Kapitel 63, Sartur

Der junge Fürst von Krähenwut sollte sich wohl verspäten. Vielleicht hatte er sich im Wald verlaufen oder wurde gar von wilden Tier gerissen. Vielleicht fiel der Fürst noch viel schlimmeren Kreaturen zum Opfer. Sartur gingen sogleich diverse Geister und Ungeheuer durch den Kopf, welche sich in den Schatten des Waldes verstecken konnten. Er kannte einige und war sich sehr wohl der Gefahren des Waldes bewusst. Vielleicht hätte Sartur den Fürsten aufsuchen und ihn in der Nähe seines Hofes treffen sollen. Doch Sartur wollte im Wald sein, wenn die Geister eintreffen sollten, um die wichtige Kunde zu bringen. Nicht alle Geister hielten sich gerne in der Nähe von Ansiedlungen auf, was Sartur ihnen nicht übelnahm. Selbst er fühlte sich mittlerweile in den Wäldern heimischer als hinter Palisaden und Mauern oder auf Höfen und in Hallen.

Der Wolf mit dem Menschengesicht hob seinen Kopf und schaute in den Wald hinein. Sie hatten sich eine Lichtung mit einem markanten Felsen als Treffpunkt ausgesucht. Eigentlich, so erinnerte sich Sartur, hatte der Fürst diesen Ort ausgewählt.

„Hast du etwas gehört?“, fragte Sartur in der Sprache dieser Wesen.

„Ein Menschlein bahnt sich seinen Weg durch das Unterholz. Es könnte unser Fürst sein. Soll ich mich davonmachen oder glaubst du, der Fürst wird meinem Anblick standhalten?“

„Es wäre besser, du begibst dich in den Wald hinein.“

„Natürlich.“

Und damit trottete der Wolf davon. Sartur musste wiedereinmal feststellen, wie glücklich er sich schätzen konnte, diesen Gefährten an seiner Seite zu haben. Manch ein Geist würde diese Aufforderung, sich bei einem Treffen zwischen Menschen davonzumachen, als eine Beleidigung auffassen und möglicherweise gewalttätig werden. Andere würden vielleicht in der Nähe bleiben, das Treffen belauern und dann später dem Fürsten nachstellen. Mit etwas Glück endete das nur in einen gemeinen Scherz. Mit etwas Pech wäre dieser Wald die Totenstätte des Fürsten. Aber der Wolf zeigte sich immer einsichtig und verstand die Menschen nur zu gut.

Schließlich kam der Fürst von Krähenwut aus dem Gehölz geritten und stieg sofort ab. Er wirkte aufgewühlt, leicht außer Atem und als hätte er es sehr eilig. Schnurstracks kam der Fürst auf Sartur zu und blieb wenige Schritte vor ihm stehen.

„Ist Euch etwas zugestoßen, Fürst Wardrun?“, fragte Sartur.

„Mir nicht“, sagte der Fürst von Krähenwut. „Ich wollte gerade hierher aufbrechen, da überbrachte man mir die Kunde: Der Fürst von Spatzensturz wurde getötet. Von Hartried selbst.“

Sartur hob die Augenbrauen. Das war eine Entwicklung, die er tatsächlich nicht vorausgesehen hatte. Doch wieso sollte der König so etwas tun?

„Und wisst Ihr auch von dem Grund?“

„Jedem, der sich ebenfalls auf dem Thing befand, wird der Grund sofort ersichtlich sein. Die beiden jüngsten Kinder von Cherus, Simund und Melinde, sind noch am Leben. Und der Fürst von Spatzensturz hatte sie bei sich aufgenommen. Ihr werdet Euch sicher denken können, wie es zum Streit zwischen den beiden kommen konnte.“

Tatsächlich stand Sartur für einen Moment wie vom Blitz getroffen da. Er hatte das Geschwisterpaar, wie jeder andere auch, für tot gehalten. Doch jetzt ergab Darlaugs Tod einen Sinn.

„Und die Kinder?“, fragte Sartur, nachdem er seine Gedanken geordnet hatte.

„Nicht am Fürstenhof. Es ist jedoch vorstellbar, dass Hartried dank dem Diadem herausgefunden hatte, wo sie sich befinden könnten.“

„Ja, möglicherweise weiß er es bereits. Und wie verhalten sich die anderen Fürsten?“

„Schon beim Thing diskutierten sie hinter Hartrieds Rücken darüber, was das für den König bedeuten sollte. Manche würden den Anspruch des Sohnes aus Cherus‘ einziger legitimer Ehe unterstützen. Anderen ist der Anspruch egal, aber sie würden sich auf seine Seite schlagen, nur um gegen Hartried aufbegehren zu können. Doch viele stehen noch immer auf der Seite des Königs.“

„Und Ihr?“, fragte Sartur.

