Kapitel 7, Simund

Sie ritten aus dem Wald heraus. Simund lenkte das Pferd auf einen Pfad, der zwischen die Felder führte. Die goldenen Ähren standen bereits hoch, bald reif für die Ernte.

Wir sind gleich da“, sprach Melinde, die sich an seinem Rücken festhielt. „Ich kann die Felder riechen. Das wird eine gute Ernte.“

Richtig“, antwortete Simund nur knapp. Als sie auf die Ernte zu sprechen kam, musste er an ihre Vision denken. Damals, auf der Lichtung. Aus dem Osten war es?, dachte er sich. Zum Glück sind wir noch weit vom Ostrand des Reiches entfernt. Doch wenn diese … Mäuler es bis hierhin schaffen sollten … Um was für Mäuler es sich auch immer handelte. Er blickte über die Felder, die sich links und rechts von ihnen erstreckten, bis der Wald ihnen Einhalt gebot. Kleine Hütten ragten wie Inseln aus dem gelb-braunen Meer hervor. Er stellte sich vor, wie die Felder leergefegt würden von einem Schwarm Heuschrecken. Nicht geerntet und dann brachgelegt, wie die Bauern es zu tun pflegten, sondern bis auf den letzten Stiel zerfressen.

Melinde zog sich näher an ihn heran. „Wir müssen darüber mit ihm sprechen.“

Ja, ich weiß.“

Über meine Vision.“

Ja.“

Oder soll ich das Sprechen übernehmen? Aus dir kriegt man ja nicht mehr als drei Worte heraus.“

Du hast es gesehen. Es liegt an dir, es dem Fürsten zu erklären. Ich kann es nicht, nur den Flug der Drossel bezeugen.“

Ja, der Flug! Du musst an meiner Seite bleiben und ihm davon berichten. Er vertraut dir.“

Er vertraut auch dir“, erwiderte Simund.

Zwei sind besser. Wann sind wir da?“

Simund blickte den Weg hinauf. „Gleich.“ Er sah bereits den Hügel zwischen den Feldern herausragen und auf ihm den Hof Spatzensturz.

Die Stimmen hunderter Merowa dröhnten über die Palisaden des Fürstenhofes. Auf einem verschlungenen Weg trabte Simund den steilen Hügel hinauf und hörte das Volk singen und lachen. Je höher er kam, desto lauter wurde es.

Die haben schon Spaß ohne uns“, sagte Melinde und ließ ein kurzes, klares Kichern erklingen.

Ja.“ Er hasste, was gleich kommen würde. Jedes Jahr, vor der Ernte.

Sie gelangten zum offenen Tor. Die Freien füllten auf langen Bänken den ganzen Hofbereich vor dem hohen Haus des Fürsten aus. Der Lärm des Festes drang nun deutlich zu ihm, die unverständlichen Zurufe aus vollen Kehlen, die Lieder, unterschiedliche Gesänge stimmten sie gleichzeitig an, welche sich zu einem einzigen Gewirr verbanden. Simund glaubte auch, Flöten und Trommeln zu hören. Schließlich fand er ein paar Musikanten zwischen ihnen, die vergeblich gegen die Lärmflut ankämpften.

Wen darf ich melden?“, sprach ihn jemand von der Seite an.

Simund riss sich von dem Anblick los. Neben dem Pferd stand ein Mann und hielt die Zügel des Pferdes. Er trug eine rote Tunika mit gelben Ärmeln und darüber einen weißen Pelz. Er war besser angezogen als Simund.

Mein Herr?“, fragte er erneut und lächelte. „Und meine Dame.“ Melinde deutete auf dem Pferd eine Verbeugung an.

Ähm …“, äußerte sich Simund und räusperte sich. „Simund. Grenzreiter Simund. Und Melinde.“

Sehr wohl. Bitte reitet rechts die Palisade entlang, dort findet Ihr einen Anbindebalken.“

Danke.“ Und der Herold ließ die Zügel des Pferdes los.

Simund ritt durch das Tor und sogleich zuckte er zusammen.

GRENZREITER SIMUND UND MELINDE“, verkündete der Herold.

Ein Gegröle ging durch die Menge, Krüge wurden in ihre Richtung gehoben, ein paar wenige hatten sogar die Namen mitbekommen und wiederholten sie. Dann vergaßen die Freien die beiden. Jedes Jahr das Gleiche und ich erschrecke mich trotzdem.

Unbehelligt ritt Simund an der Palisade entlang, bis er eine Reihe von Anbindebalken erreichte. Normalerweise war diese Fläche frei; der Fürst ließ extra für diesen Tag Bäume fällen und hier aufstellen. Simund lenkte das Pferd durch die Reihen, bis er eine freie Fläche fand. Er schwang sich vom Pferd und breitete die Arme aus.

Melinde ließ sich vom Pferderücken in Simunds Arme gleiten. Danach führte er das Pferd am Zügel und band es fest.

Bereit?“, fragte Simund.

Bist du es?“, entgegnete Melinde und ihre blassen Augen blitzten ihn belustigt an.

Simund fühlte sich eingeklemmt zwischen Menschen, die er nicht kannte. Man prostete ihm zu, schenkte ihm ein, stieß ihn an, ein Lied mitzusingen. Er murmelte es daher, um den Anschein zu wahren. Sie waren freundlich, keine Frage. Es lag an ihm.

Melinde neben ihm hatte keine Probleme. Sie sang mit, ihre sanfte Stimme mochte kaum einer wirklich gehört haben, aber darum ging es nicht. Wo sie sang, bewegte er nur die Lippen. Wo sie lachte, verzog er nur die Mundwinkel.

