Kapitel 64, Gunlaug

Auf dem Königs-Thing wurde beschlossen, dass Gunlaug noch vor dem Einbruch des Winters abreisen sollte. Für ein paar wenige Reisende waren die Gefahren und Widrigkeiten der kalten Jahreszeit leichter zu bewältigen als für ein ganzes Heer. Außerdem planten sie, sollte alles seinen gewünschten Gang gehen, dass sie bereits im neuen Jahr auf die Hilfe ihrer Verbündeten zählen konnten. Normalerweise würde Gunlaug die Vorstellung wenig zusagen, vor dem Winter in ein fremdes Land zu reisen. Doch gewann die Neugierde Oberhand und ließ ihn alle Bedenken vergessen.

Gunlaug, der König, die Königin und ihr beider Sohn, sowie das ganze Gefolge befand sich wieder auf der Ostrand-Pfalz. Was die Situation in Merow anbelangte, kam die Reise zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die Kunde von Darlaugs Tod, dem Fürsten von Spatzensturz, machte mit Sicherheit bereits die Runde. Und Gunlaug sollte nicht für seinen Halbbruder da sein, wenn er ihn möglicherweise am meisten brauchte. Ein Teil von ihm würde mit Sorge gefülltem Herzen in das fremde Land reisen. Der andere Teil von ihm jedoch freute sich; Gunlaug tat sein Bestes, diese Freude herunterzuspielen, um nicht den Unmut seines Bruders auf sich zu ziehen.

Es war alles zur Abreise vorbereitet. Gunlaug bekam einen neuen Hirsch, ein prächtiges Tier, an dem er sogleich Gefallen gefunden hatte. Er wurde mit gutem Eisen und reichlich Kleidung ausgestattet. Sie warteten nur noch auf seine Begleiter, welche der Fürst von Eulenwacht versprochen hatte. Gunlaug spürte, wie auch den anderen das Warten unangenehm war. Er und Hartried hatten sich oft genug ausgesprochen darüber, was er auf dieser Reise zu bewirken hatte. Und auch darüber, was bis zu seiner Rückkehr alles geschehen könnte. Hedwinna hatte ihm bereits mehrmals alles Gute gewünscht und ihm versprochen, dass sie jeden Tag zu seinem göttlichen Vater beten würde, damit er ihn auf seiner Reise beschirme. Der kleine Gartmund hingegen hatte unerlässlich gefragt, jedoch versiegte auch das und nun wusste er nicht mehr, was er auf der Ostrand-Pfalz anstellen sollte.

Es fühlte sich fast schon wie eine Erlösung an, als Fürst Utharmar mit seinem Gefolge auftauchte. Gunlaug und die Königsfamilie begrüßten ihn am Eingang des Hofes.

„Welche Ehre, von König und Königin empfangen zu werden“, sagte Utharmar. „Und natürlich von Euch auch, Gartmund und Gunlaug. Ich sehe, Ihr habt bereits alles zur Abreise vorbereitet.“

„Das haben wir“, antwortete Gunlaug. „Danke, dass Ihr gekommen seid.“

„Ich habe es versprochen. Außerdem ist es ein wichtiges Unternehmen, da will ich natürlich meinen Beitrag beisteuern. Und wenn es nur darum geht, Euch ein paar Männer an die Seite zu geben.“

„Vielen Dank nochmals“, sagte Hedwinna. „Wer soll es denn sein?“

„Ich würde Euch diese drei mutigen Recken mitgeben. Er deutete auf drei Männer hinter ihm. „Sie alle kennen sich mit den Saumyas aus, so gut sich ein Mensch mit diesem Volk auskennen kann, und haben schon öfters mit ihnen Handel getrieben. Außerdem wissen sie, wie Ihr am besten zu ihnen gelangen könnt.“

Gunlaug schaute sich die drei genauer an. Zwei jüngere Männer, gerade erst dem Knabenstand entwachsen, und ein etwas älterer Kerl. Er war es, der Gunlaug die Hand gab und sich vorstellte.

