren nicht so schlimm.

„Ich kann aufstehen“, antwortete er. „Worum geht es?“

„Der Zwerg, Tiuz. Er will uns verraten, was Hartrieds Geheimnis ist.“

Hartried!

Das eigentliche Ziel seiner Reise hatte Simund bei all diesen Strapazen und Kämpfen fast vergessen. Aber jetzt würden sie endlich erfahren, was die Schwachstelle des Königs von Merowa war, dieses Sippenschlächters. Simund ließ sich von seinen Wunden nicht weiter beirren, zog sich so schnell wie möglich an und verrichtete die morgendlichen Notwendigkeiten, während seine Schwester auf ihn wartete, steckte sich seine treue Keule zwischen Gürtel und Hose und ging mit Melinde in die Kabine von Daedlus.

Hedda, Rodried und Piasus befanden sich bereits bei Daedlus, ebenso Barutz, Tiuz und das Orakel. Sie saß abseits und wirkte so gedankenverloren, wie Simund sie bisher kennengelernt hatte. Nachdem sie das Orakel zum Schiff gebracht hatten, durfte Simund ihre richtigen Namen erfahren: Hastia. Eigentlich ein einfaches Bauernmädchen, das eines Tages von heftigen Visionen heimgesucht wurde. Und seitdem war sie als das Orakel bekannt. Daedlus unterhielt sich gerade mit Piasus, während Tiuz und Barutz miteinander tuschelten. Als die beiden Zwerge die Geschwister bemerkten, beendeten sie ihr Gespräch und kamen auf sie zu.

„Ich habe mich noch nicht bedankt“, sagte Tiuz und reichte ihm die Hand. „Meine Eltern werden euch bestimmt keinen freundlichen Empfang bereitet haben, nehme ich an.“

„Sie taten, was sie für richtig in ihrer Situation hielten“, entgegnete Simund und geleitete Melinde zu einem Platz. „Außerdem muss ich mich ebenfalls bedanken. Ohne den Tipp hätte ich gegen Paraxus wahrscheinlich verloren. Nur schade um den Speer. Das war ein richtiges Wunderwerk.“

Tiuz winkte ab. „Ein nutzloses Ding, das zeigte sich schon daran, wie einfach es zu zerstören war. Ich hatte den König auf diese Schwäche aufmerksam gemacht, ihm erklärt, dass ich nicht Metall aus dem Nichts zaubern konnte. Doch er interessierte sich nur dafür, wie lang ich es machen konnte.“

Simund wurde herzlichst von Hedda und Rodried begrüßt, während Daedlus und Piasus ihm auf die Schultern schlugen und ihren Dank aussprachen. Er fühlte sich etwas peinlich berührt von all dem Lob, musste sich allerdings eingestand, dass es ihm auch gefiel.

„Wie geht es eigentlich deinen Verletzungen?“, fragte Daedlus. „Jedenfalls beachtlich, dass du nicht tödlich getroffen im Bett liegen musst. Eigentlich solltest du dich schonen, dann heilen die Wunden besser. Auch ein paar einfache Schnittwunden sollte man nicht unterschätzen. Wenn wir wieder an Land sind, schicke ich dir meinen Leibarzt. Ihr begleitet uns doch nach Akleion, oder?“

Simund schaute in die Runde und las keine Ablehnung in den Gesichtern seiner Freunde.

„Wieso nicht“, antwortete er. „Wenn wir schon hier unten sind. Aber ich schätze, die beiden Zwerge wollen so bald wie möglich wieder in ihre Heimat, um ihren Auftrag auszuführen.“

Barutz wollte schon zu einer Antwort ansetzen, da unterbrach ihn Tiuz: „Na, da komme ich mit.“

„Aber der Auftrag …“, beanstandete Barutz.

„Die wollen doch einen Krieg gegen Hartried führen, oder nicht? Mit dem habe ich noch eine Rechnung zu begleichen. Nicht nur wegen des Schatzes, den er uns gestohlen hat. Vor allem wegen meines Bruders, den er getötet hatte. Wenn die Menschen hier bald gegen Hartried kämpfen, dann will ich dabei sein.“

„Nein! Und bitte versteht mich nicht falsch“, sagte Barutz an alle anderen gewandt, „aber wenn du bei dieser Unternehmung ebenfalls stirbst, dann habe ich versagt und mich an dem heiligen Wort versündigt. Wir haben einen Vertrag, deine Eltern und ich, in der alten Sprache verfasst.“

„Ich habe ihn gelesen“, erwiderte Tiuz. „Dann musst du halt darauf achten, dass ich überlebe.“

„Ich bin kein Leibwächter.“

Tiuz verschränkte die Arme. „Du hast diese Menschen doch so gut durch die Unterwelt geführt. Ich glaube, du hast ein Händchen dafür. Es wird doch nur für eine kurze Zeit sein, vielleicht ein paar Jahre. Die Menschen führen nicht so lange Krieg und bald kannst du dich wieder auf das Infiltrieren und Schlösserknacken konzentrieren.“

Barutz murmelte etwas vor sich hin, musste aber einsehen, dass er Tiuz nichts vorschreiben konnte.

„Ich weiß, weshalb wir hier sind“, begann dann Tiuz, „Ihr wollt wissen, was das Geheimnis von Hartried ist.“

Und nun schauten alle gebannt zu Tiuz und schwiegen.

