Kapitel 62, Paraxus

Lag es am See? An diesem stillen, in Dunkelheit gehülltem Gewässer? Er hätte wütend sein müssen, zürnen, bis das Wasser um ihn herum brodelte. Doch als sie langsam auf den See hinaus ruderten, seine Stadt in weite Ferne rückte und sich vor seinen Augen nichts weiter erstreckte als die Nacht und das dunkle Blau des Goldsees, da machte sich langsam Resignation breit. Tyon war ihm wohl für immer verloren. Er würde nie wieder König irgendeiner Stadt sein.

Die wenigen Treuen, die mit ihm diese Reise ins Ungewisse angetreten waren, mieden seinen Blick. Paraxus wusste selber nicht, ob er sich noch im Spiegel in die Augen blicken könnte. Was hielten diese Männer nun von ihm? Was glaubten sie, wohin er sie führen könnte? Hielten sie ihn überhaupt noch für einen König? Wieso sonst waren sie mit ihm gekommen?

Ja, wo könnten sie denn hin? Paraxus war ein Verstoßener, deswegen war er überhaupt in die Kolonien am Goldmeer gekommen. Er konnte nicht zurück in seine Heimat und woanders würde sein Name nichts bedeuten. Vielleicht sollten sie Banditen werden. Ja, wieso nicht? Wenn er noch immer etwas besaß, dann war es sein starker Arm. Er könnte sich an der Welt, den Menschen und dem Schicksal rächen, das ihm so Übel mitgespielt hatte. Die Idee erschien ihm gar nicht so schlecht. Wieso sich nicht in die Wildnis begeben, die Straßen im Auge behalten und nichts ahnende Reisende überfallen? Vor ihm saßen ein paar mutige Männer, mit denen er schon so manche Schlacht geschlagen hatte. Sie hatten Blut gesehen und würden gewiss nicht zögern, mehr zu vergießen. Mit der Zeit würden sie mehr vom Weg Abgekommene um sich scharen und mehr Reichtümer anhäufen. Dann würde er eben König der dunklen Wälder von Merowa werden!

Paraxus seufzte und gab diesen Einfall sogleich auf. Er hatte genug, fühlte sich müde und alt. Er besaß nicht mehr die Kraft dazu, die Welt und die Götter zu hassen, verspürte nicht mehr die Leidenschaft, sich mit Gewalt zu nehmen, wonach ihm verlangte.

Vielleicht lag es ja wirklich an dem See. Was auch immer in Tyon oder in irgendeiner anderen der Städte am Goldmeer geschehen wäre, dieses Gewässer kümmert es nicht. Sterbliche Händel waren dem See und seinen unergründlichen Tiefen egal. Die Städte an seiner Küste könnten vergehen und wieder auferstehen, Tyon selbst könnte von den Truppen aus Akleion in Schutt und Asche gelegt werden. Das Wasser bliebe davon unangetastet.

Was war nur mit Paraxus los? Solche melancholischen Gedanken hatte er sonst nicht. Es lag wohl daran, dass er diesen Abend nüchtern war. Zwar hatte er vor der Ankunft dieses Simunds und seiner Begleiter – wie jeden Abend – getrunken, doch fühlte er von der berauschenden Wirkung mittlerweile nichts mehr. Paraxus blickte ins Wasser und damit in sein Antlitz, welches ihm verbraucht und traurig vorkam. Er könnte sich auch einfach in die Tiefen stürzen. Seine Rüstung half ihm bestimmt dabei, zu ertrinken. Damit würde er seine Männer von ihrer leidigen Loyalität losbinden und er selber könnte einen Tod finden, den er sich selbst erwählt hatte. Schließlich hätte er schon im Duell sterben sollen, aber dieser Simund hatte ihm das Leben geschenkt. Nun war es an ihm, dieses Leben so zu gestalten, wie Paraxus es für richtig hielt. Und da es nichts mehr für ihn zu gewinnen gab, schien ihm ein angemessener Tod die richtige Wahl zu sein. Das Wasser sah geradezu verlockend aus. Sein Körper neigte sich bereits über das Boot, bereit, hinabzugleiten und es damit zu beenden …

Ein Schrei löste Paraxus aus seiner Träumerei. Er drehte sich zu seinen Männern. Hände griffen aus dem Wasser heraus und hielten sie fest. Wer sich noch bewegen konnte, der hieb mit den Paddeln nach den Händen oder griff zu einer Waffe. Doch die Hände ließen nicht von ihnen ab, sie packten einen nach dem anderen. Als Paraxus bemerkte, wie die Glieder aus dem Wasser weißlich schimmerten und weder Klinge noch Paddel bei ihnen Blut vergossen, realisierte er, dass es sich um Knochen handelte.

Schließlich stiegen die Skelette vollständig aus dem Wasser. Sie machten keine Anstalten, die Bootsbesatzung ins Wasser zu ziehen, sondern hielten sie nur fest.

Paraxus war indessen so weit wie möglich von ihnen weggerutscht. Seine Hand glitt zu seinem Schwert, doch wagte er sich nicht vor. War sein Kampfgeist nun vollständig gebrochen oder war es dieser entsetzliche Feind, der ihn zögern ließ?

Eine weitere Gestalt stieg aus dem See und auf das Boot. Ihr dunkler Umhang war durchtränkt vom Wasser. Sie setzte sich zwischen Paraxus und seinem Gefolge. Als sie die Kapuze abstreifte, kam darunter ein verfaultes Gesicht zum Vorschein, die Fratze eines Toten. Die Haut war an mehreren Stellen bereits abgefallen und gab den Blick auf den blanken Knochen frei. In den Augen jedoch, mit denen die Gestalt Paraxus und sein Gefolge musterte, steckte noch immer Leben.

Mit einer kratzigen Stimme sprach er: „Die Herrin grüßt Euch, König von Tyon. Vielleicht mögt Ihr Sie nicht kennen, geschweige denn anbeten, doch Shaura glaubt, dass Ihr einen wertvollen Dienst für sie verrichten könntet.“

„Sh-shaura?“, stammelte Paraxus.

„Die Herrin der Pforten ins Reich der Toten. Gemahlin des Totengottes, den ihr anzubeten pflegt. Ich bin ihr Bote, Hemanther. Ihr habt bestimmt schon davon gehört, wie das Volk des Nordens von den Nekromanten sprach, richtig?“

Paraxus nickte.

„Unsere Herrin Shaura war es, die den Nekromanten ihre Macht gab. Die Macht, die Jahrhunderte zu überdauern, steckt in unserem unsterblichen Fleisch. Die Macht, über die Toten selbst zu gebieten, in den Stäben der Nekromanten. Die Cheruskinder sind im Besitzt eines dieser Stäbe. Das entspricht nicht Shauras Willen. Wir wollen den Stab zurück.“

Was habe ich damit zu tun?, fragte er sich, konnte diese Worte jedoch nicht über die Lippen bringen.

„König … nein, ehemaliger König von Tyon. Wir haben einen gemeinsamen Feind. Die Herrin Shaura wäre sehr erfreut darüber, wenn wir ein Bündnis schmieden könnten.“

Dann bildete sich eine zerfressene Grimasse im Gesicht des Toten, welche wohl ein Lächeln darstellen sollte. „Wenn Euch das gelänge, helfen wir Euch, das wiederzuerlangen, was ihr gerade verloren habt. Vielleicht helfen wir Euch sogar, alle Städte am Goldmeer zu erobern. Wie wäre es mit einer Armee, die nicht sterben kann?“

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