„Thormann ist mein Name. Es ist mir eine Ehre, Euch zu den Saumyas zu begleiten.“

Gunlaug klopfte ihm auf die Schulter. „Nur locker, ich bin kein hoher Herr. Wir werden noch viel Zeit miteinander verbringen und ich möchte nicht die ganze Zeit wie ein Fürst behandelt werden. Wir werden gemeinsam jagen und essen, nebeneinander einschlafen, ins Gras pissen und stundenlang reiten.“

„Ich dachte nur, da Ihr einer der Söhne des Cherus seid …“

„Des Menschenfreunds? Der hat so ziemlich dieselben Sachen gemacht, von denen ich gerade sprach. Mache dir keine Gedanken.“

Thormann nickte und lächelte. Vielleicht war er froh darüber, dass ein Cheruskind sich nicht so verhielt, wie er es sich vorgestellt hatte.

Indessen trat Utharmar an Hartried heran und sprach leise, so dass Gunlaug es kaum hörte: „Ich habe von dem Vorfall gehört. Um ganz offen zu sprechen …“

Nun blickte sich Utharmar verstohlen um und ging mit dem König auf Abstand. Gunlaug folgte.

„Eure Entscheidung, den Fürst von Spatzensturz umzubringen, war nicht weise und auch nicht gerecht. Er war ein guter Mann, egal, wie er sich in dieser Angelegenheit verhielt.“

„Ich habe auch immer gut von ihm gedacht“, antwortete Hartried. „Worauf wollt Ihr hinaus?“

„Dennoch werde ich an Eurer Seite stehen, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Schon beim Thing wurde darüber diskutiert, was das Überleben des Geschwisterpaares bedeutet. Wohin es unser Land führen könnte. Die Zeichen stehen auf Sturm. Ich aber werde mich klar zu Euch bekennen.“

„Ich wusste, dass ich auf Eure Treue zählen konnte. Wir stehen das gemeinsam durch. Doch hoffentlich werden die Orks vorerst unsere einzigen Feinde bleiben.“

„Das ist auch meine Meinung“, erwiderte Utharmar. „Seid Ihr bereit zum Aufbruch?“

Das bin ich“, antwortete Gunlaug. „Habt vielen Dank und kommt gut durch den Winter.“

„Das gilt für Euch um so mehr.“

Freundschaftlich gaben sie sich die Hände. Dann begab sich Gunlaug zur Königsfamilie. Er beugte sich zum kleinen Gartmund herunter und fragte sich, wie sehr der Junge bei seiner Ankunft gewachsen sein würde.

„Gute Reise“, sagte Gartmund und Gunlaug tätschelte ihm den Kopf.

Hedwinna wünschte es ihm ebenfalls und umarmte ihren Schwager, wie sie es schon zuvor an diesem Tag getan hatte. Diese Verabschiedung fühlte sich an, als wäre sie längst überfällig, als hätte Gunlaug schon für eine Weile verschwinden sollen. Nicht, weil sie seine Anwesenheit nicht mehr ertragen konnten, sondern weil es schon beschlossene Sache war und sie oft von seiner Abreise gesprochen hatten. In den Köpfen war er schon lange fort.

Letztlich noch sein Bruder, der König. Viel hatten sie in den vorigen Tagen gestritten, besonders über den Tod des Fürsten von Spatzensturz. Sicherlich war nicht alles so verlaufen, wie er König es sich gewünscht hatte. Gunlaug ermahnte sich, nicht schlecht von ihm zu denken.

„Blamiere dich nicht“, sagte Hartried. Langsam begann er zu lächeln, als müsste er sich zu lachen verkneifen. „Blamiere uns nicht.“

„Oh je“, erwiderte Gunlaug. „Nicht unser guter Name. Nein, ich werde mich zu benehmen wissen.“

Auch sie umarmten sich. Für eine kurze Zeit war es so, als wären die Ereignisse der letzten Tage wie vergessen. Dann begab sich Gunlaug zu seinem Hirsch und setzte sich auf seinen Rücken. Seine drei neuen Gefährten taten es ihm auf ihren Pferden gleich.