„Ihr wisst, wie ich zu Hartried stehe“, blaffte Wardrun. „Aber ich bin umzingelt von seinen Unterstützern. Am liebsten würde ich mich neutral verhalten, aber das käme beiden Seiten wie ein Verrat vor. Doch noch haben wir Zeit. Der Winter steht an und kein Heer wird in Eiseskälte aufmarschieren. Die Fürsten werden diese Zeit nutzen, sich zu wappnen und darauf zu warten, was die anderen Fürsten unternehmen werden.“

„Das sind in der Tat Neuigkeiten, über die ich noch gründlich nachdenken muss. Aber wegen des eigentlichen Grundes …“

„Gunlaug?“, fragte Wardrun und nickte. „Es ist so gekommen, wie Ihr gesagt habt. Er wird in den Osten reisen. Die Saat, die Ihr in ihm gepflanzt habt, ist aufgegangen und seine Reiselust hat ihn ergriffen. Wir haben es geschafft, Gunlaug und Hartried zu trennen.“

„Und damit verlor Hartried einen seiner wertvollsten Verbündeten. Hartried wird es schwer haben, die Fürsten von sich zu überzeugen, wenn Gunlaug sich nicht an seiner Seite befindet. Sehr gut.“

„Und das kam auch zur rechten Zeit. Hartried hat dem Thing vorgeschlagen, dass sein Sohn der nächste König werden soll. Gartmund soll die Königswürde erben, während den Fürsten das Recht genommen wird, sich ihren König selber zu wählen.“

Sartur lachte auf. „Ach, das war nur eine Frage der Zeit! Wie haben die Fürsten reagiert?“

„Eher ablehnend. Jedoch war Hartried klug genug, ihnen eine Bedenkzeit zu geben. Zuerst soll die Gefahr durch die Orks gebannt werden. Wo wir von diesen Orks sprechen, wisst Ihr bereits mehr?“

Sartur wollte gerade den Kopf schütteln, da setzten sich ein paar Vögel auf den markanten Felsen. Es handelte sich um schlanke, anmutige Schwalben mit blauem Gefieder. Sartur streckte die Hand nach ihnen aus und eine der Schwalben hüpfte auf seinen Unterarm.

„Sie werden bald in den Süden fliegen“, merkte Sartur an. „Doch davor haben sie uns noch etwas Wichtiges zu sagen.“

Für Wardrun mochte die Schwalbe wie ein gewöhnlicher Vogel aussehen, Sartur jedoch erkannte ihre wahre Natur. Was für Wardrun sich nur wie gewöhnliches Gezwitscher anhörte, waren für Sartur Worte in der Sprache der Geister und anderer Kreaturen des Waldes.

„Wie ich befürchtet hatte“, sagte Sartur und ließ den Vogel von dannen ziehen. Und Wardrun glaubte, sie flögen in den Süden … Nein, diese Vögel werden im Wald verschwinden und eine andere Form annehmen, die nicht mal Sartur kannte. „Die Orks werden bereits nächstes Jahr ihren Angriff starten. Sie versammeln sich bereits vor dem Drachenwirbel, jedoch sieht es nicht so aus, als würden sie während des Winters durch das Gebirge ziehen wollen. Es wäre jedoch sehr gut denkbar, dass sie im Frühling oder Sommer einen der vielen Pässe durch den Wirbel nehmen werden. Vielleicht senden sie bereits Späher aus und prüfen die Wege.“

„Also nächstes Jahr schon … Während sich dieses Land selbst in einem Krieg zu zerreißen droht. Wollt Ihr noch immer Hartried umbringen, jetzt, da der Feind vor der Tür steht? Oder wäre es nicht besser, Hartried am Leben zu lassen? Wir wissen sowieso noch immer nicht, ob er tatsächlich unverwundbar ist oder was seine Schwachstelle sein könnte.“

Sartur sah den jungen Fürsten eine Weile an. Es wäre sehr einfach gewesen, seine Kräfte einzusetzen und ihn dazu zu zwingen, seinem Willen zu folgen. Doch Sartur mochte Wardrun und wollte ihm vertrauen.