„Es sollte eigentlich ein Wittum sein. Ich und mein Bruder, wir verbrachten Jahre damit, diesen besonderen Ring zu schmieden, welcher den Eltern unserer erwählten zukünftigen Braut geschenkt werden sollte. Derthul war der Name meines Bruders und an den Namen unserer Auserwählten möchte ich nicht mal mehr denken, denn sie muss schon längst an jemanden anderes verheiratet worden sein. Wie dem auch sei, dieser Ring sollte unser Meisterstück werden. Unscheinbar und doch mit einer besonderen Kraft ausgestattet.“

„Ihr liebt es“, sagte Piasus, „uns auf die Folter zu spannen.“

Ein schmales Lächeln zog über Tiuz‘ Gesicht. „Und diesen Ring hat nun Hartried in seinem Besitzt. Die Geschichte davon, wie er überhaupt vom Ring erfuhr, ist lang und mühselig, aber im Moment seid ihr eh nur daran interessant, welche Kraft er besitzt.“

„Man sagt“, mischte sich Rodried ein, „dass nichts Hartried Schaden zufügen kann. Keine Klinge kann seinen Körper verletzen. Manche halten das für eine göttliche Gabe. Aber eigentlich ist es die Magie des Rings, nicht wahr?

Tiuz nickte. „Ich sehe, der König weiß unseren Ring einzusetzen. Hoffentlich schätzt er ihn wert. Ich und Derthul, wir wollten einen Ring schmieden, der seinen Träger fast unbesiegbar macht. Wir Zwerge sind die besten Rüstungsschmiede, doch selbst unsere mächtigen Panzer sind nicht allen Gefahren gewachsen, besonders nicht anderen Zwergenwaffen.“

„Wir kommen noch zum Punkt?“, fragte Piasus ungeduldig.

Auch Simund hielt es langsam nicht mehr aus, verbot sich jedoch jedweden Kommentar.

„Nach Jahren mühevoller Arbeit vollendeten wir endlich den Ring der Unverwundbarkeit, so wollten wir ihn nennen. Sein Träger ist immun gegen alle Waffen, nahmen sie nun im Schmiedeofen ihre Form an oder seien sie natürlich gewachsen, wie die Zähne und Krallen eines Tieres. Das Entscheidende ist dabei das Material, aus welcher die Waffe gefertigt wurde und nicht die Waffe selbst. Der Ring macht den Träger immun gegen die Schärfe jedes Metalls, gegen den dumpfen Schlag des Steins, gegen primitives Werkzeug aus Knochen, gegen Krallen, Hörner oder die Zähne eines wilden Tieres. Doch um diesen Zauber wirken zu können, mussten wir ein Element auslassen. Ein Element, von dem wir dachten, dass es im Reich der Zwerge nur selten aufzufinden war und genauso selten für den Kampf eingesetzt wird. Ich spreche von Holz. Der Ring macht seinen Träger nicht immun gegen Holz.“

Während manche staunten, die Stirn runzelten oder ungläubig blickten, schaute Simund seinen Gürtel hinunter. In diesem Moment kam ihm die Reise in die Unterwelt wie ein Segen vor, denn an diesem Ort war ihm die Keule von Cherus überreicht worden, die Waffe, die er nun Schildbrecher zu nennen gedachte. Eine simple Waffe aus Holz und dennoch stark genug, einen Gegner wie Paraxus zu bezwingen. Simund nahm die Waffe vom Gürtel und legte sie sich auf den Schoß.

„Richtig“, sagte Tiuz. „Dagegen wird ihn sein Ring nicht schützen. Wie ich sehe, bist du richtig ausgerüstet. Die Keule hat dir bereits gute Dienste geleistet. Ich wette, Hartried wird sie in die Flucht treiben.“

„Wenn er sich noch an sie erinnert“, sagte Simund, der erst langsam die Tragweite seines Fundes zu begreifen glaubte. „Sie gehörte unserem gemeinsamen Vater.“

„Eine Frage“, mischte sich Piasus ein. „Wieso nicht etwas wie Stroh? Ich meine, das Konzept einer Waffe aus Holz scheint euch bekannt zu sein. Wieso denn nicht etwas, was nie in einem Kampf eingesetzt werden würde?“

„Ein Ring, der gegen alle Elemente auf der Welt schützt, würde unsere Fähigkeiten bei weitem übersteigen. Nein, wir mussten den Zauber auf Waffen und Werkzeuge begrenzen, was ja wohl auch nahe liegt, und dann ein häufiges Element als Schwäche auswählen, um es wieder etwas auszugleichen.“

Piasus kratzte sich am Kopf. „Ich weiß nicht, ob ich diese Logik verstehen kann. Wenn da überhaupt eine ist.“

„Das soll nicht von Belang sein“, erwiderte Daedlus. „Wir wissen nun, was seine Schwachstelle ist. Wenn es sein muss, rüste ich jeden unserer Soldaten mit hölzernen Speeren aus.“

Nicht nötig“, sagte Simund. „Ich nehme mich Seiner an.“

<- Kapitel 60

Kapitel 62 ->

Facebooktwitterredditpinterestlinkedinmail

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.