Hier im Nordosten von Merow waren die Wälder licht, nicht so dicht und gedrängt wie im Rest des Landes. Bald würden sie auf den weiten Fluren reiten, die um den Nordzipfel des Drachenwirbels führten. Gunlaug drehte sich noch einmal zur Palisade der Ostrand-Pfalz um und versuchte einen letzten Blick zu erhaschen. Hartried und seine Familien standen noch da, Hedwinna eng an ihren Gatten geschlungen und der junge Gartmund an ihren Rock fassend.

Doch jetzt hieß es gerade aus blicken! Gunlaug musste sich eingestehen, froh gewesen zu sein, dem ganzen Trubel um die Krone und die Fürsten wenigstens für eine Weile fern zu sein, wie sehr es ihn auch gleichzeitig schmerzte, seine Familie nicht unterstützen zu können. Dennoch wurde ihm das Herz leichter. Er stellte sich die Länger hinter dem Drachenwirbel vor und dieses eigentümliche Volk der Saumya.

„Thormann“, begann Gunlaug. „Ich habe schon viel über die Saumyas gehört, aber zumeist von Menschen, die ihnen nie begegnet sind. Wie viel Unsinn erzählt man sich über sie?“

Thormann lachte auf. „Sehr viel! Und glaubt mir, sie sind gar nicht so schlimm, wie viele denken. Es sind vernünftige Wesen, man kann mit ihnen reden und sie sollen die Orks noch mehr hassen als wir.“

„Das ist eine löbliche Eigenschaft, würde ich sagen. Woher kennst du dieses Volk?“

„Ich verdingte mich lange Zeit als Viehtreiber an der Grenze, wo die Wiesen weit und die Steppen der Saumyas nah sind. Da kommt man hier und da mal mit ihnen in Kontakt. Manchmal nur zum Handeln – sie handeln gerne – manchmal treibt sie auch der Wind in unsere Richtung.“

„Wie, der Wind?“

„Richtig, der Wind. Sie ziehen oftmals mit dem Wind. Manche Saumyas fühlen sich von ihm stärker angezogen als andere und so kann es passieren, dass sie über die Grenzen des Landes ihres Stammes hinweg reisen, wenn der Wind sie in unsere Richtung treibt. Die Saumyas kennen nicht nur einen Wind, sondern mehrere, denen sie Namen geben und wie Götter verehren.“

Den Winden Namen zu geben, das ergab für Gunlaug Sinn. Er als ein Mitglied eines Seefahrervolkes wusste, wie wichtig die einzelnen Winde waren. Selbst wenn er den Großteil seines Lebens im Wald von Merow verbracht hatte. Aber auf die Idee, die einzelnen Winde anzubeten, darauf war er noch nie gekommen.

„Und wie beten sie die Winde an?“, fragte Gunlaug. „Bauen sie Tempel, errichten sie Altäre?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Thormann. „Aber eigentlich bauen sie keine Gebäude. Sie errichten nur Zelte.“

„Und das mit dem …“ Gunlaug fuhr sich mit dem Finger quer über den Hals.

Thormann verstand. „Der Kopf? Wenn ein Schädel am Zaumzeug eines Pferdes baumeln sollte, dann lasst Euch davon nicht beirren. Das musst nicht heißen, dass er Euch feindselig gesinnt ist. Das ist aber nicht alles, was sie mit den Köpfen machen.“

„Was denn noch?“

Thormann machte eine Geste, bei der er seinen Kopf mit den Händen verlängerte. „Turmschädel.“

„Was habe ich darunter zu verstehen?“

Thormann lachte wieder. „Ihr werdet es sehen.“

Das hoffte Gunlaug. Der Wind blies heftig nordöstlich, als triebe einer der Saumya-Windgötter ihn zu ihnen, und der Wald öffnete sich zur grünen Flur hin. Zu seiner rechten dräuten schwarze Wolken über den Gipfeln des Drachenwirbels. Aber vor ihm war der Himmel klar, der Blick reichte weit und die Welt schien endlos.

<- Kapitel 63

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