„Diese Bedenken sind gerechtfertigt. In der Tat, sollten sich die Fürsten bekriegen, so werden die Orks ein leichtes Spiel haben. Doch würde Hartried aus diesem Krieg siegreich hervorgehen, dann würde er seine Machtposition nur festigen. Wir müssen tun, was für dieses Land das Beste ist. Es gibt ein Problem, um welches wir uns jetzt kümmern könnten, ohne dass dabei das Land und sein Volk in Gefahr geraten würde. Dieser Simund und seine Schwester …“

„Ich verstehe. Die Geschwister bringen das Machtgefüge durcheinander. Ohne sie würden sich die Fürsten wieder hinter Hartried stellen und wir hätten eine bessere Chance gegen die Orks. Es ist gut zu wissen, dass Ihr das Wohl dieses Landes über allem anderen stellt und Ihr nicht nur nach Rache trachtet.“

„Rache?“, fragte Sartur. „Nein, dass sollte doch Euer Metier sein, Sohn des Doderried.“

Es war kein Geheimnis, dass Wardrun der Sohn von Doderried war. Für manche Fürsten hat er einen größeren Anspruch darauf auf die Königswürde von Merow als all die anderen Cheruskinder. Denn Doderried war es, den Cherus damals, kurz bevor er für immer verschwand, als neuer König vorgeschlagen hatte und der dann von den Fürsten einstimmig zum König gewählt wurde. Und wenn die Nachfolge nun nach der Abstammung ging, wie Hartried es vorschlug, wenn dann nicht Wardrun? Doch Doderried starb durch eine Krankheit und der Machtkampf entbrannte, noch während Wardrun ein kleiner Junge war. Fast seine gesamte Sippe wurde ausgelöscht und wurde nur deshalb verschont, weil er Hartried die Treue schwor in einem Alter, als er die Tragweite dieses Schwurs kaum begreifen konnte. Man durfte ihm keinen Vorwurf machen, kampfmüde Verwandte nötigten ihm den Schwur ab. Heute fragte sich Sartur, ob Wardruns Verlangen nach Rache eher auf den Schwur oder auf den Verlust seines Vaters zurückzuführen war.

„Gewiss, Ihr strebt nur danach, Cherus‘ Willen durchzusetzen“, erwiderte Wardrun ungerührt. „Kein Cheruskind darf auf den Thron der Merowa sitzen. Sonst hätte Cherus einen seiner Söhne vorgeschlagen und nicht einen sterblichen Menschen.“

„Es brauchte eine Weile, bis ich dies begriff und es wird noch viel länger dauern, bis die Menschen dieses Landes es verstanden haben. Cherus war ein Freund der Menschen und er übergab das zwergengeschmiedete Diadem einem Sterblichen, nicht einem seiner halbgöttlichen Söhne. Dieser Hartried und nun auch Simund, sie beide wissen nicht, dass sie gegen ihren eigenen Vater freveln.“

„Wie Ihr meint. Also, wie sollen wir verfahren? Wer von uns soll sich die Hände schmutzig machen?“

„Das braucht Ihr nicht zu tun und ich schon gar nicht. Ich werde jemanden schicken. Fragt besser nicht. Ihr wollt ihn nicht wissen, wer oder was er ist.“

„Wenn Ihr das sagt, dann wird es stimmen. Ich werde wieder zurückgehen, es wird bald Nacht und diesen Wäldern kann man im Dunkeln nicht trauen.“

Sehr wohl. Lasst mich das ruhig regeln.“

Und so gaben sich Wardrun und Sartur die Hand und der junge Fürst verschwand.

Diese Nacht setzte sich Sartur den Schädel eines Hirsches auf den Kopf und entkleidete sich. Er zündete ein Feuer an, warf das Fleisch von wilden Tieren hinein, welches der Wolf mit dem Menschengesicht für ihn gesammelt hatte, hinzu kamen bestimmte Wurzeln und Pflanzen und ein paar Tropfen seines eigenes Blutes. Dann galt es, beständig dieselben Verse zu rezitieren und darauf zu achten, dass jede Silbe dieser unmenschlichen Sprache auch richtig ausgesprochen und betont wurde.

Als der Geist mit dem Hirschschädel in seiner Riesengestalt aus dem Unterholz hervortrat, konnte Sartur endlich mit der Beschwörung aufhören, den Schädel abnehmen und sich etwas anziehen. Gewiss versuchte der Geist wieder, ihm nur Angst einzujagen, so wie er es schon damals tat, als Sartur ihn gebeten hatte, Hartried anzugreifen.

„Was willst du nun schon wieder?“, brummte der Geist.

„Keine Sorge“, antwortete Sartur. „Diesmal brauchst du dich nicht zurückzuhalten.“

Der Hirsch röhrte zur Zustimmung.

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