Der Tisch polterte, Geschirr klapperte, Krüge fielen um. Simund wandte den Kopf, jemand war über den Tisch gesprungen und lag nun auf der anderen Seite. Ein Kreis bildete sich um ihn und lachte herzhaft. Typisches Vorerntefest. Und es hatte noch nicht einmal richtig begonnen.

Simund blickte sich um, versuchte ein bekanntes Gesicht zu entdecken. Mehrere Bänke entfernt fand er einen jungen Mann. Simund erhob sich und winkte.

Was ist?“, fragte Melinde.

Da ist Rodried.“

Wirklich? Sieht er dich?“

Er schaute zu ihm rüber. Rodried war im Gespräch mit ein paar Männern vertieft. Er saß nicht, sondern stand hinter der Bank, die Hände auf Schultern der anderen.

Nein.“

Ruf ihn.“

Er wandte den Kopf zu Melinde, die ihn auffordernd ansah. Simund seufzte und formte dann mit den Händen einen Trichter vor dem Mund: „Rodried!“

Nichts.

Erneut: „Rodried!“ Ein paar Leute machten seinen Ruf nach, andere äfften nur zum Spaß. Schließlich sah Rodried auf und Simund winkte erneut.

Rodried richtete noch ein paar letzte Worte an sie und machte sich dann auf.

Er kommt.“

Sie klatschte in die Hände. „Wunderbar!“

Wir haben aber Wichtiges mit ihm zu bereden. Ich werde ihn bitten, uns zu seinem Vater zu bringen.“

Wir werden wohl noch die Zeit finden, uns mit ihm zu unterhalten.“

Simund setzte sich. „Gewiss.“ Er schaute Rodried dabei zu, wie er sich durch die Menge kämpfte. Neben ihm sangen sie ein Lied, das sich seiner Aufmerksamkeit bemächtigte:

Zum Duell er kam, Keule statt Schwert, stumpf statt scharf

Allen zum Spott, Prügel statt Speer, Holz statt Eisen

Cherus zum Kampf, Knüppel statt Axt, Mann gegen Mann

Doderried kam, Haldever-Geschlecht, mit dem Schwert

Melinde packte ihn an den Arm. Simund verstand, was sie meinte. Ich erinnere mich. Es war auf einer weiten Wiese. Ein sonniger Morgen, ein starker Wind wehte und ließ die Banner flattern. Reiter auf beiden Seiten. Eine alte Tradition, bei der ein Stamm seinen stärksten Krieger gegen den stärksten des anderen schickte. Um das Blutvergießen zu verringern. Cherus verblüffte alle, als er sich dem Anführer der Haldever, Doderried, zum tödlichen Duell mit einer einfachen Keule stellte.

Simund wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen, jemand hatte ihm auf den Rücken geschlagen. Hinter ihm stand Rodried, lächelnd. Auf der Schwelle zwischen Bursche und Mann, mit einem leicht einfältigen, naiven Ausdruck in den Augen, der im Kontrast stand zu seinem breiten Kinn.

Steh auf!“, forderte er.

Simund erhob sich und sie umarmten sich kurz. Dabei musste er erneut feststellen, um wie viel größer und breiter Rodried war.

Danach entließ er Simund, sagte zu Melinde nur: „Bleib sitzen“ und umarmte sie kurz.

Geht es euch auch gut?“, fragte Rodried. „Muss doch einsam sein, da draußen im Wald. Könnte mir kaum vorstellen, meine Zeit als Grenzreiter zu verbringen.“

Ja, es ist ruhig“, sprach Melinde. „Das bedeutet gute Zeiten, nicht?“

Sicherlich, sicherlich. Melinde, deine Freundinnen sind hier. Sie sitzen irgendwo dahinten. Soll ich dich zu ihnen führen?“

Und dann soll Simund versuchen, sich ohne mich zu amüsieren?“

Gehe ruhig“, meinte Simund.

Wie wäre es damit“, schlug Rodried vor, „Ich bringe sie zu ihren Freundinnen und dann komme ich zu Simund zurück?“

Klingt gut. Ich wollte mit dir sowieso über etwas reden.“

Und ich mit dir!“ Rodried reichte Melinde die Hand und sie stand auf.

Wir sehen uns noch“, sagte sie zu Simund. „Oder würdest du ohne mich vom Festplatz reiten?“

Natürlich nicht.“

Rodried zog sie hinter sich her. „Nein, nein, macht er nicht. Simund ist …“

Und dann waren sie zu weit weg. Simund schaute ihnen hinter her. War das ungebührlich? Sie konnte kaum sehen, er musste sie anfassen. Aber so? Wie dann? Hatte Rodried nicht schon länger ein Auge auf sie geworfen? Aber wenn nicht er, wer dann? Er war der Sohn des Fürsten, in ihrer Situation war er womöglich der beste Heiratspartner. Er ist kein schlechter Kerl. Sie waren weit entfernt, nahe am Haus des Fürsten. Er drehte sich zu ihr um, sagte etwas. Sie lachte. Und wie hast du dir ihre Zukunft vorgestellt? Bis ans Ende aller Tage mit dir, in der Hütte im Wald? Sei nicht verrückt.

Neben ihm sangen sie aus voller Kehle, die Fäuste polterten auf den Tisch.

Der Gott gegen Doderried, Holz traf Helm, kein Blut!

Nicht wusste er vom Gott, Haldever geschlagen

Die Hand reichte ihm Cherus, Freund statt Feind, Brüder!

Zu Gefährten sie wurden, Stämme vereint, treu!

Eine Delle hatte der Helm von Doderried auf jeden Fall. Ein guter Mann war er gewesen, glaubte sich Simund zu erinnern. Ein guter König der Merowa, nachdem Cherus verschwand. Er war zu früh gestorben.

 

<- Kapitel 6

Kapitel 8 ->

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.